Unmöglichkeiten

Mein Lehrerinnenleben besteht derzeit oft aus Halbsätzen. Es reicht völlig, unausgesprochene Gedanken fortzuführen, weil die dazugehörigen Hauptsätze ohnehin immer dieselben sind.

Ich hätte vieles nicht für möglich gehalten.

Dass ich an einem Dienstagmorgen Ende März in einer Geisterschule einsam Arbeitsmaterial für Schüler*innen kopiere, die ich, wenn überhaupt, nur noch per Post erreiche. Um die ich mir Sorgen mache. Nicht, weil sie irgendwelche grundsätzlich aufholbaren Lerninhalte versäumten. Ich sorge mich, weil ich genau weiß, dass ihnen die Struktur abhanden gekommen ist und weil ich sie über die Wege, die mir ansonsten bleiben, nicht erreiche.

Dass ich Stunden damit zubringe, digitale Kommunikationstools zu testen, zu improvisieren, mit Standbildern zu kommunizieren, fragmentarisch übertragene Sätze im Geiste zu ergänzen, um mir den dahinterstehenden Sinn zusammenzureimen und, versehen mit Gamingkopfhörern, vor der Kulisse meiner Arbeitszimmerbücherwand den Großteil meines Arbeitstages verbringe.

Dass der erste außerfamiliäre Sozialkontakt des Tages in einem virtuellen Lehrerzimmer stattfindet und dass selbst Kolleg*innen, die den virtuellen Segnungen der Neuzeit bislang eher skeptisch gegenüberstanden, diesen zur Gewohnheit gewordenen Termin als wichtig und stabilisierend empfinden.

Dass ich täglich teilweise Stunden telefoniere, mit Schülern, die von den technischen Möglichkeiten überfordert sind, mit Eltern, die den pubertären Ausbruchsversuchen ihrer Kinder handlungsunfähig gegenüberstehen, mit Kolleg*innen, um mich abzustimmen, auszutauschen, Probleme zu lösen, Fragen zu klären.

Dass ich so unendlich müde bin, obwohl ich das Haus fast nur noch zu täglichen Spaziergängen auf leeren Straßen mit gebührendem Abstand zu anderen Menschen verlasse und zusehen muss, dass ich nicht auf meinem Schreibtischstuhl einroste.

Und dass ich am Ende weiß, dass diese Unmöglichkeiten nichts sind, im Vergleich zu den existenziellen Ängsten, die viele Menschen in diesen Zeiten umtreiben.

Vor dem Zaun des Kindergartens hier im Ort haben Kinder bemalte Steine abgelegt. In den Fenstern von Häusern, in denen Kinder leben, hängen Bilder mit Regenbögen. Zeichen der Hoffnung. Dass das für unmöglich Gehaltene endlich sein wird.

Gedanken zur Leistungsmessung

Als Leistung darf in der Schule nichts gefordert werden, was die Erziehung des jungen Menschen zur Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit, zur Kritik- und Urteilsfähigkeit – also auch zur Fähigkeit begründeter Distanzierung gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Leistungsanforderungen -, zur Kreativität usw. hindert. Positiv formuliert: Schule muß, […] in dem Sinne „Leistungsschule“ sein, daß sie die Bewältigung der Aufgaben und Lernprozesse ermöglicht und fordert, die zur Mündigkeit, Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit führen können.

Wolfgang Klafki, Sinn und Unsinn des Leistungsprinzips in der Erziehung (1975)

An diese Passage aus einem Text von Wolfgang Klafki, den ich seinerzeit im Rahmen meines Lehramtsstudiums in der Vorlesung zur Allgemeinen Pädagogik bei Prof. Dr. Rainer Bolle an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe lesen durfte, musste ich in den letzten Tagen immer mal wieder denken. Beim Thema Schule ist die Frage nach der Leistung nicht weit. Nun ist die Schule geschlossen, sie findet nur noch virtuell statt und die Frage, ob man die in diesen Zeiten im Zusammenhang mit Schule erbrachten Leistungen bewerten dürfe, beschäftigt viele am Bildungssystem Beteiligte und nicht zuletzt die Ministerien selbst:

Grundlage für die Leistungsbewertung in einem Unterrichtsfach sind alle vom Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten Leistungen (schriftliche, mündliche und praktische Leistungen). So sieht es die Notenbildungsverordnung vor. Da die Corona-Verordnung bis zum Ablauf des 19. April 2020 den Unterrichtsbetrieb an den öffentlichen Schulen und Schulen in freier Trägerschaft untersagt, findet in diesem Zeitraum auch keine Feststellung von Leistungen der Schülerinnen und Schüler statt. Es gibt also während der Zeit der Schulschließung keine Noten.

