Osterferien

Irgendwie fühlt es sich diesmal gar nicht so an, als seien Ferien.
Ich schwimme im Strom der Zeitlosigkeit, kein Ufer ist in Sicht und ich weiß, dass die Tage, die vor mir liegen, sich nicht sehr von denen unterscheiden werden, die hinter mir liegen.

Die Karwoche und das Osterfest sind für mich seit früher Kindheit mit kirchlichen Traditionen verbunden. Wie oft habe ich in den letzten Jahrzehnten die verschiedensten Passionen mitgesungen und diese Zeit im Rahmen der höchsten Feste im Kirchenjahr erlebt.

Das alles wird in diesem Jahr fehlen.

Sämtliche Konzerte sind abgesagt.
Gottesdienste finden lediglich virtuell statt.
Es wird
kein gemeinsames Singen,
kein gemeinsames Feiern,
keine Besuche bei Großeltern oder Freunden und
keine Reisen mit Eindrücken anderer Traditionen
geben.

Die Zeit seht still.

Der Mond ist aufgegangen

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen,
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget,
Der weisse Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämm’rung Hülle,
So traulich und so hold,
Gleich einer stillen Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer,
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen,
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht seh’n.

Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
laß und einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn ihr Brüder
In Gottes Namen nieder.
Kalt weht der Abendhauch.
Verschon‘ uns Gott mit Strafen
Und lass‘ uns ruhig schlafen
Und unsern kranken Nachbarn auch.
Und unsern kranken Nachbarn auch.

Matthias Claudius (1790)

Habt ihr mich heute gehört?

Ich habe nämlich gesungen. Um 19 Uhr. Auf meinem Balkon. Ganz alleine. Außer mir hat nämlich niemand gesungen. Was daran liegen mag, dass wir nicht so viele andere Balkone in unserer Nachbarschaft haben. Vielleicht hat sich aber auch niemand getraut. Mir ist so etwas zum Glück nicht peinlich, denn das Singen ist mir so wichtig und erfüllt mich mit solcher Freude, dass ich es mir nicht nehmen lasse. Zum Balkonsingen hatte die evangelische Kirche Deutschland eingeladen, „denn Singen verbindet und tut gut“. Ich habe gesungen, denn normalerweise wäre ich heute Abend zuerst zur Stimmbildung zu meiner wunderbaren Gesangslehrerin und danach in die Chorprobe in den Albert-Schweitzer-Saal gegangen. Ich singe seit vielen Jahren im Oratorienchor Karlsruhe an der Christuskirche. Das ist die schöne Kirche am Mühlburger Tor am Westrand der Karlsruher Innenstadt, die man jetzt endlich wieder gut sehen kann, weil die hässlichen Baucontainer davor inzwischen abtransportiert wurden. Die Musik an der Christuskirche begleitet mich mittlerweile mehr als mein halbes Leben, das Singen im Chor und alleine sogar seit meiner Kindheit. Ein Leben ohne Gesang kann ich mir nicht vorstellen.

Nun konnte ich heute nicht zum Singen gehen, weil sich derzeit kein Chor versammeln darf, weil überhaupt kein Vereinsleben stattfinden darf, nichts, wo viele Menschen aufeinandertreffen. Was das bedeutet, können wir vermutlich noch gar nicht in ganzer Konsequenz erfassen. Was macht ein Chorleiter ohne Chor? So, wie ich in diesen Tagen mein Leben als Lehrerin ohne Schüler*innen neu erfinde, macht auch unser Kantor Peter Gortner aus der Not eine Tugend und lädt die Chorsänger zur häuslichen Chorprobe ein. Mit Instruktionen per E-Mail und einem YouTube-Tutorial. Das habe ich heute ehrlich gesagt nicht mehr geschafft, aber morgen probe ich, versprochen!