Offline

Ich war offline. Wie es sich anfühlt, nicht dabei sein zu können, musste ich vor einigen Tagen am eigenen Leib erfahren. Zuerst funktionierte Ende letzter Woche plötzlich der DSL-Anschluss nicht mehr und mein virtuelles Klassenzimmer fiel in sich zusammen. Ausgerechnet am Freitag vor dem Ferienende mit Aussicht auf weitere Wochen Schule@home. Urplötzlich war mein digitales Fenster zur Welt geschlossen. In unserer Straße wird ein Tunnel gegraben. Vermutlich hatte der Bagger das Kabel in Mitleidenschaft gezogen.

Nachdem im Laufe des Wochenendes die Internetverbindung wieder hergestellt werden konnte, quittierte mein noch ziemlich neues Smartphone im Laufe des Montags, pünktlich zum Beginn der zweiten Runde der Schule@Home, endgültig den Dienst. Offline. Erneut.

Nun bin ich in der glücklichen Lage, mir zu helfen. Ich kann die Hotline des Internet-Providers anrufen und in dramatischen Worten deutlich machen, dass in diesem Haus sechs Personen auf einen funktionierenden Internetanschluss angewiesen sind wegen Work@Home und Schule@Home. Ich verfüge außerdem über die Möglichkeit, ein Smartphone, welches innerhalb der Gewährleistungsfrist schon nicht mehr funktioniert, zurückzuschicken und mir Ersatz zu beschaffen. Ich besitze eine Drucker, kann Rücksendeetiketten ausdrucken und mich durch den Dschungel der Angebote im WorldWideWeb wühlen.

Ich bin wieder online, kann wieder teilhaben an diesem derzeit in großen Teilen virtuell stattfindenden Leben mit all den Videokonferenzen, Webinaren und virtuellen Austauschplattformen.

Einige meiner Schüler*innen sind dauerhaft offline. Nicht etwa, weil sie kein Internet hätten, das haben mittlerweile tatsächlich fast alle. Nur verfügen bei weitem nicht alle Jugendlichen über ein eigenes digitales Endgerät, mit dem es sich sinnvoll arbeiten ließe, sprich: ein Laptop oder einen Desktop-PC. Manche haben gerade auch kein Smartphone, weil es mal wieder heruntergefallen ist oder sie sich aus Versehen draufgesetzt haben. Und selbst wenn sie eins haben, heißt das noch lange nicht, dass sie wissen, wie man diesen kleinen Minicomputer sinnvoll für schulische Zwecke einsetzen kann.

Nun war ich zwar wieder online, musste aber dennoch sehr viel Zeit dafür aufwenden, ganz analog zu Schüler*innen hinzufahren, ihnen digitale Endgeräte zu verschaffen und teilweise auch einzurichten oder per Telefon erklären, wie man sich bestimmte Apps installiert und warum es wichtig ist, Passwörter immer ganz genau richtig zu schreiben. Zum Glück ist das nicht der größte Teil. Viele haben in dieser Zeit auch unglaublich viel gelernt und wissen jetzt, dass ein ordentlicher PC doch deutlich nachhaltiger ist als die jeweils neueste Konsole.

Mir scheint, die Dinge, die sich aus schulischer Sicht in der Vergangenheit als wichtig erwiesen haben, werden nach dieser Krise noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen. Nun werden bald die ersten Schüler*innen wieder physisch in die Schulen zurückkehren. Man darf gespannt sein, ob die dann knapp fünf Wochen Schule@Home Spuren in der Schule@Schule hinterlassen werden.

Schritt für Schritt

Der Nebel lichtet sich langsam, der Horizont ist allerdings weiterhin versteckt, der Blick reicht nur ungefähr zwei Wochen weit.

Wir wissen nun: Ab dem 4. Mai kehren in Baden-Württemberg die ersten Schüler*innen in die Schule zurück, zunächst jedoch nur die Abschlussklassen und diejenigen, die im nächsten Jahr Prüfung haben. Wie genau das organisiert werden soll, welche Hygiene- und Abstandsregeln gelten werden, wissen wir noch nicht. Die Schulen werden durch die Verwaltung genauere Anweisungen erhalten und sollen die Zeit bis zum 4. Mai nutzen, um sicherzustellen, dass die Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten werden können.

