Unmöglichkeiten

Mein Lehrerinnenleben besteht derzeit oft aus Halbsätzen. Es reicht völlig, unausgesprochene Gedanken fortzuführen, weil die dazugehörigen Hauptsätze ohnehin immer dieselben sind.

Ich hätte vieles nicht für möglich gehalten.

Dass ich an einem Dienstagmorgen Ende März in einer Geisterschule einsam Arbeitsmaterial für Schüler*innen kopiere, die ich, wenn überhaupt, nur noch per Post erreiche. Um die ich mir Sorgen mache. Nicht, weil sie irgendwelche grundsätzlich aufholbaren Lerninhalte versäumten. Ich sorge mich, weil ich genau weiß, dass ihnen die Struktur abhanden gekommen ist und weil ich sie über die Wege, die mir ansonsten bleiben, nicht erreiche.

Dass ich Stunden damit zubringe, digitale Kommunikationstools zu testen, zu improvisieren, mit Standbildern zu kommunizieren, fragmentarisch übertragene Sätze im Geiste zu ergänzen, um mir den dahinterstehenden Sinn zusammenzureimen und, versehen mit Gamingkopfhörern, vor der Kulisse meiner Arbeitszimmerbücherwand den Großteil meines Arbeitstages verbringe.

Dass der erste außerfamiliäre Sozialkontakt des Tages in einem virtuellen Lehrerzimmer stattfindet und dass selbst Kolleg*innen, die den virtuellen Segnungen der Neuzeit bislang eher skeptisch gegenüberstanden, diesen zur Gewohnheit gewordenen Termin als wichtig und stabilisierend empfinden.

Dass ich täglich teilweise Stunden telefoniere, mit Schülern, die von den technischen Möglichkeiten überfordert sind, mit Eltern, die den pubertären Ausbruchsversuchen ihrer Kinder handlungsunfähig gegenüberstehen, mit Kolleg*innen, um mich abzustimmen, auszutauschen, Probleme zu lösen, Fragen zu klären.

Dass ich so unendlich müde bin, obwohl ich das Haus fast nur noch zu täglichen Spaziergängen auf leeren Straßen mit gebührendem Abstand zu anderen Menschen verlasse und zusehen muss, dass ich nicht auf meinem Schreibtischstuhl einroste.

Und dass ich am Ende weiß, dass diese Unmöglichkeiten nichts sind, im Vergleich zu den existenziellen Ängsten, die viele Menschen in diesen Zeiten umtreiben.

Vor dem Zaun des Kindergartens hier im Ort haben Kinder bemalte Steine abgelegt. In den Fenstern von Häusern, in denen Kinder leben, hängen Bilder mit Regenbögen. Zeichen der Hoffnung. Dass das für unmöglich Gehaltene endlich sein wird.

Betretungsverbot

#schuleohneschüler #tag4

Impressionen aus einem #Lehrerinnenleben im #Homeoffice

8 Uhr Tagesbeginn am Schreibtisch: Erstellen eines Wochenplanes mit Sprechzeiten, Deutschstunden, Lerngruppenchats. Wer bietet was an?

8.30 Uhr Aktualisierung meiner eigens eingerichteten Internetseite für die Schüler*innen: „Besondere Zeiten“; Bekanntgabe der heutigen Videochatzeiten, Erreichbarkeiten, Ankündigung der Themen. Heute: Satzgefüge (Grammatik); Online Support für eine Kollegin zum Video-Konferenzsystem Jitsi Meet.

9 Uhr Nachricht an eine Mutter, die mich sprechen möchte: Ich bin ab sofort erreichbar. Erste Absprachen mit meiner Deutschkollegin: Wer bietet welchen Input im Videochat an? Wer informiert die Schüler*innen? Wer produziert ein Erklärvideo zum nächsten Thema?

9.30 Uhr Treffpunkt im virtuellen Lehrerzimmer. Diejenigen die sich dort regelmäßig regelmäßig versammeln, freuen sich mittlerweile schon auf den Termin. Das Leben am häuslichen Schreibtisch kann ganz schön einsam sein.

9.40 Uhr Anruf der Mutter, die mich sprechen wollte. Austausch über Sorgen und Nöte, Online-Support in technischen Fragen.

