Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Baden-Württemberg hat gewählt. In diesen Tagen werden Weichen für die Zukunft gestellt. Auch das Kultusministerium wird neu besetzt werden. Wir haben über die sozialen Netzwerke Stimmen aus der Schulgemeinschaft gesammelt. Sie haben gesagt, was ihre Erwartungen, Wünsche und auch Visionen für Schule und Bildung ein Baden-Württemberg sind. Hört auf die Worte der Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, Schulleiter*innen, und pädagogischen Assistent*innen:

Wenn ich Kultusminister*in wäre…

Zu diesem Video gibt es auch eine Langversion mit allen eingereichten Beiträgen: Diese findet man hier:

Ambivalent

Quelle: https://www.dwds.de/wb/ambivalent

Da sind wir wieder.

Back2School.

Am 15. März 2021 sind wir mit unseren Fünftklässlern nach 9 Wochen Distanzunterricht wieder in die Schule zurückgekehrt. Ziemlich genau ein Jahr, nachdem die Schulen am 17. März 2020 erstmals ihre Tore geschlossen hatten.

Wer hätte ahnen können, dass wir über ein Jahr lang mit den Auswirkungen dieser Pandemie zu kämpfen hätten? Dass wir Schulgebäude nur noch mit Maske und Abstand betreten würden? Dass wir uns mit instabilen Internetverbindungen, unerreichbaren Schüler*innen, verunsicherten Eltern und mehr oder weniger besorgten Kolleg*innen auseinanderzusetzen hätten?

Nun sind wir also wieder da. Mit Maske. Und – dank unserer fürsorglichen Schulleitung – auch mit Abstand. Vorerst. Vielleicht auch dauerhaft. Wer weiß das schon in diesen Zeiten?

Eine Schülerin hatte in einer unserer letzten Videokonferenzen gesagt:

„Ich freue mich so darauf, endlich wieder in die Schule zu gehen. Egal wie! Ob mit Maske, mit Abstand oder mit der halben Klasse. Hauptsache, ich sehe meine Freunde endlich mal wieder!“

Wir freuen uns auch. Und gleichzeitig sind wir besorgt. Wir freuen uns, alle leibhaftig zu sehen, die gegenseitige Anwesenheit und die Gefühle der anderen zu spüren, unmittelbar fragen zu können:

„Wie geht es dir?“

Wir können diese Frage stellen und müssen nicht warten, ob sich am anderen Ende der virtuellen Verbindung eine Kamera aktiviert oder eine Stimme über eine instabile Leitung eine Antwort gibt, die oft schwer zu deuten ist. Wir können einfach sehen und spüren, ob die Antwort auf diese Frage Gutes oder Schlechtes bedeutet.

Wir sind aber auch besorgt, weil wir nicht wissen, ob die Schutzmaßnahmen tragen. Ob diese Schulöffnung nicht ein großer Fehler war, weil sich das Virus in unseren Klassen und Gruppen nahezu ungehindert vermehren kann.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag schon längst und spätestens gestern verfasst haben. Und dann kam die Nachricht, dass die Impfungen mit Astra Zeneca ausgesetzt werden. Dass jetzt Kolleg*innen weiter darauf warten müssen, endlich geschützt am Unterricht teilnehmen zu können. Und das, obwohl sie in der Grundschule ohne Abstand und mit Kindern ohne Masken in einer Region mit über 50% mutiertem Virus (B 1.1.7) einem sehr realen Risiko ausgesetzt sind. Das bestürzt mich. Ich selbst bin bereits geimpft.

Am Sonntag war Landtagswahl. Ich habe für die Zukunft einen Wunsch:

Zu Gast bei @derEduTalk

Am 4. Februar 2021 war ich zu Gast beim Edu-Talk. Dort habe ich über die Entwicklung unserer Schule (nicht nur) im vergangenen Jahr gesprochen und wie wir es geschafft haben, mit Landeslösungen einen wichtigen Schritt in Richtung „gelingender Distanzunterricht“ mit Mehrwert für den Präsenzunterricht zu gehen. #Moodle mag sperrig sein, eignet sich aber durchaus für die Organisation von digitalen Lernumgebungen. Welche Faktoren sonst noch eine Rolle gespielt haben, erfahrt ihr im Edu-Talk.

Futur statt Präsenz

oder „Wer ist eigentlich dieser Herr Meidinger?“

Herr Meidinger nennt sich Lehrerpräsident, ist jedoch keineswegs mein Lehrerpräsident, auch, da er mich qua Amt gar nicht vertreten kann. Laut Homepage zählen zu den Mitgliedsverbänden des „Deutschen Lehrerverbandes (DL)“ lediglich Interessensvertretungen für Lehrer*innen an Gymnasien, Realschulen und beruflichen Schulen, außerdem eine katholische Erziehergemeinschaft, von der man nicht so genau weiß, wen sie vertritt. Herr Meidinger hat als ehemaliger Präsident des Philologenverbandes jedoch offenbar sehr viel Zeit und erhält durch seine ständige Medienpräsenz eine Bühne, die seiner Bedeutung für die Vertretung der bundesdeutschen Lehrer*innen ganz sicher nicht angemessen ist. Herr Meidinger ist nämlich keinesfalls ein unabhängiger Autor, sondern ein ausgewiesener Lobbyist für einen kleinen Ausschnitt der Lehrer*innen, der von seinem griffigen Titel „Lehrerpräsident“ profitiert.

Dass ein Herr Meidinger von „realitätsfernen Idealen und Ideologien“ schreibt, entlarvt ihn dahingehend, dass er offenbar noch nie eine dieser „anderen“ Schulen von innen gesehen hat. Er behauptet, Schulreformen dürfen nur durchgeführt werden, wenn es wissenschaftlich belastbare Anhaltspunkte dafür gebe, dass sie gegenüber dem Status quo eine Verbesserung darstellen. Offensichtlich ist ihm nicht bekannt, dass die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg die einzige Schulform ist, die in den letzten Jahren überhaupt wissenschaftlich evaluiert wurde.

