Zu Gast bei @derEduTalk

Am 4. Februar 2021 war ich zu Gast beim Edu-Talk. Dort habe ich über die Entwicklung unserer Schule (nicht nur) im vergangenen Jahr gesprochen und wie wir es geschafft haben, mit Landeslösungen einen wichtigen Schritt in Richtung „gelingender Distanzunterricht“ mit Mehrwert für den Präsenzunterricht zu gehen. #Moodle mag sperrig sein, eignet sich aber durchaus für die Organisation von digitalen Lernumgebungen. Welche Faktoren sonst noch eine Rolle gespielt haben, erfahrt ihr im Edu-Talk.

#Fernlernen

Eine Chronik

Ein knappes Jahr nach der letzten #Schulschließung sind wir am vergangenen Montag in die zweite Runde #Fernlernen gegangen. Ich nenne es nicht #Homeschooling, weil mit diesem Begriff andere Konzepte verbunden sind. Da ich immer mal wieder gefragt werde, „wie wir das denn so machen“, will ich hier einen kurzen Abriss unseres Konzeptes geben, das sich für uns bislang bewährt hat. Die Überlegungen, die zu diesem Konzept geführt haben, möchte ich in folgenden Abschnitten chronologisch vorstellen:

  1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020
  2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021
  3. Best Practise im Januar 2021

1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020

Die Schulschließung im März 2020 hatte uns alle kalt erwischt. An unserer Gemeinschaftsschule gab es zwar schon digitale Plattformen, Moodle wurde als „Materialllager“ vorwiegend für die Sekundarstufe genutzt, die Nutzung für die Primarstufe war angedacht, jedoch noch nicht wirklich umgesetzt.

Auch, wenn meine Kollegin Katrin Wahlich und ich uns gleich zu Beginn der Schulschließung ins digitale Abenteuer gestürzt hatten, Videokonferenzsysteme ausprobiert, Unterrichtsinhalte auf Webseiten geladen, gefilmt, verlinkt, Apps erprobt und wieder verworfen hatten – eins blieb bis zur Rückkehr in die Schule frustrierend: Der fehlende Zugang vieler Schüler*innen zu angemessenen digitalen Arbeitsgeräten und ausreichend dimensionierten Internetzugängen. Bis zum Schluss war es schwierig, den Kontakt zu halten und so blieb oft nichts als das gute alte Telefon oder der persönliche Besuch mit physischer Materialausgabe. Uns war völlig klar, dass das keine geeigneten Voraussetzungen für einen gelingenden Fernunterricht sein konnten.

2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021

Noch im Schuljahr 2019/20 entschieden wir uns im Rahmen der Gesamtlehrerkonferenz, für alle Lerngruppen an der Anne-Frank-Schule Karlsruhe Moodle-Kurse anzulegen, auch, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar war, wie lange uns diese Pandemie im Griff behalten würde. Unser Motiv und unsere Vision war: Auch außerhalb von Pandemiezeiten ist es mehr als sinnvoll, das Lernen in den digitalen Raum zu erweitern und diesen zu nutzen, um Schüler*innen dabei zu begleiten, damit sie lernen sich sicher im zwischen all den Hyperlinks zu bewegen.

Über die Entscheidung für Moodle als Lernmanagementsystem (LMS) und den Weg zu unserer heutigen Struktur habe ich Ende des vergangenen Jahres einen Bericht für die GEW-Mitgliederzeitschrift b&w geschrieben. Hier ist er zu lesen. Das gesamte Heft gibt es hier.

Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation war die Entscheidung für eine konsequente Etablierung von Moodle als Lernmanagementsystem und die Fortbildung und Begleitung aller Kolleg*innen entscheidend für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang ins Fernlernen. Dass diese Entscheidung so fiel, war überhaupt nicht selbstverständlich. Alle Vorzeichen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 standen auf Präsenz um jeden Preis und angesichts von Kohortenbildung, Masken und Abstand eine Rückkehr zum lehrerzentrierten Unterricht. Dennoch gab es an der Anne-Frank-Schule einen pädagogischen Nachmittag zum Thema „Moodle“ für alle Lehrer*innen, es gab dazu eine Challenge in der Grundschule und im Rahmen der Einschulung Workshops für Eltern. Wir wollten alles tun, um Hürden abzubauen und allen Kindern die Teilhabe an digitalen Lernwelten zu eröffnen. Hinzu kam die Bestellung von digitalen Endgeräten, um diese als Leihgeräte zur Verfügung stellen zu können.