9.55 Uhr Zurück im virtuellen Lehrerzimmer: Letzte mutmachende Worte für den Tag. Wie sind die Eltern von Schüler x erreichbar? Wie kommt Schüler y an sein Material? Hat jemand gehört, wie es Schülerin z geht? Unsere größte Sorge: Vielen Schüler*innen fehlt die Tagesstruktur eines Schultages, Familien könnten überfordert sein, wie können wir den Schüler*innen dann helfen?

10 Uhr Telefonat mit dem Schulleiter

10.10 Uhr Arbeit an der Präsentation für den Online-Input zum Thema Satzgefüge. Kann PowerPoint als Tafelbild dienen? Das kann es! Sehr gut sogar!

10.30 Uhr Es trudeln Anfragen zu technischen Problemen bei Schüler*innen ein, weitere Absprachen mit meiner Kollegin sind notwendig, die Zeit fliegt dahin…

11 Uhr Erster Videochat des Tages: Sprechstunde. Wie geht es euch? Habt ihr Fragen? Gibt es Probleme? Wo findet man die Lösungen? Wie lautet das Passwort noch gleich? Wie sind die Regeln für den Videochat? Darf man jetzt wirklich nicht mehr nach draußen? Ein Schüler erzählt, er sei gestern zweimal von der Polizei vom Bolzplatz weggeschickt worden. Darf man wirklich nicht mehr raus???

11.30 Uhr Deutschstunde im Videochat. Zunächst ist nicht ganz klar, wo der Chat stattfindet: Wie lautet noch der Name der Sitzung? Wer sagt den anderen Bescheid, wo wir uns „treffen“? Am Ende sind 10 Schüler*innen versammelt. Konzentrierte Arbeit: Ich präsentiere per PowerPoint, die Schüler*innen beteiligen sich ausgesprochen diszipliniert. Einige Schüler*innen verabschieden sich um 12 Uhr. Sie sind mit der Mathelehrerin verabredet.

12 Uhr Konzentrierte Besprechung der Lösungen von Arbeitsaufträgen aus dem Wochenplan. Ein Schüler ist heute erstmals dabei. Seine überraschende Erkenntnis: „Frau P., ich mache ja sonst immer viel Quatsch, aber das hier ist richtig cool.“ Gegen 13 Uhr muss ich die Sitzung beenden. Auch Homeoffice-Lehrerinnen brauchen mal eine Pause…

13 Uhr Mittagspause; Austausch mit meinen ebenfalls daheim lernenden Kindern; Kann man die Lösungen so verschicken? Gibt es noch irgendwo Schnellhefter? Es gibt Neuigkeiten: Die Prüfungen werden verschoben! Verhaltene Freude auf Seiten der Abschlussschülerinnen: Was bedeutet das für die Anschlusstermine? Wird der Einstellungstermin dann auch verschoben?

13.30 Uhr Beladen der Waschmaschine, Aufhängen der frisch gewaschenen Wäsche. Es hat manchmal durchaus auch Vorteile, zu Hause zu arbeiten.

14 Uhr Pressekonferenz unseres Ministerpräsidenten: Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus werden verschärft. Keine Überraschung. Restaurants schließen. Nur noch maximal drei Personen dürfen sich gemeinsam draußen aufhalten. Ausnahme: Familien mit eigenen Kindern. Erleichterung bei meinen Kindern.

14.30 Uhr Beginn der Freitagstelefonate. Ich rufe alle meine Coachingkinder zu Hause an. Wie geht es euch? Kommt ihr zurecht? Braucht ihr Hilfe? Manche erreiche ich nicht. Viele zum Glück schon. Es tut gut, miteinander zu sprechen. Ja, ich vermisse die Schule auch!

Die Zeit verfliegt...

17 Uhr Letzter Videochat des Tages mit meiner Lerngruppe. Habt ihr schon gehört? Was bedeutet eigentlich Ausgangssperre? Und was ist ein Betretungsverbot? Darf man jetzt wirklich gar nicht mehr raus?

17.30 Uhr Feierabend. Auch Homeoffice-Lehrerinnen brauchen ein Wochenende. Macht es gut bis Montag! Bleibt gesund! Bleibt zu Hause! Bleibt in Verbindung! Ich bin für euch da.

Eure Frau Posselt

P.S.: Die Gemeinde Pfinztal hat ab morgen ein Betretungsverbot für öffentliche Plätze erlassen. Mit dem Hund darf man noch spazieren gehen. Alleine. Oder höchstens zu zweit. Aber ich gehe ohnehin meistens alleine mit dem Hund.