Gedanken zur Leistungsmessung

Als Leistung darf in der Schule nichts gefordert werden, was die Erziehung des jungen Menschen zur Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit, zur Kritik- und Urteilsfähigkeit – also auch zur Fähigkeit begründeter Distanzierung gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Leistungsanforderungen -, zur Kreativität usw. hindert. Positiv formuliert: Schule muß, […] in dem Sinne „Leistungsschule“ sein, daß sie die Bewältigung der Aufgaben und Lernprozesse ermöglicht und fordert, die zur Mündigkeit, Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit führen können.

Wolfgang Klafki, Sinn und Unsinn des Leistungsprinzips in der Erziehung (1975)

An diese Passage aus einem Text von Wolfgang Klafki, den ich seinerzeit im Rahmen meines Lehramtsstudiums in der Vorlesung zur Allgemeinen Pädagogik bei Prof. Dr. Rainer Bolle an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe lesen durfte, musste ich in den letzten Tagen immer mal wieder denken. Beim Thema Schule ist die Frage nach der Leistung nicht weit. Nun ist die Schule geschlossen, sie findet nur noch virtuell statt und die Frage, ob man die in diesen Zeiten im Zusammenhang mit Schule erbrachten Leistungen bewerten dürfe, beschäftigt viele am Bildungssystem Beteiligte und nicht zuletzt die Ministerien selbst:

Grundlage für die Leistungsbewertung in einem Unterrichtsfach sind alle vom Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten Leistungen (schriftliche, mündliche und praktische Leistungen). So sieht es die Notenbildungsverordnung vor. Da die Corona-Verordnung bis zum Ablauf des 19. April 2020 den Unterrichtsbetrieb an den öffentlichen Schulen und Schulen in freier Trägerschaft untersagt, findet in diesem Zeitraum auch keine Feststellung von Leistungen der Schülerinnen und Schüler statt. Es gibt also während der Zeit der Schulschließung keine Noten.

FAQs Schulschließungen auf der Internetseite des Kultusministeriums BaWü

In Zusammenhang mit schulischer Leistung denken die allermeisten Protagonisten des Systems Schule an Noten. Noten versprechen Objektivität. Wer gute Noten hat, dem stehen alle Türen offen. Kaum jemand zweifelt die Gerechtigkeit der Leistungsmessung in Gestalt von Noten an. Noten geben Orientierung, sie disziplinieren und sie selektieren. Ich möchte die durchaus vorhandene wissenschaftliche Auseinandersetzung zu diesem Thema hier nicht in voller epischer Breite ausrollen. Wer sich dafür interessiert, dem seien die Ausführungen von Felix Winter („Lerndialog statt Noten“) oder der aufschlussreiche Fernsehbeitrag aus der Reihe Quarks und Co. mit Ranga Yogeshwar (Wozu brauchen wir Schulnoten?) ans Herz gelegt. Ich möchte allerdings ein paar kritische Fragen stellen, die zum Nachdenken anregen sollen und an dieser Stelle einige meiner Erfahrungen als Lernbegleiterin und Lehrerin (Ich benutze gerne beide Begriffe, weil ich ja beides bin) an einer Gemeinschaftsschule teilen.

  • Messen schulische Noten tatsächlich das, was sie vorgeben zu messen?
  • Wie ist es um die Gerechtigkeit bei ihr Vergabe bestellt, wenn die Voraussetzungen höchst heterogen sind?
  • Kann man alles messen, was Aufgabe von Schule ist?
  • Ist es nicht vielleicht sogar manchmal auch schädlich, alles beurteilen zu wollen?
  • Sind die Bereiche, die im Zusammenhang mit Schule mit Benotungen versehen werden, am Ende tatsächlich relevant für ein gelungenes (Berufs-)Leben?
  • Wie lassen sich Lernprozesse im Unterschied zu punktuellen Überprüfungen angemessen bewerten?

Die meisten Lernbegleiter*innen und Lehrer*innen an den Gemeinschaftsschulen haben über die Frage der Notengebung in der Zeit der Schulschließung überhaupt nicht weiter nachgedacht, weil wir den Schüler*innen ihre Leistungen ohnehin auf eine andere Weise zurückmelden als über ein verkürztes Ziffernzeugnis. Wir sind ständig im Gespräch mit ihnen und sprechen nicht nur über Lernen und Leistung. Im intensiven Austausch geht es um Interessen und Motivation, Ziele und Träume, Hindernisse, Sorgen, Glück und Wut. Über alles, was dann am Ende leistungsfähig macht, oder aber verhindert, dass Leistung, die durchaus da sein könnte, gezeigt werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir auf diese Weise ganz andere Möglichkeiten haben, die vielleicht noch schlummernden Potenziale unserer Schüler*innen entdecken und wecken zu können.

Dass in diesen Wochen Leistungsmessung nicht mehr im herkömmlichen Sinne stattfinden kann, ist am Ende doch das geringste Problem. Die meisten Schüler*innen lernen dennoch weiter, manche sogar konzentrierter als im Rahmen der Zwangsgruppenlösung Klassengemeinschaft. Viele erwerben ganz neue Fähigkeiten, wissen nun, wie man sich per Videokonferenz zum Lerngruppenmeeting verabredet, haben gelernt, wie man sich eine E-Mail-Adresse erstellt und entdecken die Möglichkeiten des virtuellen Lernraums. Lernen fand noch nie bloß im physisch vorhandenen Klassenzimmer statt, und Leistungsmessung hat auch noch nie nur das vermessen, was sich allein dort abgespielt hat. Im Gegenteil: Jetzt wird erst sichtbar, wie unverfügbar Lernprozesse in Wirklichkeit sind.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, versucht mal, die Kinder und Jugendlichen ohne den berühmten „Notendruck“ bei der Stange zu halten. Allein durch Begeisterungsfähigkeit. Durch kritische Fragen. Durch Nachdenklichkeit. Und durch Kontakt.

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