Rezept

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im großen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Selbstbildung

Gedanken zu Bildung und Erziehung

Eigentlich müsste hier ein Beitrag über meine Rückkehr in die Schule@Schule zu Beginn dieser Woche und die Begegnung mit meinen Schüler*innen nach endlos erscheinender mehrwöchiger Schule@Home stehen. Gewachsen sind sie. Verändert haben sie sich. Am Montag waren sie teils still, teils laut, teils nachdenklich, teils verunsichert. Wir mussten uns erst wieder an das Zusammensein unter veränderten Bedingungen gewöhnen, neue Formen des Lernens finden und diese erneute Herausforderung für uns annehmen. Annehmen, dass man sich nicht umarmen darf, nicht freudig begrüßen, nicht in der gesamten Gruppe sein darf. Es ist alles anders und es ist auch schwer. Zum Glück muss man an solchen schweren Zeiten nicht zwangsläufig verzweifeln. Man kann auch daran wachsen. Nicht nur äußerlich, auch innerlich. Irgendjemand hat in meiner Studienzeit einmal gesagt: Bildung kann auch weh tun. Und trotzdem wächst man. Wird größer, weiser, wirksamer und mutiger. Vielleicht auch gerade deshalb. Gegen Ende der Woche hatten wir uns daran gewöhnt. Ans Abstand halten, an die Gruppe, ans Rücksicht nehmen aufeinander. Wir hatten wieder in die gemeinsame Arbeit hineingefunden.

Durch meinen intensiven Austausch über virtuelle Netzwerke (z.B. das #Twitterlehrerzimmer ) und meine Teilnahme am Hackathon #WirFuerSchule und am Barcamp #Digitalitaet20 habe ich in den letzten Wochen oft darüber nachgedacht, wie ich eigentlich zu der Haltung gekommen bin, die ich heute vertrete. Deshalb habe ich beschlossen, zwei Begriffe näher zu beleuchten, die mich seit meiner Studienzeit immer wieder beschäftigen:

Ich bin in meiner Zeit an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe eine eher ungewöhnliche Studentin gewesen, da ich diesen Weg erst gegangen bin, als ich schon vier Kinder hatte und mit den Institutionen, die sich mit Bildung und Erziehung von Kindern beschäftigen, bereits auf unterschiedliche Weise in Berührung gekommen war. Meine Kinder waren seinerzeit zwar noch recht klein, aber ihr Aufwachsen und ihre Entwicklung zu beobachten, hat in mir den Wunsch und die Überzeugung wachsen lassen, mehr über diese vielfach inflationär gebrauchten Begriffe Bildung und Erziehung wissen zu wollen, nicht nur theoretisch, auch, weil ich meine und andere Kinder gut in ihrem Großwerden begleiten wollte. Immer noch bin ich der Überzeugung, dass Theorie und Praxis sich hier viel mehr gegenseitig befruchten müssten, dass das, was man über das gute Aufwachsen von Kindern herausgefunden hat, in die Praxis der Schulen und der Familien Eingang finden müsste. Man muss doch nicht alle Fehler, von denen man durch intensive Forschung weiß, dass sie Fehler sind, immer wieder machen.

Einige Sätze, die mir aus meinem Studium in Erinnerung geblieben sind, und die mich seither in vielen Situationen meines Lehrerinnendaseins und auch des Mutterdaseins begleiten, möchte ich hier festhalten:

  1. Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen und bedarf der Bildung.
  2. Bildung ereignet sich nicht von selbst, sondern bedarf der erzieherischen Unterstützung.
  3. Ziel von Erziehung ist Mündigkeit – die mündige Teilnahme in sozialer Verantwortung an der gesellschaftlichen Gesamtpraxis.
  4. Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Der Mensch ist Subjekt, nicht Objekt, und gestaltet etwas aus sich selbst heraus in steter Wechselwirkung mit der Welt.

Zu 1. Dass der Mensch ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen ist, konnte man wohl noch nie deutlicher wahrnehmen als in dieser Zeit der erzwungenen sozialen Distanz. Man darf keine Gemeinschaft, zumindest nicht in körperlicher Nähe, pflegen und das fällt uns unendlich schwer. Uns, den reflektierten, vernünftigen und uns stets prüfenden Erwachsenen gelingt es schon kaum und erst recht den Jugendlichen, deren ganze Entwicklung auf Gemeinschaft hin zielt. Manchen ist es ist es in der Zeit der Kontaktverbote nicht gelungen, auf ihre Treffen in der Peergroup zu verzichten. Bei manchen sind deshalb Bußgeldbescheide an die Eltern im Briefkasten gelandet. Denn auf Gemeinschaft hin angelegt zu sein, bedeutet auch, Rücksicht zu nehmen, im Blick zu behalten, was für andere gut und wichtig ist, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen. Und so kommt es, dass das im Menschen angelegte Bedürfnis nach Gemeinschaft so reguliert werden muss, dass anderen in der Gemeinschaft lebenden Menschen nicht geschadet wird. Das geht nur durch eine vernünftige und bewusste Entscheidung, die am Ende wohl das Ergebnis eines längeren Bildungsprozesses ist.