FAQs Schulschließungen auf der Internetseite des Kultusministeriums BaWü

In Zusammenhang mit schulischer Leistung denken die allermeisten Protagonisten des Systems Schule an Noten. Noten versprechen Objektivität. Wer gute Noten hat, dem stehen alle Türen offen. Kaum jemand zweifelt die Gerechtigkeit der Leistungsmessung in Gestalt von Noten an. Noten geben Orientierung, sie disziplinieren und sie selektieren. Ich möchte die durchaus vorhandene wissenschaftliche Auseinandersetzung zu diesem Thema hier nicht in voller epischer Breite ausrollen. Wer sich dafür interessiert, dem seien die Ausführungen von Felix Winter („Lerndialog statt Noten“) oder der aufschlussreiche Fernsehbeitrag aus der Reihe Quarks und Co. mit Ranga Yogeshwar (Wozu brauchen wir Schulnoten?) ans Herz gelegt. Ich möchte allerdings ein paar kritische Fragen stellen, die zum Nachdenken anregen sollen und an dieser Stelle einige meiner Erfahrungen als Lernbegleiterin und Lehrerin (Ich benutze gerne beide Begriffe, weil ich ja beides bin) an einer Gemeinschaftsschule teilen.

  • Messen schulische Noten tatsächlich das, was sie vorgeben zu messen?
  • Wie ist es um die Gerechtigkeit bei ihr Vergabe bestellt, wenn die Voraussetzungen höchst heterogen sind?
  • Kann man alles messen, was Aufgabe von Schule ist?
  • Ist es nicht vielleicht sogar manchmal auch schädlich, alles beurteilen zu wollen?
  • Sind die Bereiche, die im Zusammenhang mit Schule mit Benotungen versehen werden, am Ende tatsächlich relevant für ein gelungenes (Berufs-)Leben?
  • Wie lassen sich Lernprozesse im Unterschied zu punktuellen Überprüfungen angemessen bewerten?

Die meisten Lernbegleiter*innen und Lehrer*innen an den Gemeinschaftsschulen haben über die Frage der Notengebung in der Zeit der Schulschließung überhaupt nicht weiter nachgedacht, weil wir den Schüler*innen ihre Leistungen ohnehin auf eine andere Weise zurückmelden als über ein verkürztes Ziffernzeugnis. Wir sind ständig im Gespräch mit ihnen und sprechen nicht nur über Lernen und Leistung. Im intensiven Austausch geht es um Interessen und Motivation, Ziele und Träume, Hindernisse, Sorgen, Glück und Wut. Über alles, was dann am Ende leistungsfähig macht, oder aber verhindert, dass Leistung, die durchaus da sein könnte, gezeigt werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir auf diese Weise ganz andere Möglichkeiten haben, die vielleicht noch schlummernden Potenziale unserer Schüler*innen entdecken und wecken zu können.

Dass in diesen Wochen Leistungsmessung nicht mehr im herkömmlichen Sinne stattfinden kann, ist am Ende doch das geringste Problem. Die meisten Schüler*innen lernen dennoch weiter, manche sogar konzentrierter als im Rahmen der Zwangsgruppenlösung Klassengemeinschaft. Viele erwerben ganz neue Fähigkeiten, wissen nun, wie man sich per Videokonferenz zum Lerngruppenmeeting verabredet, haben gelernt, wie man sich eine E-Mail-Adresse erstellt und entdecken die Möglichkeiten des virtuellen Lernraums. Lernen fand noch nie bloß im physisch vorhandenen Klassenzimmer statt, und Leistungsmessung hat auch noch nie nur das vermessen, was sich allein dort abgespielt hat. Im Gegenteil: Jetzt wird erst sichtbar, wie unverfügbar Lernprozesse in Wirklichkeit sind.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, versucht mal, die Kinder und Jugendlichen ohne den berühmten „Notendruck“ bei der Stange zu halten. Allein durch Begeisterungsfähigkeit. Durch kritische Fragen. Durch Nachdenklichkeit. Und durch Kontakt.

