Zu Gast bei @derEduTalk

Am 4. Februar 2021 war ich zu Gast beim Edu-Talk. Dort habe ich über die Entwicklung unserer Schule (nicht nur) im vergangenen Jahr gesprochen und wie wir es geschafft haben, mit Landeslösungen einen wichtigen Schritt in Richtung „gelingender Distanzunterricht“ mit Mehrwert für den Präsenzunterricht zu gehen. #Moodle mag sperrig sein, eignet sich aber durchaus für die Organisation von digitalen Lernumgebungen. Welche Faktoren sonst noch eine Rolle gespielt haben, erfahrt ihr im Edu-Talk.

Edu-Talk

Am kommenden Donnerstag, den 4.2.2021, bin ich zu Gast beim Edu-Talk, der von Jan Albrecht, Martin Fritze und Moritz Zeman moderiert wird. Ich spreche dort über digitale Schulentwicklung insgesamt und an unserer Gemeinschaftsschule in Zeiten von Corona.

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#Fernlernen

Eine Chronik

Ein knappes Jahr nach der letzten #Schulschließung sind wir am vergangenen Montag in die zweite Runde #Fernlernen gegangen. Ich nenne es nicht #Homeschooling, weil mit diesem Begriff andere Konzepte verbunden sind. Da ich immer mal wieder gefragt werde, „wie wir das denn so machen“, will ich hier einen kurzen Abriss unseres Konzeptes geben, das sich für uns bislang bewährt hat. Die Überlegungen, die zu diesem Konzept geführt haben, möchte ich in folgenden Abschnitten chronologisch vorstellen:

  1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020
  2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021
  3. Best Practise im Januar 2021

1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020

Die Schulschließung im März 2020 hatte uns alle kalt erwischt. An unserer Gemeinschaftsschule gab es zwar schon digitale Plattformen, Moodle wurde als „Materialllager“ vorwiegend für die Sekundarstufe genutzt, die Nutzung für die Primarstufe war angedacht, jedoch noch nicht wirklich umgesetzt.

Auch, wenn meine Kollegin Katrin Wahlich und ich uns gleich zu Beginn der Schulschließung ins digitale Abenteuer gestürzt hatten, Videokonferenzsysteme ausprobiert, Unterrichtsinhalte auf Webseiten geladen, gefilmt, verlinkt, Apps erprobt und wieder verworfen hatten – eins blieb bis zur Rückkehr in die Schule frustrierend: Der fehlende Zugang vieler Schüler*innen zu angemessenen digitalen Arbeitsgeräten und ausreichend dimensionierten Internetzugängen. Bis zum Schluss war es schwierig, den Kontakt zu halten und so blieb oft nichts als das gute alte Telefon oder der persönliche Besuch mit physischer Materialausgabe. Uns war völlig klar, dass das keine geeigneten Voraussetzungen für einen gelingenden Fernunterricht sein konnten.

2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021

Noch im Schuljahr 2019/20 entschieden wir uns im Rahmen der Gesamtlehrerkonferenz, für alle Lerngruppen an der Anne-Frank-Schule Karlsruhe Moodle-Kurse anzulegen, auch, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar war, wie lange uns diese Pandemie im Griff behalten würde. Unser Motiv und unsere Vision war: Auch außerhalb von Pandemiezeiten ist es mehr als sinnvoll, das Lernen in den digitalen Raum zu erweitern und diesen zu nutzen, um Schüler*innen dabei zu begleiten, damit sie lernen sich sicher im zwischen all den Hyperlinks zu bewegen.

Über die Entscheidung für Moodle als Lernmanagementsystem (LMS) und den Weg zu unserer heutigen Struktur habe ich Ende des vergangenen Jahres einen Bericht für die GEW-Mitgliederzeitschrift b&w geschrieben. Hier ist er zu lesen. Das gesamte Heft gibt es hier.

Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation war die Entscheidung für eine konsequente Etablierung von Moodle als Lernmanagementsystem und die Fortbildung und Begleitung aller Kolleg*innen entscheidend für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang ins Fernlernen. Dass diese Entscheidung so fiel, war überhaupt nicht selbstverständlich. Alle Vorzeichen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 standen auf Präsenz um jeden Preis und angesichts von Kohortenbildung, Masken und Abstand eine Rückkehr zum lehrerzentrierten Unterricht. Dennoch gab es an der Anne-Frank-Schule einen pädagogischen Nachmittag zum Thema „Moodle“ für alle Lehrer*innen, es gab dazu eine Challenge in der Grundschule und im Rahmen der Einschulung Workshops für Eltern. Wir wollten alles tun, um Hürden abzubauen und allen Kindern die Teilhabe an digitalen Lernwelten zu eröffnen. Hinzu kam die Bestellung von digitalen Endgeräten, um diese als Leihgeräte zur Verfügung stellen zu können.

