Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Baden-Württemberg hat gewählt. In diesen Tagen werden Weichen für die Zukunft gestellt. Auch das Kultusministerium wird neu besetzt werden. Wir haben über die sozialen Netzwerke Stimmen aus der Schulgemeinschaft gesammelt. Sie haben gesagt, was ihre Erwartungen, Wünsche und auch Visionen für Schule und Bildung ein Baden-Württemberg sind. Hört auf die Worte der Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, Schulleiter*innen, und pädagogischen Assistent*innen:

Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Zu diesem Video gibt es auch eine Langversion mit allen eingereichten Beiträgen: Diese findet man hier:

Zu Gast bei @derEduTalk

Am 4. Februar 2021 war ich zu Gast beim Edu-Talk. Dort habe ich über die Entwicklung unserer Schule (nicht nur) im vergangenen Jahr gesprochen und wie wir es geschafft haben, mit Landeslösungen einen wichtigen Schritt in Richtung „gelingender Distanzunterricht“ mit Mehrwert für den Präsenzunterricht zu gehen. #Moodle mag sperrig sein, eignet sich aber durchaus für die Organisation von digitalen Lernumgebungen. Welche Faktoren sonst noch eine Rolle gespielt haben, erfahrt ihr im Edu-Talk.

Edu-Talk

Am kommenden Donnerstag, den 4.2.2021, bin ich zu Gast beim Edu-Talk, der von Jan Albrecht, Martin Fritze und Moritz Zeman moderiert wird. Ich spreche dort über digitale Schulentwicklung insgesamt und an unserer Gemeinschaftsschule in Zeiten von Corona.

Anmelden kann man sich hier: Anmeldung

Futur statt Präsenz

oder „Wer ist eigentlich dieser Herr Meidinger?“

Herr Meidinger nennt sich Lehrerpräsident, ist jedoch keineswegs mein Lehrerpräsident, auch, da er mich qua Amt gar nicht vertreten kann. Laut Homepage zählen zu den Mitgliedsverbänden des „Deutschen Lehrerverbandes (DL)“ lediglich Interessensvertretungen für Lehrer*innen an Gymnasien, Realschulen und beruflichen Schulen, außerdem eine katholische Erziehergemeinschaft, von der man nicht so genau weiß, wen sie vertritt. Herr Meidinger hat als ehemaliger Präsident des Philologenverbandes jedoch offenbar sehr viel Zeit und erhält durch seine ständige Medienpräsenz eine Bühne, die seiner Bedeutung für die Vertretung der bundesdeutschen Lehrer*innen ganz sicher nicht angemessen ist. Herr Meidinger ist nämlich keinesfalls ein unabhängiger Autor, sondern ein ausgewiesener Lobbyist für einen kleinen Ausschnitt der Lehrer*innen, der von seinem griffigen Titel „Lehrerpräsident“ profitiert.

Dass ein Herr Meidinger von „realitätsfernen Idealen und Ideologien“ schreibt, entlarvt ihn dahingehend, dass er offenbar noch nie eine dieser „anderen“ Schulen von innen gesehen hat. Er behauptet, Schulreformen dürfen nur durchgeführt werden, wenn es wissenschaftlich belastbare Anhaltspunkte dafür gebe, dass sie gegenüber dem Status quo eine Verbesserung darstellen. Offensichtlich ist ihm nicht bekannt, dass die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg die einzige Schulform ist, die in den letzten Jahren überhaupt wissenschaftlich evaluiert wurde.

Wir Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen haben bewiesen, dass wir differenzierende Bildungsangebote entwerfen können. Wir sind breit aufgestellt, kennen uns mit Förderangeboten, sonderpädagogischen Bedarfen wie auch mit Hochbegabtenförderung aus. Wir können Kindern mit heterogenem Profil Bildungsangebote machen, kooperieren mit dem Jugendamt und Kinderärzten, ermöglichen Nachteilsausgleiche und sortieren Schüler*innen nicht allein deshalb aus, weil sie in Deutsch schlechter sind als in Mathe. Wir geben ihnen die Chance, sich zu entwickeln, dranzubleiben, selbstständig zu werden. Dabei begleiten wir intensiv und stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Elternhäusern. Wir sorgen dafür, dass sie selbstwirksam werden können.

Ich fordere eine Umkehr der Beweislast – der Beweis, dass die Gemeinschaftsschulen sich drängenden Schulentwicklungsfragen stellen und Kinder mit unklarer Bildungsempfehlung zum Realschulabschluss oder gar zum Abitur befähigen können, ist geführt. Nun sollen die „Bewahrer“ des angeblich so gerechten und effektiven Bildungssystems zeigen, wo ihr Innovationspotenzial zu finden ist. Die letzten Monate haben eindrucksvoll gezeigt, dass wir mit den Rezepten von gestern keine Schulen von morgen gestalten können.


Mit freundlichen Grüßen
Susanne Posselt


Lehrerin an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe
Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg
Stellvertretende Bezirksvorsitzende der GEW Nordbaden und dort für das gewerkschaftliche Bildungsprogramm verantwortlich.

Dieser Beitrag ist eine Replik auf eine (un)kritische Rezension, die am 28.1.2021 in den Badischen Neuesten Nachrichten erschienen ist.