Um die Hürden für digital noch nicht so affine Kolleg*innen abzuräumen, entwickelten wir Musterkurse für verschiedene Szenarien: #Fernlernen, #Hybridunterricht und #Quarantäne. Für den Fall einer möglichen Schulschließung erarbeitete eine Gruppe von Kolleg*innen Grundprinzipien für den Distanzunterricht und außerdem Musterstundenpläne, die an den vom Kultusministerium herausgegebenen Qualitätskriterien Fernlernen orientiert sind:

Quelle: https://km-bw.de

3. Best Practise im Januar 2021

Aufgrund dieser Vorüberlegungen starteten wir am vergangenen Montag mit folgender Struktur in die 2. Phase des Fernlernens:

Stundenplan der Lerngruppe 5 basierend auf dem zuvor erarbeiteten Musterstundenplan Fernlernen

Zur Erläuterung möchte ich folgende Punkte bemerken:

  • Stundenplan bedeutet nicht, dass die Kinder tatsächlich die ganze Zeit Videokonferenzen haben. Da die Schüler*innen in Lerngruppe 5 noch sehr jung sind und eine verlässliche, von außen gegebene Struktur oft brauchen, sind zu diesen Zeiten Lernbegleiter*innen aus den jeweiligen Fächern ansprechbar: Per Videokonferenz oder per Chat in Moodle
  • Wichtig waren uns die Leitplanken im Tagesablauf. Auch im Präsenzunterricht der Gemeinschaftsschule wird spätestens in Lerngruppe 5 die Tages- und Lernplanung mithilfe des Lerntagebuches sukzessive angebahnt. Ziel ist es, dass die Kinder über das eigene Lernen nachdenken und sich Ziele setzen können, die sie planvoll anstreben.
  • Dabei gibt es so viel Freiheit wie möglich und so viel Struktur wie nötig.
  • Jeden Morgen treffen wir uns zum gemeinsamen virtuellen Tagesstart. Wir versorgen die beiden Lerngruppen in Jahrgang 5 gemeinsam als Team und haben so die Möglichkeit, dass wir uns mit den virtuellen Anwesenheiten der Lernbegleiter*innen gut abwechseln können.
  • Es gibt einen Wochenplan, in den alle Lernbegleiter*innen eintragen, was in der jeweiligen Woche zu erledigen ist.
  • Am Ende des Vormittags gibt es ein weiteres virtuelles Treffen, bei dem wir die Kinder fragen, was sie geschafft haben, ob es Probleme mit der Menge der Arbeitsaufträge gab und wie es ihnen gelungen ist, ihr Lernen zu dokumentieren. Rückmeldungen können natürlich immer auch über das virtuelle Lerntagebuch (Hier die Lehrer*innenansicht in Moodle) gegeben werden.
  • Freitags findet der virtuelle Klassenrat statt – Auch in Pandemizeiten nach bewährtem Ablauf mit Moderation durch die Schüler*innen: Positive Runde – Besprechung von Anliegen und Finden von Lösungen. Wir üben wertschätzende Sprache und würdigen Geleistetes.
  • Für den Tag und die gemeinsame Arbeit der Schüler*innen haben wir ständig verfügbare virtuelle Gruppenräume eingerichtet, in denen selbstständig und kooperativ gearbeitet werden kann.

Am Ende der Woche können wir bislang sagen: Die Struktur hat sich so bewährt. Natürlich lernen wir ständig hinzu und entwickeln uns weiter. Schule ist lernende Organisation und ich kann bis zum heutigen Tag sagen: Insbesondere in digitalen Belangen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten einen Entwicklungsschub gegeben, den niemand für möglich gehalten hätte. Lasst uns diesen Schub nutzen und pädagogische mit digitalen Belangen verknüpfen. Tragend sind hierfür die Grundgedanken der Gemeinschaftsschule: Vielfalt, Kooperation, Teamarbeit, wertschätzende Kommunikation, Blick auf den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft.

Tanz in den Mai

Am Montag geht es wieder los: Die Schule sieht wieder Schüler. Ich gehe wieder in die Schule. Dort stehe ich wieder als Lehrerin vor realen Schülern in einem wirklich existierenden Klassenzimmer. Back2School. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Ferienende der großen Sommerferien.

Nur, dass diesmal alles anders ist.

Fünf Wochen Fernunterricht werden dann hinter mir liegen. Plus zwei Wochen Ferien. Macht sieben Wochen ohne. Sieben Wochen ohne Schüler*innen, aber mit unerwartet viel Arbeit, einem erstaunlich hohen Lernzuwachs in digitalen Belangen und Ferien, die keine Ferien waren, weil wir den Kontakt zu unseren Schüler*innen aufrechterhalten haben. Wir haben in nur sieben Wochen ein umfangreiches Fernlernkonzept erarbeitet, mit Wochen-, Tages- und Stundenplänen, Videokonferenzen, vielfältigen Kommunikationswegen, virtuellen Kooperationsformen und enormen Lernzuwächsen auch bei manchen Schüler*innen. Manche drohen wir allerdings zu verlieren. Beziehung auf Distanz will nur schwer gelingen. Sie kann den direkten Kontakt nicht ersetzen. Deshalb ist es sicher für manche gut, wenn wir den Raum wieder teilen.