Um die Hürden für digital noch nicht so affine Kolleg*innen abzuräumen, entwickelten wir Musterkurse für verschiedene Szenarien: #Fernlernen, #Hybridunterricht und #Quarantäne. Für den Fall einer möglichen Schulschließung erarbeitete eine Gruppe von Kolleg*innen Grundprinzipien für den Distanzunterricht und außerdem Musterstundenpläne, die an den vom Kultusministerium herausgegebenen Qualitätskriterien Fernlernen orientiert sind:

Quelle: https://km-bw.de

3. Best Practise im Januar 2021

Aufgrund dieser Vorüberlegungen starteten wir am vergangenen Montag mit folgender Struktur in die 2. Phase des Fernlernens:

Stundenplan der Lerngruppe 5 basierend auf dem zuvor erarbeiteten Musterstundenplan Fernlernen

Zur Erläuterung möchte ich folgende Punkte bemerken:

  • Stundenplan bedeutet nicht, dass die Kinder tatsächlich die ganze Zeit Videokonferenzen haben. Da die Schüler*innen in Lerngruppe 5 noch sehr jung sind und eine verlässliche, von außen gegebene Struktur oft brauchen, sind zu diesen Zeiten Lernbegleiter*innen aus den jeweiligen Fächern ansprechbar: Per Videokonferenz oder per Chat in Moodle
  • Wichtig waren uns die Leitplanken im Tagesablauf. Auch im Präsenzunterricht der Gemeinschaftsschule wird spätestens in Lerngruppe 5 die Tages- und Lernplanung mithilfe des Lerntagebuches sukzessive angebahnt. Ziel ist es, dass die Kinder über das eigene Lernen nachdenken und sich Ziele setzen können, die sie planvoll anstreben.
  • Dabei gibt es so viel Freiheit wie möglich und so viel Struktur wie nötig.
  • Jeden Morgen treffen wir uns zum gemeinsamen virtuellen Tagesstart. Wir versorgen die beiden Lerngruppen in Jahrgang 5 gemeinsam als Team und haben so die Möglichkeit, dass wir uns mit den virtuellen Anwesenheiten der Lernbegleiter*innen gut abwechseln können.
  • Es gibt einen Wochenplan, in den alle Lernbegleiter*innen eintragen, was in der jeweiligen Woche zu erledigen ist.
  • Am Ende des Vormittags gibt es ein weiteres virtuelles Treffen, bei dem wir die Kinder fragen, was sie geschafft haben, ob es Probleme mit der Menge der Arbeitsaufträge gab und wie es ihnen gelungen ist, ihr Lernen zu dokumentieren. Rückmeldungen können natürlich immer auch über das virtuelle Lerntagebuch (Hier die Lehrer*innenansicht in Moodle) gegeben werden.
  • Freitags findet der virtuelle Klassenrat statt – Auch in Pandemizeiten nach bewährtem Ablauf mit Moderation durch die Schüler*innen: Positive Runde – Besprechung von Anliegen und Finden von Lösungen. Wir üben wertschätzende Sprache und würdigen Geleistetes.
  • Für den Tag und die gemeinsame Arbeit der Schüler*innen haben wir ständig verfügbare virtuelle Gruppenräume eingerichtet, in denen selbstständig und kooperativ gearbeitet werden kann.

Am Ende der Woche können wir bislang sagen: Die Struktur hat sich so bewährt. Natürlich lernen wir ständig hinzu und entwickeln uns weiter. Schule ist lernende Organisation und ich kann bis zum heutigen Tag sagen: Insbesondere in digitalen Belangen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten einen Entwicklungsschub gegeben, den niemand für möglich gehalten hätte. Lasst uns diesen Schub nutzen und pädagogische mit digitalen Belangen verknüpfen. Tragend sind hierfür die Grundgedanken der Gemeinschaftsschule: Vielfalt, Kooperation, Teamarbeit, wertschätzende Kommunikation, Blick auf den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft.

Doppelkopf

Hauptschulabschluss unter Coronabedingungen.
Oder: Warum man nicht auf zwei Hochzeiten tanzen kann

Normalerweise bin ich Klassenlehrerin einer siebten Klasse mit verschiedenen Fächern, individuellen Lernzeiten und Coaching, unterrichte außerdem Religion in mehreren Klassenstufen und bin Mitglied des Örtlichen Personalrats. Ich bin sehr gerne Lehrerin und nicht nur digital affin sondern auch in anderen Bereichen durchaus innovations- und lernbereit.

Seit Montag bin ich wieder im Präsenzunterricht, allerdings nicht in der Klasse, die ich als Klassenlehrerin begleite, sondern vertretungsweise in einer 9. Klasse, die kurz vor der Hauptschulabschlussprüfung steht. Ich weiß ja nicht, ob es im Schatten der alles bestimmenden Abiturdiskussion irgendjemand zur Kenntnis genommen hat: In diesem Jahr schreiben die Neuntklässler in Baden-Württemberg erstmals die novellierte Abschlussprüfung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Während die Hauptschulabschlussprüfung im Fach Deutsch in den letzten Jahren ihren Schwerpunkt hauptsächlich im Bereich Leseverstehen hatte und die Schüler*innen allenfalls Verständnisfragen zu Sachtexten in einzelnen Sätzen und in Form von Ankreuzaufgaben beantworten mussten und sonst nur eine sehr überschaubare und gut zu bewältigende Schreibaufgabe zu bearbeiten hatten, hat sich der Fokus nun völlig auf die Themenkomplexe Schreibkompetenz (die natürlich Lesekompetenz voraussetzt), Grammatik und Sprachwissen (diese beinhaltet den Bereich Orthografie, allerdings muss man hier nicht nur richtig schreiben können, sondern auch wissen, warum man was wie schreibt) verschoben. Die Schüler*innen müssen verpflichtend eine Ganzschrift lesen, in diesem Fall ein sprachgewaltiger Jugendroman, der wörtliche Rede verwendet, ohne diese zu markieren, und dazu Verständnisfragen in vollständigen, selbst formulierten Sätzen beantworten. Sie müssen neuerdings außerdem entweder eine richtige Textbeschreibung (wahlweise eines Prosa- oder eines lyrischen Textes) anfertigen oder in Form einer linearen Erörterung Stellung nehmen. Allein der zeitliche Umfang dieser Aufgaben stellt viele der Schüler*innen vor ein schier unlösbares Problem.

