Offline

Ich war offline. Wie es sich anfühlt, nicht dabei sein zu können, musste ich vor einigen Tagen am eigenen Leib erfahren. Zuerst funktionierte Ende letzter Woche plötzlich der DSL-Anschluss nicht mehr und mein virtuelles Klassenzimmer fiel in sich zusammen. Ausgerechnet am Freitag vor dem Ferienende mit Aussicht auf weitere Wochen Schule@home. Urplötzlich war mein digitales Fenster zur Welt geschlossen. In unserer Straße wird ein Tunnel gegraben. Vermutlich hatte der Bagger das Kabel in Mitleidenschaft gezogen.

Nachdem im Laufe des Wochenendes die Internetverbindung wieder hergestellt werden konnte, quittierte mein noch ziemlich neues Smartphone im Laufe des Montags, pünktlich zum Beginn der zweiten Runde der Schule@Home, endgültig den Dienst. Offline. Erneut.

Nun bin ich in der glücklichen Lage, mir zu helfen. Ich kann die Hotline des Internet-Providers anrufen und in dramatischen Worten deutlich machen, dass in diesem Haus sechs Personen auf einen funktionierenden Internetanschluss angewiesen sind wegen Work@Home und Schule@Home. Ich verfüge außerdem über die Möglichkeit, ein Smartphone, welches innerhalb der Gewährleistungsfrist schon nicht mehr funktioniert, zurückzuschicken und mir Ersatz zu beschaffen. Ich besitze eine Drucker, kann Rücksendeetiketten ausdrucken und mich durch den Dschungel der Angebote im WorldWideWeb wühlen.

Ich bin wieder online, kann wieder teilhaben an diesem derzeit in großen Teilen virtuell stattfindenden Leben mit all den Videokonferenzen, Webinaren und virtuellen Austauschplattformen.

Einige meiner Schüler*innen sind dauerhaft offline. Nicht etwa, weil sie kein Internet hätten, das haben mittlerweile tatsächlich fast alle. Nur verfügen bei weitem nicht alle Jugendlichen über ein eigenes digitales Endgerät, mit dem es sich sinnvoll arbeiten ließe, sprich: ein Laptop oder einen Desktop-PC. Manche haben gerade auch kein Smartphone, weil es mal wieder heruntergefallen ist oder sie sich aus Versehen draufgesetzt haben. Und selbst wenn sie eins haben, heißt das noch lange nicht, dass sie wissen, wie man diesen kleinen Minicomputer sinnvoll für schulische Zwecke einsetzen kann.

Nun war ich zwar wieder online, musste aber dennoch sehr viel Zeit dafür aufwenden, ganz analog zu Schüler*innen hinzufahren, ihnen digitale Endgeräte zu verschaffen und teilweise auch einzurichten oder per Telefon erklären, wie man sich bestimmte Apps installiert und warum es wichtig ist, Passwörter immer ganz genau richtig zu schreiben. Zum Glück ist das nicht der größte Teil. Viele haben in dieser Zeit auch unglaublich viel gelernt und wissen jetzt, dass ein ordentlicher PC doch deutlich nachhaltiger ist als die jeweils neueste Konsole.

Mir scheint, die Dinge, die sich aus schulischer Sicht in der Vergangenheit als wichtig erwiesen haben, werden nach dieser Krise noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen. Nun werden bald die ersten Schüler*innen wieder physisch in die Schulen zurückkehren. Man darf gespannt sein, ob die dann knapp fünf Wochen Schule@Home Spuren in der Schule@Schule hinterlassen werden.

Teilhabe

Teilhabe. An etwas Anteil haben. Teil von etwas sein. Etwas abhaben. Etwas von dem haben, was andere auch haben. Dazugehören. Nicht ausgeschlossen sein.

In diesen Tagen wird in vielerlei Hinsicht sichtbar, wie es um die Teilhabe an Bildung hierzulande bestellt ist. Die Schulen sind seit nunmehr einer Woche geschlossen. Schulisches Lernen, strukturiert und portioniert, begleitet und aufbereitet, elementarisiert und didaktisiert, findet nicht mehr dort statt, wo es eigentlich seinen Ort hat: Im Klassenzimmer.