Erinnerungen für morgen

In diesen Tagen denke ich erstaunlich oft an meine Oma. Eigentlich hatte ich mir ja für dieses Wochenende vorgenommen, endlich einmal übers Lernen zu schreiben. Die Frage, wie man lernt und was man lernt und was man überhaupt lernen sollte, treibt mich schon sehr lange um. Aber während ich so übers Lernen nachdachte, schlich sich immer meine Oma in mein Bewusstsein. Meine Oma, das war die Mutter meiner Mutter, lebte gleich gegenüber von meinem Elternhaus, unsere Gärten waren miteinander verbunden und ich bin mir ihr und dem dazugehörigen Opa aufgewachsen. Meine Eltern hatten in den Jahren vor meiner Geburt mit sehr wenig Geld und sehr viel Eigenleistung im Garten meiner Großeltern ein Haus gebaut und mussten jeden Pfennig zweimal umdrehen. Deshalb ging meine Mutter arbeiten und meine Oma passte währenddessen auf mich auf. Der Opa passte mit auf, aber eigentlich war der Opa derjenige, der irgendwo herumwerkelte oder spazieren ging. Er hatte eine Werkstatt, in der sich eine Treppe befand, die zu einem Heuboden führte. Im Sommer mähte er Gras für seine Kaninchen, das er dann auf diesem Heuboden lagerte und ansonsten war er fürs Kartoffelschälen zuständig. Ich sehe ihn noch dort sitzen, auf dem Stuhl in der winzigen Küche, wo er mit einem kleinen Messer die Kartoffeln schälte. Meine Mutter schälte die Kartoffeln mit einem Kartoffelschäler und ich weiß noch, wie ich ihn immer dafür bewunderte, dass er das konnte: Kartoffeln mit einem Messer schälen. Für den Haushalt war ansonsten meine Oma zuständig. Beiden gemeinsam war, dass sie auf mich aufpassten, indem ich einfach dabei war und sie mich an ihrem Alltag teilhaben ließen.

Meine Oma war eine einfache Frau und, soweit ich das im Rückblick beurteilen kann, eher unpolitisch. Ihr Leben bestand im Wesentlichen aus harter Arbeit. Sie stammte aus einem niederschlesischen Dorf und gehörte zu den Jahrgängen, die zwei Weltkriege erlebt hatten. Geboren 1909, war sie selbst insgesamt nur vier Jahre lang zur Schule gegangen, das musste reichen. Ihre Arbeitskraft wurde in der kleinen Selbstversorger-Landwirtschaft gebraucht, die in großen Teilen durch die Frauen bewältigt wurde, weil die Männer zu jener Zeit schon in den Fabriken zur Arbeit gingen oder in den Krieg ziehen mussten. Obwohl sie zahlreiche Verluste und Entbehrungen erlitten hatte, war sie dennoch optimistisch und positiv gestimmt. Sie war lustig, warmherzig, fürsorglich und klagten selten. Und ich habe viel von ihr gelernt. Fürs Leben.

Wahrscheinlich denke ich in letzter Zeit deshalb so oft an meine Oma, weil ich mehr und mehr zu der Überzeugung gelange, dass wir als Eltern unseren Kindern und als Lehrer*innen unseren Schüler*innen viel mehr davon erzählen sollten, wie die Lebensrealität unserer Vorfahren noch vor wenigen Generationen aussah: Dass sie nichts oder wenig besaßen und auf die Solidarität anderer angewiesen waren. Dass ihr Leben aus sehr viel Arbeit und Mühe bestand. Dass Leid und Tod ständige Begleiter waren. Dass die Zukunft alles andere als sicher war. Und dass all das die Menschen seinerzeit nicht daran hinderte, Glück zu empfinden und optimistisch nach vorne zu blicken. Trotz allem. Wir sollten uns wohl ein Beispiel daran nehmen.

Coronawochenende #2

Samstags schlafe ich normalerweise aus. Nach fünf anstrengenden Schultagen, die regelmäßig sehr früh beginnen, sehne ich mich nach Schlaf. Das Eulendasein verträgt sich schlecht mit dem Schulrhythmus – für schlafbedürftige Jugendliche im Hormonchaos habe ich daher größtes Verständnis. Nach nun beinahe zwei Wochen Schulschließung bemerke ich jedoch, wie selbst mein Rhythmus aus dem Ruder zu laufen droht. Immer zu Hause zu sein macht den Samstag kaum noch unterscheidbar von den anderen Tagen. Mir fehlt das „Aus dem Haus gehen“, der Wechsel zwischen Alltag und Freizeit. Mir fehlt es, durch die vielfältigen An- und Herausforderungen in der Schule zur ständigen Reaktionsbereitschaft gezwungen zu sein, auch, wenn ich gerade über diese Art von Anstrengung immer mal wieder leise vor mich hinstöhne. Und mir fehlt der Ausgleich. Wenn es keine Verschiedenheit mehr gibt, weil alles gleich ist, kann man auch nichts mehr ausgleichen. Freizeit erscheint plötzlich sinnlos, weil man ja ohnehin immer Gleichartiges tut. Wenn ich mich nicht mit den Schüler*innen zum virtuellen Lerngruppenmeeting treffe, veranstalte ich einen virtuellen Kaffeeklatsch mit Freundinnen. Da sitzen wir dann, jede mit einer Kaffeetasse und etwas Gebäck und plaudern über den Äther. Schade eigentlich, dass das Holodeck von Star Trek noch nicht erfunden wurde.