Ab dem 18. Mai finden die zentralen Abschlussprüfungen statt. Die genauen Termine findet man hier. Für unsere Schule sind folgende Termine wichtig:
Die Realschulabschlussprüfung beginnt am Mittwoch, den 20. Mai mit dem Fach Deutsch. Es folgen Mathematik am 25. Mai und Englisch am 27. Mai.
Die Hauptschulabschlussprüfung beginnt am Dienstag, den 16. Juni mit Deutsch. Hier folgen Mathematik am 18. Juni und Englisch am 22. Juni.

Wie genau wir die davon betroffenen Schüler*innen auf diese Prüfungen vorbereiten sollen, wissen wir noch nicht. Es ist jedoch klar, dass ca. 25% der Lehrer*innen, die momentan an unseren Schulen arbeiten, zu Risikogruppen zählen, weil sie über 60 Jahre alt sind, Vorerkrankungen haben oder schwanger sind und deshalb nicht dazu verpflichtet werden können, in die Schule zu kommen. Es kann auch sein, dass Schüler*innen selbst oder deren Angehörige zu dieser Gruppe gehören. Sie müssen ebenfalls nicht in die Schule kommen. Für Schüler*innen, die sich nicht auf ihre Prüfung vorbereiten können, weil sie nicht am Unterricht teilnehmen können, werden Nachtermine angeboten.

Klar ist, dass es keinen Normalbetrieb in den Schulen geben wird. Die Schüler*innen müssen in der Schule und auf dem Pausenhof den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten, was heißt, dass deutlich weniger Personen in einem Klassenzimmer untergebracht werden können, als das üblicherweise der Fall ist. Es müssen deshalb auch neue Pausenregelungen gefunden werden. Der Unterricht wird sich auf die inhaltlichen Schwerpunkte der Prüfungsfächer beschränken.

Für unsere Siebtklässler heißt das: Wir können überhaupt nicht sagen, wann und ob es für sie in diesem Schuljahr noch einmal eine Schule in der Schule geben wird. Ehrlich gesagt halte ich es eher für unwahrscheinlich. Immerhin wurde die Möglichkeit der Notfallbetreuung auf Siebtklässler ausgeweitet.

Wir befinden uns immer noch in der Phase der Kontaktsperre und wir werden noch eine Weile Geduld haben müssen, bis wieder so etwas wie „Normalität“ in unserem Schulleben einkehren wird.

Leopoldina

Bei Twitter Deutschland liegen heute zwei Hashtags besondere im Trend: #Leopoldina und #Schulen. Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen bislang noch nie etwas von der „Leopoldina“ gehört haben und gar nicht wissen, was sich hinter diesem klingenden Namen verbirgt. Auch ich bin erst in den letzten Tagen auf diese Institution aufmerksam geworden, nachdem Stellungnahmen in Zusammenhang mit der Corona-Krise durchs Netz gegeistert sind. Die Leopoldina, gegründet 1652 als Deutsche Akademie der Naturforscher, ist seit 2008 die Nationale Akademie der Wissenschaften, deren Aufgabe es ist, die Politik und die Öffentlichkeit zu beraten. Die Stellungnahmen dieser Institution sind also wichtig, um zu verstehen, auf welcher Grundlage, Politiker in unserem Land ihre Entscheidungen treffen.

Heute liegt die #Leopoldina im Trend, weil sie zum dritten Mal eine Stellungnahme mit Empfehlungen veröffentlicht hat, in der es diese Mal um die psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekten der Pandemie geht. Im Klartext: Es geht auch um die Frage, ob, wann und wie die Schulen und Kindertagesstätten wieder öffnen können. Ich möchte in diesem Beitrag keine Diskussion darüber anstoßen, ob und wie die Empfehlungen umsetzbar sein werden. Es wird Aufgabe der Politiker auf Bundes- und Landesebene sein, Maßnahmen aus den Empfehlungen abzuleiten, die letztlich von den Schulträgern und Schulen vor Ort umgesetzt werden müssen. Ich möchte an dieser Stelle nur die für die Schulen relevantesten Textpassagen zitieren, damit wir uns schon einmal darauf einstellen können, was auf uns zukommen könnte:

„Die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen sollte sobald wie irgend möglich erfolgen, und zwar schrittweise und nach Jahrgangsstufen differenziert. Dabei müssen die jeweiligen Gegebenheiten in der einzelnen Bildungseinrichtung berücksichtigt werden. Alle Maßnahmen sind auf längere Zeit unter Einhaltung der Vorgaben zu Hygiene, Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Testung und die Konsequenz der Quarantäne umzusetzen. Für eine längere Übergangszeit wird gelten, dass eingeschränkte, wenn auch schrittweise erweiterte Formen von Betreuung und Unterricht akzeptiert werden müssen, um das weiterhin erhebliche Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Auf diese Übergangszeit beziehen sich die folgenden Empfehlungen.

Kinder im Grundschulbereich (Primarstufe) benötigen die meiste Unterstützung und Anleitung, Eltern sind hier stärker auf Betreuungsleistungen der Schulen angewiesen. Entsprechendes gilt auch für Kinder, die sich in Kitas befinden. Die schrittweise Normalisierung muss mit deutlich reduzierten Gruppengrößen be-gonnen werden, um das Abstandsgebot besser einhalten zu können. Zu empfehlen ist eine Konzentration auf Schwerpunktfächer (Deutsch und Mathematik in der Grundschule), die in aufgeteilten kleineren Grup-pen einer Klasse zeitversetzt unterrichtet werden. Lerngruppen müssen dabei konstant bleiben, um das Ansteckungsrisiko zu vermindern. Eine Gruppengröße von maximal 15 Schülerinnen und Schüler wäre möglich, wenn entsprechend große Klassenräume zur Verfügung stehen. Die so geschehene Öffnung muss für die Eltern verlässlich sein. Eine gestaffelte Pausenregelung für die einzelnen Gruppen ist notwendig. Der Schulhof darf nicht zum Austauschort für Viren werden. Die Öffnung der Grundschule sollte mit den Kindern in den Abschlussklassen der Primarstufe begonnen werden, damit sie auf den Übergang in die weiterführenden Schulen vorbereitet werden können. Danach folgen stufenweise die vorangehenden Jahrgangsstufen. Die Notfallbetreuung für die jüngsten Jahrgänge kann dementsprechend langsam zurückgenommen werden.

Im Bereich der Kindergärten und Kindertagesstätten sollte dieser Logik entsprechend ein Regelbetrieb mit reduzierten Gruppengrößen (max. 5 Kinder pro Raum) am Übergang zur Grundschule (5-6-Jährige) stattfinden. Es sollten alle Anstrengungen – auch in den Sommerferien – unternommen werden, um diese Kinder so gut wie möglich auf den Übergang in die weiterführende Schule vorzubereiten. Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollten die Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb bleiben. Bei den Horten gilt ebenfalls die Aufrechterhaltung der Notfallbetreuung. Dies setzt voraus, dass berufstätige Eltern weiterhin durch eine sehr flexible Handhabung von Arbeitszeiten und -orten sowie finanziell unterstützt werden.

In Bildungsgängen, in denen am Ende der Sekundarstufe I zentrale Abschlussprüfungen stattfinden, sollte der Schulbetrieb zunächst in jenen Jahrgangsstufen aufgenommen werden, die vor dem Abschluss stehen. Bei allen weiteren Jahrgängen ist ein gestuftes Vorgehen mit reduzierter Stundenzahl und mit Konzentration auf die Kernfächer (Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen) zu empfehlen. In einer weiteren Stunde pro Tag können von den Schülerinnen und Schülern erledigte Arbeitsaufträge überprüft und kommentiert werden. Diese Stunde kann auch genutzt werden, um neue Arbeitsaufträge zu vergeben, welche die Schülerinnen und Schüler in Heimarbeit erledigen. Diese Arbeiten müssen sich nicht auf die Kernfächer beschränken, sondern können die Inhalte der anderen Fächer aufnehmen.