Die Klasse, vor der ich am Montag stehen werde, wird eine sein, die ich normalweise nicht unterrichte. In einem Raum, der nicht mein Klassenzimmer ist. Die Gruppe im Lerngruppenraum wird unvollständig sein. Geteilt. Es sind bloß 11 Schüler*innen pro Gruppe. Mit Abstand. An Einzeltischen. Und Maske, wenn der Abstand nicht einzuhalten ist. Oder Spuckschutz. Was für ein Wort.

Am Montag dürfen nur jene in die Schule zurückkehren, die demnächst eine Abschlussprüfung abzulegen haben. Und weil es derzeit noch nicht abschätzbar ist, wie gefährlich dieses Zusammentreffen in der Gruppe – wenn auch mit Abstand – sein könnte, dürfen manche Lehrer*innen nicht unterrichten. Deshalb werden die Schüler*innen jetzt teilweise von Lehrer*innen zum Abschluss begleitet, die sie gar nicht kennen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass wir jetzt tanzen müssen. Mit dem Virus. Wir müssen schauen, wie viel Kontakt möglich ist, ohne dass die Fallzahlen wieder in die Höhe schnellen. Das kann auch bedeuten, dass der uns noch unbekannte Tanz, der am Montag beginnt, aus dem Rhythmus gerät. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Dennoch: Es ist ein Hoffnungsschimmer. Wir tanzen zur Musik, die uns Flügel verleihen wird. Lasst uns um unser Leben und unsere Freiheit tanzen. Alles neu macht der Mai!

Schritt für Schritt

Der Nebel lichtet sich langsam, der Horizont ist allerdings weiterhin versteckt, der Blick reicht nur ungefähr zwei Wochen weit.

Wir wissen nun: Ab dem 4. Mai kehren in Baden-Württemberg die ersten Schüler*innen in die Schule zurück, zunächst jedoch nur die Abschlussklassen und diejenigen, die im nächsten Jahr Prüfung haben. Wie genau das organisiert werden soll, welche Hygiene- und Abstandsregeln gelten werden, wissen wir noch nicht. Die Schulen werden durch die Verwaltung genauere Anweisungen erhalten und sollen die Zeit bis zum 4. Mai nutzen, um sicherzustellen, dass die Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten werden können.

Ab dem 18. Mai finden die zentralen Abschlussprüfungen statt. Die genauen Termine findet man hier. Für unsere Schule sind folgende Termine wichtig:
Die Realschulabschlussprüfung beginnt am Mittwoch, den 20. Mai mit dem Fach Deutsch. Es folgen Mathematik am 25. Mai und Englisch am 27. Mai.
Die Hauptschulabschlussprüfung beginnt am Dienstag, den 16. Juni mit Deutsch. Hier folgen Mathematik am 18. Juni und Englisch am 22. Juni.

Wie genau wir die davon betroffenen Schüler*innen auf diese Prüfungen vorbereiten sollen, wissen wir noch nicht. Es ist jedoch klar, dass ca. 25% der Lehrer*innen, die momentan an unseren Schulen arbeiten, zu Risikogruppen zählen, weil sie über 60 Jahre alt sind, Vorerkrankungen haben oder schwanger sind und deshalb nicht dazu verpflichtet werden können, in die Schule zu kommen. Es kann auch sein, dass Schüler*innen selbst oder deren Angehörige zu dieser Gruppe gehören. Sie müssen ebenfalls nicht in die Schule kommen. Für Schüler*innen, die sich nicht auf ihre Prüfung vorbereiten können, weil sie nicht am Unterricht teilnehmen können, werden Nachtermine angeboten.

Klar ist, dass es keinen Normalbetrieb in den Schulen geben wird. Die Schüler*innen müssen in der Schule und auf dem Pausenhof den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten, was heißt, dass deutlich weniger Personen in einem Klassenzimmer untergebracht werden können, als das üblicherweise der Fall ist. Es müssen deshalb auch neue Pausenregelungen gefunden werden. Der Unterricht wird sich auf die inhaltlichen Schwerpunkte der Prüfungsfächer beschränken.

Für unsere Siebtklässler heißt das: Wir können überhaupt nicht sagen, wann und ob es für sie in diesem Schuljahr noch einmal eine Schule in der Schule geben wird. Ehrlich gesagt halte ich es eher für unwahrscheinlich. Immerhin wurde die Möglichkeit der Notfallbetreuung auf Siebtklässler ausgeweitet.

Wir befinden uns immer noch in der Phase der Kontaktsperre und wir werden noch eine Weile Geduld haben müssen, bis wieder so etwas wie „Normalität“ in unserem Schulleben einkehren wird.

Leopoldina

Bei Twitter Deutschland liegen heute zwei Hashtags besondere im Trend: #Leopoldina und #Schulen. Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen bislang noch nie etwas von der „Leopoldina“ gehört haben und gar nicht wissen, was sich hinter diesem klingenden Namen verbirgt. Auch ich bin erst in den letzten Tagen auf diese Institution aufmerksam geworden, nachdem Stellungnahmen in Zusammenhang mit der Corona-Krise durchs Netz gegeistert sind. Die Leopoldina, gegründet 1652 als Deutsche Akademie der Naturforscher, ist seit 2008 die Nationale Akademie der Wissenschaften, deren Aufgabe es ist, die Politik und die Öffentlichkeit zu beraten. Die Stellungnahmen dieser Institution sind also wichtig, um zu verstehen, auf welcher Grundlage, Politiker in unserem Land ihre Entscheidungen treffen.