#Fernlernen

Eine Chronik

Ein knappes Jahr nach der letzten #Schulschließung sind wir am vergangenen Montag in die zweite Runde #Fernlernen gegangen. Ich nenne es nicht #Homeschooling, weil mit diesem Begriff andere Konzepte verbunden sind. Da ich immer mal wieder gefragt werde, „wie wir das denn so machen“, will ich hier einen kurzen Abriss unseres Konzeptes geben, das sich für uns bislang bewährt hat. Die Überlegungen, die zu diesem Konzept geführt haben, möchte ich in folgenden Abschnitten chronologisch vorstellen:

  1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020
  2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021
  3. Best Practise im Januar 2021

1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020

Die Schulschließung im März 2020 hatte uns alle kalt erwischt. An unserer Gemeinschaftsschule gab es zwar schon digitale Plattformen, Moodle wurde als „Materialllager“ vorwiegend für die Sekundarstufe genutzt, die Nutzung für die Primarstufe war angedacht, jedoch noch nicht wirklich umgesetzt.

Auch, wenn meine Kollegin Katrin Wahlich und ich uns gleich zu Beginn der Schulschließung ins digitale Abenteuer gestürzt hatten, Videokonferenzsysteme ausprobiert, Unterrichtsinhalte auf Webseiten geladen, gefilmt, verlinkt, Apps erprobt und wieder verworfen hatten – eins blieb bis zur Rückkehr in die Schule frustrierend: Der fehlende Zugang vieler Schüler*innen zu angemessenen digitalen Arbeitsgeräten und ausreichend dimensionierten Internetzugängen. Bis zum Schluss war es schwierig, den Kontakt zu halten und so blieb oft nichts als das gute alte Telefon oder der persönliche Besuch mit physischer Materialausgabe. Uns war völlig klar, dass das keine geeigneten Voraussetzungen für einen gelingenden Fernunterricht sein konnten.

2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021

Noch im Schuljahr 2019/20 entschieden wir uns im Rahmen der Gesamtlehrerkonferenz, für alle Lerngruppen an der Anne-Frank-Schule Karlsruhe Moodle-Kurse anzulegen, auch, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar war, wie lange uns diese Pandemie im Griff behalten würde. Unser Motiv und unsere Vision war: Auch außerhalb von Pandemiezeiten ist es mehr als sinnvoll, das Lernen in den digitalen Raum zu erweitern und diesen zu nutzen, um Schüler*innen dabei zu begleiten, damit sie lernen sich sicher im zwischen all den Hyperlinks zu bewegen.

Über die Entscheidung für Moodle als Lernmanagementsystem (LMS) und den Weg zu unserer heutigen Struktur habe ich Ende des vergangenen Jahres einen Bericht für die GEW-Mitgliederzeitschrift b&w geschrieben. Hier ist er zu lesen. Das gesamte Heft gibt es hier.

Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation war die Entscheidung für eine konsequente Etablierung von Moodle als Lernmanagementsystem und die Fortbildung und Begleitung aller Kolleg*innen entscheidend für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang ins Fernlernen. Dass diese Entscheidung so fiel, war überhaupt nicht selbstverständlich. Alle Vorzeichen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 standen auf Präsenz um jeden Preis und angesichts von Kohortenbildung, Masken und Abstand eine Rückkehr zum lehrerzentrierten Unterricht. Dennoch gab es an der Anne-Frank-Schule einen pädagogischen Nachmittag zum Thema „Moodle“ für alle Lehrer*innen, es gab dazu eine Challenge in der Grundschule und im Rahmen der Einschulung Workshops für Eltern. Wir wollten alles tun, um Hürden abzubauen und allen Kindern die Teilhabe an digitalen Lernwelten zu eröffnen. Hinzu kam die Bestellung von digitalen Endgeräten, um diese als Leihgeräte zur Verfügung stellen zu können.

Um die Hürden für digital noch nicht so affine Kolleg*innen abzuräumen, entwickelten wir Musterkurse für verschiedene Szenarien: #Fernlernen, #Hybridunterricht und #Quarantäne. Für den Fall einer möglichen Schulschließung erarbeitete eine Gruppe von Kolleg*innen Grundprinzipien für den Distanzunterricht und außerdem Musterstundenpläne, die an den vom Kultusministerium herausgegebenen Qualitätskriterien Fernlernen orientiert sind:

Quelle: https://km-bw.de

3. Best Practise im Januar 2021

Aufgrund dieser Vorüberlegungen starteten wir am vergangenen Montag mit folgender Struktur in die 2. Phase des Fernlernens:

Stundenplan der Lerngruppe 5 basierend auf dem zuvor erarbeiteten Musterstundenplan Fernlernen

Zur Erläuterung möchte ich folgende Punkte bemerken:

  • Stundenplan bedeutet nicht, dass die Kinder tatsächlich die ganze Zeit Videokonferenzen haben. Da die Schüler*innen in Lerngruppe 5 noch sehr jung sind und eine verlässliche, von außen gegebene Struktur oft brauchen, sind zu diesen Zeiten Lernbegleiter*innen aus den jeweiligen Fächern ansprechbar: Per Videokonferenz oder per Chat in Moodle
  • Wichtig waren uns die Leitplanken im Tagesablauf. Auch im Präsenzunterricht der Gemeinschaftsschule wird spätestens in Lerngruppe 5 die Tages- und Lernplanung mithilfe des Lerntagebuches sukzessive angebahnt. Ziel ist es, dass die Kinder über das eigene Lernen nachdenken und sich Ziele setzen können, die sie planvoll anstreben.
  • Dabei gibt es so viel Freiheit wie möglich und so viel Struktur wie nötig.
  • Jeden Morgen treffen wir uns zum gemeinsamen virtuellen Tagesstart. Wir versorgen die beiden Lerngruppen in Jahrgang 5 gemeinsam als Team und haben so die Möglichkeit, dass wir uns mit den virtuellen Anwesenheiten der Lernbegleiter*innen gut abwechseln können.
  • Es gibt einen Wochenplan, in den alle Lernbegleiter*innen eintragen, was in der jeweiligen Woche zu erledigen ist.
  • Am Ende des Vormittags gibt es ein weiteres virtuelles Treffen, bei dem wir die Kinder fragen, was sie geschafft haben, ob es Probleme mit der Menge der Arbeitsaufträge gab und wie es ihnen gelungen ist, ihr Lernen zu dokumentieren. Rückmeldungen können natürlich immer auch über das virtuelle Lerntagebuch (Hier die Lehrer*innenansicht in Moodle) gegeben werden.
  • Freitags findet der virtuelle Klassenrat statt – Auch in Pandemizeiten nach bewährtem Ablauf mit Moderation durch die Schüler*innen: Positive Runde – Besprechung von Anliegen und Finden von Lösungen. Wir üben wertschätzende Sprache und würdigen Geleistetes.
  • Für den Tag und die gemeinsame Arbeit der Schüler*innen haben wir ständig verfügbare virtuelle Gruppenräume eingerichtet, in denen selbstständig und kooperativ gearbeitet werden kann.

Am Ende der Woche können wir bislang sagen: Die Struktur hat sich so bewährt. Natürlich lernen wir ständig hinzu und entwickeln uns weiter. Schule ist lernende Organisation und ich kann bis zum heutigen Tag sagen: Insbesondere in digitalen Belangen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten einen Entwicklungsschub gegeben, den niemand für möglich gehalten hätte. Lasst uns diesen Schub nutzen und pädagogische mit digitalen Belangen verknüpfen. Tragend sind hierfür die Grundgedanken der Gemeinschaftsschule: Vielfalt, Kooperation, Teamarbeit, wertschätzende Kommunikation, Blick auf den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft.

Barcamp GMS

am 6. Februar 2021 ab 14 Uhr

Anmeldung hier

Liebe Kolleg*innen, liebe Freund*innen der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg,

bald ist es soweit: am 6. Februar 2021 um 14 Uhr organisiert die Fachgruppe Gemeinschaftsschule der GEW Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V. ein digitales Barcamp mit dem Titel „Lebendige Gemeinschaftsschule“

Seit 2012 entstanden in Baden-Württemberg über 300 Gemeinschaftsschulen. Ganztägig, inklusiv, ohne Noten und im individuellen Tempo lernen – das pädagogische Konzept der Gemeinschaftsschulen ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was in den Schulen des gegliederten Systems praktiziert wurde und wird. Wo stehen die Gemeinschaftsschulen heute? Wie müsste unsere Schulart sein, damit sie ihrem Konzept und ihrem Namen gerecht wird? Wir möchten wissen, wie es euch geht und was euch bewegt. Wie können wir die Gemeinschaftsschule gemeinsam voranbringen? Wir, die Interessensvertreter*innen der Gemeinschaftsschule, sind gespannt auf eure Ideen. 

Im Rahmen des Formats Barcamp habt ihr die Gelegenheit, eure eigenen Themen einzubringen. Nach einem gemeinsamen Input von Volker Arntz, Schulleiter der Schulpreisträgerschule in Durmersheim, bekommt ihr in einem ersten Sessionblock die Gelegenheit, in Austausch und Kontakt zu kommen. Danach wird Doro Moritz über die Entwicklung der Gemeinschaftsschulen berichten und im Dialog mit Matthias-Wagner Uhl über die politische Wetterlage für unsere Schulart in Baden-Württemberg sprechen. In einem zweiten Sessionblock gibt es erneut die Gelegenheit zum Nach- und Mitdenken, bevor es ab 17 Uhr in die Diskussion mit politischen Vertreter*innen geht. 

Jede*r kann und darf Sessiongeber*in sein. Wir freuen uns sehr auf eure Vorschläge. Zur Vereinfachung der Planung wäre es hilfreich, wenn ihr euch bis zum 1. Februar 2021 hier eintragen könntet: http://bit.ly/390fuh2 Dort wird auch erklärt, was ein Barcamp ist und wie es funktioniert.

