Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Baden-Württemberg hat gewählt. In diesen Tagen werden Weichen für die Zukunft gestellt. Auch das Kultusministerium wird neu besetzt werden. Wir haben über die sozialen Netzwerke Stimmen aus der Schulgemeinschaft gesammelt. Sie haben gesagt, was ihre Erwartungen, Wünsche und auch Visionen für Schule und Bildung ein Baden-Württemberg sind. Hört auf die Worte der Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, Schulleiter*innen, und pädagogischen Assistent*innen:

Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Zu diesem Video gibt es auch eine Langversion mit allen eingereichten Beiträgen: Diese findet man hier:

Ambivalent

Quelle: https://www.dwds.de/wb/ambivalent

Da sind wir wieder.

Back2School.

Am 15. März 2021 sind wir mit unseren Fünftklässlern nach 9 Wochen Distanzunterricht wieder in die Schule zurückgekehrt. Ziemlich genau ein Jahr, nachdem die Schulen am 17. März 2020 erstmals ihre Tore geschlossen hatten.

Wer hätte ahnen können, dass wir über ein Jahr lang mit den Auswirkungen dieser Pandemie zu kämpfen hätten? Dass wir Schulgebäude nur noch mit Maske und Abstand betreten würden? Dass wir uns mit instabilen Internetverbindungen, unerreichbaren Schüler*innen, verunsicherten Eltern und mehr oder weniger besorgten Kolleg*innen auseinanderzusetzen hätten?

Nun sind wir also wieder da. Mit Maske. Und – dank unserer fürsorglichen Schulleitung – auch mit Abstand. Vorerst. Vielleicht auch dauerhaft. Wer weiß das schon in diesen Zeiten?

Eine Schülerin hatte in einer unserer letzten Videokonferenzen gesagt:

„Ich freue mich so darauf, endlich wieder in die Schule zu gehen. Egal wie! Ob mit Maske, mit Abstand oder mit der halben Klasse. Hauptsache, ich sehe meine Freunde endlich mal wieder!“

Wir freuen uns auch. Und gleichzeitig sind wir besorgt. Wir freuen uns, alle leibhaftig zu sehen, die gegenseitige Anwesenheit und die Gefühle der anderen zu spüren, unmittelbar fragen zu können:

„Wie geht es dir?“

Wir können diese Frage stellen und müssen nicht warten, ob sich am anderen Ende der virtuellen Verbindung eine Kamera aktiviert oder eine Stimme über eine instabile Leitung eine Antwort gibt, die oft schwer zu deuten ist. Wir können einfach sehen und spüren, ob die Antwort auf diese Frage Gutes oder Schlechtes bedeutet.

Wir sind aber auch besorgt, weil wir nicht wissen, ob die Schutzmaßnahmen tragen. Ob diese Schulöffnung nicht ein großer Fehler war, weil sich das Virus in unseren Klassen und Gruppen nahezu ungehindert vermehren kann.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag schon längst und spätestens gestern verfasst haben. Und dann kam die Nachricht, dass die Impfungen mit Astra Zeneca ausgesetzt werden. Dass jetzt Kolleg*innen weiter darauf warten müssen, endlich geschützt am Unterricht teilnehmen zu können. Und das, obwohl sie in der Grundschule ohne Abstand und mit Kindern ohne Masken in einer Region mit über 50% mutiertem Virus (B 1.1.7) einem sehr realen Risiko ausgesetzt sind. Das bestürzt mich. Ich selbst bin bereits geimpft.

Am Sonntag war Landtagswahl. Ich habe für die Zukunft einen Wunsch:

Futur statt Präsenz

oder „Wer ist eigentlich dieser Herr Meidinger?“

Herr Meidinger nennt sich Lehrerpräsident, ist jedoch keineswegs mein Lehrerpräsident, auch, da er mich qua Amt gar nicht vertreten kann. Laut Homepage zählen zu den Mitgliedsverbänden des „Deutschen Lehrerverbandes (DL)“ lediglich Interessensvertretungen für Lehrer*innen an Gymnasien, Realschulen und beruflichen Schulen, außerdem eine katholische Erziehergemeinschaft, von der man nicht so genau weiß, wen sie vertritt. Herr Meidinger hat als ehemaliger Präsident des Philologenverbandes jedoch offenbar sehr viel Zeit und erhält durch seine ständige Medienpräsenz eine Bühne, die seiner Bedeutung für die Vertretung der bundesdeutschen Lehrer*innen ganz sicher nicht angemessen ist. Herr Meidinger ist nämlich keinesfalls ein unabhängiger Autor, sondern ein ausgewiesener Lobbyist für einen kleinen Ausschnitt der Lehrer*innen, der von seinem griffigen Titel „Lehrerpräsident“ profitiert.

Dass ein Herr Meidinger von „realitätsfernen Idealen und Ideologien“ schreibt, entlarvt ihn dahingehend, dass er offenbar noch nie eine dieser „anderen“ Schulen von innen gesehen hat. Er behauptet, Schulreformen dürfen nur durchgeführt werden, wenn es wissenschaftlich belastbare Anhaltspunkte dafür gebe, dass sie gegenüber dem Status quo eine Verbesserung darstellen. Offensichtlich ist ihm nicht bekannt, dass die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg die einzige Schulform ist, die in den letzten Jahren überhaupt wissenschaftlich evaluiert wurde.

Wir Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen haben bewiesen, dass wir differenzierende Bildungsangebote entwerfen können. Wir sind breit aufgestellt, kennen uns mit Förderangeboten, sonderpädagogischen Bedarfen wie auch mit Hochbegabtenförderung aus. Wir können Kindern mit heterogenem Profil Bildungsangebote machen, kooperieren mit dem Jugendamt und Kinderärzten, ermöglichen Nachteilsausgleiche und sortieren Schüler*innen nicht allein deshalb aus, weil sie in Deutsch schlechter sind als in Mathe. Wir geben ihnen die Chance, sich zu entwickeln, dranzubleiben, selbstständig zu werden. Dabei begleiten wir intensiv und stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Elternhäusern. Wir sorgen dafür, dass sie selbstwirksam werden können.

