Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Baden-Württemberg hat gewählt. In diesen Tagen werden Weichen für die Zukunft gestellt. Auch das Kultusministerium wird neu besetzt werden. Wir haben über die sozialen Netzwerke Stimmen aus der Schulgemeinschaft gesammelt. Sie haben gesagt, was ihre Erwartungen, Wünsche und auch Visionen für Schule und Bildung ein Baden-Württemberg sind. Hört auf die Worte der Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, Schulleiter*innen, und pädagogischen Assistent*innen:

Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Zu diesem Video gibt es auch eine Langversion mit allen eingereichten Beiträgen: Diese findet man hier:

Zu Gast bei @derEduTalk

Am 4. Februar 2021 war ich zu Gast beim Edu-Talk. Dort habe ich über die Entwicklung unserer Schule (nicht nur) im vergangenen Jahr gesprochen und wie wir es geschafft haben, mit Landeslösungen einen wichtigen Schritt in Richtung „gelingender Distanzunterricht“ mit Mehrwert für den Präsenzunterricht zu gehen. #Moodle mag sperrig sein, eignet sich aber durchaus für die Organisation von digitalen Lernumgebungen. Welche Faktoren sonst noch eine Rolle gespielt haben, erfahrt ihr im Edu-Talk.

Futur statt Präsenz

oder „Wer ist eigentlich dieser Herr Meidinger?“

Herr Meidinger nennt sich Lehrerpräsident, ist jedoch keineswegs mein Lehrerpräsident, auch, da er mich qua Amt gar nicht vertreten kann. Laut Homepage zählen zu den Mitgliedsverbänden des „Deutschen Lehrerverbandes (DL)“ lediglich Interessensvertretungen für Lehrer*innen an Gymnasien, Realschulen und beruflichen Schulen, außerdem eine katholische Erziehergemeinschaft, von der man nicht so genau weiß, wen sie vertritt. Herr Meidinger hat als ehemaliger Präsident des Philologenverbandes jedoch offenbar sehr viel Zeit und erhält durch seine ständige Medienpräsenz eine Bühne, die seiner Bedeutung für die Vertretung der bundesdeutschen Lehrer*innen ganz sicher nicht angemessen ist. Herr Meidinger ist nämlich keinesfalls ein unabhängiger Autor, sondern ein ausgewiesener Lobbyist für einen kleinen Ausschnitt der Lehrer*innen, der von seinem griffigen Titel „Lehrerpräsident“ profitiert.

Dass ein Herr Meidinger von „realitätsfernen Idealen und Ideologien“ schreibt, entlarvt ihn dahingehend, dass er offenbar noch nie eine dieser „anderen“ Schulen von innen gesehen hat. Er behauptet, Schulreformen dürfen nur durchgeführt werden, wenn es wissenschaftlich belastbare Anhaltspunkte dafür gebe, dass sie gegenüber dem Status quo eine Verbesserung darstellen. Offensichtlich ist ihm nicht bekannt, dass die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg die einzige Schulform ist, die in den letzten Jahren überhaupt wissenschaftlich evaluiert wurde.

Wir Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen haben bewiesen, dass wir differenzierende Bildungsangebote entwerfen können. Wir sind breit aufgestellt, kennen uns mit Förderangeboten, sonderpädagogischen Bedarfen wie auch mit Hochbegabtenförderung aus. Wir können Kindern mit heterogenem Profil Bildungsangebote machen, kooperieren mit dem Jugendamt und Kinderärzten, ermöglichen Nachteilsausgleiche und sortieren Schüler*innen nicht allein deshalb aus, weil sie in Deutsch schlechter sind als in Mathe. Wir geben ihnen die Chance, sich zu entwickeln, dranzubleiben, selbstständig zu werden. Dabei begleiten wir intensiv und stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Elternhäusern. Wir sorgen dafür, dass sie selbstwirksam werden können.

Ich fordere eine Umkehr der Beweislast – der Beweis, dass die Gemeinschaftsschulen sich drängenden Schulentwicklungsfragen stellen und Kinder mit unklarer Bildungsempfehlung zum Realschulabschluss oder gar zum Abitur befähigen können, ist geführt. Nun sollen die „Bewahrer“ des angeblich so gerechten und effektiven Bildungssystems zeigen, wo ihr Innovationspotenzial zu finden ist. Die letzten Monate haben eindrucksvoll gezeigt, dass wir mit den Rezepten von gestern keine Schulen von morgen gestalten können.


Mit freundlichen Grüßen
Susanne Posselt


Lehrerin an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe
Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg
Stellvertretende Bezirksvorsitzende der GEW Nordbaden und dort für das gewerkschaftliche Bildungsprogramm verantwortlich.

Dieser Beitrag ist eine Replik auf eine (un)kritische Rezension, die am 28.1.2021 in den Badischen Neuesten Nachrichten erschienen ist.

#Fernlernen

Eine Chronik

Ein knappes Jahr nach der letzten #Schulschließung sind wir am vergangenen Montag in die zweite Runde #Fernlernen gegangen. Ich nenne es nicht #Homeschooling, weil mit diesem Begriff andere Konzepte verbunden sind. Da ich immer mal wieder gefragt werde, „wie wir das denn so machen“, will ich hier einen kurzen Abriss unseres Konzeptes geben, das sich für uns bislang bewährt hat. Die Überlegungen, die zu diesem Konzept geführt haben, möchte ich in folgenden Abschnitten chronologisch vorstellen:

  1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020
  2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021
  3. Best Practise im Januar 2021

1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020

Die Schulschließung im März 2020 hatte uns alle kalt erwischt. An unserer Gemeinschaftsschule gab es zwar schon digitale Plattformen, Moodle wurde als „Materialllager“ vorwiegend für die Sekundarstufe genutzt, die Nutzung für die Primarstufe war angedacht, jedoch noch nicht wirklich umgesetzt.