Herzliche Grüße aus dem Orga-Team

Susanne Posselt, Mira Hartwig und Ulrike Felger

Das #Twitterlehrerzimmer

Das #Twitterlehrerzimmer hat mich im letzten Jahr in vielerlei Hinsicht angesichts der vielfältigen Herausforderungen einer Schule unter Pandemiebedingungen gerettet. Hier konnte ich schnell und unbürokratisch Antworten auf meine vielen Fragen finden, konnte Netzwerke mit physischem Abstand knüpfen und manchmal auch einfach nur meinen Frust loswerden. Nachdem ich mich im Dezember an einer Videoaktion des Netzlehrers Bob Blume unter dem Hashtag #hörtunszu beteiligt hatte, um auf die Situation in der Schule aufmerksam zu machen, wurde der Beitrag im ARD-Magazin Panorama gezeigt. Daraufhin meldete sich der Bildungsjournalist und „Pisaversteher“ Christian Füller mit einem spannenden Projekt bei mir: Er wollte einen Artikel über dieses virtuelle Lehrerzimmer schreiben, bei dem das #Twitterlehrerzimmer selbst mitschreiben sollte. Gab es so etwas je? Kaum vorstellbar. Danke für den spannenden und impulsgebenden Austausch @ciffi. Der Artikel ist fertig:

Christian Füller in der Berliner Zeitung: Die junge Digitalavantgarde: Willkommen im Twitterlehrerzimmer

Selbstbildung

Gedanken zu Bildung und Erziehung

Eigentlich müsste hier ein Beitrag über meine Rückkehr in die Schule@Schule zu Beginn dieser Woche und die Begegnung mit meinen Schüler*innen nach endlos erscheinender mehrwöchiger Schule@Home stehen. Gewachsen sind sie. Verändert haben sie sich. Am Montag waren sie teils still, teils laut, teils nachdenklich, teils verunsichert. Wir mussten uns erst wieder an das Zusammensein unter veränderten Bedingungen gewöhnen, neue Formen des Lernens finden und diese erneute Herausforderung für uns annehmen. Annehmen, dass man sich nicht umarmen darf, nicht freudig begrüßen, nicht in der gesamten Gruppe sein darf. Es ist alles anders und es ist auch schwer. Zum Glück muss man an solchen schweren Zeiten nicht zwangsläufig verzweifeln. Man kann auch daran wachsen. Nicht nur äußerlich, auch innerlich. Irgendjemand hat in meiner Studienzeit einmal gesagt: Bildung kann auch weh tun. Und trotzdem wächst man. Wird größer, weiser, wirksamer und mutiger. Vielleicht auch gerade deshalb. Gegen Ende der Woche hatten wir uns daran gewöhnt. Ans Abstand halten, an die Gruppe, ans Rücksicht nehmen aufeinander. Wir hatten wieder in die gemeinsame Arbeit hineingefunden.

Durch meinen intensiven Austausch über virtuelle Netzwerke (z.B. das #Twitterlehrerzimmer ) und meine Teilnahme am Hackathon #WirFuerSchule und am Barcamp #Digitalitaet20 habe ich in den letzten Wochen oft darüber nachgedacht, wie ich eigentlich zu der Haltung gekommen bin, die ich heute vertrete. Deshalb habe ich beschlossen, zwei Begriffe näher zu beleuchten, die mich seit meiner Studienzeit immer wieder beschäftigen:

Ich bin in meiner Zeit an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe eine eher ungewöhnliche Studentin gewesen, da ich diesen Weg erst gegangen bin, als ich schon vier Kinder hatte und mit den Institutionen, die sich mit Bildung und Erziehung von Kindern beschäftigen, bereits auf unterschiedliche Weise in Berührung gekommen war. Meine Kinder waren seinerzeit zwar noch recht klein, aber ihr Aufwachsen und ihre Entwicklung zu beobachten, hat in mir den Wunsch und die Überzeugung wachsen lassen, mehr über diese vielfach inflationär gebrauchten Begriffe Bildung und Erziehung wissen zu wollen, nicht nur theoretisch, auch, weil ich meine und andere Kinder gut in ihrem Großwerden begleiten wollte. Immer noch bin ich der Überzeugung, dass Theorie und Praxis sich hier viel mehr gegenseitig befruchten müssten, dass das, was man über das gute Aufwachsen von Kindern herausgefunden hat, in die Praxis der Schulen und der Familien Eingang finden müsste. Man muss doch nicht alle Fehler, von denen man durch intensive Forschung weiß, dass sie Fehler sind, immer wieder machen.

Einige Sätze, die mir aus meinem Studium in Erinnerung geblieben sind, und die mich seither in vielen Situationen meines Lehrerinnendaseins und auch des Mutterdaseins begleiten, möchte ich hier festhalten:

  1. Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen und bedarf der Bildung.
  2. Bildung ereignet sich nicht von selbst, sondern bedarf der erzieherischen Unterstützung.
  3. Ziel von Erziehung ist Mündigkeit – die mündige Teilnahme in sozialer Verantwortung an der gesellschaftlichen Gesamtpraxis.
  4. Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Der Mensch ist Subjekt, nicht Objekt, und gestaltet etwas aus sich selbst heraus in steter Wechselwirkung mit der Welt.