Nun müssen sie sich nach sieben Wochen ohne Präsenzschule mit einer ihnen weitgehend unbekannten Lehrerin und in einer auseinandergerissenen Kleingruppe im frontalen Einzelunterricht im Schnelldurchlauf noch einmal mit all diesen Themen auseinandersetzen.

Mein Fazit nach einer Woche in einem derartigen Präsenzunterricht in Kombination mit Fernunterricht: Es ist aufreibend. Und nahezu unlösbar. Man unterschätzt zum Beispiel die Reibungsverluste, die durch die Kommunikation mit mehreren beteiligten Akteuren entstehen: Ich vertrete eine Kollegin in der 9. Abschlussklasse im Fach Deutsch. Da ich mich auch noch um meine eigentliche Klasse kümmern muss und will, ist eine dritte Kollegin dabei. Drei Lehrerinnen stimmen sich also fast täglich über Inhalte und Rückmeldungen der Schüler*innen ab. Virtuell und persönlich (natürlich mit Abstand). Da ich normalerweise nicht in der Abschlussklasse unterrichte, musste ich mich in kürzester Zeit komplett neu einarbeiten – inklusive Durcharbeiten der verpflichtenden Prüfungslektüre. Um die Kommunikation zwischen den Schüler*innen, die ja neben dem sehr reduzierten Vormittagsunterricht auch noch zu Hause arbeiten müssen, und den Kolleginnen zu vereinfachen, haben wir einen Moodle-Kurs aufgesetzt, wo sie im Sinne eines „Blended Learning“ verschiedene Lernangebote zu den Prüfungsthemen finden und miteinander und mit den Lehrerinnen in Kontakt treten können.

Ich habe in den letzten Tagen nun einiges an Zeit investiert, um den Abschlussschüler*innen die Funktionsweise der Lernplattform Moodle zu erklären, damit wir sie auch in den Ferien noch gut unterstützen können. Dazu haben wir sogar das Smartphone an den Beamer angeschlossen, um einige Besonderheiten der Moodle-App zu veranschaulichen. Eine wichtige Erkenntnis, die ich in diesem Zusammenhang hatte, ist folgende: In dieser Zeit sieht man besonders, was wirkliche digitale Kompetenz ist und was in der Vergangenheit offenbar nicht für wichtig genug gehalten wurde, um es als selbstverständlichen Unterrichtsinhalt zu etablieren: was ist eine URL? Was ist ein Browser? Wie aktualisiert man den? Warum muss man Benutzernamen und Passwörter korrekt schreiben? Wie lädt man ein Bild auf eine Lernplattform? Wohlgemerkt: Ich spreche hier von 15-jährigen Abschlussschülern, die teilweise in den letzten Wochen erst gelernt haben, wie man sich eine E-Mail-Adresse anlegt, wo man diese E-Mails auf dem Smartphone wiederfindet, wie man sie beantwortet (nicht im Betreff!) und wie man eine Bilddatei als E-Mail-Anhang verschickt.

Natürlich halte ich diese Aufgabe für überaus wichtig. Ich bin es als nun eben anwesende und verantwortliche Lehrerin den Neuntklässlern schuldig, dass sie im Rahmen meiner Möglichkeiten bestmöglich auf diesen Abschluss vorbereitet werden. Und natürlich will ich das nicht im Alleingang tun, sondern ihre gewohnte Lehrerin so gut wie möglich in diesen Prozess mit einbeziehen. Trotzdem fühle ich mich zerrissen. Dadurch, dass ich meine eigentlichen Schüler*innen nicht mehr täglich in Videokonferenzen sehe oder mit ihnen telefonieren kann, drohe ich sie zu verlieren. Zwar vertritt mich eine Kollegin, die nicht im Präsenzunterricht ist, der fehlt jedoch die tragfähige Beziehung, die ich als Klassenlehrerin habe. Und hier wird allen Beteiligten schmerzlich bewusst, dass Lernen auch bei Schüler*innen der Sekundarstufe eben nicht durch eine reine Bereitstellung von Wissensinhalten erfolgt, sondern Ergebnis einer gewachsenen Lernbeziehung ist.

Nun arbeiten wir zeitgleich Konzepte für eine weitere Schulöffnung mit Anwesenheit der Klassen im Rotationsprinzip aus. In auseinandergerissenen Kleingruppen. Mit 30 Prozent weniger Kolleg*innen. Da werden möglicherweise Erst- und Zweitklässler im Präsenzunterricht in Kleingruppen mit 1,5 Meter Abstand von Kolleg*innen aus der Sekundarstufe unterrichtet, die nun unter Umständen Buchstabeneinführungen machen müssen.

Gleichzeitig sollen und müssen wir alle den Kontakt zu denen halten, die im Wechsel zu Hause weiterlernen. Man kann aber bekanntlich nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Für tragfähige hybride Konzepte fehlt es an Ausstattung und Wissen auf allen Seiten. Das Internet in der Schule bricht zusammen, sobald mehrere Personen online sind. Den Schüler*innen zu Hause fehlen Geräte und digitale Kompetenz, mit diesen umgehen zu können. In der Schule dürfen die Schüler*innen nicht ins pädagogische WLAN, damit wir ihnen an ihren Geräten zeigen können, wie sinnvolle und notwenige Apps funktionieren und wie man diesen leistungsfähigen Miniatur-Computer namens „Smartphone“ für Lernzwecke und Videokonferenzen benutzen kann.