Wir Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen haben bewiesen, dass wir differenzierende Bildungsangebote entwerfen können. Wir sind breit aufgestellt, kennen uns mit Förderangeboten, sonderpädagogischen Bedarfen wie auch mit Hochbegabtenförderung aus. Wir können Kindern mit heterogenem Profil Bildungsangebote machen, kooperieren mit dem Jugendamt und Kinderärzten, ermöglichen Nachteilsausgleiche und sortieren Schüler*innen nicht allein deshalb aus, weil sie in Deutsch schlechter sind als in Mathe. Wir geben ihnen die Chance, sich zu entwickeln, dranzubleiben, selbstständig zu werden. Dabei begleiten wir intensiv und stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Elternhäusern. Wir sorgen dafür, dass sie selbstwirksam werden können.

Ich fordere eine Umkehr der Beweislast – der Beweis, dass die Gemeinschaftsschulen sich drängenden Schulentwicklungsfragen stellen und Kinder mit unklarer Bildungsempfehlung zum Realschulabschluss oder gar zum Abitur befähigen können, ist geführt. Nun sollen die „Bewahrer“ des angeblich so gerechten und effektiven Bildungssystems zeigen, wo ihr Innovationspotenzial zu finden ist. Die letzten Monate haben eindrucksvoll gezeigt, dass wir mit den Rezepten von gestern keine Schulen von morgen gestalten können.


Mit freundlichen Grüßen
Susanne Posselt


Lehrerin an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe
Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg
Stellvertretende Bezirksvorsitzende der GEW Nordbaden und dort für das gewerkschaftliche Bildungsprogramm verantwortlich.

Dieser Beitrag ist eine Replik auf eine (un)kritische Rezension, die am 28.1.2021 in den Badischen Neuesten Nachrichten erschienen ist.

#Fernlernen

Eine Chronik

Ein knappes Jahr nach der letzten #Schulschließung sind wir am vergangenen Montag in die zweite Runde #Fernlernen gegangen. Ich nenne es nicht #Homeschooling, weil mit diesem Begriff andere Konzepte verbunden sind. Da ich immer mal wieder gefragt werde, „wie wir das denn so machen“, will ich hier einen kurzen Abriss unseres Konzeptes geben, das sich für uns bislang bewährt hat. Die Überlegungen, die zu diesem Konzept geführt haben, möchte ich in folgenden Abschnitten chronologisch vorstellen:

  1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020
  2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021
  3. Best Practise im Januar 2021

1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020

Die Schulschließung im März 2020 hatte uns alle kalt erwischt. An unserer Gemeinschaftsschule gab es zwar schon digitale Plattformen, Moodle wurde als „Materialllager“ vorwiegend für die Sekundarstufe genutzt, die Nutzung für die Primarstufe war angedacht, jedoch noch nicht wirklich umgesetzt.

Auch, wenn meine Kollegin Katrin Wahlich und ich uns gleich zu Beginn der Schulschließung ins digitale Abenteuer gestürzt hatten, Videokonferenzsysteme ausprobiert, Unterrichtsinhalte auf Webseiten geladen, gefilmt, verlinkt, Apps erprobt und wieder verworfen hatten – eins blieb bis zur Rückkehr in die Schule frustrierend: Der fehlende Zugang vieler Schüler*innen zu angemessenen digitalen Arbeitsgeräten und ausreichend dimensionierten Internetzugängen. Bis zum Schluss war es schwierig, den Kontakt zu halten und so blieb oft nichts als das gute alte Telefon oder der persönliche Besuch mit physischer Materialausgabe. Uns war völlig klar, dass das keine geeigneten Voraussetzungen für einen gelingenden Fernunterricht sein konnten.

2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021

Noch im Schuljahr 2019/20 entschieden wir uns im Rahmen der Gesamtlehrerkonferenz, für alle Lerngruppen an der Anne-Frank-Schule Karlsruhe Moodle-Kurse anzulegen, auch, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar war, wie lange uns diese Pandemie im Griff behalten würde. Unser Motiv und unsere Vision war: Auch außerhalb von Pandemiezeiten ist es mehr als sinnvoll, das Lernen in den digitalen Raum zu erweitern und diesen zu nutzen, um Schüler*innen dabei zu begleiten, damit sie lernen sich sicher im zwischen all den Hyperlinks zu bewegen.

Über die Entscheidung für Moodle als Lernmanagementsystem (LMS) und den Weg zu unserer heutigen Struktur habe ich Ende des vergangenen Jahres einen Bericht für die GEW-Mitgliederzeitschrift b&w geschrieben. Hier ist er zu lesen. Das gesamte Heft gibt es hier.

Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation war die Entscheidung für eine konsequente Etablierung von Moodle als Lernmanagementsystem und die Fortbildung und Begleitung aller Kolleg*innen entscheidend für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang ins Fernlernen. Dass diese Entscheidung so fiel, war überhaupt nicht selbstverständlich. Alle Vorzeichen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 standen auf Präsenz um jeden Preis und angesichts von Kohortenbildung, Masken und Abstand eine Rückkehr zum lehrerzentrierten Unterricht. Dennoch gab es an der Anne-Frank-Schule einen pädagogischen Nachmittag zum Thema „Moodle“ für alle Lehrer*innen, es gab dazu eine Challenge in der Grundschule und im Rahmen der Einschulung Workshops für Eltern. Wir wollten alles tun, um Hürden abzubauen und allen Kindern die Teilhabe an digitalen Lernwelten zu eröffnen. Hinzu kam die Bestellung von digitalen Endgeräten, um diese als Leihgeräte zur Verfügung stellen zu können.