Heute morgen fragte eine Kollegin in unserer Threema-Lehrerzimmergruppe, ob man sich gleich im virtuellen Lehrerzimmer treffe. Samstags. Die Sehnsucht ist groß.

Freiluft

Abendspaziergang am Ortsrand

Ich kann mich nicht erinnern, mir jemals so viele Gedanken um das Freisein gemacht zu haben wie in den letzten Tagen. Freitags, wenn die Woche zu Ende ist, sticht mir das „frei“ vor dem Tag besonders ins Auge. Es sticht mich buchstäblich, denn „frei“ sind wir ja alle im Moment nur in engen Grenzen. Grenzen, die uns daran hindern, uns frei zu bewegen. Augenscheinlich bin ich mit meinem Bedürfnis nach Befreiung in diesen Zeiten nicht allein. Denn wenn ich dann am Ende des Tages ins Freie strebe, die Freiluft suche und meistens den Weg nach oben antrete, um mich dem Himmel ein wenig näher zu fühlen, begegnen mit derzeit viele Menschen, die es mir gleichtun. Wir begrüßen uns freundlich, um dann in gebührendem Abstand aneinander vorbeizugehen, damit wir unsere Teilfreiheit nicht aufs Spiel zu setzen.

Einige meiner Schüler*innen fragen mich in diesen Tagen oft, manche sogar tagtäglich, wie lange das wohl noch dauern möge. Das Eingesperrtsein. So empfinden es manche. Denn sie dürfen nicht raus. Nicht so „raus“, wie sie es in diesem Alter gewohnt waren. Rausgehen heißt: Auf die Straße gehen, abhängen, Freunde treffen. „Kommst du nachher raus?“ Es klingt mir in den Ohren, wie sie sich das freitags an warmen Tagen oft fragten. Freitags, am Tag mit dem „frei“ im Namen, wenn der Nachmittag unterrichtsfrei ist und man die Freiheit und Zeitlosigkeit des Wochenendes noch vor sich sieht. Das ist das Freisein der Jugendlichen, die sich die Selbstständigkeit erobert und erkämpft haben, alleine rausgehen zu dürfen, ohne elterliche Kontrolle. Wann darf man das wieder?
Ich weiß es nicht. Das ist es, was ich ihnen sagen muss. Ich bin ehrlich, gerade in meiner Unsicherheit. Es ist ja nicht so, dass wir Lehrer*innen immer alles wüssten, auch wenn man uns das manchmal unterstellt. Ich hoffe aber, wir gewinnen in absehbarer Zeit das Freisein, welches uns immer so selbstverständlich erschien, dass es uns nie auffiel, stückweise zurück. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, dass wir alle in diesen Zeiten die Erfahrung machen müssen, am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn man unfrei und begrenzt ist. Nur, wenn man das Freisein kennt, weiß man auch, was zu verlieren und zu verteidigen ist.

Derzeit müssen wir uns leider mit dem Spazierengehen begnügen, um uns ein wenig frei zu fühlen. Wir gönnen uns diesen Freigang. Allein. Oder zu zweit.

Meine lieben Schüler*innen, falls ihr das hier lest: Geht doch wieder einmal spazieren. Allein oder zu zweit. Mit so viel Abstand, dass ihr die Freiluft zwischen euch spüren und die Enge eurer Wohnungen für eine Weile vergessen könnt. Ich weiß, es erscheint euch wahrscheinlich abwegig. Selbst wenn, probiert es einfach aus und achtet mal darauf, wie eure Gedanken in der frischen und freien Luft spazieren gehen und alle Grenzen sprengen. Erinnert ihr euch noch, wie wir als frische Sechstklässler die neuen Fünfer mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ begrüßt haben? In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, wirklich (schul-)freies Wochenende, mit einem zarten Geschmack von Freiheit.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

Volksweise (um 1815)

Tagebuch

Eltern können nur Rat oder gute Anweisungen mitgeben, die endgültige Formung seines Charakters hat jeder selbst in der Hand. Dazu kommt noch, dass ich außerordentlich viel Lebensmut habe, ich fühle mich immer so stark und im Stande, viel auszuhalten, so frei und so jung!