Da dieser Zustand vermutlich noch weit bis ins nächste Schuljahr andauern wird, stellt sich für mich die Frage, in welche Anstrengungen wir unsere Energie investieren sollen. Wäre es nicht sinnvoll, für eine wirklich ausreichende digitale Ausstattung zu sorgen, um zumindest die älteren Schüler*innen zum nachhaltigen Fernlernen zu befähigen und dafür die Notbetreuung für die Kleineren so auszubauen, dass sie zu den Kolleg*innen in der Präsenzschule eine tragfähige Beziehung entwickeln können? Und das bitte nicht im 14-tägigen Wechsel? Wenn wir es nämlich so machen, wie es momentan geplant ist, werden nicht nur die Reibungsverluste den Nutzen bei weitem übersteigen sondern auch berufstätige Eltern von den kleineren Kindern in keinster Weise entlastet werden. Wir brauchen entlastende Konzepte für Kindertagesstätten und Grundschulen, wir brauchen eine pädagogisch sinnvolle und tragfähige Notbetreuung für Kinder und Jugendliche, die über digitale Lernkonzepte nicht gut erreicht werden und darüber hinaus brauchen wir vor allem Investitionen in die digitale Ausstattung der Schulen und der dort lernenden Schüler*innen, damit zukunftsfähige Lernkonzepte sinnvoll genutzt werden können.

Ich werde natürlich weiterhin mein Bestes geben, um die mir anvertrauten Schüler*innen gut begleiten zu können. Allerdings werde ich Grenzen ziehen müssen. Nun bin ich glücklicherweise nicht mehr in der Lage, gleichzeitig zum entgrenzten Lehrerberuf in diesen Zeiten auch noch kleine Kinder betreuen zu müssen. Allerdings brauchen auch Lehrer*innen Schlaf, Erholung, Bewegung und hin und wieder Ablenkung vom Alltagsgeschäft, um ihre Gesundheit zu erhalten.

Verehrte Entscheidungsträger, fragen Sie doch bitte bei den pädagogischen Akteuren nach, bevor Sie den Eltern Konzepte anbieten, die letztlich keine große Hilfe in der derzeitigen Situation sind. Wir hätten da schon ein paar Ideen.

Tanz in den Mai

Am Montag geht es wieder los: Die Schule sieht wieder Schüler. Ich gehe wieder in die Schule. Dort stehe ich wieder als Lehrerin vor realen Schülern in einem wirklich existierenden Klassenzimmer. Back2School. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Ferienende der großen Sommerferien.

Nur, dass diesmal alles anders ist.

Fünf Wochen Fernunterricht werden dann hinter mir liegen. Plus zwei Wochen Ferien. Macht sieben Wochen ohne. Sieben Wochen ohne Schüler*innen, aber mit unerwartet viel Arbeit, einem erstaunlich hohen Lernzuwachs in digitalen Belangen und Ferien, die keine Ferien waren, weil wir den Kontakt zu unseren Schüler*innen aufrechterhalten haben. Wir haben in nur sieben Wochen ein umfangreiches Fernlernkonzept erarbeitet, mit Wochen-, Tages- und Stundenplänen, Videokonferenzen, vielfältigen Kommunikationswegen, virtuellen Kooperationsformen und enormen Lernzuwächsen auch bei manchen Schüler*innen. Manche drohen wir allerdings zu verlieren. Beziehung auf Distanz will nur schwer gelingen. Sie kann den direkten Kontakt nicht ersetzen. Deshalb ist es sicher für manche gut, wenn wir den Raum wieder teilen.

Die Klasse, vor der ich am Montag stehen werde, wird eine sein, die ich normalweise nicht unterrichte. In einem Raum, der nicht mein Klassenzimmer ist. Die Gruppe im Lerngruppenraum wird unvollständig sein. Geteilt. Es sind bloß 11 Schüler*innen pro Gruppe. Mit Abstand. An Einzeltischen. Und Maske, wenn der Abstand nicht einzuhalten ist. Oder Spuckschutz. Was für ein Wort.

Am Montag dürfen nur jene in die Schule zurückkehren, die demnächst eine Abschlussprüfung abzulegen haben. Und weil es derzeit noch nicht abschätzbar ist, wie gefährlich dieses Zusammentreffen in der Gruppe – wenn auch mit Abstand – sein könnte, dürfen manche Lehrer*innen nicht unterrichten. Deshalb werden die Schüler*innen jetzt teilweise von Lehrer*innen zum Abschluss begleitet, die sie gar nicht kennen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass wir jetzt tanzen müssen. Mit dem Virus. Wir müssen schauen, wie viel Kontakt möglich ist, ohne dass die Fallzahlen wieder in die Höhe schnellen. Das kann auch bedeuten, dass der uns noch unbekannte Tanz, der am Montag beginnt, aus dem Rhythmus gerät. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Dennoch: Es ist ein Hoffnungsschimmer. Wir tanzen zur Musik, die uns Flügel verleihen wird. Lasst uns um unser Leben und unsere Freiheit tanzen. Alles neu macht der Mai!