Um die Hürden für digital noch nicht so affine Kolleg*innen abzuräumen, entwickelten wir Musterkurse für verschiedene Szenarien: #Fernlernen, #Hybridunterricht und #Quarantäne. Für den Fall einer möglichen Schulschließung erarbeitete eine Gruppe von Kolleg*innen Grundprinzipien für den Distanzunterricht und außerdem Musterstundenpläne, die an den vom Kultusministerium herausgegebenen Qualitätskriterien Fernlernen orientiert sind:

Quelle: https://km-bw.de

3. Best Practise im Januar 2021

Aufgrund dieser Vorüberlegungen starteten wir am vergangenen Montag mit folgender Struktur in die 2. Phase des Fernlernens:

Stundenplan der Lerngruppe 5 basierend auf dem zuvor erarbeiteten Musterstundenplan Fernlernen

Zur Erläuterung möchte ich folgende Punkte bemerken:

  • Stundenplan bedeutet nicht, dass die Kinder tatsächlich die ganze Zeit Videokonferenzen haben. Da die Schüler*innen in Lerngruppe 5 noch sehr jung sind und eine verlässliche, von außen gegebene Struktur oft brauchen, sind zu diesen Zeiten Lernbegleiter*innen aus den jeweiligen Fächern ansprechbar: Per Videokonferenz oder per Chat in Moodle
  • Wichtig waren uns die Leitplanken im Tagesablauf. Auch im Präsenzunterricht der Gemeinschaftsschule wird spätestens in Lerngruppe 5 die Tages- und Lernplanung mithilfe des Lerntagebuches sukzessive angebahnt. Ziel ist es, dass die Kinder über das eigene Lernen nachdenken und sich Ziele setzen können, die sie planvoll anstreben.
  • Dabei gibt es so viel Freiheit wie möglich und so viel Struktur wie nötig.
  • Jeden Morgen treffen wir uns zum gemeinsamen virtuellen Tagesstart. Wir versorgen die beiden Lerngruppen in Jahrgang 5 gemeinsam als Team und haben so die Möglichkeit, dass wir uns mit den virtuellen Anwesenheiten der Lernbegleiter*innen gut abwechseln können.
  • Es gibt einen Wochenplan, in den alle Lernbegleiter*innen eintragen, was in der jeweiligen Woche zu erledigen ist.
  • Am Ende des Vormittags gibt es ein weiteres virtuelles Treffen, bei dem wir die Kinder fragen, was sie geschafft haben, ob es Probleme mit der Menge der Arbeitsaufträge gab und wie es ihnen gelungen ist, ihr Lernen zu dokumentieren. Rückmeldungen können natürlich immer auch über das virtuelle Lerntagebuch (Hier die Lehrer*innenansicht in Moodle) gegeben werden.
  • Freitags findet der virtuelle Klassenrat statt – Auch in Pandemizeiten nach bewährtem Ablauf mit Moderation durch die Schüler*innen: Positive Runde – Besprechung von Anliegen und Finden von Lösungen. Wir üben wertschätzende Sprache und würdigen Geleistetes.
  • Für den Tag und die gemeinsame Arbeit der Schüler*innen haben wir ständig verfügbare virtuelle Gruppenräume eingerichtet, in denen selbstständig und kooperativ gearbeitet werden kann.

Am Ende der Woche können wir bislang sagen: Die Struktur hat sich so bewährt. Natürlich lernen wir ständig hinzu und entwickeln uns weiter. Schule ist lernende Organisation und ich kann bis zum heutigen Tag sagen: Insbesondere in digitalen Belangen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten einen Entwicklungsschub gegeben, den niemand für möglich gehalten hätte. Lasst uns diesen Schub nutzen und pädagogische mit digitalen Belangen verknüpfen. Tragend sind hierfür die Grundgedanken der Gemeinschaftsschule: Vielfalt, Kooperation, Teamarbeit, wertschätzende Kommunikation, Blick auf den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft.

Mit Abstand

Zuversicht ist Einsicht auf Aussicht

Ernst Ferstl *1955

Rückblick – Ausblick – Weitblick

2020

Was für ein Jahr.

2020 bin ich viel zu Fuß unterwegs gewesen. Mit Hund. Ohne Hund. Auf gut ausgebauten und geteerten Wegen, viel häufiger aber auf neuen Wegen, Seitenwegen, Trampelpfaden, oft jenseits der Wege, manchmal auch auf Abwegen. Ich habe die Gegend rund um meinen Wohnort ganz neu kennengelernt, habe Orte entdeckt, die mir in den 20 Jahren, in denen ich mittlerweile hier wohne, noch nie aufgefallen waren. Sie und das Foto mit dem abendlichen Blick auf die Dächer von Karlsruhe sind Sinnbild für neue Perspektiven auf das vergangene, aber auch im Hinblick auf das kommende Jahr.