So ergibt sich aus dem 1. der 2. Satz; Bildung bedarf der erzieherischen Unterstützung. Über das „Wie“ dieser Unterstützung wird wohl seit Jahrhunderten, in den letzten Jahrzehnten aber zunehmend, gestritten. Festzustellen ist, dass in einer Zeit, in der individuelle Selbstverwirklichung oberste Priorität hat und Kinder nicht selten hinter persönlichen Prioritäten das Nachsehen haben, kein gesellschaftlicher Konsens mehr über die Ziele von Erziehung herrscht. Natürlich möchte niemand zurück zu einer autoritären Erziehung, die im 19. Jahrhundert noch das Ziel hatte, Kinder zu folgsamen Soldaten heranzuziehen. Doch was dann? Die antiautoritäre Bewegung der 68er-Generation hat Erziehung zum Unwort werden lassen. Aus dieser Zeit stammen Begriffe wie Antipädagogik und es gibt nach wie vor eine große Community, die sich gegen jegliche Form von Erziehung ausspricht und sich selbst unerzogen nennt. Über Erziehung könnte man also ganze Bücher schreiben. In der Schule fällt immer wieder auf, dass manche Kinder sich mit der Rücksichtnahme auf andere sehr schwer tun, weil sie selbst in ihren Familien im Zentrum aller Bemühungen stehen und offene Kindergartenkonzepte die Selbstbestimmung über eine eben manchmal auch notwendige Anpassung an Gruppenregeln stellen. Lehrer*innen wissen: Ein Kind kann eine ganze Gruppe sprengen. In einer Schule, nicht nur aufgrund von Ressourcen lediglich ein gruppenbezogenes Bildungsangebot machen kann, sind wir darauf angewiesen, dass Kinder ein gewisses Maß an Gemeinschaftsfähigkeit mitbringen.

Denn, und hier kommt der 3. Satz ins Spiel: Erziehung ist kein Selbstzweck: Sie zielt auf den etwas altertümlichen Begriff der Mündigkeit ab. Immanuel Kant schrieb 1784 in seinem berühmten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude!‘ Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)

Junge Menschen sollen durch Erziehung in die Lage versetzt werden, ihr Leben in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung zu gestalten, indem sie für sich selbst sorgen und ihre eigene Meinung vertreten können. Dies soll stets unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Interessen als Korrektiv geschehen, denn Ziel Erziehung und von Schule ist am Ende auch Demokratiefähigkeit, um die Grundfesten unseres Zusammenlebens nicht in Frage stellen zu müssen.

4. ist für mich schlussendlich aber die wichtigste Erkenntnis des Studiums und hat sich durch Beobachtungen in der Praxis vielfach bestätigt: Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Man kann nicht „gebildet werden“. Es ist notwendig, selbst aktiv in diesen Prozess einzutreten. Jede(r) Lehrer*in kennt das: Wer nicht will, den kann man nur schwer zum Wollen bringen. Natürlich ist es unser tägliches Geschäft, zu motivieren und Überzeugungsarbeit zu leisten, dass dieses „Wollen“ für einen erfolgversprechenden Weg in die Zukunft unerlässlich ist. Man muss jedoch aufpassen, dass man die in der Schule zu vermittelnde Bildung nicht nur im Hinblick auf Abschlüsse denkt. Denn dann wäre es eher eine „Aus“ (im Sinne von „fertig“) Bildung, die auf ihr eigenes Ende hin ausgerichtet ist und junge Menschen eben nicht zu dem befähigt, was mit wahrer Bildung gemeint ist: Ihr Leben in die Hand zu nehmen, herauszufinden, welche Begabungen sie haben und mit diesem Schatz aus dem, was die eigenen Lebensumstände bieten, immer wieder das Beste zu machen. Nie aufzugeben, sich nicht entmutigen zu lassen und stets nach vorne zu schauen und neue Ziele in den Blick zu nehmen. Lebenslang.

So kommt es, dass im Grunde genommen wir als Lehrer*innen diese Haltung vorleben müssen. Wir müssen durch unser eigenes Handeln zeigen, dass auch wir stets bereit sind, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und an ihnen zu wachsen.

Welche Bedeutung diese Selbstbildung hat, ist wahrscheinlich kaum je so sichtbar geworden, wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Positiv wurde von jenen Lehrer*innen Notiz genommen, die nach den plötzlichen Schulschließungen das Heft selbst in die Hand genommen hatten und ihren, in diesem Fall meist digitalen, Bildungsprozess mutig verfolgten: Sie erstellten Homepages, eröffneten Twitter-Kanäle, drehten Lernvideos, arbeiteten sich in Videokonferenzsysteme ein, beschafften Hardware für ihre Schüler*innen, leisteten Stunde um Stunde Support via Telefon und Video, knüpften digitale Netzwerke zwischen Schüler*innen, damit die sich gegenseitig unterstützen konnten, sprachen Eltern Mut zu und halfen sich gegenseitig in ihren Teams, um dieser Krise die Stirn bieten zu können. Sie lebten vor, was Ziel von Erziehung sein muss: Mündigkeit. Angesichts der Tatsache, dass es von den Kultusbehörden keine Konzepte gab, nahmen sie ihren Auftrag weiterhin ernst und ihr Schicksal in die Hand, indem sie Lehrerselbstbildung anstelle von Lehrerbildung betrieben. Gut durch die Krise kamen auch jene Kinder und Jugendlichen, die über die Fähigkeit verfügten, dranzubleiben, (im Zweifel virtuellen) Kontakt zu suchen und für sich selbst ein Ziel formulieren konnten: Sie erfuhren oft auch Selbstwirksamkeit, indem sie anderen erklären konnten, was eine URL ist, wie man den Browser aktualisiert und wo man in Moodle wichtige Informationen findet.

Ich wünsche mir, dass wir diese Erkenntnisse ins Zentrum von Schule stellen, dass wir nie aus den Augen verlieren, worum es eigentlich geht: Junge Menschen ins Erwachsensein zu führen, indem wir sie handlungsfähig machen und ihnen zumuten und zutrauen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Begleitet.

Mit Dank an Prof. Dr. Rainer Bolle, der mich stets bestärkt hat, diese Haltung zu leben und Prof. Dr. Liselotte Denner, die mir gezeigt hat, dass es möglich ist, eine solche Haltung im Schulalltag umzusetzen.