Auch, wenn meine Kollegin Katrin Wahlich und ich uns gleich zu Beginn der Schulschließung ins digitale Abenteuer gestürzt hatten, Videokonferenzsysteme ausprobiert, Unterrichtsinhalte auf Webseiten geladen, gefilmt, verlinkt, Apps erprobt und wieder verworfen hatten – eins blieb bis zur Rückkehr in die Schule frustrierend: Der fehlende Zugang vieler Schüler*innen zu angemessenen digitalen Arbeitsgeräten und ausreichend dimensionierten Internetzugängen. Bis zum Schluss war es schwierig, den Kontakt zu halten und so blieb oft nichts als das gute alte Telefon oder der persönliche Besuch mit physischer Materialausgabe. Uns war völlig klar, dass das keine geeigneten Voraussetzungen für einen gelingenden Fernunterricht sein konnten.

2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021

Noch im Schuljahr 2019/20 entschieden wir uns im Rahmen der Gesamtlehrerkonferenz, für alle Lerngruppen an der Anne-Frank-Schule Karlsruhe Moodle-Kurse anzulegen, auch, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar war, wie lange uns diese Pandemie im Griff behalten würde. Unser Motiv und unsere Vision war: Auch außerhalb von Pandemiezeiten ist es mehr als sinnvoll, das Lernen in den digitalen Raum zu erweitern und diesen zu nutzen, um Schüler*innen dabei zu begleiten, damit sie lernen sich sicher im zwischen all den Hyperlinks zu bewegen.

Über die Entscheidung für Moodle als Lernmanagementsystem (LMS) und den Weg zu unserer heutigen Struktur habe ich Ende des vergangenen Jahres einen Bericht für die GEW-Mitgliederzeitschrift b&w geschrieben. Hier ist er zu lesen. Das gesamte Heft gibt es hier.

Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation war die Entscheidung für eine konsequente Etablierung von Moodle als Lernmanagementsystem und die Fortbildung und Begleitung aller Kolleg*innen entscheidend für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang ins Fernlernen. Dass diese Entscheidung so fiel, war überhaupt nicht selbstverständlich. Alle Vorzeichen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 standen auf Präsenz um jeden Preis und angesichts von Kohortenbildung, Masken und Abstand eine Rückkehr zum lehrerzentrierten Unterricht. Dennoch gab es an der Anne-Frank-Schule einen pädagogischen Nachmittag zum Thema „Moodle“ für alle Lehrer*innen, es gab dazu eine Challenge in der Grundschule und im Rahmen der Einschulung Workshops für Eltern. Wir wollten alles tun, um Hürden abzubauen und allen Kindern die Teilhabe an digitalen Lernwelten zu eröffnen. Hinzu kam die Bestellung von digitalen Endgeräten, um diese als Leihgeräte zur Verfügung stellen zu können.

Um die Hürden für digital noch nicht so affine Kolleg*innen abzuräumen, entwickelten wir Musterkurse für verschiedene Szenarien: #Fernlernen, #Hybridunterricht und #Quarantäne. Für den Fall einer möglichen Schulschließung erarbeitete eine Gruppe von Kolleg*innen Grundprinzipien für den Distanzunterricht und außerdem Musterstundenpläne, die an den vom Kultusministerium herausgegebenen Qualitätskriterien Fernlernen orientiert sind:

Quelle: https://km-bw.de

3. Best Practise im Januar 2021

Aufgrund dieser Vorüberlegungen starteten wir am vergangenen Montag mit folgender Struktur in die 2. Phase des Fernlernens:

Stundenplan der Lerngruppe 5 basierend auf dem zuvor erarbeiteten Musterstundenplan Fernlernen

Zur Erläuterung möchte ich folgende Punkte bemerken:

  • Stundenplan bedeutet nicht, dass die Kinder tatsächlich die ganze Zeit Videokonferenzen haben. Da die Schüler*innen in Lerngruppe 5 noch sehr jung sind und eine verlässliche, von außen gegebene Struktur oft brauchen, sind zu diesen Zeiten Lernbegleiter*innen aus den jeweiligen Fächern ansprechbar: Per Videokonferenz oder per Chat in Moodle
  • Wichtig waren uns die Leitplanken im Tagesablauf. Auch im Präsenzunterricht der Gemeinschaftsschule wird spätestens in Lerngruppe 5 die Tages- und Lernplanung mithilfe des Lerntagebuches sukzessive angebahnt. Ziel ist es, dass die Kinder über das eigene Lernen nachdenken und sich Ziele setzen können, die sie planvoll anstreben.
  • Dabei gibt es so viel Freiheit wie möglich und so viel Struktur wie nötig.
  • Jeden Morgen treffen wir uns zum gemeinsamen virtuellen Tagesstart. Wir versorgen die beiden Lerngruppen in Jahrgang 5 gemeinsam als Team und haben so die Möglichkeit, dass wir uns mit den virtuellen Anwesenheiten der Lernbegleiter*innen gut abwechseln können.
  • Es gibt einen Wochenplan, in den alle Lernbegleiter*innen eintragen, was in der jeweiligen Woche zu erledigen ist.
  • Am Ende des Vormittags gibt es ein weiteres virtuelles Treffen, bei dem wir die Kinder fragen, was sie geschafft haben, ob es Probleme mit der Menge der Arbeitsaufträge gab und wie es ihnen gelungen ist, ihr Lernen zu dokumentieren. Rückmeldungen können natürlich immer auch über das virtuelle Lerntagebuch (Hier die Lehrer*innenansicht in Moodle) gegeben werden.
  • Freitags findet der virtuelle Klassenrat statt – Auch in Pandemizeiten nach bewährtem Ablauf mit Moderation durch die Schüler*innen: Positive Runde – Besprechung von Anliegen und Finden von Lösungen. Wir üben wertschätzende Sprache und würdigen Geleistetes.
  • Für den Tag und die gemeinsame Arbeit der Schüler*innen haben wir ständig verfügbare virtuelle Gruppenräume eingerichtet, in denen selbstständig und kooperativ gearbeitet werden kann.

Am Ende der Woche können wir bislang sagen: Die Struktur hat sich so bewährt. Natürlich lernen wir ständig hinzu und entwickeln uns weiter. Schule ist lernende Organisation und ich kann bis zum heutigen Tag sagen: Insbesondere in digitalen Belangen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten einen Entwicklungsschub gegeben, den niemand für möglich gehalten hätte. Lasst uns diesen Schub nutzen und pädagogische mit digitalen Belangen verknüpfen. Tragend sind hierfür die Grundgedanken der Gemeinschaftsschule: Vielfalt, Kooperation, Teamarbeit, wertschätzende Kommunikation, Blick auf den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft.

Barcamp GMS

am 6. Februar 2021 ab 14 Uhr

Anmeldung hier

Liebe Kolleg*innen, liebe Freund*innen der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg,

bald ist es soweit: am 6. Februar 2021 um 14 Uhr organisiert die Fachgruppe Gemeinschaftsschule der GEW Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V. ein digitales Barcamp mit dem Titel „Lebendige Gemeinschaftsschule“

Seit 2012 entstanden in Baden-Württemberg über 300 Gemeinschaftsschulen. Ganztägig, inklusiv, ohne Noten und im individuellen Tempo lernen – das pädagogische Konzept der Gemeinschaftsschulen ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was in den Schulen des gegliederten Systems praktiziert wurde und wird. Wo stehen die Gemeinschaftsschulen heute? Wie müsste unsere Schulart sein, damit sie ihrem Konzept und ihrem Namen gerecht wird? Wir möchten wissen, wie es euch geht und was euch bewegt. Wie können wir die Gemeinschaftsschule gemeinsam voranbringen? Wir, die Interessensvertreter*innen der Gemeinschaftsschule, sind gespannt auf eure Ideen. 

Im Rahmen des Formats Barcamp habt ihr die Gelegenheit, eure eigenen Themen einzubringen. Nach einem gemeinsamen Input von Volker Arntz, Schulleiter der Schulpreisträgerschule in Durmersheim, bekommt ihr in einem ersten Sessionblock die Gelegenheit, in Austausch und Kontakt zu kommen. Danach wird Doro Moritz über die Entwicklung der Gemeinschaftsschulen berichten und im Dialog mit Matthias-Wagner Uhl über die politische Wetterlage für unsere Schulart in Baden-Württemberg sprechen. In einem zweiten Sessionblock gibt es erneut die Gelegenheit zum Nach- und Mitdenken, bevor es ab 17 Uhr in die Diskussion mit politischen Vertreter*innen geht. 

Jede*r kann und darf Sessiongeber*in sein. Wir freuen uns sehr auf eure Vorschläge. Zur Vereinfachung der Planung wäre es hilfreich, wenn ihr euch bis zum 1. Februar 2021 hier eintragen könntet: http://bit.ly/390fuh2 Dort wird auch erklärt, was ein Barcamp ist und wie es funktioniert.

Herzliche Grüße aus dem Orga-Team

Susanne Posselt, Mira Hartwig und Ulrike Felger

Mit Abstand

Zuversicht ist Einsicht auf Aussicht

Ernst Ferstl *1955

Rückblick – Ausblick – Weitblick

2020

Was für ein Jahr.

2020 bin ich viel zu Fuß unterwegs gewesen. Mit Hund. Ohne Hund. Auf gut ausgebauten und geteerten Wegen, viel häufiger aber auf neuen Wegen, Seitenwegen, Trampelpfaden, oft jenseits der Wege, manchmal auch auf Abwegen. Ich habe die Gegend rund um meinen Wohnort ganz neu kennengelernt, habe Orte entdeckt, die mir in den 20 Jahren, in denen ich mittlerweile hier wohne, noch nie aufgefallen waren. Sie und das Foto mit dem abendlichen Blick auf die Dächer von Karlsruhe sind Sinnbild für neue Perspektiven auf das vergangene, aber auch im Hinblick auf das kommende Jahr.