Leben mit Corona

Das alles beherrschende Thema in diesem Jahr war sicher die Pandemie: Corona – COVID-19. Im Moment habe ich das Gefühl, es ist alles gesagt. Das schreckliche Virus mit dem schönen Namen hat viel verändert. Zum Glück sind wir als Familie bisher nur indirekt betroffen, es gab keine bekannte Infektion. Die Auswirkungen waren dennoch in vielerlei Hinsicht bestimmend für unseren Alltag, auch wenn uns sehr bewusst ist, dass unsere Einschränkungen allenfalls Luxusprobleme sind: Viele Pläne lösten sich im Laufe des Jahres in Luft auf: Geplante Reisen konnten nicht angetreten werden, Konzerte mussten abgesagt werden oder durften nur in Kleinstgruppen und unter strengen Hygienebedingungen stattfinden. Wir konnten zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten nicht mit unseren Eltern feiern. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Glücklicherweise war auch Erfreuliches zu verzeichnen: Es gab einen bestandenen Einstellungstest, einen Auszug, bestandene Prüfungen, zwei Abschlüsse, den Eintritt in eine Berufsausbildung, einen Schulwechsel auf eine weiterführende Schule und einen 18. Geburtstag. Ereignisse, die unter anderen Bedingungen Anlass zum Feiern gewesen wären. So waren sie eher beiläufig. Dennoch waren sie bedeutend. Wir haben sie für uns gefeiert. Im Kleinen und in Dankbarkeit dafür, dass wir in diesem Jahr gut davongekommen sind. Unsere Reise in die Bretagne konnten wir im August antreten. Die Weite des Meeres und die Wildheit der Landschaft ließ die Pandemie eine Weile in Vergessenheit geraten. Dank unseres wunderbaren und stets zuversichtlichen Kantors Peter Gortner liefen die Proben mit dem Oratorienchor Karlsruhe praktisch ohne Unterbrechung weiter, je nach Infektionslage per Zoom, in Kleingruppen oder in der Christuskirche mit wechselnden, stets aber ausreichenden Abständen. Höhepunkt in diesem Jahr waren die Vorbereitungen und das Probenwochenende für das Requiem 2.0 für Mozart. Auch an Heiligabend durften wir unter strengen Hygienebedingungen singen.

So ambivalent dieses Fest in diesem Jahr für mich war: Da hat es sich angefühlt wie Weihnachten. Und selbst unter einer FFP2-Maske kann man Hoffnung spüren.

Arbeit, Schule und Studium unter Pandemiebedingungen

Auch unser Arbeitsleben war mal mehr, mal weniger geprägt von den wechselnden Rahmenbedingungen. Während mein Mann nach einer Präsenzphase im Sommer seit einigen Wochen bis auf Weiteres im Homeoffice arbeitet, war das Schul- und Studienjahr für mich als Lehrerin, aber auch für unsere Kinder, mit ständig neuen Herausforderungen verbunden.

Nachdem die ersten Wochen vor sich hingeplätschert waren und sich in meiner siebten Klasse eine gewisse Arbeitsroutine eingestellt hatte, gab es bereits in den Faschingsferien Hinweise darauf, dass das neue Virus aus dem fernen China auch für uns bedeutsam werden könnte. Dann ging es Schlag auf Schlag, die Schulen schlossen und jegliche Berufs- und Studientätigkeit wurde in die häusliche Umgebung verschoben. Plötzlich benötigten in unserem Haushalt mindestens sechs Endgeräte gleichzeitig und regelmäßig eine größtmögliche Internetbandbreite, um an Videokonferenzen teilnehmen zu können und den Kontakt zur Außenwelt nicht abbrechen zu lassen. Wir hatten Glück, in den meisten Fällen war dieser Draht zur Welt zuverlässig.

Für meine Schüler*innen war der Anfang holprig. Nach wochenlangem technischen Support, unzähligen Telefonaten und auch Hausbesuchen sowie intensiver persönlicher Fortbildung in digitalen Belangen (Hier sei vor allem das #Twitterlehrerzimmer genannt, ohne dessen Hilfe ich niemals so schnell und kompetent Antworten auf meine vielen Fragen erhalten hätte) waren wir gegen Ende des Schuljahres gut aufgestellt. Über diese Zeit habe ich hier auf dem Blog intensiv berichtet. Einer meiner Artikel aus der Zeit der beginnenden Schulöffnung wurde auch in der GEW-Mitgliederzeitschrift b&w veröffentlicht. Man findet ihn in der ursprünglichen Version hier und in der digitalen Version des gedruckten Heftes hier auf Seite 30.

Über unseren Schulentwicklungsprozess mit Moodle habe ich ebenfalls geschrieben. Den Artikel kann man hier lesen.

Das erste Schulhalbjahr in diesem Schuljahr war gleichermaßen mühsam wie erfreulich. Ich habe die große Freude, in einem außerordentlich engagierten Jahrgangsteam in wertschätzender Umgebung mit freundlichen und interessierten Schüler*innen an der Anne-Frank-Schule in Karlsruhe arbeiten zu dürfen. Bei allen Einschränkungen und der Sorge um die Gesundheit unserer Angehörigen waren die Zeiten des persönlichen Kontakts mit Kolleg*innen und Schüler*innen in der Schule wertvoll. Wir haben eine gute Basis legen können, um nun auch mit reduziertem Kontakt gut weiterarbeiten zu können, sollte das notwendig werden. Ich hoffe auf verantwortungsvolle und weitsichtige politische Vertreter*innen, die unsere Potenziale auch in Pandemiezeiten sehen und nutzen.

GEW – Für eine Schule mit guten Lern- und Arbeitsbedingungen

Für mich persönlich war das Jahr 2020 auch mit Entscheidungen verbunden, die sich bereits 2019 angekündigt hatten, nun aber unter völlig veränderten Bedingungen Gestalt annahmen. Bereits im Herbst 2019 war ich gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, politische Verantwortung in der GEW Nordbaden zu übernehmen und dort für den stellvertretenden Vorsitz zu kandidieren, für den mir die Delegierten im November 2020 dann auch das Vertrauen aussprachen.