Ich fordere eine Umkehr der Beweislast – der Beweis, dass die Gemeinschaftsschulen sich drängenden Schulentwicklungsfragen stellen und Kinder mit unklarer Bildungsempfehlung zum Realschulabschluss oder gar zum Abitur befähigen können, ist geführt. Nun sollen die „Bewahrer“ des angeblich so gerechten und effektiven Bildungssystems zeigen, wo ihr Innovationspotenzial zu finden ist. Die letzten Monate haben eindrucksvoll gezeigt, dass wir mit den Rezepten von gestern keine Schulen von morgen gestalten können.


Mit freundlichen Grüßen
Susanne Posselt


Lehrerin an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe
Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg
Stellvertretende Bezirksvorsitzende der GEW Nordbaden und dort für das gewerkschaftliche Bildungsprogramm verantwortlich.

Dieser Beitrag ist eine Replik auf eine (un)kritische Rezension, die am 28.1.2021 in den Badischen Neuesten Nachrichten erschienen ist.

Selbstbildung

Gedanken zu Bildung und Erziehung

Eigentlich müsste hier ein Beitrag über meine Rückkehr in die Schule@Schule zu Beginn dieser Woche und die Begegnung mit meinen Schüler*innen nach endlos erscheinender mehrwöchiger Schule@Home stehen. Gewachsen sind sie. Verändert haben sie sich. Am Montag waren sie teils still, teils laut, teils nachdenklich, teils verunsichert. Wir mussten uns erst wieder an das Zusammensein unter veränderten Bedingungen gewöhnen, neue Formen des Lernens finden und diese erneute Herausforderung für uns annehmen. Annehmen, dass man sich nicht umarmen darf, nicht freudig begrüßen, nicht in der gesamten Gruppe sein darf. Es ist alles anders und es ist auch schwer. Zum Glück muss man an solchen schweren Zeiten nicht zwangsläufig verzweifeln. Man kann auch daran wachsen. Nicht nur äußerlich, auch innerlich. Irgendjemand hat in meiner Studienzeit einmal gesagt: Bildung kann auch weh tun. Und trotzdem wächst man. Wird größer, weiser, wirksamer und mutiger. Vielleicht auch gerade deshalb. Gegen Ende der Woche hatten wir uns daran gewöhnt. Ans Abstand halten, an die Gruppe, ans Rücksicht nehmen aufeinander. Wir hatten wieder in die gemeinsame Arbeit hineingefunden.

Durch meinen intensiven Austausch über virtuelle Netzwerke (z.B. das #Twitterlehrerzimmer ) und meine Teilnahme am Hackathon #WirFuerSchule und am Barcamp #Digitalitaet20 habe ich in den letzten Wochen oft darüber nachgedacht, wie ich eigentlich zu der Haltung gekommen bin, die ich heute vertrete. Deshalb habe ich beschlossen, zwei Begriffe näher zu beleuchten, die mich seit meiner Studienzeit immer wieder beschäftigen:

Ich bin in meiner Zeit an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe eine eher ungewöhnliche Studentin gewesen, da ich diesen Weg erst gegangen bin, als ich schon vier Kinder hatte und mit den Institutionen, die sich mit Bildung und Erziehung von Kindern beschäftigen, bereits auf unterschiedliche Weise in Berührung gekommen war. Meine Kinder waren seinerzeit zwar noch recht klein, aber ihr Aufwachsen und ihre Entwicklung zu beobachten, hat in mir den Wunsch und die Überzeugung wachsen lassen, mehr über diese vielfach inflationär gebrauchten Begriffe Bildung und Erziehung wissen zu wollen, nicht nur theoretisch, auch, weil ich meine und andere Kinder gut in ihrem Großwerden begleiten wollte. Immer noch bin ich der Überzeugung, dass Theorie und Praxis sich hier viel mehr gegenseitig befruchten müssten, dass das, was man über das gute Aufwachsen von Kindern herausgefunden hat, in die Praxis der Schulen und der Familien Eingang finden müsste. Man muss doch nicht alle Fehler, von denen man durch intensive Forschung weiß, dass sie Fehler sind, immer wieder machen.

Einige Sätze, die mir aus meinem Studium in Erinnerung geblieben sind, und die mich seither in vielen Situationen meines Lehrerinnendaseins und auch des Mutterdaseins begleiten, möchte ich hier festhalten:

  1. Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen und bedarf der Bildung.
  2. Bildung ereignet sich nicht von selbst, sondern bedarf der erzieherischen Unterstützung.
  3. Ziel von Erziehung ist Mündigkeit – die mündige Teilnahme in sozialer Verantwortung an der gesellschaftlichen Gesamtpraxis.
  4. Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Der Mensch ist Subjekt, nicht Objekt, und gestaltet etwas aus sich selbst heraus in steter Wechselwirkung mit der Welt.

Zu 1. Dass der Mensch ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen ist, konnte man wohl noch nie deutlicher wahrnehmen als in dieser Zeit der erzwungenen sozialen Distanz. Man darf keine Gemeinschaft, zumindest nicht in körperlicher Nähe, pflegen und das fällt uns unendlich schwer. Uns, den reflektierten, vernünftigen und uns stets prüfenden Erwachsenen gelingt es schon kaum und erst recht den Jugendlichen, deren ganze Entwicklung auf Gemeinschaft hin zielt. Manchen ist es ist es in der Zeit der Kontaktverbote nicht gelungen, auf ihre Treffen in der Peergroup zu verzichten. Bei manchen sind deshalb Bußgeldbescheide an die Eltern im Briefkasten gelandet. Denn auf Gemeinschaft hin angelegt zu sein, bedeutet auch, Rücksicht zu nehmen, im Blick zu behalten, was für andere gut und wichtig ist, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen. Und so kommt es, dass das im Menschen angelegte Bedürfnis nach Gemeinschaft so reguliert werden muss, dass anderen in der Gemeinschaft lebenden Menschen nicht geschadet wird. Das geht nur durch eine vernünftige und bewusste Entscheidung, die am Ende wohl das Ergebnis eines längeren Bildungsprozesses ist.