Leben mit Corona

Das alles beherrschende Thema in diesem Jahr war sicher die Pandemie: Corona – COVID-19. Im Moment habe ich das Gefühl, es ist alles gesagt. Das schreckliche Virus mit dem schönen Namen hat viel verändert. Zum Glück sind wir als Familie bisher nur indirekt betroffen, es gab keine bekannte Infektion. Die Auswirkungen waren dennoch in vielerlei Hinsicht bestimmend für unseren Alltag, auch wenn uns sehr bewusst ist, dass unsere Einschränkungen allenfalls Luxusprobleme sind: Viele Pläne lösten sich im Laufe des Jahres in Luft auf: Geplante Reisen konnten nicht angetreten werden, Konzerte mussten abgesagt werden oder durften nur in Kleinstgruppen und unter strengen Hygienebedingungen stattfinden. Wir konnten zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten nicht mit unseren Eltern feiern. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Glücklicherweise war auch Erfreuliches zu verzeichnen: Es gab einen bestandenen Einstellungstest, einen Auszug, bestandene Prüfungen, zwei Abschlüsse, den Eintritt in eine Berufsausbildung, einen Schulwechsel auf eine weiterführende Schule und einen 18. Geburtstag. Ereignisse, die unter anderen Bedingungen Anlass zum Feiern gewesen wären. So waren sie eher beiläufig. Dennoch waren sie bedeutend. Wir haben sie für uns gefeiert. Im Kleinen und in Dankbarkeit dafür, dass wir in diesem Jahr gut davongekommen sind. Unsere Reise in die Bretagne konnten wir im August antreten. Die Weite des Meeres und die Wildheit der Landschaft ließ die Pandemie eine Weile in Vergessenheit geraten. Dank unseres wunderbaren und stets zuversichtlichen Kantors Peter Gortner liefen die Proben mit dem Oratorienchor Karlsruhe praktisch ohne Unterbrechung weiter, je nach Infektionslage per Zoom, in Kleingruppen oder in der Christuskirche mit wechselnden, stets aber ausreichenden Abständen. Höhepunkt in diesem Jahr waren die Vorbereitungen und das Probenwochenende für das Requiem 2.0 für Mozart. Auch an Heiligabend durften wir unter strengen Hygienebedingungen singen.

So ambivalent dieses Fest in diesem Jahr für mich war: Da hat es sich angefühlt wie Weihnachten. Und selbst unter einer FFP2-Maske kann man Hoffnung spüren.

Arbeit, Schule und Studium unter Pandemiebedingungen

Auch unser Arbeitsleben war mal mehr, mal weniger geprägt von den wechselnden Rahmenbedingungen. Während mein Mann nach einer Präsenzphase im Sommer seit einigen Wochen bis auf Weiteres im Homeoffice arbeitet, war das Schul- und Studienjahr für mich als Lehrerin, aber auch für unsere Kinder, mit ständig neuen Herausforderungen verbunden.

Nachdem die ersten Wochen vor sich hingeplätschert waren und sich in meiner siebten Klasse eine gewisse Arbeitsroutine eingestellt hatte, gab es bereits in den Faschingsferien Hinweise darauf, dass das neue Virus aus dem fernen China auch für uns bedeutsam werden könnte. Dann ging es Schlag auf Schlag, die Schulen schlossen und jegliche Berufs- und Studientätigkeit wurde in die häusliche Umgebung verschoben. Plötzlich benötigten in unserem Haushalt mindestens sechs Endgeräte gleichzeitig und regelmäßig eine größtmögliche Internetbandbreite, um an Videokonferenzen teilnehmen zu können und den Kontakt zur Außenwelt nicht abbrechen zu lassen. Wir hatten Glück, in den meisten Fällen war dieser Draht zur Welt zuverlässig.

Für meine Schüler*innen war der Anfang holprig. Nach wochenlangem technischen Support, unzähligen Telefonaten und auch Hausbesuchen sowie intensiver persönlicher Fortbildung in digitalen Belangen (Hier sei vor allem das #Twitterlehrerzimmer genannt, ohne dessen Hilfe ich niemals so schnell und kompetent Antworten auf meine vielen Fragen erhalten hätte) waren wir gegen Ende des Schuljahres gut aufgestellt. Über diese Zeit habe ich hier auf dem Blog intensiv berichtet. Einer meiner Artikel aus der Zeit der beginnenden Schulöffnung wurde auch in der GEW-Mitgliederzeitschrift b&w veröffentlicht. Man findet ihn in der ursprünglichen Version hier und in der digitalen Version des gedruckten Heftes hier auf Seite 30.

Über unseren Schulentwicklungsprozess mit Moodle habe ich ebenfalls geschrieben. Den Artikel kann man hier lesen.

Das erste Schulhalbjahr in diesem Schuljahr war gleichermaßen mühsam wie erfreulich. Ich habe die große Freude, in einem außerordentlich engagierten Jahrgangsteam in wertschätzender Umgebung mit freundlichen und interessierten Schüler*innen an der Anne-Frank-Schule in Karlsruhe arbeiten zu dürfen. Bei allen Einschränkungen und der Sorge um die Gesundheit unserer Angehörigen waren die Zeiten des persönlichen Kontakts mit Kolleg*innen und Schüler*innen in der Schule wertvoll. Wir haben eine gute Basis legen können, um nun auch mit reduziertem Kontakt gut weiterarbeiten zu können, sollte das notwendig werden. Ich hoffe auf verantwortungsvolle und weitsichtige politische Vertreter*innen, die unsere Potenziale auch in Pandemiezeiten sehen und nutzen.