Offline

Ich war offline. Wie es sich anfühlt, nicht dabei sein zu können, musste ich vor einigen Tagen am eigenen Leib erfahren. Zuerst funktionierte Ende letzter Woche plötzlich der DSL-Anschluss nicht mehr und mein virtuelles Klassenzimmer fiel in sich zusammen. Ausgerechnet am Freitag vor dem Ferienende mit Aussicht auf weitere Wochen Schule@home. Urplötzlich war mein digitales Fenster zur Welt geschlossen. In unserer Straße wird ein Tunnel gegraben. Vermutlich hatte der Bagger das Kabel in Mitleidenschaft gezogen.

Nachdem im Laufe des Wochenendes die Internetverbindung wieder hergestellt werden konnte, quittierte mein noch ziemlich neues Smartphone im Laufe des Montags, pünktlich zum Beginn der zweiten Runde der Schule@Home, endgültig den Dienst. Offline. Erneut.

Nun bin ich in der glücklichen Lage, mir zu helfen. Ich kann die Hotline des Internet-Providers anrufen und in dramatischen Worten deutlich machen, dass in diesem Haus sechs Personen auf einen funktionierenden Internetanschluss angewiesen sind wegen Work@Home und Schule@Home. Ich verfüge außerdem über die Möglichkeit, ein Smartphone, welches innerhalb der Gewährleistungsfrist schon nicht mehr funktioniert, zurückzuschicken und mir Ersatz zu beschaffen. Ich besitze eine Drucker, kann Rücksendeetiketten ausdrucken und mich durch den Dschungel der Angebote im WorldWideWeb wühlen.

Ich bin wieder online, kann wieder teilhaben an diesem derzeit in großen Teilen virtuell stattfindenden Leben mit all den Videokonferenzen, Webinaren und virtuellen Austauschplattformen.

Einige meiner Schüler*innen sind dauerhaft offline. Nicht etwa, weil sie kein Internet hätten, das haben mittlerweile tatsächlich fast alle. Nur verfügen bei weitem nicht alle Jugendlichen über ein eigenes digitales Endgerät, mit dem es sich sinnvoll arbeiten ließe, sprich: ein Laptop oder einen Desktop-PC. Manche haben gerade auch kein Smartphone, weil es mal wieder heruntergefallen ist oder sie sich aus Versehen draufgesetzt haben. Und selbst wenn sie eins haben, heißt das noch lange nicht, dass sie wissen, wie man diesen kleinen Minicomputer sinnvoll für schulische Zwecke einsetzen kann.

Nun war ich zwar wieder online, musste aber dennoch sehr viel Zeit dafür aufwenden, ganz analog zu Schüler*innen hinzufahren, ihnen digitale Endgeräte zu verschaffen und teilweise auch einzurichten oder per Telefon erklären, wie man sich bestimmte Apps installiert und warum es wichtig ist, Passwörter immer ganz genau richtig zu schreiben. Zum Glück ist das nicht der größte Teil. Viele haben in dieser Zeit auch unglaublich viel gelernt und wissen jetzt, dass ein ordentlicher PC doch deutlich nachhaltiger ist als die jeweils neueste Konsole.

Mir scheint, die Dinge, die sich aus schulischer Sicht in der Vergangenheit als wichtig erwiesen haben, werden nach dieser Krise noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen. Nun werden bald die ersten Schüler*innen wieder physisch in die Schulen zurückkehren. Man darf gespannt sein, ob die dann knapp fünf Wochen Schule@Home Spuren in der Schule@Schule hinterlassen werden.

Unmöglichkeiten

Mein Lehrerinnenleben besteht derzeit oft aus Halbsätzen. Es reicht völlig, unausgesprochene Gedanken fortzuführen, weil die dazugehörigen Hauptsätze ohnehin immer dieselben sind.

Ich hätte vieles nicht für möglich gehalten.

Dass ich an einem Dienstagmorgen Ende März in einer Geisterschule einsam Arbeitsmaterial für Schüler*innen kopiere, die ich, wenn überhaupt, nur noch per Post erreiche. Um die ich mir Sorgen mache. Nicht, weil sie irgendwelche grundsätzlich aufholbaren Lerninhalte versäumten. Ich sorge mich, weil ich genau weiß, dass ihnen die Struktur abhanden gekommen ist und weil ich sie über die Wege, die mir ansonsten bleiben, nicht erreiche.

Dass ich Stunden damit zubringe, digitale Kommunikationstools zu testen, zu improvisieren, mit Standbildern zu kommunizieren, fragmentarisch übertragene Sätze im Geiste zu ergänzen, um mir den dahinterstehenden Sinn zusammenzureimen und, versehen mit Gamingkopfhörern, vor der Kulisse meiner Arbeitszimmerbücherwand den Großteil meines Arbeitstages verbringe.

Dass der erste außerfamiliäre Sozialkontakt des Tages in einem virtuellen Lehrerzimmer stattfindet und dass selbst Kolleg*innen, die den virtuellen Segnungen der Neuzeit bislang eher skeptisch gegenüberstanden, diesen zur Gewohnheit gewordenen Termin als wichtig und stabilisierend empfinden.

Dass ich täglich teilweise Stunden telefoniere, mit Schülern, die von den technischen Möglichkeiten überfordert sind, mit Eltern, die den pubertären Ausbruchsversuchen ihrer Kinder handlungsunfähig gegenüberstehen, mit Kolleg*innen, um mich abzustimmen, auszutauschen, Probleme zu lösen, Fragen zu klären.

Dass ich so unendlich müde bin, obwohl ich das Haus fast nur noch zu täglichen Spaziergängen auf leeren Straßen mit gebührendem Abstand zu anderen Menschen verlasse und zusehen muss, dass ich nicht auf meinem Schreibtischstuhl einroste.