So ergibt sich aus dem 1. der 2. Satz; Bildung bedarf der erzieherischen Unterstützung. Über das „Wie“ dieser Unterstützung wird wohl seit Jahrhunderten, in den letzten Jahrzehnten aber zunehmend, gestritten. Festzustellen ist, dass in einer Zeit, in der individuelle Selbstverwirklichung oberste Priorität hat und Kinder nicht selten hinter persönlichen Prioritäten das Nachsehen haben, kein gesellschaftlicher Konsens mehr über die Ziele von Erziehung herrscht. Natürlich möchte niemand zurück zu einer autoritären Erziehung, die im 19. Jahrhundert noch das Ziel hatte, Kinder zu folgsamen Soldaten heranzuziehen. Doch was dann? Die antiautoritäre Bewegung der 68er-Generation hat Erziehung zum Unwort werden lassen. Aus dieser Zeit stammen Begriffe wie Antipädagogik und es gibt nach wie vor eine große Community, die sich gegen jegliche Form von Erziehung ausspricht und sich selbst unerzogen nennt. Über Erziehung könnte man also ganze Bücher schreiben. In der Schule fällt immer wieder auf, dass manche Kinder sich mit der Rücksichtnahme auf andere sehr schwer tun, weil sie selbst in ihren Familien im Zentrum aller Bemühungen stehen und offene Kindergartenkonzepte die Selbstbestimmung über eine eben manchmal auch notwendige Anpassung an Gruppenregeln stellen. Lehrer*innen wissen: Ein Kind kann eine ganze Gruppe sprengen. In einer Schule, nicht nur aufgrund von Ressourcen lediglich ein gruppenbezogenes Bildungsangebot machen kann, sind wir darauf angewiesen, dass Kinder ein gewisses Maß an Gemeinschaftsfähigkeit mitbringen.

Denn, und hier kommt der 3. Satz ins Spiel: Erziehung ist kein Selbstzweck: Sie zielt auf den etwas altertümlichen Begriff der Mündigkeit ab. Immanuel Kant schrieb 1784 in seinem berühmten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude!‘ Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)

Junge Menschen sollen durch Erziehung in die Lage versetzt werden, ihr Leben in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung zu gestalten, indem sie für sich selbst sorgen und ihre eigene Meinung vertreten können. Dies soll stets unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Interessen als Korrektiv geschehen, denn Ziel Erziehung und von Schule ist am Ende auch Demokratiefähigkeit, um die Grundfesten unseres Zusammenlebens nicht in Frage stellen zu müssen.

4. ist für mich schlussendlich aber die wichtigste Erkenntnis des Studiums und hat sich durch Beobachtungen in der Praxis vielfach bestätigt: Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Man kann nicht „gebildet werden“. Es ist notwendig, selbst aktiv in diesen Prozess einzutreten. Jede(r) Lehrer*in kennt das: Wer nicht will, den kann man nur schwer zum Wollen bringen. Natürlich ist es unser tägliches Geschäft, zu motivieren und Überzeugungsarbeit zu leisten, dass dieses „Wollen“ für einen erfolgversprechenden Weg in die Zukunft unerlässlich ist. Man muss jedoch aufpassen, dass man die in der Schule zu vermittelnde Bildung nicht nur im Hinblick auf Abschlüsse denkt. Denn dann wäre es eher eine „Aus“ (im Sinne von „fertig“) Bildung, die auf ihr eigenes Ende hin ausgerichtet ist und junge Menschen eben nicht zu dem befähigt, was mit wahrer Bildung gemeint ist: Ihr Leben in die Hand zu nehmen, herauszufinden, welche Begabungen sie haben und mit diesem Schatz aus dem, was die eigenen Lebensumstände bieten, immer wieder das Beste zu machen. Nie aufzugeben, sich nicht entmutigen zu lassen und stets nach vorne zu schauen und neue Ziele in den Blick zu nehmen. Lebenslang.

So kommt es, dass im Grunde genommen wir als Lehrer*innen diese Haltung vorleben müssen. Wir müssen durch unser eigenes Handeln zeigen, dass auch wir stets bereit sind, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und an ihnen zu wachsen.

Welche Bedeutung diese Selbstbildung hat, ist wahrscheinlich kaum je so sichtbar geworden, wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Positiv wurde von jenen Lehrer*innen Notiz genommen, die nach den plötzlichen Schulschließungen das Heft selbst in die Hand genommen hatten und ihren, in diesem Fall meist digitalen, Bildungsprozess mutig verfolgten: Sie erstellten Homepages, eröffneten Twitter-Kanäle, drehten Lernvideos, arbeiteten sich in Videokonferenzsysteme ein, beschafften Hardware für ihre Schüler*innen, leisteten Stunde um Stunde Support via Telefon und Video, knüpften digitale Netzwerke zwischen Schüler*innen, damit die sich gegenseitig unterstützen konnten, sprachen Eltern Mut zu und halfen sich gegenseitig in ihren Teams, um dieser Krise die Stirn bieten zu können. Sie lebten vor, was Ziel von Erziehung sein muss: Mündigkeit. Angesichts der Tatsache, dass es von den Kultusbehörden keine Konzepte gab, nahmen sie ihren Auftrag weiterhin ernst und ihr Schicksal in die Hand, indem sie Lehrerselbstbildung anstelle von Lehrerbildung betrieben. Gut durch die Krise kamen auch jene Kinder und Jugendlichen, die über die Fähigkeit verfügten, dranzubleiben, (im Zweifel virtuellen) Kontakt zu suchen und für sich selbst ein Ziel formulieren konnten: Sie erfuhren oft auch Selbstwirksamkeit, indem sie anderen erklären konnten, was eine URL ist, wie man den Browser aktualisiert und wo man in Moodle wichtige Informationen findet.