Wortarten

Advance Organizer Wortarten

Advance Organizer: Komplexes auf einen Blick

Seit ich vor ein paar Jahren eine Zusatzqualifikation zum kooperativen Lernen bei Prof. Dr. Silke Traub an der PH Karlsruhe absolviert habe, benutze ich sehr gerne und oft den „Advance Organizer“, um komplexe Themengebiete für Schüler*innen oder Fortbildungsteilnehmer*innen, aber auch für mich selbst, vorzustrukturieren. Ich finde diese Methode sehr geeignet, um Anknüpfungspunkte zu ermöglichen und den Blick auf „das Ganze“ richten zu können.

Hier gibt es die Version meines Advance Organizers als Download in Farbe, Graustufen und schwarzweiß:

Doppelkopf

Hauptschulabschluss unter Coronabedingungen.
Oder: Warum man nicht auf zwei Hochzeiten tanzen kann

Normalerweise bin ich Klassenlehrerin einer siebten Klasse mit verschiedenen Fächern, individuellen Lernzeiten und Coaching, unterrichte außerdem Religion in mehreren Klassenstufen und bin Mitglied des Örtlichen Personalrats. Ich bin sehr gerne Lehrerin und nicht nur digital affin sondern auch in anderen Bereichen durchaus innovations- und lernbereit.

Seit Montag bin ich wieder im Präsenzunterricht, allerdings nicht in der Klasse, die ich als Klassenlehrerin begleite, sondern vertretungsweise in einer 9. Klasse, die kurz vor der Hauptschulabschlussprüfung steht. Ich weiß ja nicht, ob es im Schatten der alles bestimmenden Abiturdiskussion irgendjemand zur Kenntnis genommen hat: In diesem Jahr schreiben die Neuntklässler in Baden-Württemberg erstmals die novellierte Abschlussprüfung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Während die Hauptschulabschlussprüfung im Fach Deutsch in den letzten Jahren ihren Schwerpunkt hauptsächlich im Bereich Leseverstehen hatte und die Schüler*innen allenfalls Verständnisfragen zu Sachtexten in einzelnen Sätzen und in Form von Ankreuzaufgaben beantworten mussten und sonst nur eine sehr überschaubare und gut zu bewältigende Schreibaufgabe zu bearbeiten hatten, hat sich der Fokus nun völlig auf die Themenkomplexe Schreibkompetenz (die natürlich Lesekompetenz voraussetzt), Grammatik und Sprachwissen (diese beinhaltet den Bereich Orthografie, allerdings muss man hier nicht nur richtig schreiben können, sondern auch wissen, warum man was wie schreibt) verschoben. Die Schüler*innen müssen verpflichtend eine Ganzschrift lesen, in diesem Fall ein sprachgewaltiger Jugendroman, der wörtliche Rede verwendet, ohne diese zu markieren, und dazu Verständnisfragen in vollständigen, selbst formulierten Sätzen beantworten. Sie müssen neuerdings außerdem entweder eine richtige Textbeschreibung (wahlweise eines Prosa- oder eines lyrischen Textes) anfertigen oder in Form einer linearen Erörterung Stellung nehmen. Allein der zeitliche Umfang dieser Aufgaben stellt viele der Schüler*innen vor ein schier unlösbares Problem.

Nun müssen sie sich nach sieben Wochen ohne Präsenzschule mit einer ihnen weitgehend unbekannten Lehrerin und in einer auseinandergerissenen Kleingruppe im frontalen Einzelunterricht im Schnelldurchlauf noch einmal mit all diesen Themen auseinandersetzen.

Mein Fazit nach einer Woche in einem derartigen Präsenzunterricht in Kombination mit Fernunterricht: Es ist aufreibend. Und nahezu unlösbar. Man unterschätzt zum Beispiel die Reibungsverluste, die durch die Kommunikation mit mehreren beteiligten Akteuren entstehen: Ich vertrete eine Kollegin in der 9. Abschlussklasse im Fach Deutsch. Da ich mich auch noch um meine eigentliche Klasse kümmern muss und will, ist eine dritte Kollegin dabei. Drei Lehrerinnen stimmen sich also fast täglich über Inhalte und Rückmeldungen der Schüler*innen ab. Virtuell und persönlich (natürlich mit Abstand). Da ich normalerweise nicht in der Abschlussklasse unterrichte, musste ich mich in kürzester Zeit komplett neu einarbeiten – inklusive Durcharbeiten der verpflichtenden Prüfungslektüre. Um die Kommunikation zwischen den Schüler*innen, die ja neben dem sehr reduzierten Vormittagsunterricht auch noch zu Hause arbeiten müssen, und den Kolleginnen zu vereinfachen, haben wir einen Moodle-Kurs aufgesetzt, wo sie im Sinne eines „Blended Learning“ verschiedene Lernangebote zu den Prüfungsthemen finden und miteinander und mit den Lehrerinnen in Kontakt treten können.

Ich habe in den letzten Tagen nun einiges an Zeit investiert, um den Abschlussschüler*innen die Funktionsweise der Lernplattform Moodle zu erklären, damit wir sie auch in den Ferien noch gut unterstützen können. Dazu haben wir sogar das Smartphone an den Beamer angeschlossen, um einige Besonderheiten der Moodle-App zu veranschaulichen. Eine wichtige Erkenntnis, die ich in diesem Zusammenhang hatte, ist folgende: In dieser Zeit sieht man besonders, was wirkliche digitale Kompetenz ist und was in der Vergangenheit offenbar nicht für wichtig genug gehalten wurde, um es als selbstverständlichen Unterrichtsinhalt zu etablieren: was ist eine URL? Was ist ein Browser? Wie aktualisiert man den? Warum muss man Benutzernamen und Passwörter korrekt schreiben? Wie lädt man ein Bild auf eine Lernplattform? Wohlgemerkt: Ich spreche hier von 15-jährigen Abschlussschülern, die teilweise in den letzten Wochen erst gelernt haben, wie man sich eine E-Mail-Adresse anlegt, wo man diese E-Mails auf dem Smartphone wiederfindet, wie man sie beantwortet (nicht im Betreff!) und wie man eine Bilddatei als E-Mail-Anhang verschickt.