Da die Möglichkeiten des Fernunterrichts mit zunehmendem Alter besser genutzt werden, kann die Rückkehr zum gewohnten Face-to-Face-Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems weiter hinausgeschoben werden. In der gymnasialen Oberstufe kann in höherem Maße auf das selbstorganisierte Lernen der Schülerinnen und Schüler, auf der Basis digitaler und analoger Lernmedien, gesetzt werden. Die Bereitstellung der Materialien und Rückmeldungen zu den Lernergebnissen liegt in der Verantwortung der Lehrerin-nen und Lehrer.

(…)

Generell gilt es, die Prüfungsmöglichkeiten auf allen Bildungsetappen aufrechtzuerhalten. Auch sollte die Unterbrechung des gewohnten Unterrichts und der außerhäuslichen Betreuung, die damit verbundene Unterbrechung sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen und das Krisenhafte der Gesamtsituation nach Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen aufgegriffen werden. Das Angebot digitaler Unterrichtsmaterialien muss vergrößert und leicht zugänglich gemacht werden. Für alle Bildungsstufen sollten als Folge der Krise didaktisch gut aufbereitete Angebote für das „Selbst- und Distanz-Lernen“ ausgebaut und auch überregional verfügbar gemacht werden. Weiterhin sollten kompensatorische Maßnahmen beispielsweise in den kommenden Sommerferien, angeboten werden, um negative Auswirkungen auf das Erreichen jahrgangsspezifischer Bildungsstandards, den Übergang zu weiterführenden Schulen und den Abschluss von Prüfungen zu minimieren. Diese Maßnahmen sind von besonderer Bedeutung für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler und können zur Abmilderung sozialer Ungleichheit führen. Festzuhalten ist aber auch, dass die Krise den Digitalisierungsschub im Bildungsbereich beschleunigt, der zur Verbesserung der digitalen Ausstattung der Institutionen, der digitalen Kompetenzen von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sowie zur schnelleren Entwicklung von Konzepten und Programmen zur Nutzung von digitalen Methoden und Medien im Unterricht und im Bildungswesen überhaupt führen wird. Damit ist verbunden, dass die erheblichen Vorzüge und Grenzen von Digitalisierung im Bildungswesen genauer erfahren und – im Nachgang, auch durch wissenschaftliche Begleitforschung – in ihren Nutzungsmöglichkeiten präzisiert werden können. In der Krise wird sichtbar, wie wichtig es ist, digitale Möglichkeiten zur Substituierung und/oder Ergänzung des Präsenzunterrichts zu entwickeln. Es gilt, den Einsatz moderner didaktischer Methoden und Mittel nach der Krise weiterzuentwickeln.

Ad-Hoc-Stellungnahme der Leopoldina vom 13.4.2020: Coronavirus-Pandemie: Die Krise nachhaltig überwinden

Es geht in der Stellungnahme auch noch um weitere Bereiche, wie etwa eine Optimierung der Entscheidungsgrundlage für alle Maßnahmen, indem mehr Menschen auf ihre Immunität getestet werden. Auch soll durch eine genauere Datenanalyse eine realistischere Abschätzung des eigenen Risikos ermöglicht werden. Darüber hinaus wird betont, dass psychische und soziale Auswirkungen abgefedert und die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen im Hinblick auf andere Rechtsgüter soll differenzierter betrachtet und geprüft werden müssen.

Hoffen wir, dass unsere politischen Vertreter in den kommenden Tagen Augenmaß und Verantwortlichkeit bei den zu treffenden Entscheidungen bewahren können.

Alles anders

Bild: Uwe Greifenberger

Heute ist Karfreitag. Ein hoher Feiertag im Christentum und ein Tag, an dem ich in den letzten Jahren nahezu ausnahmslos musikalisch unterwegs war. Meistens mit meinem Chor, dem Oratorienchor an der Christuskirche Karlsruhe, dem ich seit über 20 Jahren verbunden bin. An Karfreitag haben wir in den vergangenen Jahren sehr oft Passionen gesungen, im vergangenen Jahr war es die Matthäus-Passion von Carl Philip Emanuel Bach. Das Foto oben entstand nach der Aufführung am 19. April 2019.

