Dasein

„Wer aber auf das Glücklichsein verzichtet,
erfüllt sein Dasein nicht!“

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks

Das Schwierigste ist, dass sie nicht da sind. Wir erreichen sie nicht. Sie sind fort. Nicht greifbar. Wir können sie nicht, wie sonst, mit den Blicken fixieren, nicht allein durch unsere gemeinsame Anwesenheit im Raum ansprechen, sie berühren, ohne sie anzufassen.
Uns fehlt der Kontakt. Die physische Gegenwart. Das da sein.

Es ist schon merkwürdig, dass einem manche Dinge erst auffallen, wenn sie fehlen.
Schon seit einigen Tagen ist eines der beherrschenden Themen in unserer morgendlichen virtuellen Runde das Ringen um die Erreichbarkeit unserer „Zöglinge“.
Wir machen uns Sorgen, manche von uns so sehr, dass sie schier verzweifeln.
Es ist unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, dass sie etwas werden, dass etwas aus ihnen wird. Wir halten unseren Anteil daran für bedeutsam.

So sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das „da sein“ im Grunde genommen unverzichtbar ist für das, was wir zu bewirken versuchen. Es geht ja nicht nur ums Lernen von irgendwelchen Inhalten, die ohnehin morgen schon wieder überholt sein mögen. Es geht ums Begleitet werden auf dem Weg ins Leben, ums Lernen am Vorbild und um die Ermöglichung von Bildung, die letztlich von den Bildsamen selbst vollzogen werden muss. Vielleicht wird genau das gerade besonders schmerzhaft sichtbar, dass wir sie eben nur begleiten können, dass wir gar nicht wissen, was bei ihnen ankommt, was sie mitnehmen werden auf diesem Weg ins Leben.

Das Aushalten dieser Unverfügbarkeit ist wahrscheinlich die größte, aber auch wichtigste Aufgabe in unserem Beruf, der in Wahrheit oft Berufung ist. Denn wenn er es nicht wäre, dann schmerzte uns das nicht Beeinflussbare auch nicht so sehr. Wenn das Selbstverständliche, das „da sein“ der uns Anvertrauten fehlt und sich die Verletzlichkeit unseres Lebens so in unser Bewusstsein drängt, so ist es in diesen seltsamen Zeiten wohl auch naheliegend, dass uns die letzten Fragen unseres Daseins auf den Pelz rücken.

Dabei kann und sollte man gerade dieser Situation etwas abgewinnen. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir mutig und zuversichtlich voranschreiten und den Weg zum Positiven im Wald der Ungewissheit markieren, indem wir Leitplanke und Leuchtturm zugleich sind. Und siehe da: Manche lernen gerade aus dieser Not heraus besonders viel und wachsen über sich selbst hinaus. Wer so groß wird, ist gewappnet für alle Stürme des Lebens und wird den Zweck seines Daseins immer klar vor Augen haben.


Was können wir mehr wollen?

Kommentar verfassen