Natürlich halte ich diese Aufgabe für überaus wichtig. Ich bin es als nun eben anwesende und verantwortliche Lehrerin den Neuntklässlern schuldig, dass sie im Rahmen meiner Möglichkeiten bestmöglich auf diesen Abschluss vorbereitet werden. Und natürlich will ich das nicht im Alleingang tun, sondern ihre gewohnte Lehrerin so gut wie möglich in diesen Prozess mit einbeziehen. Trotzdem fühle ich mich zerrissen. Dadurch, dass ich meine eigentlichen Schüler*innen nicht mehr täglich in Videokonferenzen sehe oder mit ihnen telefonieren kann, drohe ich sie zu verlieren. Zwar vertritt mich eine Kollegin, die nicht im Präsenzunterricht ist, der fehlt jedoch die tragfähige Beziehung, die ich als Klassenlehrerin habe. Und hier wird allen Beteiligten schmerzlich bewusst, dass Lernen auch bei Schüler*innen der Sekundarstufe eben nicht durch eine reine Bereitstellung von Wissensinhalten erfolgt, sondern Ergebnis einer gewachsenen Lernbeziehung ist.

Nun arbeiten wir zeitgleich Konzepte für eine weitere Schulöffnung mit Anwesenheit der Klassen im Rotationsprinzip aus. In auseinandergerissenen Kleingruppen. Mit 30 Prozent weniger Kolleg*innen. Da werden möglicherweise Erst- und Zweitklässler im Präsenzunterricht in Kleingruppen mit 1,5 Meter Abstand von Kolleg*innen aus der Sekundarstufe unterrichtet, die nun unter Umständen Buchstabeneinführungen machen müssen.

Gleichzeitig sollen und müssen wir alle den Kontakt zu denen halten, die im Wechsel zu Hause weiterlernen. Man kann aber bekanntlich nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Für tragfähige hybride Konzepte fehlt es an Ausstattung und Wissen auf allen Seiten. Das Internet in der Schule bricht zusammen, sobald mehrere Personen online sind. Den Schüler*innen zu Hause fehlen Geräte und digitale Kompetenz, mit diesen umgehen zu können. In der Schule dürfen die Schüler*innen nicht ins pädagogische WLAN, damit wir ihnen an ihren Geräten zeigen können, wie sinnvolle und notwenige Apps funktionieren und wie man diesen leistungsfähigen Miniatur-Computer namens „Smartphone“ für Lernzwecke und Videokonferenzen benutzen kann.

Da dieser Zustand vermutlich noch weit bis ins nächste Schuljahr andauern wird, stellt sich für mich die Frage, in welche Anstrengungen wir unsere Energie investieren sollen. Wäre es nicht sinnvoll, für eine wirklich ausreichende digitale Ausstattung zu sorgen, um zumindest die älteren Schüler*innen zum nachhaltigen Fernlernen zu befähigen und dafür die Notbetreuung für die Kleineren so auszubauen, dass sie zu den Kolleg*innen in der Präsenzschule eine tragfähige Beziehung entwickeln können? Und das bitte nicht im 14-tägigen Wechsel? Wenn wir es nämlich so machen, wie es momentan geplant ist, werden nicht nur die Reibungsverluste den Nutzen bei weitem übersteigen sondern auch berufstätige Eltern von den kleineren Kindern in keinster Weise entlastet werden. Wir brauchen entlastende Konzepte für Kindertagesstätten und Grundschulen, wir brauchen eine pädagogisch sinnvolle und tragfähige Notbetreuung für Kinder und Jugendliche, die über digitale Lernkonzepte nicht gut erreicht werden und darüber hinaus brauchen wir vor allem Investitionen in die digitale Ausstattung der Schulen und der dort lernenden Schüler*innen, damit zukunftsfähige Lernkonzepte sinnvoll genutzt werden können.

Ich werde natürlich weiterhin mein Bestes geben, um die mir anvertrauten Schüler*innen gut begleiten zu können. Allerdings werde ich Grenzen ziehen müssen. Nun bin ich glücklicherweise nicht mehr in der Lage, gleichzeitig zum entgrenzten Lehrerberuf in diesen Zeiten auch noch kleine Kinder betreuen zu müssen. Allerdings brauchen auch Lehrer*innen Schlaf, Erholung, Bewegung und hin und wieder Ablenkung vom Alltagsgeschäft, um ihre Gesundheit zu erhalten.

Verehrte Entscheidungsträger, fragen Sie doch bitte bei den pädagogischen Akteuren nach, bevor Sie den Eltern Konzepte anbieten, die letztlich keine große Hilfe in der derzeitigen Situation sind. Wir hätten da schon ein paar Ideen.

Tanz in den Mai

Am Montag geht es wieder los: Die Schule sieht wieder Schüler. Ich gehe wieder in die Schule. Dort stehe ich wieder als Lehrerin vor realen Schülern in einem wirklich existierenden Klassenzimmer. Back2School. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Ferienende der großen Sommerferien.

Nur, dass diesmal alles anders ist.