In diesem Jahr saß ich nachmittags um 15 Uhr im Wohnzimmer. Unser eigentlich geplantes Konzert, die Karlsruher Uraufführung des Oratoriums Jerusalem von Gunther Martin Göttsche ist schon vor drei Wochen abgesagt worden. Ich saß da und sah die Fernsehübertragung eines Karfreitagsgottesdienstes aus der nahezu leeren Christuskirche. Unfassbar.

Göttsche vertont in seinem Passionsoratorium in der Nr. 18 den 23. Psalm:

Gott ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Au und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele und führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück,
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang
und ich werde bleiben im Hause der Herrn immerdar.

Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass wir diesen Psalm in absehbarer Zeit zu Gehör bringen dürfen. Allen, die hier hin und wieder mitlesen, wünsche ich ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Innere Ordnung

Heute habe ich aufgeräumt. Den ganzen Tag. Von morgens bis abends. Ich war dermaßen im Aufräumfieber, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte. Leider neige ich ja, wie vermutlich nicht wenige andere Kolleg*innen meiner Zunft auch, zum Sammeln, Aufheben, Horten und Aufbewahren. Es fällt mir schwer, mich von manchen Dingen zu trennen. Wenn man von Berufs wegen Kinder und Jugendlichen dazu befähigen möchte, wie Herbart es einst so schön auszudrücken vermochte: „Welt in sich aufzunehmen“, dann kann es passieren, dass man selbst die Welt sammelt und in einem Lehrerarbeitszimmer aufbewahrt. Um den Überblick über diese „Welt“ nicht zu verlieren, ist es unausweichlich, sie zu ordnen und zu sortieren. Andernfalls könnte es passieren, dass einem die eigene Welt zu unübersichtlich wird.

Wenn ich so im Aufräumfieber bin, mache ich bei mir selbst oft die Beobachtung, dass sich durch das Schaffen äußerer Ordnung auch eine Art innerer Ordnung einstellt. Ich fühle mich dann sortierter, klarer und kann wieder strukturierter denken. Dabei fällt es mir durchaus nicht leicht, den Anfang zu finden. Es ist zwar schon so, dass ich mittlerweile eine ziemlich durchdachte Grundordnung in meiner häuslichen Lehrerwelt habe, aber es erfordert ein hohes Maß an Disziplin, diese aufrechtzuerhalten. Man muss dranbleiben, sich am Riemen reißen und immer wieder einmal den inneren Schweinehund überwinden, um den Anfang zu finden.

Auch bei meinen Schüler*innen beobachte ich, dass es ihnen guttut, wenn ich ihnen Strategien an die Hand gebe, wie sie selbst Ordnung halten können. Unsere Schule ist, wie alle Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, eine gebundene Ganztagsschule. Die Schüler*innen lassen ihre Sachen im Normalfall in ihrem persönlichen Ablagefach im Lerngruppenraum. Doch selbst so ein recht überschaubares Fach in Ordnung zu halten, will gelernt sein. Immer wieder stelle ich fest, dass Jugendliche damit große Schwierigkeiten haben. Dann verschwinden Blätter, es dauert halbe Ewigkeiten, bis ein bestimmtes Heft sich findet und es zeigt sich auch, dass Dinge, die man nicht ordentlich aufbewahrt, schneller verschleißen. Deshalb hatten wir zu Beginn dieses Schuljahres noch einmal ein verstärktes Augenmerk auf die Organisation der Schulmaterialien gelegt, was sehr positive Effekte hatte. Oft geht das Lehrersein eben über das Vermitteln von fachlichen Inhalten hinaus.

Auf das Regal, welches oben zu sehen ist, bin ich in den letzten drei Wochen übrigens sehr häufig angesprochen worden. So ist das eben, wenn man statt im Klassenzimmer plötzlich aus dem häuslichen Arbeitszimmer ein Fenster in die Welt öffnet. Eigentlich ist das Regal noch größer, aber das Bild täuscht ein wenig: Ich muss zugeben, dass ich den Ausschnitt aus ästhetischen Gründen gewählt habe. Ganz so ordentlich, wie es den Anschein haben könnte, bin ich dann doch nicht. So sind meine Bücher zwar sortiert, aber nicht farblich und manchmal, wenn der Platz nicht mehr reicht, stelle ich Bücher in zweiter Reihe auf oder andere Dinge stapeln sich hier und da.

