Über das Spiel

Oder: Was „Kuchen backen“ und „Stadt-Land-Fluss“ mit Bildung zu tun haben

Diese Ferien sind anders. Für alle.
Für die, die es nicht wissen: Es ist normalerweise so, dass Lehrer*innen in den Ferien nicht einfach „frei“ haben, sondern sie arbeiten und wirken dann im häuslichen Umfeld weiter: Es sind Lernnachweise zu kontrollieren und korrigieren, neue Unterrichtseinheiten zu planen, Absprachen mit Kolleginnen zu treffen, Schulentwicklungsthemen zu durchdenken, Fachliteratur zu sichten und schließlich die Arbeitsorganisation im Griff zu behalten, zu ordnen, abzuheften, ein- und auszusortieren, um das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Vielfalt und Grenzenlosigkeit der Aufgaben, die unser Beruf neben der Tätigkeit in der Schule beinhaltet, ist Fluch und Segen zugleich. Wenn man den Beruf als Berufung begreift, läuft man Gefahr, sich selbst der Sache, so ehrenwert sie auch sei, zu opfern. Und gleichzeitig ist genau das auch das Faszinierende: Ich selbst bin mein eigenes Forschungssubjekt. Für mich ist Schule und Lernen viel mehr als das Planen von irgendwelchen bildungsplangerechten Unterrichtseinheiten. Ich frage mich immer, wie es innerhalb des gesetzten Rahmens gelingen kann, Neugier zu wecken, einen forschenden Geist zu entwickeln und damit echte Bildung zu ermöglichen, die ja immer vom Subjekt selbst ausgeht und eben nicht „gemacht“ werden kann.

Nun waren die letzten drei Wochen für viele Kolleg*innen eine große Herausforderung: Sollte das gewohnte System etwa einfach in den virtuellen, kontaktlosen Raum überführt werden? Oder müsste man Schule und Lernen vor dem Hintergrund einer noch nie dagewesenen Situation nicht ganz neu denken? Die Diskussionslage in den Medien hinsichtlich dieser Fragen ist durchaus kontrovers. Da geht es um Ab- und Anschlüsse, das Mitkommen und das Zurückgelassenwerden. Ich werde mich sicher in den nächsten Tagen auch noch intensiver mit der Frage auseinandersetzen, welche Schlüsse aus diesen drei Wochen zu ziehen sind, zunächst möchte ich aber erst einmal innehalten. Und spielen!

Nachdem absehbar war, dass die derzeit geltenden Kontaktverbote auch in den Osterferien nicht aufgehoben werden können, haben wir als Schule entschieden, unseren Schüler*innen, anders als sonst, auch in den Ferien ein niederschwelliges Kontaktangebot zu machen. Natürlich nur für die, die wollen. Und so konferieren wir nun jeden Vormittag um elf Uhr weiter. Es gibt allerdings keinen Unterricht. Wir haben uns dafür entschieden, zu spielen. Damit ist jedoch nicht nur das Spiel im herkömmlichen Sinn gemeint: Spielen bedeutet: Wir lassen die Dinge auf uns zukommen, wir experimentieren, tun, was wir tun wollen oder müssen, zum Beispiel Fenster putzen, Kuchen backen, das Bücherregal sortieren und dabei herumphilosophieren, von früher erzählen oder tatsächlich auch einmal ein Spiel spielen. Wir vertreiben uns die Zeit. Nur, dass wir das eben nicht allein tun, sondern gemeinsam mit Schüler*innen, die einfach dabeisein oder auch mitmachen können.

Ich bin ja davon überzeugt, dass die schöpferische Kraft, die in dieser Art des Spiels liegt, viel zu oft unterschätzt wird. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass wir in der Schule, sofern sie denn irgendwann wieder „normal“ stattfinden wird, dem Spiel mehr Raum geben sollten.

Also: Lasst uns spielen! Wer mag mitmachen?

Osterferien

Irgendwie fühlt es sich diesmal gar nicht so an, als seien Ferien.
Ich schwimme im Strom der Zeitlosigkeit, kein Ufer ist in Sicht und ich weiß, dass die Tage, die vor mir liegen, sich nicht sehr von denen unterscheiden werden, die hinter mir liegen.

Die Karwoche und das Osterfest sind für mich seit früher Kindheit mit kirchlichen Traditionen verbunden. Wie oft habe ich in den letzten Jahrzehnten die verschiedensten Passionen mitgesungen und diese Zeit im Rahmen der höchsten Feste im Kirchenjahr erlebt.

Das alles wird in diesem Jahr fehlen.

Sämtliche Konzerte sind abgesagt.
Gottesdienste finden lediglich virtuell statt.
Es wird
kein gemeinsames Singen,
kein gemeinsames Feiern,
keine Besuche bei Großeltern oder Freunden und
keine Reisen mit Eindrücken anderer Traditionen
geben.

Die Zeit seht still.

Letzter Schultag

Normalerweise hätten wir – Schüler*innen wie Lehrer*innen – diesem Tag entgegengefiebert. Normalerweise. Wir hätten uns auf den Beginn der Ferien gefreut, diese zweiwöchige Auszeit im Frühjahr. Aber ein Normalerweise gibt es in diesen Tagen, in denen allein das Wort fieberhaft einen zusammenzucken lässt, nicht, weil man es mit den Symptomen dieser schrecklichen Krankheit in Verbindung bringt.

Normalerweise wären viele von uns in diesen Tagen auf Reisen gegangen. Zu den Großeltern, in den Kurzurlaub, in die Berge, in große Städte. Auch ich wollte mit meiner Tochter, die gerade kurz vor ihrem Abitur steht, für drei Tage nach Paris fahren. Normalerweise.

Normalerweise wäre ich mir sicher gewesen, dass wir in den nächsten 14 Tagen nichts voneinander hören, dass viele von euch und auch von uns diese österliche Auszeit ohne einen Gedanken an die Schule verbracht hätten, Atem geholt hätten für den Endspurt des Schuljahres, das bis zu den Pfingstferien dann in großen Teilen abgeschlossen sein würde, weil jeder wüsste, dass es danach nur noch Geplänkel geben würde. Wichtiges Geplänkel, wie uns heute schmerzlich bewusst ist.

Ich werde in den nächsten Tagen Bilanz ziehen über die vergangenen drei Wochen ohne Schule. Was war gut, was schwer, was hilfreich, was unnötig, was erstaunlich, was mühsam?

Euch allen da draußen: Schöne Ferien!