Schon seit dem Schuljahr 2019/20 bin ich für die GEW Mitglied im ÖPR Karlsruhe, weil ich der Überzeugung bin, dass gute Schule nur gelingen kann, wenn die Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten angemessen sind. Durch die Personalratsarbeit kann ich wenigstens etwas Einfluss auf Rahmenbedingungen in den schulischen Verwaltungsstrukturen nehmen, bei denen die Fürsorgepflicht unseres „Dienstherren“ (in diesem Fall ist die „Herrin“ bislang eine Frau, was sich mit den anstehenden Landtagswahlen im kommenden Jahr ändern könnte) für die Beschäftigten oft hinter deren Dienst- und Treuepflicht zurücksteht. Gerade nach diesem Jahr kann man nicht oft genug betonen, dass dieses besondere Dienstverhältnis im Beamtentum auf Gegenseitigkeit beruht.

In der GEW Nordbaden bin ich nun seit diesem Schuljahr als stellvertretende Vorsitzende für den Bereich Gewerkschaftliche Bildung zuständig. Während diese Tätigkeit in „normalen Jahren“ mit vielen Begegnungen und intensiver bildungs- und gewerkschaftspolitischer Arbeit in nordbadischen Tagungsstätten verbunden gewesen wäre, haben alle bisherigen Veranstaltungen ausschließlich digital stattgefunden. Immerhin: Es ist uns gelungen, digitale Vernetzungsmöglichkeiten zu finden und den Kontakt zu unseren Kolleg*innen, die wir vertreten, nicht zu verlieren.

Gemeinschaftsschule

Ein weiteres Amt, für das ich in diesem Jahr die Verantwortung übernommen habe, steht für ein Herzensthema: Die Gemeinschaftsschule.

Seit September 2020 bin ich Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg.

Ich bin schon lange Mitglied in der GEW und auch lange Mitglied im Verein für Gemeinschaftsschulen. Beide Mitgliedschaften sind mir unter unterschiedlichen Perspektiven wichtig. Die GEW als bildungspolitische Gewerkschaft, in der es um das für mit Bildung und Erziehung befassten Berufe vereinende Ziel einer gerechten und guten Bildung für alle Kinder und Jugendlichen geht. Den Zusammenschluss mit Kolleg*innen unterschiedlichster mit Bildung befasster Berufe habe ich immer als sehr gewinnbringend erlebt. Eigentlich wäre 2020 das Jahr gewesen, um mein persönliches Loblied auf die GEW zu singen und den vielen starken Frauen und Männern zu danken, die mich im Rahmen dieser Gewerkschaft unterstützt und gefördert haben. Das habe ich (noch) nicht geschafft. Durch die lediglich digital durchgeführte Landesdelgiertenversammlung konnte ich mich noch nicht einmal persönlich bei einer großen Frau bedanken, die sich in diesem Jahr verabschiedet hat: Doro Moritz. Nicht zuletzt ihr habe ich es mit zu verdanken, dass ich diesen Weg gegangen bin: Sie hat schon ihr Vertrauen in mich gesetzt, als ich noch als studierende Mutter mit vier halbwüchsigen Kindern an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe unterwegs war. Dass ich inzwischen die Gemeinschaftsschulen für und in der GEW vertreten darf, ist zu einem großen Teil ihr Verdienst. Danke Doro!

Eine sehr positive Entwicklung in diesem Jahr war die intensivierte Zusammenarbeit mit dem Verein für Gemeinschaftsschulen. Wir haben einige Kooperationsprojekte (die virtuelle Vernetzung von Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen über den #GMSFeierabend, die „Woche der Gemeinschaftsschulen“ und daraus entstanden den wöchentlich stattfindenden #GMSChat bei Twitter) angestoßen, den Kontakt zu politischen Vertretern aufbauen und pflegen und so zeigen können, dass es in unserem Bundesland Baden-Württemberg ein großes Interesse daran gibt, den Gemeinschaftsschulen die Bedeutung zukommen zu lassen, die sie verdienen: Leistungsfähige und zukunftsfähige Schulen, in denen Bildungsgerechtigkeit gelebt wird.

Es gäbe noch viel zu sagen, vielen Menschen zu danken und manches zu überdenken. Meine Bilanz für dieses Jahr ist positiv. Ich habe einiges verloren, aber vieles gewonnen. Froh und dankbar bin ich, dass der Kontakt zueinander nicht abgerissen ist und dass ich sogar in der Virtualität neue und wertvolle Kontakte hinzugewinnen konnte.

In diesem Sinne: Lasst uns zuversichtlich in das Jahr 2021 gehen!

Eure Susanne

Tanz in den Mai

Am Montag geht es wieder los: Die Schule sieht wieder Schüler. Ich gehe wieder in die Schule. Dort stehe ich wieder als Lehrerin vor realen Schülern in einem wirklich existierenden Klassenzimmer. Back2School. Es fühlt sich ein bisschen an wie das Ferienende der großen Sommerferien.

Nur, dass diesmal alles anders ist.

Fünf Wochen Fernunterricht werden dann hinter mir liegen. Plus zwei Wochen Ferien. Macht sieben Wochen ohne. Sieben Wochen ohne Schüler*innen, aber mit unerwartet viel Arbeit, einem erstaunlich hohen Lernzuwachs in digitalen Belangen und Ferien, die keine Ferien waren, weil wir den Kontakt zu unseren Schüler*innen aufrechterhalten haben. Wir haben in nur sieben Wochen ein umfangreiches Fernlernkonzept erarbeitet, mit Wochen-, Tages- und Stundenplänen, Videokonferenzen, vielfältigen Kommunikationswegen, virtuellen Kooperationsformen und enormen Lernzuwächsen auch bei manchen Schüler*innen. Manche drohen wir allerdings zu verlieren. Beziehung auf Distanz will nur schwer gelingen. Sie kann den direkten Kontakt nicht ersetzen. Deshalb ist es sicher für manche gut, wenn wir den Raum wieder teilen.