Zu 1. Dass der Mensch ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen ist, konnte man wohl noch nie deutlicher wahrnehmen als in dieser Zeit der erzwungenen sozialen Distanz. Man darf keine Gemeinschaft, zumindest nicht in körperlicher Nähe, pflegen und das fällt uns unendlich schwer. Uns, den reflektierten, vernünftigen und uns stets prüfenden Erwachsenen gelingt es schon kaum und erst recht den Jugendlichen, deren ganze Entwicklung auf Gemeinschaft hin zielt. Manchen ist es ist es in der Zeit der Kontaktverbote nicht gelungen, auf ihre Treffen in der Peergroup zu verzichten. Bei manchen sind deshalb Bußgeldbescheide an die Eltern im Briefkasten gelandet. Denn auf Gemeinschaft hin angelegt zu sein, bedeutet auch, Rücksicht zu nehmen, im Blick zu behalten, was für andere gut und wichtig ist, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen. Und so kommt es, dass das im Menschen angelegte Bedürfnis nach Gemeinschaft so reguliert werden muss, dass anderen in der Gemeinschaft lebenden Menschen nicht geschadet wird. Das geht nur durch eine vernünftige und bewusste Entscheidung, die am Ende wohl das Ergebnis eines längeren Bildungsprozesses ist.

So ergibt sich aus dem 1. der 2. Satz; Bildung bedarf der erzieherischen Unterstützung. Über das „Wie“ dieser Unterstützung wird wohl seit Jahrhunderten, in den letzten Jahrzehnten aber zunehmend, gestritten. Festzustellen ist, dass in einer Zeit, in der individuelle Selbstverwirklichung oberste Priorität hat und Kinder nicht selten hinter persönlichen Prioritäten das Nachsehen haben, kein gesellschaftlicher Konsens mehr über die Ziele von Erziehung herrscht. Natürlich möchte niemand zurück zu einer autoritären Erziehung, die im 19. Jahrhundert noch das Ziel hatte, Kinder zu folgsamen Soldaten heranzuziehen. Doch was dann? Die antiautoritäre Bewegung der 68er-Generation hat Erziehung zum Unwort werden lassen. Aus dieser Zeit stammen Begriffe wie Antipädagogik und es gibt nach wie vor eine große Community, die sich gegen jegliche Form von Erziehung ausspricht und sich selbst unerzogen nennt. Über Erziehung könnte man also ganze Bücher schreiben. In der Schule fällt immer wieder auf, dass manche Kinder sich mit der Rücksichtnahme auf andere sehr schwer tun, weil sie selbst in ihren Familien im Zentrum aller Bemühungen stehen und offene Kindergartenkonzepte die Selbstbestimmung über eine eben manchmal auch notwendige Anpassung an Gruppenregeln stellen. Lehrer*innen wissen: Ein Kind kann eine ganze Gruppe sprengen. In einer Schule, nicht nur aufgrund von Ressourcen lediglich ein gruppenbezogenes Bildungsangebot machen kann, sind wir darauf angewiesen, dass Kinder ein gewisses Maß an Gemeinschaftsfähigkeit mitbringen.

Denn, und hier kommt der 3. Satz ins Spiel: Erziehung ist kein Selbstzweck: Sie zielt auf den etwas altertümlichen Begriff der Mündigkeit ab. Immanuel Kant schrieb 1784 in seinem berühmten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude!‘ Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)

Junge Menschen sollen durch Erziehung in die Lage versetzt werden, ihr Leben in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung zu gestalten, indem sie für sich selbst sorgen und ihre eigene Meinung vertreten können. Dies soll stets unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Interessen als Korrektiv geschehen, denn Ziel Erziehung und von Schule ist am Ende auch Demokratiefähigkeit, um die Grundfesten unseres Zusammenlebens nicht in Frage stellen zu müssen.

4. ist für mich schlussendlich aber die wichtigste Erkenntnis des Studiums und hat sich durch Beobachtungen in der Praxis vielfach bestätigt: Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Man kann nicht „gebildet werden“. Es ist notwendig, selbst aktiv in diesen Prozess einzutreten. Jede(r) Lehrer*in kennt das: Wer nicht will, den kann man nur schwer zum Wollen bringen. Natürlich ist es unser tägliches Geschäft, zu motivieren und Überzeugungsarbeit zu leisten, dass dieses „Wollen“ für einen erfolgversprechenden Weg in die Zukunft unerlässlich ist. Man muss jedoch aufpassen, dass man die in der Schule zu vermittelnde Bildung nicht nur im Hinblick auf Abschlüsse denkt. Denn dann wäre es eher eine „Aus“ (im Sinne von „fertig“) Bildung, die auf ihr eigenes Ende hin ausgerichtet ist und junge Menschen eben nicht zu dem befähigt, was mit wahrer Bildung gemeint ist: Ihr Leben in die Hand zu nehmen, herauszufinden, welche Begabungen sie haben und mit diesem Schatz aus dem, was die eigenen Lebensumstände bieten, immer wieder das Beste zu machen. Nie aufzugeben, sich nicht entmutigen zu lassen und stets nach vorne zu schauen und neue Ziele in den Blick zu nehmen. Lebenslang.