Heute liegt die #Leopoldina im Trend, weil sie zum dritten Mal eine Stellungnahme mit Empfehlungen veröffentlicht hat, in der es diese Mal um die psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekten der Pandemie geht. Im Klartext: Es geht auch um die Frage, ob, wann und wie die Schulen und Kindertagesstätten wieder öffnen können. Ich möchte in diesem Beitrag keine Diskussion darüber anstoßen, ob und wie die Empfehlungen umsetzbar sein werden. Es wird Aufgabe der Politiker auf Bundes- und Landesebene sein, Maßnahmen aus den Empfehlungen abzuleiten, die letztlich von den Schulträgern und Schulen vor Ort umgesetzt werden müssen. Ich möchte an dieser Stelle nur die für die Schulen relevantesten Textpassagen zitieren, damit wir uns schon einmal darauf einstellen können, was auf uns zukommen könnte:

„Die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen sollte sobald wie irgend möglich erfolgen, und zwar schrittweise und nach Jahrgangsstufen differenziert. Dabei müssen die jeweiligen Gegebenheiten in der einzelnen Bildungseinrichtung berücksichtigt werden. Alle Maßnahmen sind auf längere Zeit unter Einhaltung der Vorgaben zu Hygiene, Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Testung und die Konsequenz der Quarantäne umzusetzen. Für eine längere Übergangszeit wird gelten, dass eingeschränkte, wenn auch schrittweise erweiterte Formen von Betreuung und Unterricht akzeptiert werden müssen, um das weiterhin erhebliche Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Auf diese Übergangszeit beziehen sich die folgenden Empfehlungen.

Kinder im Grundschulbereich (Primarstufe) benötigen die meiste Unterstützung und Anleitung, Eltern sind hier stärker auf Betreuungsleistungen der Schulen angewiesen. Entsprechendes gilt auch für Kinder, die sich in Kitas befinden. Die schrittweise Normalisierung muss mit deutlich reduzierten Gruppengrößen be-gonnen werden, um das Abstandsgebot besser einhalten zu können. Zu empfehlen ist eine Konzentration auf Schwerpunktfächer (Deutsch und Mathematik in der Grundschule), die in aufgeteilten kleineren Grup-pen einer Klasse zeitversetzt unterrichtet werden. Lerngruppen müssen dabei konstant bleiben, um das Ansteckungsrisiko zu vermindern. Eine Gruppengröße von maximal 15 Schülerinnen und Schüler wäre möglich, wenn entsprechend große Klassenräume zur Verfügung stehen. Die so geschehene Öffnung muss für die Eltern verlässlich sein. Eine gestaffelte Pausenregelung für die einzelnen Gruppen ist notwendig. Der Schulhof darf nicht zum Austauschort für Viren werden. Die Öffnung der Grundschule sollte mit den Kindern in den Abschlussklassen der Primarstufe begonnen werden, damit sie auf den Übergang in die weiterführenden Schulen vorbereitet werden können. Danach folgen stufenweise die vorangehenden Jahrgangsstufen. Die Notfallbetreuung für die jüngsten Jahrgänge kann dementsprechend langsam zurückgenommen werden.

Im Bereich der Kindergärten und Kindertagesstätten sollte dieser Logik entsprechend ein Regelbetrieb mit reduzierten Gruppengrößen (max. 5 Kinder pro Raum) am Übergang zur Grundschule (5-6-Jährige) stattfinden. Es sollten alle Anstrengungen – auch in den Sommerferien – unternommen werden, um diese Kinder so gut wie möglich auf den Übergang in die weiterführende Schule vorzubereiten. Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollten die Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb bleiben. Bei den Horten gilt ebenfalls die Aufrechterhaltung der Notfallbetreuung. Dies setzt voraus, dass berufstätige Eltern weiterhin durch eine sehr flexible Handhabung von Arbeitszeiten und -orten sowie finanziell unterstützt werden.

In Bildungsgängen, in denen am Ende der Sekundarstufe I zentrale Abschlussprüfungen stattfinden, sollte der Schulbetrieb zunächst in jenen Jahrgangsstufen aufgenommen werden, die vor dem Abschluss stehen. Bei allen weiteren Jahrgängen ist ein gestuftes Vorgehen mit reduzierter Stundenzahl und mit Konzentration auf die Kernfächer (Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen) zu empfehlen. In einer weiteren Stunde pro Tag können von den Schülerinnen und Schülern erledigte Arbeitsaufträge überprüft und kommentiert werden. Diese Stunde kann auch genutzt werden, um neue Arbeitsaufträge zu vergeben, welche die Schülerinnen und Schüler in Heimarbeit erledigen. Diese Arbeiten müssen sich nicht auf die Kernfächer beschränken, sondern können die Inhalte der anderen Fächer aufnehmen.