Ich wünsche mir, dass wir diese Erkenntnisse ins Zentrum von Schule stellen, dass wir nie aus den Augen verlieren, worum es eigentlich geht: Junge Menschen ins Erwachsensein zu führen, indem wir sie handlungsfähig machen und ihnen zumuten und zutrauen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Begleitet.

Mit Dank an Prof. Dr. Rainer Bolle, der mich stets bestärkt hat, diese Haltung zu leben und Prof. Dr. Liselotte Denner, die mir gezeigt hat, dass es möglich ist, eine solche Haltung im Schulalltag umzusetzen.

Über das Spiel

Oder: Was „Kuchen backen“ und „Stadt-Land-Fluss“ mit Bildung zu tun haben

Diese Ferien sind anders. Für alle.
Für die, die es nicht wissen: Es ist normalerweise so, dass Lehrer*innen in den Ferien nicht einfach „frei“ haben, sondern sie arbeiten und wirken dann im häuslichen Umfeld weiter: Es sind Lernnachweise zu kontrollieren und korrigieren, neue Unterrichtseinheiten zu planen, Absprachen mit Kolleginnen zu treffen, Schulentwicklungsthemen zu durchdenken, Fachliteratur zu sichten und schließlich die Arbeitsorganisation im Griff zu behalten, zu ordnen, abzuheften, ein- und auszusortieren, um das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Vielfalt und Grenzenlosigkeit der Aufgaben, die unser Beruf neben der Tätigkeit in der Schule beinhaltet, ist Fluch und Segen zugleich. Wenn man den Beruf als Berufung begreift, läuft man Gefahr, sich selbst der Sache, so ehrenwert sie auch sei, zu opfern. Und gleichzeitig ist genau das auch das Faszinierende: Ich selbst bin mein eigenes Forschungssubjekt. Für mich ist Schule und Lernen viel mehr als das Planen von irgendwelchen bildungsplangerechten Unterrichtseinheiten. Ich frage mich immer, wie es innerhalb des gesetzten Rahmens gelingen kann, Neugier zu wecken, einen forschenden Geist zu entwickeln und damit echte Bildung zu ermöglichen, die ja immer vom Subjekt selbst ausgeht und eben nicht „gemacht“ werden kann.

Nun waren die letzten drei Wochen für viele Kolleg*innen eine große Herausforderung: Sollte das gewohnte System etwa einfach in den virtuellen, kontaktlosen Raum überführt werden? Oder müsste man Schule und Lernen vor dem Hintergrund einer noch nie dagewesenen Situation nicht ganz neu denken? Die Diskussionslage in den Medien hinsichtlich dieser Fragen ist durchaus kontrovers. Da geht es um Ab- und Anschlüsse, das Mitkommen und das Zurückgelassenwerden. Ich werde mich sicher in den nächsten Tagen auch noch intensiver mit der Frage auseinandersetzen, welche Schlüsse aus diesen drei Wochen zu ziehen sind, zunächst möchte ich aber erst einmal innehalten. Und spielen!

Nachdem absehbar war, dass die derzeit geltenden Kontaktverbote auch in den Osterferien nicht aufgehoben werden können, haben wir als Schule entschieden, unseren Schüler*innen, anders als sonst, auch in den Ferien ein niederschwelliges Kontaktangebot zu machen. Natürlich nur für die, die wollen. Und so konferieren wir nun jeden Vormittag um elf Uhr weiter. Es gibt allerdings keinen Unterricht. Wir haben uns dafür entschieden, zu spielen. Damit ist jedoch nicht nur das Spiel im herkömmlichen Sinn gemeint: Spielen bedeutet: Wir lassen die Dinge auf uns zukommen, wir experimentieren, tun, was wir tun wollen oder müssen, zum Beispiel Fenster putzen, Kuchen backen, das Bücherregal sortieren und dabei herumphilosophieren, von früher erzählen oder tatsächlich auch einmal ein Spiel spielen. Wir vertreiben uns die Zeit. Nur, dass wir das eben nicht allein tun, sondern gemeinsam mit Schüler*innen, die einfach dabeisein oder auch mitmachen können.

Ich bin ja davon überzeugt, dass die schöpferische Kraft, die in dieser Art des Spiels liegt, viel zu oft unterschätzt wird. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass wir in der Schule, sofern sie denn irgendwann wieder „normal“ stattfinden wird, dem Spiel mehr Raum geben sollten.

Also: Lasst uns spielen! Wer mag mitmachen?

Gedanken zur Leistungsmessung

Als Leistung darf in der Schule nichts gefordert werden, was die Erziehung des jungen Menschen zur Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit, zur Kritik- und Urteilsfähigkeit – also auch zur Fähigkeit begründeter Distanzierung gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Leistungsanforderungen -, zur Kreativität usw. hindert. Positiv formuliert: Schule muß, […] in dem Sinne „Leistungsschule“ sein, daß sie die Bewältigung der Aufgaben und Lernprozesse ermöglicht und fordert, die zur Mündigkeit, Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit führen können.