Anne Frank am 15. Juli 1944

Wir haben unsere Schüler*innen in diesen Wochen dazu ermutigt, Texte zu schreiben, aufzuschreiben, was sie gerade so denken, wie es ihnen geht und was um sie herum geschieht. Manchmal hilft es ja, eine unwägbare Situation in Worte zu fassen und eine Sprache für das Unfassbare zu finden, um ihm eine Gestalt zu verleihen. Ich muss gestehen, dass mir selbst im Fluss des Schreibens die Wörter viel leichter von der Hand gehen, als durch die gesprochene Sprache. Vielleicht liegt es daran, dass sie in der Schrift eine sichtbare Gestalt erhalten. Dinge, die ich nur sage und nicht schreibe, geraten auch mir selbst sehr schnell wieder in Vergessenheit. Und manchmal, wenn ich etwas wiederfinde, was ich vor Jahren irgendwann einmal aufgeschrieben habe, bin ich zwar zunächst überrascht, dass ein scheinbar vergessener Text tatsächlich von mir stammt, beim Lesen tauche ich jedoch sogleich wieder in die Situation der Entstehungszeit ein. Es ist so, als ob der Text in irgendeinem Geheimfach die dazugehörigen Gefühle, Gerüche und Geräusche mit sich trüge. In einer Welt, die zunehmend von bewegten und unbewegten, oft aber geschönten Bildern bestimmt und überflutet ist, gerät in Vergessenheit, dass das Schreiben und spätere Lesen eines Textes den Augenblick dehnt, einen zwingt, sich zu verlangsamen, durchzuatmen, abzuwarten und manchmal auch Geduld zu üben.

Unsere Schule ist nach einem Mädchen benannt, dessen Tagebuch eines der wahrscheinlich berühmtesten und meistübersetzten Bücher dieser Welt ist: Annelies Marie, bekannt als Anne Frank. Alle unsere Schüler*innen der Anne-Frank-Schule Karlsruhe kennen die Geschichte dieses Mädchens, das durch das Tagebuch in der Enge seines Verstecks einen Raum für seine Gedanken und Träume fand. Die Jugendliche Anne erlebte in dieser Zeit, die mehr als zwei Jahre dauern sollte, ihre Pubertät, die erste zarte Liebe, Konflikte mit ihren Eltern und den Mitbewohnern. Da die Geschichte hinlänglich bekannt und vielfach in den unterschiedlichsten Medien verarbeitet wurde, möchte ich hier gar nicht näher darauf eingehen. Wir alle wissen, dass sie schrecklich endete. Das Tagebuch dokumentiert eindrücklich, dass hinter unfassbar großen Zahlen des Schreckens Menschen mit Geschichten, Träumen und Gedanken stehen. Menschen mit Familien. Menschen, die liebten, hofften und verzweifelten.
Es ist wichtig, das nie zu vergessen.
Auch aus diesem Anliegen heraus ist unsere Schule 2017 Mitglied des Netzwerkes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ geworden. Eigentlich hätten wir uns am Dienstag der vergangenen Woche mit vielen anderen Netzwerkschulen der Stadt anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Netzwerkes auf dem Karlsruher Marktplatz getroffen, um daran zu erinnern, dass Mobbing, Intoleranz und Ausgrenzung an unserer Schule keinen Platz haben. Wir kümmern uns umeinander und gehen wertschätzend miteinander um. Deshalb sind wir auch Gemeinschaftsschule, eine Schule für alle Kinder und Jugendlichen. Wir leben und lernen gemeinsam. Dass dieser Geist Früchte trägt, zeigt sich für uns im Umgang der Schüler*innen miteinander und mit uns. Sie helfen einander. Sie erkundigen sich nach uns und anderen, die fehlen, wollen wissen, wie es ihnen und uns geht.

Einige Schüler*innen treffen sich derzeit täglich um 17 Uhr mit mir noch einmal in einer Videokonferenz. Es ist ein freiwilliges Angebot. Manchmal geht es darum, letzte Fragen zu klären, oft nutzen sie diese Zeit aber auch, um noch einmal mit mir in den Austausch gehen zu können, gelegentlich erzähle ich ihnen einfach irgendetwas und sie hören zu. Heute habe ich ihnen und mir selbst folgende Frage gestellt: „Stellt euch vor, ich hätte euch letztes Jahr um diese Zeit erzählt, dass heute in einem Jahr die Schule geschlossen sein würde und ihr statt im Klassenzimmer zu Hause vor dem Smartphone oder dem PC den Deutschunterricht verfolgen würdet, wer von euch hätte mir das geglaubt?“

Ich hoffe und wünsche mir, dass manche unserer Schüler*innen die Einladung zum Schreiben annehmen und den Mut und die Geduld aufbringen werden, diese Zeit für sich zu dokumentieren.