Fünf Wochen Fernunterricht werden dann hinter mir liegen. Plus zwei Wochen Ferien. Macht sieben Wochen ohne. Sieben Wochen ohne Schüler*innen, aber mit unerwartet viel Arbeit, einem erstaunlich hohen Lernzuwachs in digitalen Belangen und Ferien, die keine Ferien waren, weil wir den Kontakt zu unseren Schüler*innen aufrechterhalten haben. Wir haben in nur sieben Wochen ein umfangreiches Fernlernkonzept erarbeitet, mit Wochen-, Tages- und Stundenplänen, Videokonferenzen, vielfältigen Kommunikationswegen, virtuellen Kooperationsformen und enormen Lernzuwächsen auch bei manchen Schüler*innen. Manche drohen wir allerdings zu verlieren. Beziehung auf Distanz will nur schwer gelingen. Sie kann den direkten Kontakt nicht ersetzen. Deshalb ist es sicher für manche gut, wenn wir den Raum wieder teilen.

Die Klasse, vor der ich am Montag stehen werde, wird eine sein, die ich normalweise nicht unterrichte. In einem Raum, der nicht mein Klassenzimmer ist. Die Gruppe im Lerngruppenraum wird unvollständig sein. Geteilt. Es sind bloß 11 Schüler*innen pro Gruppe. Mit Abstand. An Einzeltischen. Und Maske, wenn der Abstand nicht einzuhalten ist. Oder Spuckschutz. Was für ein Wort.

Am Montag dürfen nur jene in die Schule zurückkehren, die demnächst eine Abschlussprüfung abzulegen haben. Und weil es derzeit noch nicht abschätzbar ist, wie gefährlich dieses Zusammentreffen in der Gruppe – wenn auch mit Abstand – sein könnte, dürfen manche Lehrer*innen nicht unterrichten. Deshalb werden die Schüler*innen jetzt teilweise von Lehrer*innen zum Abschluss begleitet, die sie gar nicht kennen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass wir jetzt tanzen müssen. Mit dem Virus. Wir müssen schauen, wie viel Kontakt möglich ist, ohne dass die Fallzahlen wieder in die Höhe schnellen. Das kann auch bedeuten, dass der uns noch unbekannte Tanz, der am Montag beginnt, aus dem Rhythmus gerät. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Dennoch: Es ist ein Hoffnungsschimmer. Wir tanzen zur Musik, die uns Flügel verleihen wird. Lasst uns um unser Leben und unsere Freiheit tanzen. Alles neu macht der Mai!

Offline

Ich war offline. Wie es sich anfühlt, nicht dabei sein zu können, musste ich vor einigen Tagen am eigenen Leib erfahren. Zuerst funktionierte Ende letzter Woche plötzlich der DSL-Anschluss nicht mehr und mein virtuelles Klassenzimmer fiel in sich zusammen. Ausgerechnet am Freitag vor dem Ferienende mit Aussicht auf weitere Wochen Schule@home. Urplötzlich war mein digitales Fenster zur Welt geschlossen. In unserer Straße wird ein Tunnel gegraben. Vermutlich hatte der Bagger das Kabel in Mitleidenschaft gezogen.

Nachdem im Laufe des Wochenendes die Internetverbindung wieder hergestellt werden konnte, quittierte mein noch ziemlich neues Smartphone im Laufe des Montags, pünktlich zum Beginn der zweiten Runde der Schule@Home, endgültig den Dienst. Offline. Erneut.

Nun bin ich in der glücklichen Lage, mir zu helfen. Ich kann die Hotline des Internet-Providers anrufen und in dramatischen Worten deutlich machen, dass in diesem Haus sechs Personen auf einen funktionierenden Internetanschluss angewiesen sind wegen Work@Home und Schule@Home. Ich verfüge außerdem über die Möglichkeit, ein Smartphone, welches innerhalb der Gewährleistungsfrist schon nicht mehr funktioniert, zurückzuschicken und mir Ersatz zu beschaffen. Ich besitze eine Drucker, kann Rücksendeetiketten ausdrucken und mich durch den Dschungel der Angebote im WorldWideWeb wühlen.

Ich bin wieder online, kann wieder teilhaben an diesem derzeit in großen Teilen virtuell stattfindenden Leben mit all den Videokonferenzen, Webinaren und virtuellen Austauschplattformen.

Einige meiner Schüler*innen sind dauerhaft offline. Nicht etwa, weil sie kein Internet hätten, das haben mittlerweile tatsächlich fast alle. Nur verfügen bei weitem nicht alle Jugendlichen über ein eigenes digitales Endgerät, mit dem es sich sinnvoll arbeiten ließe, sprich: ein Laptop oder einen Desktop-PC. Manche haben gerade auch kein Smartphone, weil es mal wieder heruntergefallen ist oder sie sich aus Versehen draufgesetzt haben. Und selbst wenn sie eins haben, heißt das noch lange nicht, dass sie wissen, wie man diesen kleinen Minicomputer sinnvoll für schulische Zwecke einsetzen kann.

Nun war ich zwar wieder online, musste aber dennoch sehr viel Zeit dafür aufwenden, ganz analog zu Schüler*innen hinzufahren, ihnen digitale Endgeräte zu verschaffen und teilweise auch einzurichten oder per Telefon erklären, wie man sich bestimmte Apps installiert und warum es wichtig ist, Passwörter immer ganz genau richtig zu schreiben. Zum Glück ist das nicht der größte Teil. Viele haben in dieser Zeit auch unglaublich viel gelernt und wissen jetzt, dass ein ordentlicher PC doch deutlich nachhaltiger ist als die jeweils neueste Konsole.

Mir scheint, die Dinge, die sich aus schulischer Sicht in der Vergangenheit als wichtig erwiesen haben, werden nach dieser Krise noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen. Nun werden bald die ersten Schüler*innen wieder physisch in die Schulen zurückkehren. Man darf gespannt sein, ob die dann knapp fünf Wochen Schule@Home Spuren in der Schule@Schule hinterlassen werden.