Wolfgang Klafki, Sinn und Unsinn des Leistungsprinzips in der Erziehung (1975)

An diese Passage aus einem Text von Wolfgang Klafki, den ich seinerzeit im Rahmen meines Lehramtsstudiums in der Vorlesung zur Allgemeinen Pädagogik bei Prof. Dr. Rainer Bolle an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe lesen durfte, musste ich in den letzten Tagen immer mal wieder denken. Beim Thema Schule ist die Frage nach der Leistung nicht weit. Nun ist die Schule geschlossen, sie findet nur noch virtuell statt und die Frage, ob man die in diesen Zeiten im Zusammenhang mit Schule erbrachten Leistungen bewerten dürfe, beschäftigt viele am Bildungssystem Beteiligte und nicht zuletzt die Ministerien selbst:

Grundlage für die Leistungsbewertung in einem Unterrichtsfach sind alle vom Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten Leistungen (schriftliche, mündliche und praktische Leistungen). So sieht es die Notenbildungsverordnung vor. Da die Corona-Verordnung bis zum Ablauf des 19. April 2020 den Unterrichtsbetrieb an den öffentlichen Schulen und Schulen in freier Trägerschaft untersagt, findet in diesem Zeitraum auch keine Feststellung von Leistungen der Schülerinnen und Schüler statt. Es gibt also während der Zeit der Schulschließung keine Noten.

FAQs Schulschließungen auf der Internetseite des Kultusministeriums BaWü

In Zusammenhang mit schulischer Leistung denken die allermeisten Protagonisten des Systems Schule an Noten. Noten versprechen Objektivität. Wer gute Noten hat, dem stehen alle Türen offen. Kaum jemand zweifelt die Gerechtigkeit der Leistungsmessung in Gestalt von Noten an. Noten geben Orientierung, sie disziplinieren und sie selektieren. Ich möchte die durchaus vorhandene wissenschaftliche Auseinandersetzung zu diesem Thema hier nicht in voller epischer Breite ausrollen. Wer sich dafür interessiert, dem seien die Ausführungen von Felix Winter („Lerndialog statt Noten“) oder der aufschlussreiche Fernsehbeitrag aus der Reihe Quarks und Co. mit Ranga Yogeshwar (Wozu brauchen wir Schulnoten?) ans Herz gelegt. Ich möchte allerdings ein paar kritische Fragen stellen, die zum Nachdenken anregen sollen und an dieser Stelle einige meiner Erfahrungen als Lernbegleiterin und Lehrerin (Ich benutze gerne beide Begriffe, weil ich ja beides bin) an einer Gemeinschaftsschule teilen.

  • Messen schulische Noten tatsächlich das, was sie vorgeben zu messen?
  • Wie ist es um die Gerechtigkeit bei ihr Vergabe bestellt, wenn die Voraussetzungen höchst heterogen sind?
  • Kann man alles messen, was Aufgabe von Schule ist?
  • Ist es nicht vielleicht sogar manchmal auch schädlich, alles beurteilen zu wollen?
  • Sind die Bereiche, die im Zusammenhang mit Schule mit Benotungen versehen werden, am Ende tatsächlich relevant für ein gelungenes (Berufs-)Leben?
  • Wie lassen sich Lernprozesse im Unterschied zu punktuellen Überprüfungen angemessen bewerten?

Die meisten Lernbegleiter*innen und Lehrer*innen an den Gemeinschaftsschulen haben über die Frage der Notengebung in der Zeit der Schulschließung überhaupt nicht weiter nachgedacht, weil wir den Schüler*innen ihre Leistungen ohnehin auf eine andere Weise zurückmelden als über ein verkürztes Ziffernzeugnis. Wir sind ständig im Gespräch mit ihnen und sprechen nicht nur über Lernen und Leistung. Im intensiven Austausch geht es um Interessen und Motivation, Ziele und Träume, Hindernisse, Sorgen, Glück und Wut. Über alles, was dann am Ende leistungsfähig macht, oder aber verhindert, dass Leistung, die durchaus da sein könnte, gezeigt werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir auf diese Weise ganz andere Möglichkeiten haben, die vielleicht noch schlummernden Potenziale unserer Schüler*innen entdecken und wecken zu können.

Dass in diesen Wochen Leistungsmessung nicht mehr im herkömmlichen Sinne stattfinden kann, ist am Ende doch das geringste Problem. Die meisten Schüler*innen lernen dennoch weiter, manche sogar konzentrierter als im Rahmen der Zwangsgruppenlösung Klassengemeinschaft. Viele erwerben ganz neue Fähigkeiten, wissen nun, wie man sich per Videokonferenz zum Lerngruppenmeeting verabredet, haben gelernt, wie man sich eine E-Mail-Adresse erstellt und entdecken die Möglichkeiten des virtuellen Lernraums. Lernen fand noch nie bloß im physisch vorhandenen Klassenzimmer statt, und Leistungsmessung hat auch noch nie nur das vermessen, was sich allein dort abgespielt hat. Im Gegenteil: Jetzt wird erst sichtbar, wie unverfügbar Lernprozesse in Wirklichkeit sind.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, versucht mal, die Kinder und Jugendlichen ohne den berühmten „Notendruck“ bei der Stange zu halten. Allein durch Begeisterungsfähigkeit. Durch kritische Fragen. Durch Nachdenklichkeit. Und durch Kontakt.

Dasein

„Wer aber auf das Glücklichsein verzichtet,
erfüllt sein Dasein nicht!“

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks

Das Schwierigste ist, dass sie nicht da sind. Wir erreichen sie nicht. Sie sind fort. Nicht greifbar. Wir können sie nicht, wie sonst, mit den Blicken fixieren, nicht allein durch unsere gemeinsame Anwesenheit im Raum ansprechen, sie berühren, ohne sie anzufassen.
Uns fehlt der Kontakt. Die physische Gegenwart. Das da sein.

Es ist schon merkwürdig, dass einem manche Dinge erst auffallen, wenn sie fehlen.
Schon seit einigen Tagen ist eines der beherrschenden Themen in unserer morgendlichen virtuellen Runde das Ringen um die Erreichbarkeit unserer „Zöglinge“.
Wir machen uns Sorgen, manche von uns so sehr, dass sie schier verzweifeln.
Es ist unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, dass sie etwas werden, dass etwas aus ihnen wird. Wir halten unseren Anteil daran für bedeutsam.

So sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das „da sein“ im Grunde genommen unverzichtbar ist für das, was wir zu bewirken versuchen. Es geht ja nicht nur ums Lernen von irgendwelchen Inhalten, die ohnehin morgen schon wieder überholt sein mögen. Es geht ums Begleitet werden auf dem Weg ins Leben, ums Lernen am Vorbild und um die Ermöglichung von Bildung, die letztlich von den Bildsamen selbst vollzogen werden muss. Vielleicht wird genau das gerade besonders schmerzhaft sichtbar, dass wir sie eben nur begleiten können, dass wir gar nicht wissen, was bei ihnen ankommt, was sie mitnehmen werden auf diesem Weg ins Leben.

Das Aushalten dieser Unverfügbarkeit ist wahrscheinlich die größte, aber auch wichtigste Aufgabe in unserem Beruf, der in Wahrheit oft Berufung ist. Denn wenn er es nicht wäre, dann schmerzte uns das nicht Beeinflussbare auch nicht so sehr. Wenn das Selbstverständliche, das „da sein“ der uns Anvertrauten fehlt und sich die Verletzlichkeit unseres Lebens so in unser Bewusstsein drängt, so ist es in diesen seltsamen Zeiten wohl auch naheliegend, dass uns die letzten Fragen unseres Daseins auf den Pelz rücken.

Dabei kann und sollte man gerade dieser Situation etwas abgewinnen. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir mutig und zuversichtlich voranschreiten und den Weg zum Positiven im Wald der Ungewissheit markieren, indem wir Leitplanke und Leuchtturm zugleich sind. Und siehe da: Manche lernen gerade aus dieser Not heraus besonders viel und wachsen über sich selbst hinaus. Wer so groß wird, ist gewappnet für alle Stürme des Lebens und wird den Zweck seines Daseins immer klar vor Augen haben.


Was können wir mehr wollen?

Eigentlich

Heute ist Dienstag. Dienstag, der 24. März 2020. Mir ist das Zeitgefühl abhanden gekommen. Heute musste ich mehrmals bei mir selbst nachfragen, welchen Tag wir eigentlich haben. Glücklicherweise ist es mir gelungen, diesen planlosen Tagen in meinem schülerlosen Lehrerdasein eine Struktur zu verleihen. Wir haben täglich feste Zeiten für unsere virtuellen Meetings, es gibt ein virtuelles Lehrerzimmer, eine virtuelle Sprechstunde, virtuelle Deutschstunden und am Ende des Tages immer noch virtuelles Lerngruppen-Meeting.

Eigentlich hätte ich heute morgen in den ersten beiden Stunden Religion mit den „Großen“ gehabt, Schülern der 9. und 10. Klasse, die kurz vor der Prüfung stehen. Wir hätten über Sorgen und Befürchtungen hinsichtlich der Prüfung gesprochen und hätten uns ansonsten im Unterricht mit der Entstehung, gegenwärtigen Aufgaben und der Entwicklung von Kirche beschäftigt. Stattdessen ist der Religionsunterricht ausgefallen, konzentrieren wir uns momentan auf das, was scheinbar wichtiger ist: Aufgaben gibt es in den Hauptfächern und im Grunde genommen geht es vor allem darum „dranzubleiben“, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Vielen meiner Schüler*innen ist Kirche ohnehin eher fremd. Und jetzt ist sie sogar mir selbst fremd. „Wo zwei oder drei versammelt sind“ gilt nicht mehr, versammeln darf man sich nur noch mit großem Abstand und höchstens zu zweit. Gottesdienste finden vor leeren Kirchen statt, eine Solosängerin singt einen einsamen Gemeindegesang und eine Kamera überträgt Psalmen, Gebete und mutmachende Worte zu den Menschen nach Hause. Immerhin.

Eigentlich hätten wir in Klasse 7 weiter an unserem sehr bunten und vielfältigen Kunstprojekt gearbeitet. Wir hätten uns mit Selbstdarstellungen von Menschen in unterschiedlichen Zeiten beschäftigt, hätten uns gefragt, warum man über Selfies heutzutage Filter legen muss, damit man glatter und fehlerfreier aussieht, als man eigentlich ist. Stattdessen habe ich zum Zeichenstift gegriffen und die Erzählung illustriert und vertont, die heute Gegenstand unserer virtuellen Deutschstunde war. 17 Teilnehmer*innen verzeichnete unser virtuelles Klassenzimmer heute Vormittag. Manche nehmen regelmäßig an den Zusammenkünften teil. Manche sieht man nie. Manche beteiligen sich rege. Manche schweigen immer. Es ist einfacher, sich hinter stummgeschaltetem Mikro und deaktivierter Kamera zu verstecken. Es ist auch für mich ungewohnt, gegen ein digitales Display zu sprechen, keine direkte, körpersprachliche Reaktion zu erhalten. Dafür, dass es ungewohnt ist, gelingt es noch erstaunlich gut. Und ich bin dankbar, mit meiner Kollegin einen wunderbar inspirierenden Gegenpart in diesen seltsamen Zeiten zu haben. Danke, Katrin!

Eigentlich wären wir nach einer trubeligen Mensamittagspause dem Klima auf den Grund gegangen, hätten die Wolken betrachtet und uns gefragt, warum es gerade zwar herrlich sonnig, aber auch bitter kalt ist, woher der Wind kommt und wann es endlich richtig warm wird. Stattdessen habe ich allein am Esstisch mein belegtes Brötchen verspeist und noch eine Ladung Wäsche in die zwar kalte aber sonnige Frühlingsluft gehängt, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch gesetzt und die nächsten Tage geplant, Unterrichtsmaterialien gesichtet und noch verschiedene Telefonate geführt habe.