GEW – Für eine Schule mit guten Lern- und Arbeitsbedingungen

Für mich persönlich war das Jahr 2020 auch mit Entscheidungen verbunden, die sich bereits 2019 angekündigt hatten, nun aber unter völlig veränderten Bedingungen Gestalt annahmen. Bereits im Herbst 2019 war ich gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, politische Verantwortung in der GEW Nordbaden zu übernehmen und dort für den stellvertretenden Vorsitz zu kandidieren, für den mir die Delegierten im November 2020 dann auch das Vertrauen aussprachen.

Schon seit dem Schuljahr 2019/20 bin ich für die GEW Mitglied im ÖPR Karlsruhe, weil ich der Überzeugung bin, dass gute Schule nur gelingen kann, wenn die Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten angemessen sind. Durch die Personalratsarbeit kann ich wenigstens etwas Einfluss auf Rahmenbedingungen in den schulischen Verwaltungsstrukturen nehmen, bei denen die Fürsorgepflicht unseres „Dienstherren“ (in diesem Fall ist die „Herrin“ bislang eine Frau, was sich mit den anstehenden Landtagswahlen im kommenden Jahr ändern könnte) für die Beschäftigten oft hinter deren Dienst- und Treuepflicht zurücksteht. Gerade nach diesem Jahr kann man nicht oft genug betonen, dass dieses besondere Dienstverhältnis im Beamtentum auf Gegenseitigkeit beruht.

In der GEW Nordbaden bin ich nun seit diesem Schuljahr als stellvertretende Vorsitzende für den Bereich Gewerkschaftliche Bildung zuständig. Während diese Tätigkeit in „normalen Jahren“ mit vielen Begegnungen und intensiver bildungs- und gewerkschaftspolitischer Arbeit in nordbadischen Tagungsstätten verbunden gewesen wäre, haben alle bisherigen Veranstaltungen ausschließlich digital stattgefunden. Immerhin: Es ist uns gelungen, digitale Vernetzungsmöglichkeiten zu finden und den Kontakt zu unseren Kolleg*innen, die wir vertreten, nicht zu verlieren.

Gemeinschaftsschule

Ein weiteres Amt, für das ich in diesem Jahr die Verantwortung übernommen habe, steht für ein Herzensthema: Die Gemeinschaftsschule.

Seit September 2020 bin ich Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg.

Ich bin schon lange Mitglied in der GEW und auch lange Mitglied im Verein für Gemeinschaftsschulen. Beide Mitgliedschaften sind mir unter unterschiedlichen Perspektiven wichtig. Die GEW als bildungspolitische Gewerkschaft, in der es um das für mit Bildung und Erziehung befassten Berufe vereinende Ziel einer gerechten und guten Bildung für alle Kinder und Jugendlichen geht. Den Zusammenschluss mit Kolleg*innen unterschiedlichster mit Bildung befasster Berufe habe ich immer als sehr gewinnbringend erlebt. Eigentlich wäre 2020 das Jahr gewesen, um mein persönliches Loblied auf die GEW zu singen und den vielen starken Frauen und Männern zu danken, die mich im Rahmen dieser Gewerkschaft unterstützt und gefördert haben. Das habe ich (noch) nicht geschafft. Durch die lediglich digital durchgeführte Landesdelgiertenversammlung konnte ich mich noch nicht einmal persönlich bei einer großen Frau bedanken, die sich in diesem Jahr verabschiedet hat: Doro Moritz. Nicht zuletzt ihr habe ich es mit zu verdanken, dass ich diesen Weg gegangen bin: Sie hat schon ihr Vertrauen in mich gesetzt, als ich noch als studierende Mutter mit vier halbwüchsigen Kindern an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe unterwegs war. Dass ich inzwischen die Gemeinschaftsschulen für und in der GEW vertreten darf, ist zu einem großen Teil ihr Verdienst. Danke Doro!

Eine sehr positive Entwicklung in diesem Jahr war die intensivierte Zusammenarbeit mit dem Verein für Gemeinschaftsschulen. Wir haben einige Kooperationsprojekte (die virtuelle Vernetzung von Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen über den #GMSFeierabend, die „Woche der Gemeinschaftsschulen“ und daraus entstanden den wöchentlich stattfindenden #GMSChat bei Twitter) angestoßen, den Kontakt zu politischen Vertretern aufbauen und pflegen und so zeigen können, dass es in unserem Bundesland Baden-Württemberg ein großes Interesse daran gibt, den Gemeinschaftsschulen die Bedeutung zukommen zu lassen, die sie verdienen: Leistungsfähige und zukunftsfähige Schulen, in denen Bildungsgerechtigkeit gelebt wird.

Es gäbe noch viel zu sagen, vielen Menschen zu danken und manches zu überdenken. Meine Bilanz für dieses Jahr ist positiv. Ich habe einiges verloren, aber vieles gewonnen. Froh und dankbar bin ich, dass der Kontakt zueinander nicht abgerissen ist und dass ich sogar in der Virtualität neue und wertvolle Kontakte hinzugewinnen konnte.

In diesem Sinne: Lasst uns zuversichtlich in das Jahr 2021 gehen!