Und dass ich am Ende weiß, dass diese Unmöglichkeiten nichts sind, im Vergleich zu den existenziellen Ängsten, die viele Menschen in diesen Zeiten umtreiben.

Vor dem Zaun des Kindergartens hier im Ort haben Kinder bemalte Steine abgelegt. In den Fenstern von Häusern, in denen Kinder leben, hängen Bilder mit Regenbögen. Zeichen der Hoffnung. Dass das für unmöglich Gehaltene endlich sein wird.

Eigentlich

Heute ist Dienstag. Dienstag, der 24. März 2020. Mir ist das Zeitgefühl abhanden gekommen. Heute musste ich mehrmals bei mir selbst nachfragen, welchen Tag wir eigentlich haben. Glücklicherweise ist es mir gelungen, diesen planlosen Tagen in meinem schülerlosen Lehrerdasein eine Struktur zu verleihen. Wir haben täglich feste Zeiten für unsere virtuellen Meetings, es gibt ein virtuelles Lehrerzimmer, eine virtuelle Sprechstunde, virtuelle Deutschstunden und am Ende des Tages immer noch virtuelles Lerngruppen-Meeting.

Eigentlich hätte ich heute morgen in den ersten beiden Stunden Religion mit den „Großen“ gehabt, Schülern der 9. und 10. Klasse, die kurz vor der Prüfung stehen. Wir hätten über Sorgen und Befürchtungen hinsichtlich der Prüfung gesprochen und hätten uns ansonsten im Unterricht mit der Entstehung, gegenwärtigen Aufgaben und der Entwicklung von Kirche beschäftigt. Stattdessen ist der Religionsunterricht ausgefallen, konzentrieren wir uns momentan auf das, was scheinbar wichtiger ist: Aufgaben gibt es in den Hauptfächern und im Grunde genommen geht es vor allem darum „dranzubleiben“, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Vielen meiner Schüler*innen ist Kirche ohnehin eher fremd. Und jetzt ist sie sogar mir selbst fremd. „Wo zwei oder drei versammelt sind“ gilt nicht mehr, versammeln darf man sich nur noch mit großem Abstand und höchstens zu zweit. Gottesdienste finden vor leeren Kirchen statt, eine Solosängerin singt einen einsamen Gemeindegesang und eine Kamera überträgt Psalmen, Gebete und mutmachende Worte zu den Menschen nach Hause. Immerhin.

Eigentlich hätten wir in Klasse 7 weiter an unserem sehr bunten und vielfältigen Kunstprojekt gearbeitet. Wir hätten uns mit Selbstdarstellungen von Menschen in unterschiedlichen Zeiten beschäftigt, hätten uns gefragt, warum man über Selfies heutzutage Filter legen muss, damit man glatter und fehlerfreier aussieht, als man eigentlich ist. Stattdessen habe ich zum Zeichenstift gegriffen und die Erzählung illustriert und vertont, die heute Gegenstand unserer virtuellen Deutschstunde war. 17 Teilnehmer*innen verzeichnete unser virtuelles Klassenzimmer heute Vormittag. Manche nehmen regelmäßig an den Zusammenkünften teil. Manche sieht man nie. Manche beteiligen sich rege. Manche schweigen immer. Es ist einfacher, sich hinter stummgeschaltetem Mikro und deaktivierter Kamera zu verstecken. Es ist auch für mich ungewohnt, gegen ein digitales Display zu sprechen, keine direkte, körpersprachliche Reaktion zu erhalten. Dafür, dass es ungewohnt ist, gelingt es noch erstaunlich gut. Und ich bin dankbar, mit meiner Kollegin einen wunderbar inspirierenden Gegenpart in diesen seltsamen Zeiten zu haben. Danke, Katrin!

Eigentlich wären wir nach einer trubeligen Mensamittagspause dem Klima auf den Grund gegangen, hätten die Wolken betrachtet und uns gefragt, warum es gerade zwar herrlich sonnig, aber auch bitter kalt ist, woher der Wind kommt und wann es endlich richtig warm wird. Stattdessen habe ich allein am Esstisch mein belegtes Brötchen verspeist und noch eine Ladung Wäsche in die zwar kalte aber sonnige Frühlingsluft gehängt, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch gesetzt und die nächsten Tage geplant, Unterrichtsmaterialien gesichtet und noch verschiedene Telefonate geführt habe.

Eigentlich säße ich jetzt, zu dieser Zeit, mit meiner Tochter im Staatstheater, um mir zum wiederholten Mal die witzige und kurzweilige Faust-Inszenierung anzuschauen, inmitten von Abiturienten, zu deren Pflichtkanon der „Faust“ in diesem Jahr letztmalig gehört. Stattdessen habe ich das Haus am frühen Abend gemeinsam mit meinem ältesten Sohn bloß für eine kurze Frischluftrunde bis zu den Feldern am Ortsrand verlassen und sitze nun hier und bin ein bisschen wehmütig.
Gerne hätte ich mit meiner Tochter einen schönen Theaterabend verbracht.
Gerne hätte ich mit meinen Schülern die Wolken betrachtet.
Gerne wäre ich Begleiterin künstlerischer Prozesse von jungen Menschen gewesen.
Gerne hätte ich mit Jugendlichen über die Kirche der Zukunft nachgedacht.

Was gibt uns Hoffnung?
Wer macht uns Mut?