Eigentlich säße ich jetzt, zu dieser Zeit, mit meiner Tochter im Staatstheater, um mir zum wiederholten Mal die witzige und kurzweilige Faust-Inszenierung anzuschauen, inmitten von Abiturienten, zu deren Pflichtkanon der „Faust“ in diesem Jahr letztmalig gehört. Stattdessen habe ich das Haus am frühen Abend gemeinsam mit meinem ältesten Sohn bloß für eine kurze Frischluftrunde bis zu den Feldern am Ortsrand verlassen und sitze nun hier und bin ein bisschen wehmütig.
Gerne hätte ich mit meiner Tochter einen schönen Theaterabend verbracht.
Gerne hätte ich mit meinen Schülern die Wolken betrachtet.
Gerne wäre ich Begleiterin künstlerischer Prozesse von jungen Menschen gewesen.
Gerne hätte ich mit Jugendlichen über die Kirche der Zukunft nachgedacht.

Was gibt uns Hoffnung?
Wer macht uns Mut?

Eins steht fest: Uns wird in diesen Tagen schmerzlich bewusst, wie sehr wir einander brauchen und wie wichtig unsere sozialen Kontakte sind. Wir müssen uns gegenseitig ermutigen, immer im Bewusstsein, dass diese Durststrecke zu bewältigen ist, indem wir uns nicht vergessen. Füreinander da sind.

Hoffentlich bleibt uns diese Erkenntnis in Erinnerung.

Im virtuellen Klassenzimmer


Teilhabe

Teilhabe. An etwas Anteil haben. Teil von etwas sein. Etwas abhaben. Etwas von dem haben, was andere auch haben. Dazugehören. Nicht ausgeschlossen sein.

In diesen Tagen wird in vielerlei Hinsicht sichtbar, wie es um die Teilhabe an Bildung hierzulande bestellt ist. Die Schulen sind seit nunmehr einer Woche geschlossen. Schulisches Lernen, strukturiert und portioniert, begleitet und aufbereitet, elementarisiert und didaktisiert, findet nicht mehr dort statt, wo es eigentlich seinen Ort hat: Im Klassenzimmer.

Nun mögen Kritiker sagen, dass Schule ohnehin mit Bildung nicht so viel zu tun habe. Bildung sei schließlich ein eigenaktiver Prozess, der lebenslang erfolge und sich ausschließlich im Individuum selbst ereigne. Möglicherweise verhindere die Schule in mancher Hinsicht sogar echte Bildungsprozesse, weil das überholte Wissen von gestern für eine Welt von morgen häppchenweise verabreicht werde.

Angesichts verzweifelter Eltern, die in diesen Tagen ihre Kinder bei der Bearbeitung der eilig zusammengeschnürten Aufgabenpakete unterstützen und mangels ausgereifter Lernplattformen dutzende E-Mails sichten und sortieren müssen, um ihren Kindern schulische Arbeitsaufträge überhaupt zugänglich machen zu können, mag man tatsächlich manchmal daran zweifeln, ob auf diese Weise irgendeine Art von Bildung erreicht werden kann. In einer Situation, die für viele Familien ohnehin schon höchst belastend ist, sollen Eltern im Homeoffice zeitgleich Hilfslehrer spielen, ein gesundes Mittagessen auf den Tisch bringen und jederzeit per Telefonkonferenz für ihren Chef ansprechbar sein. Viele Familien haben Existenzsorgen, weil sie nicht wissen, ob ihnen ihr Arbeitsplatz und ihr Einkommen erhalten bleibt und ob sie morgen überhaupt noch über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um ihren Kindern ein gesundes Mittagessen auf den Tisch stellen zu können.

Es ist eine Ausnahmesituation für alle Seiten. Kolleg*innen haben Anforderungen für zu erreichende Abschlüsse im Blick und versuchen, auf oft kreative Weise, das aufzufangen, was durch die geschlossene Schule fehlt: Der direkte Kontakt zu den Schüler*innen. Denn nicht erst seit gestern weiß man, dass einer der wichtigsten Faktoren für eine nachhaltige Bildung eine wertschätzende Schüler-Lehrer-Beziehung ist. So tun die Lehrer*innen alles, um jene aufrechtzuerhalten: Sie telefonieren regelmäßig allen Eltern und Schülern hinterher, erproben sich in digitalen Lern- und Kommunikationsplattformen, eröffnen Twitterkanäle, produzieren Erklärvideos und sind stets auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Schüler*innen zu erreichen.

Leider gewinnt man den Eindruck, dass bei all dieser aus der Not geborenen positiven Aufbruchstimmung in Vergessenheit gerät, dass viele Familien überhaupt nicht über die erforderliche digitale Infrastruktur verfügen, um ihren Kindern die gutgemeinten Angebote ihrer Lehrer*innen zugänglich machen zu können. Es gibt keinen PC und keinen Drucker , vielleicht gerade einmal ein Smartphone, wobei nicht jedes Elternteil weiß, wie man eine E-Mail schreibt. Es fehlt die Möglichkeit, all die Erklärvideos und interaktiven Aufgaben zu sichten und zu bearbeiten, sowie Arbeitsaufträge und -ergebnisse auszudrucken. Und man kann keinesfalls erwarten, dass Eltern in dieser Situation über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, diese Geräte anzuschaffen und den, falls vorhandenen, Drucker ständig mit neuem Toner zu füttern, wenn die Sorge um die eigene Existenz all das in den Hintergrund rücken lässt.

Wenn wir also wollen, dass unsere Schüler*innen diese zweifellos hilfreichen Möglichkeiten jetzt und in Zukunft nutzen können, müssen wir ihnen auch die dafür notwendigen Geräte und Zugänge zur Verfügung stellen. In Baden-Württemberg gibt es eine gesetzlich verankerte Lernmittelfreiheit. Es wäre daher nur konsequent, die Schüler*innen flächendeckend mit digitalen Endgeräten auszustatten, die auch mit nach Hause genommen werden können. Nehmen wir dieses Problem nicht ernst, ist tatsächlich zu befürchten, dass das eintritt, was die TAZ dieser Tage prophezeit: Dass Bildung ungleicher wird.