Eure Susanne

Innere Ordnung

Heute habe ich aufgeräumt. Den ganzen Tag. Von morgens bis abends. Ich war dermaßen im Aufräumfieber, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte. Leider neige ich ja, wie vermutlich nicht wenige andere Kolleg*innen meiner Zunft auch, zum Sammeln, Aufheben, Horten und Aufbewahren. Es fällt mir schwer, mich von manchen Dingen zu trennen. Wenn man von Berufs wegen Kinder und Jugendlichen dazu befähigen möchte, wie Herbart es einst so schön auszudrücken vermochte: „Welt in sich aufzunehmen“, dann kann es passieren, dass man selbst die Welt sammelt und in einem Lehrerarbeitszimmer aufbewahrt. Um den Überblick über diese „Welt“ nicht zu verlieren, ist es unausweichlich, sie zu ordnen und zu sortieren. Andernfalls könnte es passieren, dass einem die eigene Welt zu unübersichtlich wird.

Wenn ich so im Aufräumfieber bin, mache ich bei mir selbst oft die Beobachtung, dass sich durch das Schaffen äußerer Ordnung auch eine Art innerer Ordnung einstellt. Ich fühle mich dann sortierter, klarer und kann wieder strukturierter denken. Dabei fällt es mir durchaus nicht leicht, den Anfang zu finden. Es ist zwar schon so, dass ich mittlerweile eine ziemlich durchdachte Grundordnung in meiner häuslichen Lehrerwelt habe, aber es erfordert ein hohes Maß an Disziplin, diese aufrechtzuerhalten. Man muss dranbleiben, sich am Riemen reißen und immer wieder einmal den inneren Schweinehund überwinden, um den Anfang zu finden.

Auch bei meinen Schüler*innen beobachte ich, dass es ihnen guttut, wenn ich ihnen Strategien an die Hand gebe, wie sie selbst Ordnung halten können. Unsere Schule ist, wie alle Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, eine gebundene Ganztagsschule. Die Schüler*innen lassen ihre Sachen im Normalfall in ihrem persönlichen Ablagefach im Lerngruppenraum. Doch selbst so ein recht überschaubares Fach in Ordnung zu halten, will gelernt sein. Immer wieder stelle ich fest, dass Jugendliche damit große Schwierigkeiten haben. Dann verschwinden Blätter, es dauert halbe Ewigkeiten, bis ein bestimmtes Heft sich findet und es zeigt sich auch, dass Dinge, die man nicht ordentlich aufbewahrt, schneller verschleißen. Deshalb hatten wir zu Beginn dieses Schuljahres noch einmal ein verstärktes Augenmerk auf die Organisation der Schulmaterialien gelegt, was sehr positive Effekte hatte. Oft geht das Lehrersein eben über das Vermitteln von fachlichen Inhalten hinaus.

Auf das Regal, welches oben zu sehen ist, bin ich in den letzten drei Wochen übrigens sehr häufig angesprochen worden. So ist das eben, wenn man statt im Klassenzimmer plötzlich aus dem häuslichen Arbeitszimmer ein Fenster in die Welt öffnet. Eigentlich ist das Regal noch größer, aber das Bild täuscht ein wenig: Ich muss zugeben, dass ich den Ausschnitt aus ästhetischen Gründen gewählt habe. Ganz so ordentlich, wie es den Anschein haben könnte, bin ich dann doch nicht. So sind meine Bücher zwar sortiert, aber nicht farblich und manchmal, wenn der Platz nicht mehr reicht, stelle ich Bücher in zweiter Reihe auf oder andere Dinge stapeln sich hier und da.

Nun ist die Ordnung wieder hergestellt. Innen wie außen.

Vielfalt kann man lernen

Ich hatte heute das Vergnügen, an einem wunderbar erhellenden und wertschätzenden Vortrag mit anschließendem Austausch zum Thema Rassismus und Antisemitismus in der Schule teilnehmen zu dürfen. Der Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung, Herr Dr. Michael Blume legte eindrucksvoll dar, dass unser Bildungsideal: „Jedes Kind muss gebildet werden und in jedem Kind stecken Potenziale, die es zu fördern gilt“ bereits aus der jüdischen Tradition stammt und es oberstes Ziel sein muss, über Bildung zu sprechen, um Rassismus zu verhindern. Vertreter*innen dreier Gemeinschaftsschulen, darunter auch meine Kollegin Katrin Wahlich und ich, berichteten im Anschluss darüber, wie sie das Thema an ihren Schulen erleben und welche Projekte sie bereits durchgeführt haben, um Rassismus entschieden entgegenzutreten. Ulrike Felger vom Verein für Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg e.V. schloss die sich anschließende rege Diskussion mit den Worten: „Freiheit muss man lernen – Vielfalt kann man lernen“. Wir hoffen sehr, dass Herr Dr. Blume bald die Gelegenheit bekommen wird, sich persönlich davon überzeugen zu können, wie diese Vielfalt an unseren Gemeinschaftsschulen praktisch gelebt wird.

Empfehlen möchte ich an dieser Stelle den Podcast von Herrn Dr. Blume, den man hier anhören kann. Es gibt außerdem bei Spektrum der Wissenschaft einen Blog von ihm: NATUR DES GLAUBENS Evolutionsgeschichte der Religion(en)

Gedanken zur Leistungsmessung

Als Leistung darf in der Schule nichts gefordert werden, was die Erziehung des jungen Menschen zur Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit, zur Kritik- und Urteilsfähigkeit – also auch zur Fähigkeit begründeter Distanzierung gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Leistungsanforderungen -, zur Kreativität usw. hindert. Positiv formuliert: Schule muß, […] in dem Sinne „Leistungsschule“ sein, daß sie die Bewältigung der Aufgaben und Lernprozesse ermöglicht und fordert, die zur Mündigkeit, Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit führen können.