So kommt es, dass im Grunde genommen wir als Lehrer*innen diese Haltung vorleben müssen. Wir müssen durch unser eigenes Handeln zeigen, dass auch wir stets bereit sind, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und an ihnen zu wachsen.

Welche Bedeutung diese Selbstbildung hat, ist wahrscheinlich kaum je so sichtbar geworden, wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Positiv wurde von jenen Lehrer*innen Notiz genommen, die nach den plötzlichen Schulschließungen das Heft selbst in die Hand genommen hatten und ihren, in diesem Fall meist digitalen, Bildungsprozess mutig verfolgten: Sie erstellten Homepages, eröffneten Twitter-Kanäle, drehten Lernvideos, arbeiteten sich in Videokonferenzsysteme ein, beschafften Hardware für ihre Schüler*innen, leisteten Stunde um Stunde Support via Telefon und Video, knüpften digitale Netzwerke zwischen Schüler*innen, damit die sich gegenseitig unterstützen konnten, sprachen Eltern Mut zu und halfen sich gegenseitig in ihren Teams, um dieser Krise die Stirn bieten zu können. Sie lebten vor, was Ziel von Erziehung sein muss: Mündigkeit. Angesichts der Tatsache, dass es von den Kultusbehörden keine Konzepte gab, nahmen sie ihren Auftrag weiterhin ernst und ihr Schicksal in die Hand, indem sie Lehrerselbstbildung anstelle von Lehrerbildung betrieben. Gut durch die Krise kamen auch jene Kinder und Jugendlichen, die über die Fähigkeit verfügten, dranzubleiben, (im Zweifel virtuellen) Kontakt zu suchen und für sich selbst ein Ziel formulieren konnten: Sie erfuhren oft auch Selbstwirksamkeit, indem sie anderen erklären konnten, was eine URL ist, wie man den Browser aktualisiert und wo man in Moodle wichtige Informationen findet.

Ich wünsche mir, dass wir diese Erkenntnisse ins Zentrum von Schule stellen, dass wir nie aus den Augen verlieren, worum es eigentlich geht: Junge Menschen ins Erwachsensein zu führen, indem wir sie handlungsfähig machen und ihnen zumuten und zutrauen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Begleitet.

Mit Dank an Prof. Dr. Rainer Bolle, der mich stets bestärkt hat, diese Haltung zu leben und Prof. Dr. Liselotte Denner, die mir gezeigt hat, dass es möglich ist, eine solche Haltung im Schulalltag umzusetzen.

Doppelkopf

Hauptschulabschluss unter Coronabedingungen.
Oder: Warum man nicht auf zwei Hochzeiten tanzen kann

Normalerweise bin ich Klassenlehrerin einer siebten Klasse mit verschiedenen Fächern, individuellen Lernzeiten und Coaching, unterrichte außerdem Religion in mehreren Klassenstufen und bin Mitglied des Örtlichen Personalrats. Ich bin sehr gerne Lehrerin und nicht nur digital affin sondern auch in anderen Bereichen durchaus innovations- und lernbereit.

Seit Montag bin ich wieder im Präsenzunterricht, allerdings nicht in der Klasse, die ich als Klassenlehrerin begleite, sondern vertretungsweise in einer 9. Klasse, die kurz vor der Hauptschulabschlussprüfung steht. Ich weiß ja nicht, ob es im Schatten der alles bestimmenden Abiturdiskussion irgendjemand zur Kenntnis genommen hat: In diesem Jahr schreiben die Neuntklässler in Baden-Württemberg erstmals die novellierte Abschlussprüfung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Während die Hauptschulabschlussprüfung im Fach Deutsch in den letzten Jahren ihren Schwerpunkt hauptsächlich im Bereich Leseverstehen hatte und die Schüler*innen allenfalls Verständnisfragen zu Sachtexten in einzelnen Sätzen und in Form von Ankreuzaufgaben beantworten mussten und sonst nur eine sehr überschaubare und gut zu bewältigende Schreibaufgabe zu bearbeiten hatten, hat sich der Fokus nun völlig auf die Themenkomplexe Schreibkompetenz (die natürlich Lesekompetenz voraussetzt), Grammatik und Sprachwissen (diese beinhaltet den Bereich Orthografie, allerdings muss man hier nicht nur richtig schreiben können, sondern auch wissen, warum man was wie schreibt) verschoben. Die Schüler*innen müssen verpflichtend eine Ganzschrift lesen, in diesem Fall ein sprachgewaltiger Jugendroman, der wörtliche Rede verwendet, ohne diese zu markieren, und dazu Verständnisfragen in vollständigen, selbst formulierten Sätzen beantworten. Sie müssen neuerdings außerdem entweder eine richtige Textbeschreibung (wahlweise eines Prosa- oder eines lyrischen Textes) anfertigen oder in Form einer linearen Erörterung Stellung nehmen. Allein der zeitliche Umfang dieser Aufgaben stellt viele der Schüler*innen vor ein schier unlösbares Problem.

Nun müssen sie sich nach sieben Wochen ohne Präsenzschule mit einer ihnen weitgehend unbekannten Lehrerin und in einer auseinandergerissenen Kleingruppe im frontalen Einzelunterricht im Schnelldurchlauf noch einmal mit all diesen Themen auseinandersetzen.