Dasein

„Wer aber auf das Glücklichsein verzichtet,
erfüllt sein Dasein nicht!“

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks

Das Schwierigste ist, dass sie nicht da sind. Wir erreichen sie nicht. Sie sind fort. Nicht greifbar. Wir können sie nicht, wie sonst, mit den Blicken fixieren, nicht allein durch unsere gemeinsame Anwesenheit im Raum ansprechen, sie berühren, ohne sie anzufassen.
Uns fehlt der Kontakt. Die physische Gegenwart. Das da sein.

Es ist schon merkwürdig, dass einem manche Dinge erst auffallen, wenn sie fehlen.
Schon seit einigen Tagen ist eines der beherrschenden Themen in unserer morgendlichen virtuellen Runde das Ringen um die Erreichbarkeit unserer „Zöglinge“.
Wir machen uns Sorgen, manche von uns so sehr, dass sie schier verzweifeln.
Es ist unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, dass sie etwas werden, dass etwas aus ihnen wird. Wir halten unseren Anteil daran für bedeutsam.

So sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das „da sein“ im Grunde genommen unverzichtbar ist für das, was wir zu bewirken versuchen. Es geht ja nicht nur ums Lernen von irgendwelchen Inhalten, die ohnehin morgen schon wieder überholt sein mögen. Es geht ums Begleitet werden auf dem Weg ins Leben, ums Lernen am Vorbild und um die Ermöglichung von Bildung, die letztlich von den Bildsamen selbst vollzogen werden muss. Vielleicht wird genau das gerade besonders schmerzhaft sichtbar, dass wir sie eben nur begleiten können, dass wir gar nicht wissen, was bei ihnen ankommt, was sie mitnehmen werden auf diesem Weg ins Leben.

Das Aushalten dieser Unverfügbarkeit ist wahrscheinlich die größte, aber auch wichtigste Aufgabe in unserem Beruf, der in Wahrheit oft Berufung ist. Denn wenn er es nicht wäre, dann schmerzte uns das nicht Beeinflussbare auch nicht so sehr. Wenn das Selbstverständliche, das „da sein“ der uns Anvertrauten fehlt und sich die Verletzlichkeit unseres Lebens so in unser Bewusstsein drängt, so ist es in diesen seltsamen Zeiten wohl auch naheliegend, dass uns die letzten Fragen unseres Daseins auf den Pelz rücken.

Dabei kann und sollte man gerade dieser Situation etwas abgewinnen. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir mutig und zuversichtlich voranschreiten und den Weg zum Positiven im Wald der Ungewissheit markieren, indem wir Leitplanke und Leuchtturm zugleich sind. Und siehe da: Manche lernen gerade aus dieser Not heraus besonders viel und wachsen über sich selbst hinaus. Wer so groß wird, ist gewappnet für alle Stürme des Lebens und wird den Zweck seines Daseins immer klar vor Augen haben.


Was können wir mehr wollen?

Eigentlich

Heute ist Dienstag. Dienstag, der 24. März 2020. Mir ist das Zeitgefühl abhanden gekommen. Heute musste ich mehrmals bei mir selbst nachfragen, welchen Tag wir eigentlich haben. Glücklicherweise ist es mir gelungen, diesen planlosen Tagen in meinem schülerlosen Lehrerdasein eine Struktur zu verleihen. Wir haben täglich feste Zeiten für unsere virtuellen Meetings, es gibt ein virtuelles Lehrerzimmer, eine virtuelle Sprechstunde, virtuelle Deutschstunden und am Ende des Tages immer noch virtuelles Lerngruppen-Meeting.

Eigentlich hätte ich heute morgen in den ersten beiden Stunden Religion mit den „Großen“ gehabt, Schülern der 9. und 10. Klasse, die kurz vor der Prüfung stehen. Wir hätten über Sorgen und Befürchtungen hinsichtlich der Prüfung gesprochen und hätten uns ansonsten im Unterricht mit der Entstehung, gegenwärtigen Aufgaben und der Entwicklung von Kirche beschäftigt. Stattdessen ist der Religionsunterricht ausgefallen, konzentrieren wir uns momentan auf das, was scheinbar wichtiger ist: Aufgaben gibt es in den Hauptfächern und im Grunde genommen geht es vor allem darum „dranzubleiben“, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Vielen meiner Schüler*innen ist Kirche ohnehin eher fremd. Und jetzt ist sie sogar mir selbst fremd. „Wo zwei oder drei versammelt sind“ gilt nicht mehr, versammeln darf man sich nur noch mit großem Abstand und höchstens zu zweit. Gottesdienste finden vor leeren Kirchen statt, eine Solosängerin singt einen einsamen Gemeindegesang und eine Kamera überträgt Psalmen, Gebete und mutmachende Worte zu den Menschen nach Hause. Immerhin.