Da die Möglichkeiten des Fernunterrichts mit zunehmendem Alter besser genutzt werden, kann die Rückkehr zum gewohnten Face-to-Face-Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems weiter hinausgeschoben werden. In der gymnasialen Oberstufe kann in höherem Maße auf das selbstorganisierte Lernen der Schülerinnen und Schüler, auf der Basis digitaler und analoger Lernmedien, gesetzt werden. Die Bereitstellung der Materialien und Rückmeldungen zu den Lernergebnissen liegt in der Verantwortung der Lehrerin-nen und Lehrer.

(…)

Generell gilt es, die Prüfungsmöglichkeiten auf allen Bildungsetappen aufrechtzuerhalten. Auch sollte die Unterbrechung des gewohnten Unterrichts und der außerhäuslichen Betreuung, die damit verbundene Unterbrechung sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen und das Krisenhafte der Gesamtsituation nach Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen aufgegriffen werden. Das Angebot digitaler Unterrichtsmaterialien muss vergrößert und leicht zugänglich gemacht werden. Für alle Bildungsstufen sollten als Folge der Krise didaktisch gut aufbereitete Angebote für das „Selbst- und Distanz-Lernen“ ausgebaut und auch überregional verfügbar gemacht werden. Weiterhin sollten kompensatorische Maßnahmen beispielsweise in den kommenden Sommerferien, angeboten werden, um negative Auswirkungen auf das Erreichen jahrgangsspezifischer Bildungsstandards, den Übergang zu weiterführenden Schulen und den Abschluss von Prüfungen zu minimieren. Diese Maßnahmen sind von besonderer Bedeutung für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler und können zur Abmilderung sozialer Ungleichheit führen. Festzuhalten ist aber auch, dass die Krise den Digitalisierungsschub im Bildungsbereich beschleunigt, der zur Verbesserung der digitalen Ausstattung der Institutionen, der digitalen Kompetenzen von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sowie zur schnelleren Entwicklung von Konzepten und Programmen zur Nutzung von digitalen Methoden und Medien im Unterricht und im Bildungswesen überhaupt führen wird. Damit ist verbunden, dass die erheblichen Vorzüge und Grenzen von Digitalisierung im Bildungswesen genauer erfahren und – im Nachgang, auch durch wissenschaftliche Begleitforschung – in ihren Nutzungsmöglichkeiten präzisiert werden können. In der Krise wird sichtbar, wie wichtig es ist, digitale Möglichkeiten zur Substituierung und/oder Ergänzung des Präsenzunterrichts zu entwickeln. Es gilt, den Einsatz moderner didaktischer Methoden und Mittel nach der Krise weiterzuentwickeln.

Ad-Hoc-Stellungnahme der Leopoldina vom 13.4.2020: Coronavirus-Pandemie: Die Krise nachhaltig überwinden

Es geht in der Stellungnahme auch noch um weitere Bereiche, wie etwa eine Optimierung der Entscheidungsgrundlage für alle Maßnahmen, indem mehr Menschen auf ihre Immunität getestet werden. Auch soll durch eine genauere Datenanalyse eine realistischere Abschätzung des eigenen Risikos ermöglicht werden. Darüber hinaus wird betont, dass psychische und soziale Auswirkungen abgefedert und die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen im Hinblick auf andere Rechtsgüter soll differenzierter betrachtet und geprüft werden müssen.

Hoffen wir, dass unsere politischen Vertreter in den kommenden Tagen Augenmaß und Verantwortlichkeit bei den zu treffenden Entscheidungen bewahren können.

Letzter Schultag

Normalerweise hätten wir – Schüler*innen wie Lehrer*innen – diesem Tag entgegengefiebert. Normalerweise. Wir hätten uns auf den Beginn der Ferien gefreut, diese zweiwöchige Auszeit im Frühjahr. Aber ein Normalerweise gibt es in diesen Tagen, in denen allein das Wort fieberhaft einen zusammenzucken lässt, nicht, weil man es mit den Symptomen dieser schrecklichen Krankheit in Verbindung bringt.

Normalerweise wären viele von uns in diesen Tagen auf Reisen gegangen. Zu den Großeltern, in den Kurzurlaub, in die Berge, in große Städte. Auch ich wollte mit meiner Tochter, die gerade kurz vor ihrem Abitur steht, für drei Tage nach Paris fahren. Normalerweise.

Normalerweise wäre ich mir sicher gewesen, dass wir in den nächsten 14 Tagen nichts voneinander hören, dass viele von euch und auch von uns diese österliche Auszeit ohne einen Gedanken an die Schule verbracht hätten, Atem geholt hätten für den Endspurt des Schuljahres, das bis zu den Pfingstferien dann in großen Teilen abgeschlossen sein würde, weil jeder wüsste, dass es danach nur noch Geplänkel geben würde. Wichtiges Geplänkel, wie uns heute schmerzlich bewusst ist.