Nun ist die Ordnung wieder hergestellt. Innen wie außen.

Vielfalt kann man lernen

Ich hatte heute das Vergnügen, an einem wunderbar erhellenden und wertschätzenden Vortrag mit anschließendem Austausch zum Thema Rassismus und Antisemitismus in der Schule teilnehmen zu dürfen. Der Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung, Herr Dr. Michael Blume legte eindrucksvoll dar, dass unser Bildungsideal: „Jedes Kind muss gebildet werden und in jedem Kind stecken Potenziale, die es zu fördern gilt“ bereits aus der jüdischen Tradition stammt und es oberstes Ziel sein muss, über Bildung zu sprechen, um Rassismus zu verhindern. Vertreter*innen dreier Gemeinschaftsschulen, darunter auch meine Kollegin Katrin Wahlich und ich, berichteten im Anschluss darüber, wie sie das Thema an ihren Schulen erleben und welche Projekte sie bereits durchgeführt haben, um Rassismus entschieden entgegenzutreten. Ulrike Felger vom Verein für Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg e.V. schloss die sich anschließende rege Diskussion mit den Worten: „Freiheit muss man lernen – Vielfalt kann man lernen“. Wir hoffen sehr, dass Herr Dr. Blume bald die Gelegenheit bekommen wird, sich persönlich davon überzeugen zu können, wie diese Vielfalt an unseren Gemeinschaftsschulen praktisch gelebt wird.

Empfehlen möchte ich an dieser Stelle den Podcast von Herrn Dr. Blume, den man hier anhören kann. Es gibt außerdem bei Spektrum der Wissenschaft einen Blog von ihm: NATUR DES GLAUBENS Evolutionsgeschichte der Religion(en)

Über das Spiel

Oder: Was „Kuchen backen“ und „Stadt-Land-Fluss“ mit Bildung zu tun haben

Diese Ferien sind anders. Für alle.
Für die, die es nicht wissen: Es ist normalerweise so, dass Lehrer*innen in den Ferien nicht einfach „frei“ haben, sondern sie arbeiten und wirken dann im häuslichen Umfeld weiter: Es sind Lernnachweise zu kontrollieren und korrigieren, neue Unterrichtseinheiten zu planen, Absprachen mit Kolleginnen zu treffen, Schulentwicklungsthemen zu durchdenken, Fachliteratur zu sichten und schließlich die Arbeitsorganisation im Griff zu behalten, zu ordnen, abzuheften, ein- und auszusortieren, um das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Vielfalt und Grenzenlosigkeit der Aufgaben, die unser Beruf neben der Tätigkeit in der Schule beinhaltet, ist Fluch und Segen zugleich. Wenn man den Beruf als Berufung begreift, läuft man Gefahr, sich selbst der Sache, so ehrenwert sie auch sei, zu opfern. Und gleichzeitig ist genau das auch das Faszinierende: Ich selbst bin mein eigenes Forschungssubjekt. Für mich ist Schule und Lernen viel mehr als das Planen von irgendwelchen bildungsplangerechten Unterrichtseinheiten. Ich frage mich immer, wie es innerhalb des gesetzten Rahmens gelingen kann, Neugier zu wecken, einen forschenden Geist zu entwickeln und damit echte Bildung zu ermöglichen, die ja immer vom Subjekt selbst ausgeht und eben nicht „gemacht“ werden kann.

Nun waren die letzten drei Wochen für viele Kolleg*innen eine große Herausforderung: Sollte das gewohnte System etwa einfach in den virtuellen, kontaktlosen Raum überführt werden? Oder müsste man Schule und Lernen vor dem Hintergrund einer noch nie dagewesenen Situation nicht ganz neu denken? Die Diskussionslage in den Medien hinsichtlich dieser Fragen ist durchaus kontrovers. Da geht es um Ab- und Anschlüsse, das Mitkommen und das Zurückgelassenwerden. Ich werde mich sicher in den nächsten Tagen auch noch intensiver mit der Frage auseinandersetzen, welche Schlüsse aus diesen drei Wochen zu ziehen sind, zunächst möchte ich aber erst einmal innehalten. Und spielen!