Eigentlich hätten wir in Klasse 7 weiter an unserem sehr bunten und vielfältigen Kunstprojekt gearbeitet. Wir hätten uns mit Selbstdarstellungen von Menschen in unterschiedlichen Zeiten beschäftigt, hätten uns gefragt, warum man über Selfies heutzutage Filter legen muss, damit man glatter und fehlerfreier aussieht, als man eigentlich ist. Stattdessen habe ich zum Zeichenstift gegriffen und die Erzählung illustriert und vertont, die heute Gegenstand unserer virtuellen Deutschstunde war. 17 Teilnehmer*innen verzeichnete unser virtuelles Klassenzimmer heute Vormittag. Manche nehmen regelmäßig an den Zusammenkünften teil. Manche sieht man nie. Manche beteiligen sich rege. Manche schweigen immer. Es ist einfacher, sich hinter stummgeschaltetem Mikro und deaktivierter Kamera zu verstecken. Es ist auch für mich ungewohnt, gegen ein digitales Display zu sprechen, keine direkte, körpersprachliche Reaktion zu erhalten. Dafür, dass es ungewohnt ist, gelingt es noch erstaunlich gut. Und ich bin dankbar, mit meiner Kollegin einen wunderbar inspirierenden Gegenpart in diesen seltsamen Zeiten zu haben. Danke, Katrin!

Eigentlich wären wir nach einer trubeligen Mensamittagspause dem Klima auf den Grund gegangen, hätten die Wolken betrachtet und uns gefragt, warum es gerade zwar herrlich sonnig, aber auch bitter kalt ist, woher der Wind kommt und wann es endlich richtig warm wird. Stattdessen habe ich allein am Esstisch mein belegtes Brötchen verspeist und noch eine Ladung Wäsche in die zwar kalte aber sonnige Frühlingsluft gehängt, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch gesetzt und die nächsten Tage geplant, Unterrichtsmaterialien gesichtet und noch verschiedene Telefonate geführt habe.

Eigentlich säße ich jetzt, zu dieser Zeit, mit meiner Tochter im Staatstheater, um mir zum wiederholten Mal die witzige und kurzweilige Faust-Inszenierung anzuschauen, inmitten von Abiturienten, zu deren Pflichtkanon der „Faust“ in diesem Jahr letztmalig gehört. Stattdessen habe ich das Haus am frühen Abend gemeinsam mit meinem ältesten Sohn bloß für eine kurze Frischluftrunde bis zu den Feldern am Ortsrand verlassen und sitze nun hier und bin ein bisschen wehmütig.
Gerne hätte ich mit meiner Tochter einen schönen Theaterabend verbracht.
Gerne hätte ich mit meinen Schülern die Wolken betrachtet.
Gerne wäre ich Begleiterin künstlerischer Prozesse von jungen Menschen gewesen.
Gerne hätte ich mit Jugendlichen über die Kirche der Zukunft nachgedacht.

Was gibt uns Hoffnung?
Wer macht uns Mut?

Eins steht fest: Uns wird in diesen Tagen schmerzlich bewusst, wie sehr wir einander brauchen und wie wichtig unsere sozialen Kontakte sind. Wir müssen uns gegenseitig ermutigen, immer im Bewusstsein, dass diese Durststrecke zu bewältigen ist, indem wir uns nicht vergessen. Füreinander da sind.

Hoffentlich bleibt uns diese Erkenntnis in Erinnerung.

Im virtuellen Klassenzimmer


Teilhabe

Teilhabe. An etwas Anteil haben. Teil von etwas sein. Etwas abhaben. Etwas von dem haben, was andere auch haben. Dazugehören. Nicht ausgeschlossen sein.

In diesen Tagen wird in vielerlei Hinsicht sichtbar, wie es um die Teilhabe an Bildung hierzulande bestellt ist. Die Schulen sind seit nunmehr einer Woche geschlossen. Schulisches Lernen, strukturiert und portioniert, begleitet und aufbereitet, elementarisiert und didaktisiert, findet nicht mehr dort statt, wo es eigentlich seinen Ort hat: Im Klassenzimmer.