Eins steht fest: Uns wird in diesen Tagen schmerzlich bewusst, wie sehr wir einander brauchen und wie wichtig unsere sozialen Kontakte sind. Wir müssen uns gegenseitig ermutigen, immer im Bewusstsein, dass diese Durststrecke zu bewältigen ist, indem wir uns nicht vergessen. Füreinander da sind.

Hoffentlich bleibt uns diese Erkenntnis in Erinnerung.

Im virtuellen Klassenzimmer


Teilhabe

Teilhabe. An etwas Anteil haben. Teil von etwas sein. Etwas abhaben. Etwas von dem haben, was andere auch haben. Dazugehören. Nicht ausgeschlossen sein.

In diesen Tagen wird in vielerlei Hinsicht sichtbar, wie es um die Teilhabe an Bildung hierzulande bestellt ist. Die Schulen sind seit nunmehr einer Woche geschlossen. Schulisches Lernen, strukturiert und portioniert, begleitet und aufbereitet, elementarisiert und didaktisiert, findet nicht mehr dort statt, wo es eigentlich seinen Ort hat: Im Klassenzimmer.

Nun mögen Kritiker sagen, dass Schule ohnehin mit Bildung nicht so viel zu tun habe. Bildung sei schließlich ein eigenaktiver Prozess, der lebenslang erfolge und sich ausschließlich im Individuum selbst ereigne. Möglicherweise verhindere die Schule in mancher Hinsicht sogar echte Bildungsprozesse, weil das überholte Wissen von gestern für eine Welt von morgen häppchenweise verabreicht werde.

Angesichts verzweifelter Eltern, die in diesen Tagen ihre Kinder bei der Bearbeitung der eilig zusammengeschnürten Aufgabenpakete unterstützen und mangels ausgereifter Lernplattformen dutzende E-Mails sichten und sortieren müssen, um ihren Kindern schulische Arbeitsaufträge überhaupt zugänglich machen zu können, mag man tatsächlich manchmal daran zweifeln, ob auf diese Weise irgendeine Art von Bildung erreicht werden kann. In einer Situation, die für viele Familien ohnehin schon höchst belastend ist, sollen Eltern im Homeoffice zeitgleich Hilfslehrer spielen, ein gesundes Mittagessen auf den Tisch bringen und jederzeit per Telefonkonferenz für ihren Chef ansprechbar sein. Viele Familien haben Existenzsorgen, weil sie nicht wissen, ob ihnen ihr Arbeitsplatz und ihr Einkommen erhalten bleibt und ob sie morgen überhaupt noch über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um ihren Kindern ein gesundes Mittagessen auf den Tisch stellen zu können.

Es ist eine Ausnahmesituation für alle Seiten. Kolleg*innen haben Anforderungen für zu erreichende Abschlüsse im Blick und versuchen, auf oft kreative Weise, das aufzufangen, was durch die geschlossene Schule fehlt: Der direkte Kontakt zu den Schüler*innen. Denn nicht erst seit gestern weiß man, dass einer der wichtigsten Faktoren für eine nachhaltige Bildung eine wertschätzende Schüler-Lehrer-Beziehung ist. So tun die Lehrer*innen alles, um jene aufrechtzuerhalten: Sie telefonieren regelmäßig allen Eltern und Schülern hinterher, erproben sich in digitalen Lern- und Kommunikationsplattformen, eröffnen Twitterkanäle, produzieren Erklärvideos und sind stets auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Schüler*innen zu erreichen.

Leider gewinnt man den Eindruck, dass bei all dieser aus der Not geborenen positiven Aufbruchstimmung in Vergessenheit gerät, dass viele Familien überhaupt nicht über die erforderliche digitale Infrastruktur verfügen, um ihren Kindern die gutgemeinten Angebote ihrer Lehrer*innen zugänglich machen zu können. Es gibt keinen PC und keinen Drucker , vielleicht gerade einmal ein Smartphone, wobei nicht jedes Elternteil weiß, wie man eine E-Mail schreibt. Es fehlt die Möglichkeit, all die Erklärvideos und interaktiven Aufgaben zu sichten und zu bearbeiten, sowie Arbeitsaufträge und -ergebnisse auszudrucken. Und man kann keinesfalls erwarten, dass Eltern in dieser Situation über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, diese Geräte anzuschaffen und den, falls vorhandenen, Drucker ständig mit neuem Toner zu füttern, wenn die Sorge um die eigene Existenz all das in den Hintergrund rücken lässt.

Wenn wir also wollen, dass unsere Schüler*innen diese zweifellos hilfreichen Möglichkeiten jetzt und in Zukunft nutzen können, müssen wir ihnen auch die dafür notwendigen Geräte und Zugänge zur Verfügung stellen. In Baden-Württemberg gibt es eine gesetzlich verankerte Lernmittelfreiheit. Es wäre daher nur konsequent, die Schüler*innen flächendeckend mit digitalen Endgeräten auszustatten, die auch mit nach Hause genommen werden können. Nehmen wir dieses Problem nicht ernst, ist tatsächlich zu befürchten, dass das eintritt, was die TAZ dieser Tage prophezeit: Dass Bildung ungleicher wird.

Betretungsverbot

#schuleohneschüler #tag4

Impressionen aus einem #Lehrerinnenleben im #Homeoffice

8 Uhr Tagesbeginn am Schreibtisch: Erstellen eines Wochenplanes mit Sprechzeiten, Deutschstunden, Lerngruppenchats. Wer bietet was an?