Nachdem absehbar war, dass die derzeit geltenden Kontaktverbote auch in den Osterferien nicht aufgehoben werden können, haben wir als Schule entschieden, unseren Schüler*innen, anders als sonst, auch in den Ferien ein niederschwelliges Kontaktangebot zu machen. Natürlich nur für die, die wollen. Und so konferieren wir nun jeden Vormittag um elf Uhr weiter. Es gibt allerdings keinen Unterricht. Wir haben uns dafür entschieden, zu spielen. Damit ist jedoch nicht nur das Spiel im herkömmlichen Sinn gemeint: Spielen bedeutet: Wir lassen die Dinge auf uns zukommen, wir experimentieren, tun, was wir tun wollen oder müssen, zum Beispiel Fenster putzen, Kuchen backen, das Bücherregal sortieren und dabei herumphilosophieren, von früher erzählen oder tatsächlich auch einmal ein Spiel spielen. Wir vertreiben uns die Zeit. Nur, dass wir das eben nicht allein tun, sondern gemeinsam mit Schüler*innen, die einfach dabeisein oder auch mitmachen können.

Ich bin ja davon überzeugt, dass die schöpferische Kraft, die in dieser Art des Spiels liegt, viel zu oft unterschätzt wird. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass wir in der Schule, sofern sie denn irgendwann wieder „normal“ stattfinden wird, dem Spiel mehr Raum geben sollten.

Also: Lasst uns spielen! Wer mag mitmachen?

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist ein bundesweites Netzwerk, das sich zum Ziel gesetzt hat, Schulen im Einsatz für Menschenwürde zu vernetzen. Die Anne-Frank-Schule Karlsruhe ist seit 2017 eine von über 3000 Schulen in Deutschland, an der sich Schüler*innen aktiv gegen jede Form von Diskriminierung einsetzen und sich dazu verpflichtet haben, mindestens jährlich ein Projekt zum Thema Diskriminierung durchzuführen.

Wir haben in den vergangenen drei Jahren vielfältige Projekte, wie zum Beispiel im vergangenen Schuljahr einen Anne-Frank-Tag, durchgeführt und sind deshalb auch gerne bereit, im Rahmen einer Online-Videokonferenz am kommenden Mittwoch, den 8. April 2020, darüber zu berichten.

„Courage!“ – was Bildung, Rassismus und Vorurteile miteinander zu tun haben

Videokonferenz mit Dr. Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter der Landesregierung BW, für und mit der Gemeinschaftsschul-Community
Impulsvortrag – Praxisbeispiele – lebendige Diskussion
8. April 2020, 15 bis ca. 17 Uhr
Kostenlose Anmeldung unter info@gmsbw.de

Meine Kollegin Katrin Wahlich und ich werden als Vertreterinnen der Anne-Frank-Schule Karlsruhe dabei sein und unsere Schule und ihre Projekte vorstellen!

Osterferien

Irgendwie fühlt es sich diesmal gar nicht so an, als seien Ferien.
Ich schwimme im Strom der Zeitlosigkeit, kein Ufer ist in Sicht und ich weiß, dass die Tage, die vor mir liegen, sich nicht sehr von denen unterscheiden werden, die hinter mir liegen.

Die Karwoche und das Osterfest sind für mich seit früher Kindheit mit kirchlichen Traditionen verbunden. Wie oft habe ich in den letzten Jahrzehnten die verschiedensten Passionen mitgesungen und diese Zeit im Rahmen der höchsten Feste im Kirchenjahr erlebt.

Das alles wird in diesem Jahr fehlen.

Sämtliche Konzerte sind abgesagt.
Gottesdienste finden lediglich virtuell statt.
Es wird
kein gemeinsames Singen,
kein gemeinsames Feiern,
keine Besuche bei Großeltern oder Freunden und
keine Reisen mit Eindrücken anderer Traditionen
geben.

Die Zeit seht still.