Nun mögen Kritiker sagen, dass Schule ohnehin mit Bildung nicht so viel zu tun habe. Bildung sei schließlich ein eigenaktiver Prozess, der lebenslang erfolge und sich ausschließlich im Individuum selbst ereigne. Möglicherweise verhindere die Schule in mancher Hinsicht sogar echte Bildungsprozesse, weil das überholte Wissen von gestern für eine Welt von morgen häppchenweise verabreicht werde.

Angesichts verzweifelter Eltern, die in diesen Tagen ihre Kinder bei der Bearbeitung der eilig zusammengeschnürten Aufgabenpakete unterstützen und mangels ausgereifter Lernplattformen dutzende E-Mails sichten und sortieren müssen, um ihren Kindern schulische Arbeitsaufträge überhaupt zugänglich machen zu können, mag man tatsächlich manchmal daran zweifeln, ob auf diese Weise irgendeine Art von Bildung erreicht werden kann. In einer Situation, die für viele Familien ohnehin schon höchst belastend ist, sollen Eltern im Homeoffice zeitgleich Hilfslehrer spielen, ein gesundes Mittagessen auf den Tisch bringen und jederzeit per Telefonkonferenz für ihren Chef ansprechbar sein. Viele Familien haben Existenzsorgen, weil sie nicht wissen, ob ihnen ihr Arbeitsplatz und ihr Einkommen erhalten bleibt und ob sie morgen überhaupt noch über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um ihren Kindern ein gesundes Mittagessen auf den Tisch stellen zu können.

Es ist eine Ausnahmesituation für alle Seiten. Kolleg*innen haben Anforderungen für zu erreichende Abschlüsse im Blick und versuchen, auf oft kreative Weise, das aufzufangen, was durch die geschlossene Schule fehlt: Der direkte Kontakt zu den Schüler*innen. Denn nicht erst seit gestern weiß man, dass einer der wichtigsten Faktoren für eine nachhaltige Bildung eine wertschätzende Schüler-Lehrer-Beziehung ist. So tun die Lehrer*innen alles, um jene aufrechtzuerhalten: Sie telefonieren regelmäßig allen Eltern und Schülern hinterher, erproben sich in digitalen Lern- und Kommunikationsplattformen, eröffnen Twitterkanäle, produzieren Erklärvideos und sind stets auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Schüler*innen zu erreichen.

Leider gewinnt man den Eindruck, dass bei all dieser aus der Not geborenen positiven Aufbruchstimmung in Vergessenheit gerät, dass viele Familien überhaupt nicht über die erforderliche digitale Infrastruktur verfügen, um ihren Kindern die gutgemeinten Angebote ihrer Lehrer*innen zugänglich machen zu können. Es gibt keinen PC und keinen Drucker , vielleicht gerade einmal ein Smartphone, wobei nicht jedes Elternteil weiß, wie man eine E-Mail schreibt. Es fehlt die Möglichkeit, all die Erklärvideos und interaktiven Aufgaben zu sichten und zu bearbeiten, sowie Arbeitsaufträge und -ergebnisse auszudrucken. Und man kann keinesfalls erwarten, dass Eltern in dieser Situation über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, diese Geräte anzuschaffen und den, falls vorhandenen, Drucker ständig mit neuem Toner zu füttern, wenn die Sorge um die eigene Existenz all das in den Hintergrund rücken lässt.

Wenn wir also wollen, dass unsere Schüler*innen diese zweifellos hilfreichen Möglichkeiten jetzt und in Zukunft nutzen können, müssen wir ihnen auch die dafür notwendigen Geräte und Zugänge zur Verfügung stellen. In Baden-Württemberg gibt es eine gesetzlich verankerte Lernmittelfreiheit. Es wäre daher nur konsequent, die Schüler*innen flächendeckend mit digitalen Endgeräten auszustatten, die auch mit nach Hause genommen werden können. Nehmen wir dieses Problem nicht ernst, ist tatsächlich zu befürchten, dass das eintritt, was die TAZ dieser Tage prophezeit: Dass Bildung ungleicher wird.

Perspektiven

Zum Glück

Zum Glück kann ich über grünende Wiesen spazieren gehen. Einsam allein. Oder zu zweit.
Zum Glück erfreut die knospende Natur mein Herz und
Zum Glück erhellt die strahlende Frühlingssonne meine Seele.
Zum Glück bringt Musik diese meine Seele zum Schwingen und verleiht ihr Flügel.
Zum Glück fühle ich mich mit Menschen verbunden – trotz Distanz

Zum Glück