Ich werde in den nächsten Tagen Bilanz ziehen über die vergangenen drei Wochen ohne Schule. Was war gut, was schwer, was hilfreich, was unnötig, was erstaunlich, was mühsam?

Euch allen da draußen: Schöne Ferien!

Unmöglichkeiten

Mein Lehrerinnenleben besteht derzeit oft aus Halbsätzen. Es reicht völlig, unausgesprochene Gedanken fortzuführen, weil die dazugehörigen Hauptsätze ohnehin immer dieselben sind.

Ich hätte vieles nicht für möglich gehalten.

Dass ich an einem Dienstagmorgen Ende März in einer Geisterschule einsam Arbeitsmaterial für Schüler*innen kopiere, die ich, wenn überhaupt, nur noch per Post erreiche. Um die ich mir Sorgen mache. Nicht, weil sie irgendwelche grundsätzlich aufholbaren Lerninhalte versäumten. Ich sorge mich, weil ich genau weiß, dass ihnen die Struktur abhanden gekommen ist und weil ich sie über die Wege, die mir ansonsten bleiben, nicht erreiche.

Dass ich Stunden damit zubringe, digitale Kommunikationstools zu testen, zu improvisieren, mit Standbildern zu kommunizieren, fragmentarisch übertragene Sätze im Geiste zu ergänzen, um mir den dahinterstehenden Sinn zusammenzureimen und, versehen mit Gamingkopfhörern, vor der Kulisse meiner Arbeitszimmerbücherwand den Großteil meines Arbeitstages verbringe.

Dass der erste außerfamiliäre Sozialkontakt des Tages in einem virtuellen Lehrerzimmer stattfindet und dass selbst Kolleg*innen, die den virtuellen Segnungen der Neuzeit bislang eher skeptisch gegenüberstanden, diesen zur Gewohnheit gewordenen Termin als wichtig und stabilisierend empfinden.

Dass ich täglich teilweise Stunden telefoniere, mit Schülern, die von den technischen Möglichkeiten überfordert sind, mit Eltern, die den pubertären Ausbruchsversuchen ihrer Kinder handlungsunfähig gegenüberstehen, mit Kolleg*innen, um mich abzustimmen, auszutauschen, Probleme zu lösen, Fragen zu klären.

Dass ich so unendlich müde bin, obwohl ich das Haus fast nur noch zu täglichen Spaziergängen auf leeren Straßen mit gebührendem Abstand zu anderen Menschen verlasse und zusehen muss, dass ich nicht auf meinem Schreibtischstuhl einroste.

Und dass ich am Ende weiß, dass diese Unmöglichkeiten nichts sind, im Vergleich zu den existenziellen Ängsten, die viele Menschen in diesen Zeiten umtreiben.

Vor dem Zaun des Kindergartens hier im Ort haben Kinder bemalte Steine abgelegt. In den Fenstern von Häusern, in denen Kinder leben, hängen Bilder mit Regenbögen. Zeichen der Hoffnung. Dass das für unmöglich Gehaltene endlich sein wird.

Freiluft

Abendspaziergang am Ortsrand

Ich kann mich nicht erinnern, mir jemals so viele Gedanken um das Freisein gemacht zu haben wie in den letzten Tagen. Freitags, wenn die Woche zu Ende ist, sticht mir das „frei“ vor dem Tag besonders ins Auge. Es sticht mich buchstäblich, denn „frei“ sind wir ja alle im Moment nur in engen Grenzen. Grenzen, die uns daran hindern, uns frei zu bewegen. Augenscheinlich bin ich mit meinem Bedürfnis nach Befreiung in diesen Zeiten nicht allein. Denn wenn ich dann am Ende des Tages ins Freie strebe, die Freiluft suche und meistens den Weg nach oben antrete, um mich dem Himmel ein wenig näher zu fühlen, begegnen mit derzeit viele Menschen, die es mir gleichtun. Wir begrüßen uns freundlich, um dann in gebührendem Abstand aneinander vorbeizugehen, damit wir unsere Teilfreiheit nicht aufs Spiel zu setzen.