Mein Fazit nach einer Woche in einem derartigen Präsenzunterricht in Kombination mit Fernunterricht: Es ist aufreibend. Und nahezu unlösbar. Man unterschätzt zum Beispiel die Reibungsverluste, die durch die Kommunikation mit mehreren beteiligten Akteuren entstehen: Ich vertrete eine Kollegin in der 9. Abschlussklasse im Fach Deutsch. Da ich mich auch noch um meine eigentliche Klasse kümmern muss und will, ist eine dritte Kollegin dabei. Drei Lehrerinnen stimmen sich also fast täglich über Inhalte und Rückmeldungen der Schüler*innen ab. Virtuell und persönlich (natürlich mit Abstand). Da ich normalerweise nicht in der Abschlussklasse unterrichte, musste ich mich in kürzester Zeit komplett neu einarbeiten – inklusive Durcharbeiten der verpflichtenden Prüfungslektüre. Um die Kommunikation zwischen den Schüler*innen, die ja neben dem sehr reduzierten Vormittagsunterricht auch noch zu Hause arbeiten müssen, und den Kolleginnen zu vereinfachen, haben wir einen Moodle-Kurs aufgesetzt, wo sie im Sinne eines „Blended Learning“ verschiedene Lernangebote zu den Prüfungsthemen finden und miteinander und mit den Lehrerinnen in Kontakt treten können.

Ich habe in den letzten Tagen nun einiges an Zeit investiert, um den Abschlussschüler*innen die Funktionsweise der Lernplattform Moodle zu erklären, damit wir sie auch in den Ferien noch gut unterstützen können. Dazu haben wir sogar das Smartphone an den Beamer angeschlossen, um einige Besonderheiten der Moodle-App zu veranschaulichen. Eine wichtige Erkenntnis, die ich in diesem Zusammenhang hatte, ist folgende: In dieser Zeit sieht man besonders, was wirkliche digitale Kompetenz ist und was in der Vergangenheit offenbar nicht für wichtig genug gehalten wurde, um es als selbstverständlichen Unterrichtsinhalt zu etablieren: was ist eine URL? Was ist ein Browser? Wie aktualisiert man den? Warum muss man Benutzernamen und Passwörter korrekt schreiben? Wie lädt man ein Bild auf eine Lernplattform? Wohlgemerkt: Ich spreche hier von 15-jährigen Abschlussschülern, die teilweise in den letzten Wochen erst gelernt haben, wie man sich eine E-Mail-Adresse anlegt, wo man diese E-Mails auf dem Smartphone wiederfindet, wie man sie beantwortet (nicht im Betreff!) und wie man eine Bilddatei als E-Mail-Anhang verschickt.

Natürlich halte ich diese Aufgabe für überaus wichtig. Ich bin es als nun eben anwesende und verantwortliche Lehrerin den Neuntklässlern schuldig, dass sie im Rahmen meiner Möglichkeiten bestmöglich auf diesen Abschluss vorbereitet werden. Und natürlich will ich das nicht im Alleingang tun, sondern ihre gewohnte Lehrerin so gut wie möglich in diesen Prozess mit einbeziehen. Trotzdem fühle ich mich zerrissen. Dadurch, dass ich meine eigentlichen Schüler*innen nicht mehr täglich in Videokonferenzen sehe oder mit ihnen telefonieren kann, drohe ich sie zu verlieren. Zwar vertritt mich eine Kollegin, die nicht im Präsenzunterricht ist, der fehlt jedoch die tragfähige Beziehung, die ich als Klassenlehrerin habe. Und hier wird allen Beteiligten schmerzlich bewusst, dass Lernen auch bei Schüler*innen der Sekundarstufe eben nicht durch eine reine Bereitstellung von Wissensinhalten erfolgt, sondern Ergebnis einer gewachsenen Lernbeziehung ist.

Nun arbeiten wir zeitgleich Konzepte für eine weitere Schulöffnung mit Anwesenheit der Klassen im Rotationsprinzip aus. In auseinandergerissenen Kleingruppen. Mit 30 Prozent weniger Kolleg*innen. Da werden möglicherweise Erst- und Zweitklässler im Präsenzunterricht in Kleingruppen mit 1,5 Meter Abstand von Kolleg*innen aus der Sekundarstufe unterrichtet, die nun unter Umständen Buchstabeneinführungen machen müssen.

Gleichzeitig sollen und müssen wir alle den Kontakt zu denen halten, die im Wechsel zu Hause weiterlernen. Man kann aber bekanntlich nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Für tragfähige hybride Konzepte fehlt es an Ausstattung und Wissen auf allen Seiten. Das Internet in der Schule bricht zusammen, sobald mehrere Personen online sind. Den Schüler*innen zu Hause fehlen Geräte und digitale Kompetenz, mit diesen umgehen zu können. In der Schule dürfen die Schüler*innen nicht ins pädagogische WLAN, damit wir ihnen an ihren Geräten zeigen können, wie sinnvolle und notwenige Apps funktionieren und wie man diesen leistungsfähigen Miniatur-Computer namens „Smartphone“ für Lernzwecke und Videokonferenzen benutzen kann.