Die Klasse, vor der ich am Montag stehen werde, wird eine sein, die ich normalweise nicht unterrichte. In einem Raum, der nicht mein Klassenzimmer ist. Die Gruppe im Lerngruppenraum wird unvollständig sein. Geteilt. Es sind bloß 11 Schüler*innen pro Gruppe. Mit Abstand. An Einzeltischen. Und Maske, wenn der Abstand nicht einzuhalten ist. Oder Spuckschutz. Was für ein Wort.

Am Montag dürfen nur jene in die Schule zurückkehren, die demnächst eine Abschlussprüfung abzulegen haben. Und weil es derzeit noch nicht abschätzbar ist, wie gefährlich dieses Zusammentreffen in der Gruppe – wenn auch mit Abstand – sein könnte, dürfen manche Lehrer*innen nicht unterrichten. Deshalb werden die Schüler*innen jetzt teilweise von Lehrer*innen zum Abschluss begleitet, die sie gar nicht kennen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass wir jetzt tanzen müssen. Mit dem Virus. Wir müssen schauen, wie viel Kontakt möglich ist, ohne dass die Fallzahlen wieder in die Höhe schnellen. Das kann auch bedeuten, dass der uns noch unbekannte Tanz, der am Montag beginnt, aus dem Rhythmus gerät. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Dennoch: Es ist ein Hoffnungsschimmer. Wir tanzen zur Musik, die uns Flügel verleihen wird. Lasst uns um unser Leben und unsere Freiheit tanzen. Alles neu macht der Mai!

Offline

Ich war offline. Wie es sich anfühlt, nicht dabei sein zu können, musste ich vor einigen Tagen am eigenen Leib erfahren. Zuerst funktionierte Ende letzter Woche plötzlich der DSL-Anschluss nicht mehr und mein virtuelles Klassenzimmer fiel in sich zusammen. Ausgerechnet am Freitag vor dem Ferienende mit Aussicht auf weitere Wochen Schule@home. Urplötzlich war mein digitales Fenster zur Welt geschlossen. In unserer Straße wird ein Tunnel gegraben. Vermutlich hatte der Bagger das Kabel in Mitleidenschaft gezogen.

Nachdem im Laufe des Wochenendes die Internetverbindung wieder hergestellt werden konnte, quittierte mein noch ziemlich neues Smartphone im Laufe des Montags, pünktlich zum Beginn der zweiten Runde der Schule@Home, endgültig den Dienst. Offline. Erneut.

Nun bin ich in der glücklichen Lage, mir zu helfen. Ich kann die Hotline des Internet-Providers anrufen und in dramatischen Worten deutlich machen, dass in diesem Haus sechs Personen auf einen funktionierenden Internetanschluss angewiesen sind wegen Work@Home und Schule@Home. Ich verfüge außerdem über die Möglichkeit, ein Smartphone, welches innerhalb der Gewährleistungsfrist schon nicht mehr funktioniert, zurückzuschicken und mir Ersatz zu beschaffen. Ich besitze eine Drucker, kann Rücksendeetiketten ausdrucken und mich durch den Dschungel der Angebote im WorldWideWeb wühlen.

Ich bin wieder online, kann wieder teilhaben an diesem derzeit in großen Teilen virtuell stattfindenden Leben mit all den Videokonferenzen, Webinaren und virtuellen Austauschplattformen.

Einige meiner Schüler*innen sind dauerhaft offline. Nicht etwa, weil sie kein Internet hätten, das haben mittlerweile tatsächlich fast alle. Nur verfügen bei weitem nicht alle Jugendlichen über ein eigenes digitales Endgerät, mit dem es sich sinnvoll arbeiten ließe, sprich: ein Laptop oder einen Desktop-PC. Manche haben gerade auch kein Smartphone, weil es mal wieder heruntergefallen ist oder sie sich aus Versehen draufgesetzt haben. Und selbst wenn sie eins haben, heißt das noch lange nicht, dass sie wissen, wie man diesen kleinen Minicomputer sinnvoll für schulische Zwecke einsetzen kann.

Nun war ich zwar wieder online, musste aber dennoch sehr viel Zeit dafür aufwenden, ganz analog zu Schüler*innen hinzufahren, ihnen digitale Endgeräte zu verschaffen und teilweise auch einzurichten oder per Telefon erklären, wie man sich bestimmte Apps installiert und warum es wichtig ist, Passwörter immer ganz genau richtig zu schreiben. Zum Glück ist das nicht der größte Teil. Viele haben in dieser Zeit auch unglaublich viel gelernt und wissen jetzt, dass ein ordentlicher PC doch deutlich nachhaltiger ist als die jeweils neueste Konsole.

Mir scheint, die Dinge, die sich aus schulischer Sicht in der Vergangenheit als wichtig erwiesen haben, werden nach dieser Krise noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen. Nun werden bald die ersten Schüler*innen wieder physisch in die Schulen zurückkehren. Man darf gespannt sein, ob die dann knapp fünf Wochen Schule@Home Spuren in der Schule@Schule hinterlassen werden.

Schritt für Schritt

Der Nebel lichtet sich langsam, der Horizont ist allerdings weiterhin versteckt, der Blick reicht nur ungefähr zwei Wochen weit.

Wir wissen nun: Ab dem 4. Mai kehren in Baden-Württemberg die ersten Schüler*innen in die Schule zurück, zunächst jedoch nur die Abschlussklassen und diejenigen, die im nächsten Jahr Prüfung haben. Wie genau das organisiert werden soll, welche Hygiene- und Abstandsregeln gelten werden, wissen wir noch nicht. Die Schulen werden durch die Verwaltung genauere Anweisungen erhalten und sollen die Zeit bis zum 4. Mai nutzen, um sicherzustellen, dass die Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten werden können.