Schritt für Schritt

Der Nebel lichtet sich langsam, der Horizont ist allerdings weiterhin versteckt, der Blick reicht nur ungefähr zwei Wochen weit.

Wir wissen nun: Ab dem 4. Mai kehren in Baden-Württemberg die ersten Schüler*innen in die Schule zurück, zunächst jedoch nur die Abschlussklassen und diejenigen, die im nächsten Jahr Prüfung haben. Wie genau das organisiert werden soll, welche Hygiene- und Abstandsregeln gelten werden, wissen wir noch nicht. Die Schulen werden durch die Verwaltung genauere Anweisungen erhalten und sollen die Zeit bis zum 4. Mai nutzen, um sicherzustellen, dass die Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten werden können.

Ab dem 18. Mai finden die zentralen Abschlussprüfungen statt. Die genauen Termine findet man hier. Für unsere Schule sind folgende Termine wichtig:
Die Realschulabschlussprüfung beginnt am Mittwoch, den 20. Mai mit dem Fach Deutsch. Es folgen Mathematik am 25. Mai und Englisch am 27. Mai.
Die Hauptschulabschlussprüfung beginnt am Dienstag, den 16. Juni mit Deutsch. Hier folgen Mathematik am 18. Juni und Englisch am 22. Juni.

Wie genau wir die davon betroffenen Schüler*innen auf diese Prüfungen vorbereiten sollen, wissen wir noch nicht. Es ist jedoch klar, dass ca. 25% der Lehrer*innen, die momentan an unseren Schulen arbeiten, zu Risikogruppen zählen, weil sie über 60 Jahre alt sind, Vorerkrankungen haben oder schwanger sind und deshalb nicht dazu verpflichtet werden können, in die Schule zu kommen. Es kann auch sein, dass Schüler*innen selbst oder deren Angehörige zu dieser Gruppe gehören. Sie müssen ebenfalls nicht in die Schule kommen. Für Schüler*innen, die sich nicht auf ihre Prüfung vorbereiten können, weil sie nicht am Unterricht teilnehmen können, werden Nachtermine angeboten.

Klar ist, dass es keinen Normalbetrieb in den Schulen geben wird. Die Schüler*innen müssen in der Schule und auf dem Pausenhof den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten, was heißt, dass deutlich weniger Personen in einem Klassenzimmer untergebracht werden können, als das üblicherweise der Fall ist. Es müssen deshalb auch neue Pausenregelungen gefunden werden. Der Unterricht wird sich auf die inhaltlichen Schwerpunkte der Prüfungsfächer beschränken.

Für unsere Siebtklässler heißt das: Wir können überhaupt nicht sagen, wann und ob es für sie in diesem Schuljahr noch einmal eine Schule in der Schule geben wird. Ehrlich gesagt halte ich es eher für unwahrscheinlich. Immerhin wurde die Möglichkeit der Notfallbetreuung auf Siebtklässler ausgeweitet.

Wir befinden uns immer noch in der Phase der Kontaktsperre und wir werden noch eine Weile Geduld haben müssen, bis wieder so etwas wie „Normalität“ in unserem Schulleben einkehren wird.

Leopoldina

Bei Twitter Deutschland liegen heute zwei Hashtags besondere im Trend: #Leopoldina und #Schulen. Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen bislang noch nie etwas von der „Leopoldina“ gehört haben und gar nicht wissen, was sich hinter diesem klingenden Namen verbirgt. Auch ich bin erst in den letzten Tagen auf diese Institution aufmerksam geworden, nachdem Stellungnahmen in Zusammenhang mit der Corona-Krise durchs Netz gegeistert sind. Die Leopoldina, gegründet 1652 als Deutsche Akademie der Naturforscher, ist seit 2008 die Nationale Akademie der Wissenschaften, deren Aufgabe es ist, die Politik und die Öffentlichkeit zu beraten. Die Stellungnahmen dieser Institution sind also wichtig, um zu verstehen, auf welcher Grundlage, Politiker in unserem Land ihre Entscheidungen treffen.

Heute liegt die #Leopoldina im Trend, weil sie zum dritten Mal eine Stellungnahme mit Empfehlungen veröffentlicht hat, in der es diese Mal um die psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekten der Pandemie geht. Im Klartext: Es geht auch um die Frage, ob, wann und wie die Schulen und Kindertagesstätten wieder öffnen können. Ich möchte in diesem Beitrag keine Diskussion darüber anstoßen, ob und wie die Empfehlungen umsetzbar sein werden. Es wird Aufgabe der Politiker auf Bundes- und Landesebene sein, Maßnahmen aus den Empfehlungen abzuleiten, die letztlich von den Schulträgern und Schulen vor Ort umgesetzt werden müssen. Ich möchte an dieser Stelle nur die für die Schulen relevantesten Textpassagen zitieren, damit wir uns schon einmal darauf einstellen können, was auf uns zukommen könnte:

„Die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen sollte sobald wie irgend möglich erfolgen, und zwar schrittweise und nach Jahrgangsstufen differenziert. Dabei müssen die jeweiligen Gegebenheiten in der einzelnen Bildungseinrichtung berücksichtigt werden. Alle Maßnahmen sind auf längere Zeit unter Einhaltung der Vorgaben zu Hygiene, Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Testung und die Konsequenz der Quarantäne umzusetzen. Für eine längere Übergangszeit wird gelten, dass eingeschränkte, wenn auch schrittweise erweiterte Formen von Betreuung und Unterricht akzeptiert werden müssen, um das weiterhin erhebliche Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Auf diese Übergangszeit beziehen sich die folgenden Empfehlungen.