Betretungsverbot

#schuleohneschüler #tag4

Impressionen aus einem #Lehrerinnenleben im #Homeoffice

8 Uhr Tagesbeginn am Schreibtisch: Erstellen eines Wochenplanes mit Sprechzeiten, Deutschstunden, Lerngruppenchats. Wer bietet was an?

8.30 Uhr Aktualisierung meiner eigens eingerichteten Internetseite für die Schüler*innen: „Besondere Zeiten“; Bekanntgabe der heutigen Videochatzeiten, Erreichbarkeiten, Ankündigung der Themen. Heute: Satzgefüge (Grammatik); Online Support für eine Kollegin zum Video-Konferenzsystem Jitsi Meet.

9 Uhr Nachricht an eine Mutter, die mich sprechen möchte: Ich bin ab sofort erreichbar. Erste Absprachen mit meiner Deutschkollegin: Wer bietet welchen Input im Videochat an? Wer informiert die Schüler*innen? Wer produziert ein Erklärvideo zum nächsten Thema?

9.30 Uhr Treffpunkt im virtuellen Lehrerzimmer. Diejenigen die sich dort regelmäßig regelmäßig versammeln, freuen sich mittlerweile schon auf den Termin. Das Leben am häuslichen Schreibtisch kann ganz schön einsam sein.

9.40 Uhr Anruf der Mutter, die mich sprechen wollte. Austausch über Sorgen und Nöte, Online-Support in technischen Fragen.

9.55 Uhr Zurück im virtuellen Lehrerzimmer: Letzte mutmachende Worte für den Tag. Wie sind die Eltern von Schüler x erreichbar? Wie kommt Schüler y an sein Material? Hat jemand gehört, wie es Schülerin z geht? Unsere größte Sorge: Vielen Schüler*innen fehlt die Tagesstruktur eines Schultages, Familien könnten überfordert sein, wie können wir den Schüler*innen dann helfen?

10 Uhr Telefonat mit dem Schulleiter

10.10 Uhr Arbeit an der Präsentation für den Online-Input zum Thema Satzgefüge. Kann PowerPoint als Tafelbild dienen? Das kann es! Sehr gut sogar!

10.30 Uhr Es trudeln Anfragen zu technischen Problemen bei Schüler*innen ein, weitere Absprachen mit meiner Kollegin sind notwendig, die Zeit fliegt dahin…

11 Uhr Erster Videochat des Tages: Sprechstunde. Wie geht es euch? Habt ihr Fragen? Gibt es Probleme? Wo findet man die Lösungen? Wie lautet das Passwort noch gleich? Wie sind die Regeln für den Videochat? Darf man jetzt wirklich nicht mehr nach draußen? Ein Schüler erzählt, er sei gestern zweimal von der Polizei vom Bolzplatz weggeschickt worden. Darf man wirklich nicht mehr raus???

11.30 Uhr Deutschstunde im Videochat. Zunächst ist nicht ganz klar, wo der Chat stattfindet: Wie lautet noch der Name der Sitzung? Wer sagt den anderen Bescheid, wo wir uns „treffen“? Am Ende sind 10 Schüler*innen versammelt. Konzentrierte Arbeit: Ich präsentiere per PowerPoint, die Schüler*innen beteiligen sich ausgesprochen diszipliniert. Einige Schüler*innen verabschieden sich um 12 Uhr. Sie sind mit der Mathelehrerin verabredet.

12 Uhr Konzentrierte Besprechung der Lösungen von Arbeitsaufträgen aus dem Wochenplan. Ein Schüler ist heute erstmals dabei. Seine überraschende Erkenntnis: „Frau P., ich mache ja sonst immer viel Quatsch, aber das hier ist richtig cool.“ Gegen 13 Uhr muss ich die Sitzung beenden. Auch Homeoffice-Lehrerinnen brauchen mal eine Pause…

13 Uhr Mittagspause; Austausch mit meinen ebenfalls daheim lernenden Kindern; Kann man die Lösungen so verschicken? Gibt es noch irgendwo Schnellhefter? Es gibt Neuigkeiten: Die Prüfungen werden verschoben! Verhaltene Freude auf Seiten der Abschlussschülerinnen: Was bedeutet das für die Anschlusstermine? Wird der Einstellungstermin dann auch verschoben?

13.30 Uhr Beladen der Waschmaschine, Aufhängen der frisch gewaschenen Wäsche. Es hat manchmal durchaus auch Vorteile, zu Hause zu arbeiten.

14 Uhr Pressekonferenz unseres Ministerpräsidenten: Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus werden verschärft. Keine Überraschung. Restaurants schließen. Nur noch maximal drei Personen dürfen sich gemeinsam draußen aufhalten. Ausnahme: Familien mit eigenen Kindern. Erleichterung bei meinen Kindern.

14.30 Uhr Beginn der Freitagstelefonate. Ich rufe alle meine Coachingkinder zu Hause an. Wie geht es euch? Kommt ihr zurecht? Braucht ihr Hilfe? Manche erreiche ich nicht. Viele zum Glück schon. Es tut gut, miteinander zu sprechen. Ja, ich vermisse die Schule auch!

Die Zeit verfliegt...

17 Uhr Letzter Videochat des Tages mit meiner Lerngruppe. Habt ihr schon gehört? Was bedeutet eigentlich Ausgangssperre? Und was ist ein Betretungsverbot? Darf man jetzt wirklich gar nicht mehr raus?

17.30 Uhr Feierabend. Auch Homeoffice-Lehrerinnen brauchen ein Wochenende. Macht es gut bis Montag! Bleibt gesund! Bleibt zu Hause! Bleibt in Verbindung! Ich bin für euch da.

Eure Frau Posselt

P.S.: Die Gemeinde Pfinztal hat ab morgen ein Betretungsverbot für öffentliche Plätze erlassen. Mit dem Hund darf man noch spazieren gehen. Alleine. Oder höchstens zu zweit. Aber ich gehe ohnehin meistens alleine mit dem Hund.