Wolfgang Klafki, Sinn und Unsinn des Leistungsprinzips in der Erziehung (1975)

An diese Passage aus einem Text von Wolfgang Klafki, den ich seinerzeit im Rahmen meines Lehramtsstudiums in der Vorlesung zur Allgemeinen Pädagogik bei Prof. Dr. Rainer Bolle an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe lesen durfte, musste ich in den letzten Tagen immer mal wieder denken. Beim Thema Schule ist die Frage nach der Leistung nicht weit. Nun ist die Schule geschlossen, sie findet nur noch virtuell statt und die Frage, ob man die in diesen Zeiten im Zusammenhang mit Schule erbrachten Leistungen bewerten dürfe, beschäftigt viele am Bildungssystem Beteiligte und nicht zuletzt die Ministerien selbst:

Grundlage für die Leistungsbewertung in einem Unterrichtsfach sind alle vom Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten Leistungen (schriftliche, mündliche und praktische Leistungen). So sieht es die Notenbildungsverordnung vor. Da die Corona-Verordnung bis zum Ablauf des 19. April 2020 den Unterrichtsbetrieb an den öffentlichen Schulen und Schulen in freier Trägerschaft untersagt, findet in diesem Zeitraum auch keine Feststellung von Leistungen der Schülerinnen und Schüler statt. Es gibt also während der Zeit der Schulschließung keine Noten.

FAQs Schulschließungen auf der Internetseite des Kultusministeriums BaWü

In Zusammenhang mit schulischer Leistung denken die allermeisten Protagonisten des Systems Schule an Noten. Noten versprechen Objektivität. Wer gute Noten hat, dem stehen alle Türen offen. Kaum jemand zweifelt die Gerechtigkeit der Leistungsmessung in Gestalt von Noten an. Noten geben Orientierung, sie disziplinieren und sie selektieren. Ich möchte die durchaus vorhandene wissenschaftliche Auseinandersetzung zu diesem Thema hier nicht in voller epischer Breite ausrollen. Wer sich dafür interessiert, dem seien die Ausführungen von Felix Winter („Lerndialog statt Noten“) oder der aufschlussreiche Fernsehbeitrag aus der Reihe Quarks und Co. mit Ranga Yogeshwar (Wozu brauchen wir Schulnoten?) ans Herz gelegt. Ich möchte allerdings ein paar kritische Fragen stellen, die zum Nachdenken anregen sollen und an dieser Stelle einige meiner Erfahrungen als Lernbegleiterin und Lehrerin (Ich benutze gerne beide Begriffe, weil ich ja beides bin) an einer Gemeinschaftsschule teilen.

  • Messen schulische Noten tatsächlich das, was sie vorgeben zu messen?
  • Wie ist es um die Gerechtigkeit bei ihr Vergabe bestellt, wenn die Voraussetzungen höchst heterogen sind?
  • Kann man alles messen, was Aufgabe von Schule ist?
  • Ist es nicht vielleicht sogar manchmal auch schädlich, alles beurteilen zu wollen?
  • Sind die Bereiche, die im Zusammenhang mit Schule mit Benotungen versehen werden, am Ende tatsächlich relevant für ein gelungenes (Berufs-)Leben?
  • Wie lassen sich Lernprozesse im Unterschied zu punktuellen Überprüfungen angemessen bewerten?

Die meisten Lernbegleiter*innen und Lehrer*innen an den Gemeinschaftsschulen haben über die Frage der Notengebung in der Zeit der Schulschließung überhaupt nicht weiter nachgedacht, weil wir den Schüler*innen ihre Leistungen ohnehin auf eine andere Weise zurückmelden als über ein verkürztes Ziffernzeugnis. Wir sind ständig im Gespräch mit ihnen und sprechen nicht nur über Lernen und Leistung. Im intensiven Austausch geht es um Interessen und Motivation, Ziele und Träume, Hindernisse, Sorgen, Glück und Wut. Über alles, was dann am Ende leistungsfähig macht, oder aber verhindert, dass Leistung, die durchaus da sein könnte, gezeigt werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir auf diese Weise ganz andere Möglichkeiten haben, die vielleicht noch schlummernden Potenziale unserer Schüler*innen entdecken und wecken zu können.

Dass in diesen Wochen Leistungsmessung nicht mehr im herkömmlichen Sinne stattfinden kann, ist am Ende doch das geringste Problem. Die meisten Schüler*innen lernen dennoch weiter, manche sogar konzentrierter als im Rahmen der Zwangsgruppenlösung Klassengemeinschaft. Viele erwerben ganz neue Fähigkeiten, wissen nun, wie man sich per Videokonferenz zum Lerngruppenmeeting verabredet, haben gelernt, wie man sich eine E-Mail-Adresse erstellt und entdecken die Möglichkeiten des virtuellen Lernraums. Lernen fand noch nie bloß im physisch vorhandenen Klassenzimmer statt, und Leistungsmessung hat auch noch nie nur das vermessen, was sich allein dort abgespielt hat. Im Gegenteil: Jetzt wird erst sichtbar, wie unverfügbar Lernprozesse in Wirklichkeit sind.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, versucht mal, die Kinder und Jugendlichen ohne den berühmten „Notendruck“ bei der Stange zu halten. Allein durch Begeisterungsfähigkeit. Durch kritische Fragen. Durch Nachdenklichkeit. Und durch Kontakt.