Da dieser Zustand vermutlich noch weit bis ins nächste Schuljahr andauern wird, stellt sich für mich die Frage, in welche Anstrengungen wir unsere Energie investieren sollen. Wäre es nicht sinnvoll, für eine wirklich ausreichende digitale Ausstattung zu sorgen, um zumindest die älteren Schüler*innen zum nachhaltigen Fernlernen zu befähigen und dafür die Notbetreuung für die Kleineren so auszubauen, dass sie zu den Kolleg*innen in der Präsenzschule eine tragfähige Beziehung entwickeln können? Und das bitte nicht im 14-tägigen Wechsel? Wenn wir es nämlich so machen, wie es momentan geplant ist, werden nicht nur die Reibungsverluste den Nutzen bei weitem übersteigen sondern auch berufstätige Eltern von den kleineren Kindern in keinster Weise entlastet werden. Wir brauchen entlastende Konzepte für Kindertagesstätten und Grundschulen, wir brauchen eine pädagogisch sinnvolle und tragfähige Notbetreuung für Kinder und Jugendliche, die über digitale Lernkonzepte nicht gut erreicht werden und darüber hinaus brauchen wir vor allem Investitionen in die digitale Ausstattung der Schulen und der dort lernenden Schüler*innen, damit zukunftsfähige Lernkonzepte sinnvoll genutzt werden können.

Ich werde natürlich weiterhin mein Bestes geben, um die mir anvertrauten Schüler*innen gut begleiten zu können. Allerdings werde ich Grenzen ziehen müssen. Nun bin ich glücklicherweise nicht mehr in der Lage, gleichzeitig zum entgrenzten Lehrerberuf in diesen Zeiten auch noch kleine Kinder betreuen zu müssen. Allerdings brauchen auch Lehrer*innen Schlaf, Erholung, Bewegung und hin und wieder Ablenkung vom Alltagsgeschäft, um ihre Gesundheit zu erhalten.

Verehrte Entscheidungsträger, fragen Sie doch bitte bei den pädagogischen Akteuren nach, bevor Sie den Eltern Konzepte anbieten, die letztlich keine große Hilfe in der derzeitigen Situation sind. Wir hätten da schon ein paar Ideen.

Tanz in den Mai

Am Montag geht es wieder los: Die Schule sieht wieder Schüler. Ich gehe wieder in die Schule. Dort stehe ich wieder als Lehrerin vor realen Schülern in einem wirklich existierenden Klassenzimmer. Back2School. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Ferienende der großen Sommerferien.

Nur, dass diesmal alles anders ist.

Fünf Wochen Fernunterricht werden dann hinter mir liegen. Plus zwei Wochen Ferien. Macht sieben Wochen ohne. Sieben Wochen ohne Schüler*innen, aber mit unerwartet viel Arbeit, einem erstaunlich hohen Lernzuwachs in digitalen Belangen und Ferien, die keine Ferien waren, weil wir den Kontakt zu unseren Schüler*innen aufrechterhalten haben. Wir haben in nur sieben Wochen ein umfangreiches Fernlernkonzept erarbeitet, mit Wochen-, Tages- und Stundenplänen, Videokonferenzen, vielfältigen Kommunikationswegen, virtuellen Kooperationsformen und enormen Lernzuwächsen auch bei manchen Schüler*innen. Manche drohen wir allerdings zu verlieren. Beziehung auf Distanz will nur schwer gelingen. Sie kann den direkten Kontakt nicht ersetzen. Deshalb ist es sicher für manche gut, wenn wir den Raum wieder teilen.

Die Klasse, vor der ich am Montag stehen werde, wird eine sein, die ich normalweise nicht unterrichte. In einem Raum, der nicht mein Klassenzimmer ist. Die Gruppe im Lerngruppenraum wird unvollständig sein. Geteilt. Es sind bloß 11 Schüler*innen pro Gruppe. Mit Abstand. An Einzeltischen. Und Maske, wenn der Abstand nicht einzuhalten ist. Oder Spuckschutz. Was für ein Wort.

Am Montag dürfen nur jene in die Schule zurückkehren, die demnächst eine Abschlussprüfung abzulegen haben. Und weil es derzeit noch nicht abschätzbar ist, wie gefährlich dieses Zusammentreffen in der Gruppe – wenn auch mit Abstand – sein könnte, dürfen manche Lehrer*innen nicht unterrichten. Deshalb werden die Schüler*innen jetzt teilweise von Lehrer*innen zum Abschluss begleitet, die sie gar nicht kennen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass wir jetzt tanzen müssen. Mit dem Virus. Wir müssen schauen, wie viel Kontakt möglich ist, ohne dass die Fallzahlen wieder in die Höhe schnellen. Das kann auch bedeuten, dass der uns noch unbekannte Tanz, der am Montag beginnt, aus dem Rhythmus gerät. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Dennoch: Es ist ein Hoffnungsschimmer. Wir tanzen zur Musik, die uns Flügel verleihen wird. Lasst uns um unser Leben und unsere Freiheit tanzen. Alles neu macht der Mai!