Einige meiner Schüler*innen fragen mich in diesen Tagen oft, manche sogar tagtäglich, wie lange das wohl noch dauern möge. Das Eingesperrtsein. So empfinden es manche. Denn sie dürfen nicht raus. Nicht so „raus“, wie sie es in diesem Alter gewohnt waren. Rausgehen heißt: Auf die Straße gehen, abhängen, Freunde treffen. „Kommst du nachher raus?“ Es klingt mir in den Ohren, wie sie sich das freitags an warmen Tagen oft fragten. Freitags, am Tag mit dem „frei“ im Namen, wenn der Nachmittag unterrichtsfrei ist und man die Freiheit und Zeitlosigkeit des Wochenendes noch vor sich sieht. Das ist das Freisein der Jugendlichen, die sich die Selbstständigkeit erobert und erkämpft haben, alleine rausgehen zu dürfen, ohne elterliche Kontrolle. Wann darf man das wieder?
Ich weiß es nicht. Das ist es, was ich ihnen sagen muss. Ich bin ehrlich, gerade in meiner Unsicherheit. Es ist ja nicht so, dass wir Lehrer*innen immer alles wüssten, auch wenn man uns das manchmal unterstellt. Ich hoffe aber, wir gewinnen in absehbarer Zeit das Freisein, welches uns immer so selbstverständlich erschien, dass es uns nie auffiel, stückweise zurück. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, dass wir alle in diesen Zeiten die Erfahrung machen müssen, am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn man unfrei und begrenzt ist. Nur, wenn man das Freisein kennt, weiß man auch, was zu verlieren und zu verteidigen ist.

Derzeit müssen wir uns leider mit dem Spazierengehen begnügen, um uns ein wenig frei zu fühlen. Wir gönnen uns diesen Freigang. Allein. Oder zu zweit.

Meine lieben Schüler*innen, falls ihr das hier lest: Geht doch wieder einmal spazieren. Allein oder zu zweit. Mit so viel Abstand, dass ihr die Freiluft zwischen euch spüren und die Enge eurer Wohnungen für eine Weile vergessen könnt. Ich weiß, es erscheint euch wahrscheinlich abwegig. Selbst wenn, probiert es einfach aus und achtet mal darauf, wie eure Gedanken in der frischen und freien Luft spazieren gehen und alle Grenzen sprengen. Erinnert ihr euch noch, wie wir als frische Sechstklässler die neuen Fünfer mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ begrüßt haben? In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, wirklich (schul-)freies Wochenende, mit einem zarten Geschmack von Freiheit.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

Volksweise (um 1815)

Tagebuch

Eltern können nur Rat oder gute Anweisungen mitgeben, die endgültige Formung seines Charakters hat jeder selbst in der Hand. Dazu kommt noch, dass ich außerordentlich viel Lebensmut habe, ich fühle mich immer so stark und im Stande, viel auszuhalten, so frei und so jung!

Anne Frank am 15. Juli 1944

Wir haben unsere Schüler*innen in diesen Wochen dazu ermutigt, Texte zu schreiben, aufzuschreiben, was sie gerade so denken, wie es ihnen geht und was um sie herum geschieht. Manchmal hilft es ja, eine unwägbare Situation in Worte zu fassen und eine Sprache für das Unfassbare zu finden, um ihm eine Gestalt zu verleihen. Ich muss gestehen, dass mir selbst im Fluss des Schreibens die Wörter viel leichter von der Hand gehen, als durch die gesprochene Sprache. Vielleicht liegt es daran, dass sie in der Schrift eine sichtbare Gestalt erhalten. Dinge, die ich nur sage und nicht schreibe, geraten auch mir selbst sehr schnell wieder in Vergessenheit. Und manchmal, wenn ich etwas wiederfinde, was ich vor Jahren irgendwann einmal aufgeschrieben habe, bin ich zwar zunächst überrascht, dass ein scheinbar vergessener Text tatsächlich von mir stammt, beim Lesen tauche ich jedoch sogleich wieder in die Situation der Entstehungszeit ein. Es ist so, als ob der Text in irgendeinem Geheimfach die dazugehörigen Gefühle, Gerüche und Geräusche mit sich trüge. In einer Welt, die zunehmend von bewegten und unbewegten, oft aber geschönten Bildern bestimmt und überflutet ist, gerät in Vergessenheit, dass das Schreiben und spätere Lesen eines Textes den Augenblick dehnt, einen zwingt, sich zu verlangsamen, durchzuatmen, abzuwarten und manchmal auch Geduld zu üben.

Unsere Schule ist nach einem Mädchen benannt, dessen Tagebuch eines der wahrscheinlich berühmtesten und meistübersetzten Bücher dieser Welt ist: Annelies Marie, bekannt als Anne Frank. Alle unsere Schüler*innen der Anne-Frank-Schule Karlsruhe kennen die Geschichte dieses Mädchens, das durch das Tagebuch in der Enge seines Verstecks einen Raum für seine Gedanken und Träume fand. Die Jugendliche Anne erlebte in dieser Zeit, die mehr als zwei Jahre dauern sollte, ihre Pubertät, die erste zarte Liebe, Konflikte mit ihren Eltern und den Mitbewohnern. Da die Geschichte hinlänglich bekannt und vielfach in den unterschiedlichsten Medien verarbeitet wurde, möchte ich hier gar nicht näher darauf eingehen. Wir alle wissen, dass sie schrecklich endete. Das Tagebuch dokumentiert eindrücklich, dass hinter unfassbar großen Zahlen des Schreckens Menschen mit Geschichten, Träumen und Gedanken stehen. Menschen mit Familien. Menschen, die liebten, hofften und verzweifelten.
Es ist wichtig, das nie zu vergessen.
Auch aus diesem Anliegen heraus ist unsere Schule 2017 Mitglied des Netzwerkes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ geworden. Eigentlich hätten wir uns am Dienstag der vergangenen Woche mit vielen anderen Netzwerkschulen der Stadt anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Netzwerkes auf dem Karlsruher Marktplatz getroffen, um daran zu erinnern, dass Mobbing, Intoleranz und Ausgrenzung an unserer Schule keinen Platz haben. Wir kümmern uns umeinander und gehen wertschätzend miteinander um. Deshalb sind wir auch Gemeinschaftsschule, eine Schule für alle Kinder und Jugendlichen. Wir leben und lernen gemeinsam. Dass dieser Geist Früchte trägt, zeigt sich für uns im Umgang der Schüler*innen miteinander und mit uns. Sie helfen einander. Sie erkundigen sich nach uns und anderen, die fehlen, wollen wissen, wie es ihnen und uns geht.