Ab dem 18. Mai finden die zentralen Abschlussprüfungen statt. Die genauen Termine findet man hier. Für unsere Schule sind folgende Termine wichtig:
Die Realschulabschlussprüfung beginnt am Mittwoch, den 20. Mai mit dem Fach Deutsch. Es folgen Mathematik am 25. Mai und Englisch am 27. Mai.
Die Hauptschulabschlussprüfung beginnt am Dienstag, den 16. Juni mit Deutsch. Hier folgen Mathematik am 18. Juni und Englisch am 22. Juni.

Wie genau wir die davon betroffenen Schüler*innen auf diese Prüfungen vorbereiten sollen, wissen wir noch nicht. Es ist jedoch klar, dass ca. 25% der Lehrer*innen, die momentan an unseren Schulen arbeiten, zu Risikogruppen zählen, weil sie über 60 Jahre alt sind, Vorerkrankungen haben oder schwanger sind und deshalb nicht dazu verpflichtet werden können, in die Schule zu kommen. Es kann auch sein, dass Schüler*innen selbst oder deren Angehörige zu dieser Gruppe gehören. Sie müssen ebenfalls nicht in die Schule kommen. Für Schüler*innen, die sich nicht auf ihre Prüfung vorbereiten können, weil sie nicht am Unterricht teilnehmen können, werden Nachtermine angeboten.

Klar ist, dass es keinen Normalbetrieb in den Schulen geben wird. Die Schüler*innen müssen in der Schule und auf dem Pausenhof den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten, was heißt, dass deutlich weniger Personen in einem Klassenzimmer untergebracht werden können, als das üblicherweise der Fall ist. Es müssen deshalb auch neue Pausenregelungen gefunden werden. Der Unterricht wird sich auf die inhaltlichen Schwerpunkte der Prüfungsfächer beschränken.

Für unsere Siebtklässler heißt das: Wir können überhaupt nicht sagen, wann und ob es für sie in diesem Schuljahr noch einmal eine Schule in der Schule geben wird. Ehrlich gesagt halte ich es eher für unwahrscheinlich. Immerhin wurde die Möglichkeit der Notfallbetreuung auf Siebtklässler ausgeweitet.

Wir befinden uns immer noch in der Phase der Kontaktsperre und wir werden noch eine Weile Geduld haben müssen, bis wieder so etwas wie „Normalität“ in unserem Schulleben einkehren wird.

Leopoldina

Bei Twitter Deutschland liegen heute zwei Hashtags besondere im Trend: #Leopoldina und #Schulen. Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen bislang noch nie etwas von der „Leopoldina“ gehört haben und gar nicht wissen, was sich hinter diesem klingenden Namen verbirgt. Auch ich bin erst in den letzten Tagen auf diese Institution aufmerksam geworden, nachdem Stellungnahmen in Zusammenhang mit der Corona-Krise durchs Netz gegeistert sind. Die Leopoldina, gegründet 1652 als Deutsche Akademie der Naturforscher, ist seit 2008 die Nationale Akademie der Wissenschaften, deren Aufgabe es ist, die Politik und die Öffentlichkeit zu beraten. Die Stellungnahmen dieser Institution sind also wichtig, um zu verstehen, auf welcher Grundlage, Politiker in unserem Land ihre Entscheidungen treffen.

Heute liegt die #Leopoldina im Trend, weil sie zum dritten Mal eine Stellungnahme mit Empfehlungen veröffentlicht hat, in der es diese Mal um die psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekten der Pandemie geht. Im Klartext: Es geht auch um die Frage, ob, wann und wie die Schulen und Kindertagesstätten wieder öffnen können. Ich möchte in diesem Beitrag keine Diskussion darüber anstoßen, ob und wie die Empfehlungen umsetzbar sein werden. Es wird Aufgabe der Politiker auf Bundes- und Landesebene sein, Maßnahmen aus den Empfehlungen abzuleiten, die letztlich von den Schulträgern und Schulen vor Ort umgesetzt werden müssen. Ich möchte an dieser Stelle nur die für die Schulen relevantesten Textpassagen zitieren, damit wir uns schon einmal darauf einstellen können, was auf uns zukommen könnte:

„Die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen sollte sobald wie irgend möglich erfolgen, und zwar schrittweise und nach Jahrgangsstufen differenziert. Dabei müssen die jeweiligen Gegebenheiten in der einzelnen Bildungseinrichtung berücksichtigt werden. Alle Maßnahmen sind auf längere Zeit unter Einhaltung der Vorgaben zu Hygiene, Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Testung und die Konsequenz der Quarantäne umzusetzen. Für eine längere Übergangszeit wird gelten, dass eingeschränkte, wenn auch schrittweise erweiterte Formen von Betreuung und Unterricht akzeptiert werden müssen, um das weiterhin erhebliche Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Auf diese Übergangszeit beziehen sich die folgenden Empfehlungen.

Kinder im Grundschulbereich (Primarstufe) benötigen die meiste Unterstützung und Anleitung, Eltern sind hier stärker auf Betreuungsleistungen der Schulen angewiesen. Entsprechendes gilt auch für Kinder, die sich in Kitas befinden. Die schrittweise Normalisierung muss mit deutlich reduzierten Gruppengrößen be-gonnen werden, um das Abstandsgebot besser einhalten zu können. Zu empfehlen ist eine Konzentration auf Schwerpunktfächer (Deutsch und Mathematik in der Grundschule), die in aufgeteilten kleineren Grup-pen einer Klasse zeitversetzt unterrichtet werden. Lerngruppen müssen dabei konstant bleiben, um das Ansteckungsrisiko zu vermindern. Eine Gruppengröße von maximal 15 Schülerinnen und Schüler wäre möglich, wenn entsprechend große Klassenräume zur Verfügung stehen. Die so geschehene Öffnung muss für die Eltern verlässlich sein. Eine gestaffelte Pausenregelung für die einzelnen Gruppen ist notwendig. Der Schulhof darf nicht zum Austauschort für Viren werden. Die Öffnung der Grundschule sollte mit den Kindern in den Abschlussklassen der Primarstufe begonnen werden, damit sie auf den Übergang in die weiterführenden Schulen vorbereitet werden können. Danach folgen stufenweise die vorangehenden Jahrgangsstufen. Die Notfallbetreuung für die jüngsten Jahrgänge kann dementsprechend langsam zurückgenommen werden.