Tagebuch

Eltern können nur Rat oder gute Anweisungen mitgeben, die endgültige Formung seines Charakters hat jeder selbst in der Hand. Dazu kommt noch, dass ich außerordentlich viel Lebensmut habe, ich fühle mich immer so stark und im Stande, viel auszuhalten, so frei und so jung!

Anne Frank am 15. Juli 1944

Wir haben unsere Schüler*innen in diesen Wochen dazu ermutigt, Texte zu schreiben, aufzuschreiben, was sie gerade so denken, wie es ihnen geht und was um sie herum geschieht. Manchmal hilft es ja, eine unwägbare Situation in Worte zu fassen und eine Sprache für das Unfassbare zu finden, um ihm eine Gestalt zu verleihen. Ich muss gestehen, dass mir selbst im Fluss des Schreibens die Wörter viel leichter von der Hand gehen, als durch die gesprochene Sprache. Vielleicht liegt es daran, dass sie in der Schrift eine sichtbare Gestalt erhalten. Dinge, die ich nur sage und nicht schreibe, geraten auch mir selbst sehr schnell wieder in Vergessenheit. Und manchmal, wenn ich etwas wiederfinde, was ich vor Jahren irgendwann einmal aufgeschrieben habe, bin ich zwar zunächst überrascht, dass ein scheinbar vergessener Text tatsächlich von mir stammt, beim Lesen tauche ich jedoch sogleich wieder in die Situation der Entstehungszeit ein. Es ist so, als ob der Text in irgendeinem Geheimfach die dazugehörigen Gefühle, Gerüche und Geräusche mit sich trüge. In einer Welt, die zunehmend von bewegten und unbewegten, oft aber geschönten Bildern bestimmt und überflutet ist, gerät in Vergessenheit, dass das Schreiben und spätere Lesen eines Textes den Augenblick dehnt, einen zwingt, sich zu verlangsamen, durchzuatmen, abzuwarten und manchmal auch Geduld zu üben.

Unsere Schule ist nach einem Mädchen benannt, dessen Tagebuch eines der wahrscheinlich berühmtesten und meistübersetzten Bücher dieser Welt ist: Annelies Marie, bekannt als Anne Frank. Alle unsere Schüler*innen der Anne-Frank-Schule Karlsruhe kennen die Geschichte dieses Mädchens, das durch das Tagebuch in der Enge seines Verstecks einen Raum für seine Gedanken und Träume fand. Die Jugendliche Anne erlebte in dieser Zeit, die mehr als zwei Jahre dauern sollte, ihre Pubertät, die erste zarte Liebe, Konflikte mit ihren Eltern und den Mitbewohnern. Da die Geschichte hinlänglich bekannt und vielfach in den unterschiedlichsten Medien verarbeitet wurde, möchte ich hier gar nicht näher darauf eingehen. Wir alle wissen, dass sie schrecklich endete. Das Tagebuch dokumentiert eindrücklich, dass hinter unfassbar großen Zahlen des Schreckens Menschen mit Geschichten, Träumen und Gedanken stehen. Menschen mit Familien. Menschen, die liebten, hofften und verzweifelten.
Es ist wichtig, das nie zu vergessen.
Auch aus diesem Anliegen heraus ist unsere Schule 2017 Mitglied des Netzwerkes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ geworden. Eigentlich hätten wir uns am Dienstag der vergangenen Woche mit vielen anderen Netzwerkschulen der Stadt anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Netzwerkes auf dem Karlsruher Marktplatz getroffen, um daran zu erinnern, dass Mobbing, Intoleranz und Ausgrenzung an unserer Schule keinen Platz haben. Wir kümmern uns umeinander und gehen wertschätzend miteinander um. Deshalb sind wir auch Gemeinschaftsschule, eine Schule für alle Kinder und Jugendlichen. Wir leben und lernen gemeinsam. Dass dieser Geist Früchte trägt, zeigt sich für uns im Umgang der Schüler*innen miteinander und mit uns. Sie helfen einander. Sie erkundigen sich nach uns und anderen, die fehlen, wollen wissen, wie es ihnen und uns geht.

Einige Schüler*innen treffen sich derzeit täglich um 17 Uhr mit mir noch einmal in einer Videokonferenz. Es ist ein freiwilliges Angebot. Manchmal geht es darum, letzte Fragen zu klären, oft nutzen sie diese Zeit aber auch, um noch einmal mit mir in den Austausch gehen zu können, gelegentlich erzähle ich ihnen einfach irgendetwas und sie hören zu. Heute habe ich ihnen und mir selbst folgende Frage gestellt: „Stellt euch vor, ich hätte euch letztes Jahr um diese Zeit erzählt, dass heute in einem Jahr die Schule geschlossen sein würde und ihr statt im Klassenzimmer zu Hause vor dem Smartphone oder dem PC den Deutschunterricht verfolgen würdet, wer von euch hätte mir das geglaubt?“

Ich hoffe und wünsche mir, dass manche unserer Schüler*innen die Einladung zum Schreiben annehmen und den Mut und die Geduld aufbringen werden, diese Zeit für sich zu dokumentieren.