Einige Schüler*innen treffen sich derzeit täglich um 17 Uhr mit mir noch einmal in einer Videokonferenz. Es ist ein freiwilliges Angebot. Manchmal geht es darum, letzte Fragen zu klären, oft nutzen sie diese Zeit aber auch, um noch einmal mit mir in den Austausch gehen zu können, gelegentlich erzähle ich ihnen einfach irgendetwas und sie hören zu. Heute habe ich ihnen und mir selbst folgende Frage gestellt: „Stellt euch vor, ich hätte euch letztes Jahr um diese Zeit erzählt, dass heute in einem Jahr die Schule geschlossen sein würde und ihr statt im Klassenzimmer zu Hause vor dem Smartphone oder dem PC den Deutschunterricht verfolgen würdet, wer von euch hätte mir das geglaubt?“

Ich hoffe und wünsche mir, dass manche unserer Schüler*innen die Einladung zum Schreiben annehmen und den Mut und die Geduld aufbringen werden, diese Zeit für sich zu dokumentieren.

Dasein

„Wer aber auf das Glücklichsein verzichtet,
erfüllt sein Dasein nicht!“

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks

Das Schwierigste ist, dass sie nicht da sind. Wir erreichen sie nicht. Sie sind fort. Nicht greifbar. Wir können sie nicht, wie sonst, mit den Blicken fixieren, nicht allein durch unsere gemeinsame Anwesenheit im Raum ansprechen, sie berühren, ohne sie anzufassen.
Uns fehlt der Kontakt. Die physische Gegenwart. Das da sein.

Es ist schon merkwürdig, dass einem manche Dinge erst auffallen, wenn sie fehlen.
Schon seit einigen Tagen ist eines der beherrschenden Themen in unserer morgendlichen virtuellen Runde das Ringen um die Erreichbarkeit unserer „Zöglinge“.
Wir machen uns Sorgen, manche von uns so sehr, dass sie schier verzweifeln.
Es ist unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, dass sie etwas werden, dass etwas aus ihnen wird. Wir halten unseren Anteil daran für bedeutsam.

So sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das „da sein“ im Grunde genommen unverzichtbar ist für das, was wir zu bewirken versuchen. Es geht ja nicht nur ums Lernen von irgendwelchen Inhalten, die ohnehin morgen schon wieder überholt sein mögen. Es geht ums Begleitet werden auf dem Weg ins Leben, ums Lernen am Vorbild und um die Ermöglichung von Bildung, die letztlich von den Bildsamen selbst vollzogen werden muss. Vielleicht wird genau das gerade besonders schmerzhaft sichtbar, dass wir sie eben nur begleiten können, dass wir gar nicht wissen, was bei ihnen ankommt, was sie mitnehmen werden auf diesem Weg ins Leben.

Das Aushalten dieser Unverfügbarkeit ist wahrscheinlich die größte, aber auch wichtigste Aufgabe in unserem Beruf, der in Wahrheit oft Berufung ist. Denn wenn er es nicht wäre, dann schmerzte uns das nicht Beeinflussbare auch nicht so sehr. Wenn das Selbstverständliche, das „da sein“ der uns Anvertrauten fehlt und sich die Verletzlichkeit unseres Lebens so in unser Bewusstsein drängt, so ist es in diesen seltsamen Zeiten wohl auch naheliegend, dass uns die letzten Fragen unseres Daseins auf den Pelz rücken.

Dabei kann und sollte man gerade dieser Situation etwas abgewinnen. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir mutig und zuversichtlich voranschreiten und den Weg zum Positiven im Wald der Ungewissheit markieren, indem wir Leitplanke und Leuchtturm zugleich sind. Und siehe da: Manche lernen gerade aus dieser Not heraus besonders viel und wachsen über sich selbst hinaus. Wer so groß wird, ist gewappnet für alle Stürme des Lebens und wird den Zweck seines Daseins immer klar vor Augen haben.


Was können wir mehr wollen?