Im Bereich der Kindergärten und Kindertagesstätten sollte dieser Logik entsprechend ein Regelbetrieb mit reduzierten Gruppengrößen (max. 5 Kinder pro Raum) am Übergang zur Grundschule (5-6-Jährige) stattfinden. Es sollten alle Anstrengungen – auch in den Sommerferien – unternommen werden, um diese Kinder so gut wie möglich auf den Übergang in die weiterführende Schule vorzubereiten. Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollten die Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb bleiben. Bei den Horten gilt ebenfalls die Aufrechterhaltung der Notfallbetreuung. Dies setzt voraus, dass berufstätige Eltern weiterhin durch eine sehr flexible Handhabung von Arbeitszeiten und -orten sowie finanziell unterstützt werden.

In Bildungsgängen, in denen am Ende der Sekundarstufe I zentrale Abschlussprüfungen stattfinden, sollte der Schulbetrieb zunächst in jenen Jahrgangsstufen aufgenommen werden, die vor dem Abschluss stehen. Bei allen weiteren Jahrgängen ist ein gestuftes Vorgehen mit reduzierter Stundenzahl und mit Konzentration auf die Kernfächer (Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen) zu empfehlen. In einer weiteren Stunde pro Tag können von den Schülerinnen und Schülern erledigte Arbeitsaufträge überprüft und kommentiert werden. Diese Stunde kann auch genutzt werden, um neue Arbeitsaufträge zu vergeben, welche die Schülerinnen und Schüler in Heimarbeit erledigen. Diese Arbeiten müssen sich nicht auf die Kernfächer beschränken, sondern können die Inhalte der anderen Fächer aufnehmen.

Da die Möglichkeiten des Fernunterrichts mit zunehmendem Alter besser genutzt werden, kann die Rückkehr zum gewohnten Face-to-Face-Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems weiter hinausgeschoben werden. In der gymnasialen Oberstufe kann in höherem Maße auf das selbstorganisierte Lernen der Schülerinnen und Schüler, auf der Basis digitaler und analoger Lernmedien, gesetzt werden. Die Bereitstellung der Materialien und Rückmeldungen zu den Lernergebnissen liegt in der Verantwortung der Lehrerin-nen und Lehrer.

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Generell gilt es, die Prüfungsmöglichkeiten auf allen Bildungsetappen aufrechtzuerhalten. Auch sollte die Unterbrechung des gewohnten Unterrichts und der außerhäuslichen Betreuung, die damit verbundene Unterbrechung sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen und das Krisenhafte der Gesamtsituation nach Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen aufgegriffen werden. Das Angebot digitaler Unterrichtsmaterialien muss vergrößert und leicht zugänglich gemacht werden. Für alle Bildungsstufen sollten als Folge der Krise didaktisch gut aufbereitete Angebote für das „Selbst- und Distanz-Lernen“ ausgebaut und auch überregional verfügbar gemacht werden. Weiterhin sollten kompensatorische Maßnahmen beispielsweise in den kommenden Sommerferien, angeboten werden, um negative Auswirkungen auf das Erreichen jahrgangsspezifischer Bildungsstandards, den Übergang zu weiterführenden Schulen und den Abschluss von Prüfungen zu minimieren. Diese Maßnahmen sind von besonderer Bedeutung für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler und können zur Abmilderung sozialer Ungleichheit führen. Festzuhalten ist aber auch, dass die Krise den Digitalisierungsschub im Bildungsbereich beschleunigt, der zur Verbesserung der digitalen Ausstattung der Institutionen, der digitalen Kompetenzen von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sowie zur schnelleren Entwicklung von Konzepten und Programmen zur Nutzung von digitalen Methoden und Medien im Unterricht und im Bildungswesen überhaupt führen wird. Damit ist verbunden, dass die erheblichen Vorzüge und Grenzen von Digitalisierung im Bildungswesen genauer erfahren und – im Nachgang, auch durch wissenschaftliche Begleitforschung – in ihren Nutzungsmöglichkeiten präzisiert werden können. In der Krise wird sichtbar, wie wichtig es ist, digitale Möglichkeiten zur Substituierung und/oder Ergänzung des Präsenzunterrichts zu entwickeln. Es gilt, den Einsatz moderner didaktischer Methoden und Mittel nach der Krise weiterzuentwickeln.

Ad-Hoc-Stellungnahme der Leopoldina vom 13.4.2020: Coronavirus-Pandemie: Die Krise nachhaltig überwinden

Es geht in der Stellungnahme auch noch um weitere Bereiche, wie etwa eine Optimierung der Entscheidungsgrundlage für alle Maßnahmen, indem mehr Menschen auf ihre Immunität getestet werden. Auch soll durch eine genauere Datenanalyse eine realistischere Abschätzung des eigenen Risikos ermöglicht werden. Darüber hinaus wird betont, dass psychische und soziale Auswirkungen abgefedert und die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen im Hinblick auf andere Rechtsgüter soll differenzierter betrachtet und geprüft werden müssen.

Hoffen wir, dass unsere politischen Vertreter in den kommenden Tagen Augenmaß und Verantwortlichkeit bei den zu treffenden Entscheidungen bewahren können.