8.30 Uhr Aktualisierung meiner eigens eingerichteten Internetseite für die Schüler*innen: „Besondere Zeiten“; Bekanntgabe der heutigen Videochatzeiten, Erreichbarkeiten, Ankündigung der Themen. Heute: Satzgefüge (Grammatik); Online Support für eine Kollegin zum Video-Konferenzsystem Jitsi Meet.

9 Uhr Nachricht an eine Mutter, die mich sprechen möchte: Ich bin ab sofort erreichbar. Erste Absprachen mit meiner Deutschkollegin: Wer bietet welchen Input im Videochat an? Wer informiert die Schüler*innen? Wer produziert ein Erklärvideo zum nächsten Thema?

9.30 Uhr Treffpunkt im virtuellen Lehrerzimmer. Diejenigen die sich dort regelmäßig regelmäßig versammeln, freuen sich mittlerweile schon auf den Termin. Das Leben am häuslichen Schreibtisch kann ganz schön einsam sein.

9.40 Uhr Anruf der Mutter, die mich sprechen wollte. Austausch über Sorgen und Nöte, Online-Support in technischen Fragen.

9.55 Uhr Zurück im virtuellen Lehrerzimmer: Letzte mutmachende Worte für den Tag. Wie sind die Eltern von Schüler x erreichbar? Wie kommt Schüler y an sein Material? Hat jemand gehört, wie es Schülerin z geht? Unsere größte Sorge: Vielen Schüler*innen fehlt die Tagesstruktur eines Schultages, Familien könnten überfordert sein, wie können wir den Schüler*innen dann helfen?

10 Uhr Telefonat mit dem Schulleiter

10.10 Uhr Arbeit an der Präsentation für den Online-Input zum Thema Satzgefüge. Kann PowerPoint als Tafelbild dienen? Das kann es! Sehr gut sogar!

10.30 Uhr Es trudeln Anfragen zu technischen Problemen bei Schüler*innen ein, weitere Absprachen mit meiner Kollegin sind notwendig, die Zeit fliegt dahin…

11 Uhr Erster Videochat des Tages: Sprechstunde. Wie geht es euch? Habt ihr Fragen? Gibt es Probleme? Wo findet man die Lösungen? Wie lautet das Passwort noch gleich? Wie sind die Regeln für den Videochat? Darf man jetzt wirklich nicht mehr nach draußen? Ein Schüler erzählt, er sei gestern zweimal von der Polizei vom Bolzplatz weggeschickt worden. Darf man wirklich nicht mehr raus???

11.30 Uhr Deutschstunde im Videochat. Zunächst ist nicht ganz klar, wo der Chat stattfindet: Wie lautet noch der Name der Sitzung? Wer sagt den anderen Bescheid, wo wir uns „treffen“? Am Ende sind 10 Schüler*innen versammelt. Konzentrierte Arbeit: Ich präsentiere per PowerPoint, die Schüler*innen beteiligen sich ausgesprochen diszipliniert. Einige Schüler*innen verabschieden sich um 12 Uhr. Sie sind mit der Mathelehrerin verabredet.

12 Uhr Konzentrierte Besprechung der Lösungen von Arbeitsaufträgen aus dem Wochenplan. Ein Schüler ist heute erstmals dabei. Seine überraschende Erkenntnis: „Frau P., ich mache ja sonst immer viel Quatsch, aber das hier ist richtig cool.“ Gegen 13 Uhr muss ich die Sitzung beenden. Auch Homeoffice-Lehrerinnen brauchen mal eine Pause…

13 Uhr Mittagspause; Austausch mit meinen ebenfalls daheim lernenden Kindern; Kann man die Lösungen so verschicken? Gibt es noch irgendwo Schnellhefter? Es gibt Neuigkeiten: Die Prüfungen werden verschoben! Verhaltene Freude auf Seiten der Abschlussschülerinnen: Was bedeutet das für die Anschlusstermine? Wird der Einstellungstermin dann auch verschoben?

13.30 Uhr Beladen der Waschmaschine, Aufhängen der frisch gewaschenen Wäsche. Es hat manchmal durchaus auch Vorteile, zu Hause zu arbeiten.

14 Uhr Pressekonferenz unseres Ministerpräsidenten: Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus werden verschärft. Keine Überraschung. Restaurants schließen. Nur noch maximal drei Personen dürfen sich gemeinsam draußen aufhalten. Ausnahme: Familien mit eigenen Kindern. Erleichterung bei meinen Kindern.

14.30 Uhr Beginn der Freitagstelefonate. Ich rufe alle meine Coachingkinder zu Hause an. Wie geht es euch? Kommt ihr zurecht? Braucht ihr Hilfe? Manche erreiche ich nicht. Viele zum Glück schon. Es tut gut, miteinander zu sprechen. Ja, ich vermisse die Schule auch!

Die Zeit verfliegt...

17 Uhr Letzter Videochat des Tages mit meiner Lerngruppe. Habt ihr schon gehört? Was bedeutet eigentlich Ausgangssperre? Und was ist ein Betretungsverbot? Darf man jetzt wirklich gar nicht mehr raus?

17.30 Uhr Feierabend. Auch Homeoffice-Lehrerinnen brauchen ein Wochenende. Macht es gut bis Montag! Bleibt gesund! Bleibt zu Hause! Bleibt in Verbindung! Ich bin für euch da.

Eure Frau Posselt

P.S.: Die Gemeinde Pfinztal hat ab morgen ein Betretungsverbot für öffentliche Plätze erlassen. Mit dem Hund darf man noch spazieren gehen. Alleine. Oder höchstens zu zweit. Aber ich gehe ohnehin meistens alleine mit dem Hund.