Kinder im Grundschulbereich (Primarstufe) benötigen die meiste Unterstützung und Anleitung, Eltern sind hier stärker auf Betreuungsleistungen der Schulen angewiesen. Entsprechendes gilt auch für Kinder, die sich in Kitas befinden. Die schrittweise Normalisierung muss mit deutlich reduzierten Gruppengrößen be-gonnen werden, um das Abstandsgebot besser einhalten zu können. Zu empfehlen ist eine Konzentration auf Schwerpunktfächer (Deutsch und Mathematik in der Grundschule), die in aufgeteilten kleineren Grup-pen einer Klasse zeitversetzt unterrichtet werden. Lerngruppen müssen dabei konstant bleiben, um das Ansteckungsrisiko zu vermindern. Eine Gruppengröße von maximal 15 Schülerinnen und Schüler wäre möglich, wenn entsprechend große Klassenräume zur Verfügung stehen. Die so geschehene Öffnung muss für die Eltern verlässlich sein. Eine gestaffelte Pausenregelung für die einzelnen Gruppen ist notwendig. Der Schulhof darf nicht zum Austauschort für Viren werden. Die Öffnung der Grundschule sollte mit den Kindern in den Abschlussklassen der Primarstufe begonnen werden, damit sie auf den Übergang in die weiterführenden Schulen vorbereitet werden können. Danach folgen stufenweise die vorangehenden Jahrgangsstufen. Die Notfallbetreuung für die jüngsten Jahrgänge kann dementsprechend langsam zurückgenommen werden.

Im Bereich der Kindergärten und Kindertagesstätten sollte dieser Logik entsprechend ein Regelbetrieb mit reduzierten Gruppengrößen (max. 5 Kinder pro Raum) am Übergang zur Grundschule (5-6-Jährige) stattfinden. Es sollten alle Anstrengungen – auch in den Sommerferien – unternommen werden, um diese Kinder so gut wie möglich auf den Übergang in die weiterführende Schule vorzubereiten. Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollten die Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb bleiben. Bei den Horten gilt ebenfalls die Aufrechterhaltung der Notfallbetreuung. Dies setzt voraus, dass berufstätige Eltern weiterhin durch eine sehr flexible Handhabung von Arbeitszeiten und -orten sowie finanziell unterstützt werden.

In Bildungsgängen, in denen am Ende der Sekundarstufe I zentrale Abschlussprüfungen stattfinden, sollte der Schulbetrieb zunächst in jenen Jahrgangsstufen aufgenommen werden, die vor dem Abschluss stehen. Bei allen weiteren Jahrgängen ist ein gestuftes Vorgehen mit reduzierter Stundenzahl und mit Konzentration auf die Kernfächer (Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen) zu empfehlen. In einer weiteren Stunde pro Tag können von den Schülerinnen und Schülern erledigte Arbeitsaufträge überprüft und kommentiert werden. Diese Stunde kann auch genutzt werden, um neue Arbeitsaufträge zu vergeben, welche die Schülerinnen und Schüler in Heimarbeit erledigen. Diese Arbeiten müssen sich nicht auf die Kernfächer beschränken, sondern können die Inhalte der anderen Fächer aufnehmen.

Da die Möglichkeiten des Fernunterrichts mit zunehmendem Alter besser genutzt werden, kann die Rückkehr zum gewohnten Face-to-Face-Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems weiter hinausgeschoben werden. In der gymnasialen Oberstufe kann in höherem Maße auf das selbstorganisierte Lernen der Schülerinnen und Schüler, auf der Basis digitaler und analoger Lernmedien, gesetzt werden. Die Bereitstellung der Materialien und Rückmeldungen zu den Lernergebnissen liegt in der Verantwortung der Lehrerin-nen und Lehrer.

(…)

Generell gilt es, die Prüfungsmöglichkeiten auf allen Bildungsetappen aufrechtzuerhalten. Auch sollte die Unterbrechung des gewohnten Unterrichts und der außerhäuslichen Betreuung, die damit verbundene Unterbrechung sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen und das Krisenhafte der Gesamtsituation nach Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen aufgegriffen werden. Das Angebot digitaler Unterrichtsmaterialien muss vergrößert und leicht zugänglich gemacht werden. Für alle Bildungsstufen sollten als Folge der Krise didaktisch gut aufbereitete Angebote für das „Selbst- und Distanz-Lernen“ ausgebaut und auch überregional verfügbar gemacht werden. Weiterhin sollten kompensatorische Maßnahmen beispielsweise in den kommenden Sommerferien, angeboten werden, um negative Auswirkungen auf das Erreichen jahrgangsspezifischer Bildungsstandards, den Übergang zu weiterführenden Schulen und den Abschluss von Prüfungen zu minimieren. Diese Maßnahmen sind von besonderer Bedeutung für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler und können zur Abmilderung sozialer Ungleichheit führen. Festzuhalten ist aber auch, dass die Krise den Digitalisierungsschub im Bildungsbereich beschleunigt, der zur Verbesserung der digitalen Ausstattung der Institutionen, der digitalen Kompetenzen von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sowie zur schnelleren Entwicklung von Konzepten und Programmen zur Nutzung von digitalen Methoden und Medien im Unterricht und im Bildungswesen überhaupt führen wird. Damit ist verbunden, dass die erheblichen Vorzüge und Grenzen von Digitalisierung im Bildungswesen genauer erfahren und – im Nachgang, auch durch wissenschaftliche Begleitforschung – in ihren Nutzungsmöglichkeiten präzisiert werden können. In der Krise wird sichtbar, wie wichtig es ist, digitale Möglichkeiten zur Substituierung und/oder Ergänzung des Präsenzunterrichts zu entwickeln. Es gilt, den Einsatz moderner didaktischer Methoden und Mittel nach der Krise weiterzuentwickeln.