Nun mögen Kritiker sagen, dass Schule ohnehin mit Bildung nicht so viel zu tun habe. Bildung sei schließlich ein eigenaktiver Prozess, der lebenslang erfolge und sich ausschließlich im Individuum selbst ereigne. Möglicherweise verhindere die Schule in mancher Hinsicht sogar echte Bildungsprozesse, weil das überholte Wissen von gestern für eine Welt von morgen häppchenweise verabreicht werde.

Angesichts verzweifelter Eltern, die in diesen Tagen ihre Kinder bei der Bearbeitung der eilig zusammengeschnürten Aufgabenpakete unterstützen und mangels ausgereifter Lernplattformen dutzende E-Mails sichten und sortieren müssen, um ihren Kindern schulische Arbeitsaufträge überhaupt zugänglich machen zu können, mag man tatsächlich manchmal daran zweifeln, ob auf diese Weise irgendeine Art von Bildung erreicht werden kann. In einer Situation, die für viele Familien ohnehin schon höchst belastend ist, sollen Eltern im Homeoffice zeitgleich Hilfslehrer spielen, ein gesundes Mittagessen auf den Tisch bringen und jederzeit per Telefonkonferenz für ihren Chef ansprechbar sein. Viele Familien haben Existenzsorgen, weil sie nicht wissen, ob ihnen ihr Arbeitsplatz und ihr Einkommen erhalten bleibt und ob sie morgen überhaupt noch über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um ihren Kindern ein gesundes Mittagessen auf den Tisch stellen zu können.

Es ist eine Ausnahmesituation für alle Seiten. Kolleg*innen haben Anforderungen für zu erreichende Abschlüsse im Blick und versuchen, auf oft kreative Weise, das aufzufangen, was durch die geschlossene Schule fehlt: Der direkte Kontakt zu den Schüler*innen. Denn nicht erst seit gestern weiß man, dass einer der wichtigsten Faktoren für eine nachhaltige Bildung eine wertschätzende Schüler-Lehrer-Beziehung ist. So tun die Lehrer*innen alles, um jene aufrechtzuerhalten: Sie telefonieren regelmäßig allen Eltern und Schülern hinterher, erproben sich in digitalen Lern- und Kommunikationsplattformen, eröffnen Twitterkanäle, produzieren Erklärvideos und sind stets auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Schüler*innen zu erreichen.

Leider gewinnt man den Eindruck, dass bei all dieser aus der Not geborenen positiven Aufbruchstimmung in Vergessenheit gerät, dass viele Familien überhaupt nicht über die erforderliche digitale Infrastruktur verfügen, um ihren Kindern die gutgemeinten Angebote ihrer Lehrer*innen zugänglich machen zu können. Es gibt keinen PC und keinen Drucker , vielleicht gerade einmal ein Smartphone, wobei nicht jedes Elternteil weiß, wie man eine E-Mail schreibt. Es fehlt die Möglichkeit, all die Erklärvideos und interaktiven Aufgaben zu sichten und zu bearbeiten, sowie Arbeitsaufträge und -ergebnisse auszudrucken. Und man kann keinesfalls erwarten, dass Eltern in dieser Situation über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, diese Geräte anzuschaffen und den, falls vorhandenen, Drucker ständig mit neuem Toner zu füttern, wenn die Sorge um die eigene Existenz all das in den Hintergrund rücken lässt.

Wenn wir also wollen, dass unsere Schüler*innen diese zweifellos hilfreichen Möglichkeiten jetzt und in Zukunft nutzen können, müssen wir ihnen auch die dafür notwendigen Geräte und Zugänge zur Verfügung stellen. In Baden-Württemberg gibt es eine gesetzlich verankerte Lernmittelfreiheit. Es wäre daher nur konsequent, die Schüler*innen flächendeckend mit digitalen Endgeräten auszustatten, die auch mit nach Hause genommen werden können. Nehmen wir dieses Problem nicht ernst, ist tatsächlich zu befürchten, dass das eintritt, was die TAZ dieser Tage prophezeit: Dass Bildung ungleicher wird.