Ad-Hoc-Stellungnahme der Leopoldina vom 13.4.2020: Coronavirus-Pandemie: Die Krise nachhaltig überwinden

Es geht in der Stellungnahme auch noch um weitere Bereiche, wie etwa eine Optimierung der Entscheidungsgrundlage für alle Maßnahmen, indem mehr Menschen auf ihre Immunität getestet werden. Auch soll durch eine genauere Datenanalyse eine realistischere Abschätzung des eigenen Risikos ermöglicht werden. Darüber hinaus wird betont, dass psychische und soziale Auswirkungen abgefedert und die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen im Hinblick auf andere Rechtsgüter soll differenzierter betrachtet und geprüft werden müssen.

Hoffen wir, dass unsere politischen Vertreter in den kommenden Tagen Augenmaß und Verantwortlichkeit bei den zu treffenden Entscheidungen bewahren können.

Alles anders

Bild: Uwe Greifenberger

Heute ist Karfreitag. Ein hoher Feiertag im Christentum und ein Tag, an dem ich in den letzten Jahren nahezu ausnahmslos musikalisch unterwegs war. Meistens mit meinem Chor, dem Oratorienchor an der Christuskirche Karlsruhe, dem ich seit über 20 Jahren verbunden bin. An Karfreitag haben wir in den vergangenen Jahren sehr oft Passionen gesungen, im vergangenen Jahr war es die Matthäus-Passion von Carl Philip Emanuel Bach. Das Foto oben entstand nach der Aufführung am 19. April 2019.

In diesem Jahr saß ich nachmittags um 15 Uhr im Wohnzimmer. Unser eigentlich geplantes Konzert, die Karlsruher Uraufführung des Oratoriums Jerusalem von Gunther Martin Göttsche ist schon vor drei Wochen abgesagt worden. Ich saß da und sah die Fernsehübertragung eines Karfreitagsgottesdienstes aus der nahezu leeren Christuskirche. Unfassbar.

Göttsche vertont in seinem Passionsoratorium in der Nr. 18 den 23. Psalm:

Gott ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Au und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele und führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück,
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang
und ich werde bleiben im Hause der Herrn immerdar.

Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass wir diesen Psalm in absehbarer Zeit zu Gehör bringen dürfen. Allen, die hier hin und wieder mitlesen, wünsche ich ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Innere Ordnung

Heute habe ich aufgeräumt. Den ganzen Tag. Von morgens bis abends. Ich war dermaßen im Aufräumfieber, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte. Leider neige ich ja, wie vermutlich nicht wenige andere Kolleg*innen meiner Zunft auch, zum Sammeln, Aufheben, Horten und Aufbewahren. Es fällt mir schwer, mich von manchen Dingen zu trennen. Wenn man von Berufs wegen Kinder und Jugendlichen dazu befähigen möchte, wie Herbart es einst so schön auszudrücken vermochte: „Welt in sich aufzunehmen“, dann kann es passieren, dass man selbst die Welt sammelt und in einem Lehrerarbeitszimmer aufbewahrt. Um den Überblick über diese „Welt“ nicht zu verlieren, ist es unausweichlich, sie zu ordnen und zu sortieren. Andernfalls könnte es passieren, dass einem die eigene Welt zu unübersichtlich wird.

Wenn ich so im Aufräumfieber bin, mache ich bei mir selbst oft die Beobachtung, dass sich durch das Schaffen äußerer Ordnung auch eine Art innerer Ordnung einstellt. Ich fühle mich dann sortierter, klarer und kann wieder strukturierter denken. Dabei fällt es mir durchaus nicht leicht, den Anfang zu finden. Es ist zwar schon so, dass ich mittlerweile eine ziemlich durchdachte Grundordnung in meiner häuslichen Lehrerwelt habe, aber es erfordert ein hohes Maß an Disziplin, diese aufrechtzuerhalten. Man muss dranbleiben, sich am Riemen reißen und immer wieder einmal den inneren Schweinehund überwinden, um den Anfang zu finden.

Auch bei meinen Schüler*innen beobachte ich, dass es ihnen guttut, wenn ich ihnen Strategien an die Hand gebe, wie sie selbst Ordnung halten können. Unsere Schule ist, wie alle Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, eine gebundene Ganztagsschule. Die Schüler*innen lassen ihre Sachen im Normalfall in ihrem persönlichen Ablagefach im Lerngruppenraum. Doch selbst so ein recht überschaubares Fach in Ordnung zu halten, will gelernt sein. Immer wieder stelle ich fest, dass Jugendliche damit große Schwierigkeiten haben. Dann verschwinden Blätter, es dauert halbe Ewigkeiten, bis ein bestimmtes Heft sich findet und es zeigt sich auch, dass Dinge, die man nicht ordentlich aufbewahrt, schneller verschleißen. Deshalb hatten wir zu Beginn dieses Schuljahres noch einmal ein verstärktes Augenmerk auf die Organisation der Schulmaterialien gelegt, was sehr positive Effekte hatte. Oft geht das Lehrersein eben über das Vermitteln von fachlichen Inhalten hinaus.

Auf das Regal, welches oben zu sehen ist, bin ich in den letzten drei Wochen übrigens sehr häufig angesprochen worden. So ist das eben, wenn man statt im Klassenzimmer plötzlich aus dem häuslichen Arbeitszimmer ein Fenster in die Welt öffnet. Eigentlich ist das Regal noch größer, aber das Bild täuscht ein wenig: Ich muss zugeben, dass ich den Ausschnitt aus ästhetischen Gründen gewählt habe. Ganz so ordentlich, wie es den Anschein haben könnte, bin ich dann doch nicht. So sind meine Bücher zwar sortiert, aber nicht farblich und manchmal, wenn der Platz nicht mehr reicht, stelle ich Bücher in zweiter Reihe auf oder andere Dinge stapeln sich hier und da.

Nun ist die Ordnung wieder hergestellt. Innen wie außen.