Ein spannendes Beteiligungsformat der GEW Baden-Württemberg mit einer Keynote von Prof. Dr. Andreas Schleicher und einem Impuls von Prof. Dr. Britta Klopsch mit anschließender Podiumsdiskussion gab es am 17.1.1026 in Karlsruhe zur Frage, wie eine zukunftsfähige Bildungspolitik aussehen muss.
„Gute Bildung ist Beziehungsarbeit“ – Eine ausführliche Analyse zu Andreas Schleichers Vortrag
Beim Vortrag von Andreas Schleicher wurde deutlich: Die aktuellen OECD‑Daten zeichnen ein klares Bild – das deutsche Schulsystem hat nicht primär ein Ressourcen‑, sondern ein Struktur- und Kulturproblem. Und genau deshalb braucht es aus gewerkschaftlicher Sicht tiefgreifende systemische Veränderungen: Weg von Selektion, hin zu Beziehung, Autonomie und guter Arbeit für Lehrkräfte.
Warum „alte Schule“ nicht mehr reicht
Zu Beginn beschrieb Schleicher die veränderte Welt, in die Kinder hineinwachsen: Digitalisierung, Automatisierung, globale Krisen und ein permanenter Informationsstrom machen klar, dass Faktenwissen allein nicht mehr reicht. Gefragt sind Kompetenzen, mit denen junge Menschen Unsicherheit aushalten, Probleme kreativ lösen und in heterogenen Gruppen zusammenarbeiten können. Ein Schulsystem, das immer noch primär auf Standardisierung, Stoffabfrage und frühe Selektion setzt, reproduziert soziale Spaltung, statt Kinder auf diese Realität vorzubereiten.
Kreatives Denken als Kernziel von Schule
Schleicher führte dann in die PISA‑Ergebnisse zu „Creative Thinking“ ein. Er zeigte auf, dass kreative Problemlösefähigkeiten messbar sind – und dass Bildungssysteme sich deutlich darin unterscheiden, wie gut sie diese fördern. Länder mit projektorientierten, kooperativen Lernformen erreichen deutlich höhere Werte als Systeme, die stark prüfungs- und lehrkraftzentriert arbeiten. Wer Kreativität ernst nimmt, muss Bildungspläne entrümpeln, Prüfungsformate verändern und Lehrkräften die Freiheit geben, Unterricht als Lernlabor statt als Stoffverwaltung zu gestalten.
Zukunftskompetenzen – Kopf, Herz und Hand
Schleicher zeigte Modelle, in denen kognitive, soziale und emotionale Kompetenzen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Kreatives Denken, kritisches Urteilen, Empathie und Selbststeuerung werden als zusammenhängendes Kompetenzbündel beschrieben. Deutlich wurde: Es genügt nicht, ein paar „Soft Skills“ in Projekttage auszulagern. Diese Kompetenzen müssen im Kern des Fachunterrichts mitgedacht werden. Lehrpläne, die alles ein bisschen wollen, aber Lehrkräften weder Zeit noch Fortbildung für tiefere Kompetenzorientierung geben, sind strukturell widersprüchlich. Gute Arbeit heißt auch: weniger, aber besser.
Was erfolgreiche Systeme anders machen
Schleicher stellte Länder vor, die in PISA besonders gut abschneiden – nicht nur in Tests, sondern auch in kreativen und sozialen Kompetenzen. Häufig sind es Systeme mit längerer gemeinsamer Schulzeit, wenig Selektion, hohem Vertrauen in Lehrkräfte und projektorientiertem Unterricht. Besonders hob er skandinavische Länder hervor, in denen schulische Autonomie, Kooperation und formative Rückmeldungen den Unterricht prägen. Er zeigte deutlich: Dort, wo die Arbeitsbedingungen stimmen – kleinere Leistungsunterschiede zwischen Schulen, weniger Konkurrenzdruck, Zeit für Kooperation – können Lehrkräfte tatsächlich pädagogisch arbeiten, statt ständig zu kompensieren, was das System strukturell falsch anlegt.
Emotionale Sicherheit als Voraussetzung für Kreativität
Ein zentraler Block des Vortrags widmet sich der Frage, welche Lernumgebungen kreatives Denken überhaupt ermöglichen. Daten zeigen: Schüler*innen bringen dort mehr Ideen ein und gehen eher Risiken ein, wo sie sich emotional sicher fühlen und Fehler als Teil des Lernens erlebt werden. Schleicher betont: Kreativität ist kein „Talent“, sondern das Ergebnis einer Kultur, die Neugier schützt statt bestraft. Angstbasierte Prüfungsregime und permanente Vergleichsrankings zerstören genau diese Kultur.
Ein System, das Schüler*innen in Gewinner und Verlierer sortiert, produziert nicht nur soziale Ungleichheit, sondern auch einen massiven Kreativitätsverlust – und damit schlechte Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte, die diese Schäden täglich auffangen müssen.
Digitalisierung – Segen oder Stress?
Auch die Nutzung digitaler Geräte thematisierte Schleicher im Rahmen seines Vortrages. Hier lautete seine eher nüchterne Botschaft: Weder „wenig“ noch „viel“ Bildschirmzeit korrelieren automatisch mit besseren kreativen Leistungen; entscheidend ist, ob Technologie für aktive Gestaltung oder passiven Konsum eingesetzt wird. Bei sehr hoher täglicher Nutzung sinken Kreativitätswerte – ein Hinweis darauf, dass unstrukturiertes, konsumorientiertes Mediennutzungsverhalten Lernprozesse eher untergräbt. Digitalisierung ist weder per se Teufelszeug noch ersetzt sie Pädagogik. Das Bild ist differenziert: Es braucht Zeit, Fortbildung und realistische Ausstattung, damit Lehrkräfte digitale Medien didaktisch sinnvoll nutzen können – statt unter dem Druck symbolischer „Digitaloffensiven“ zusätzliche Aufgaben schultern zu müssen.
Das Ökosystem-Modell – Teacher Agency im Zentrum
Mit einer kreisförmigen Grafik fasste Schleicher sein Systemverständnis zusammen: Im Zentrum stehen Schüler*innen und Lehrkräfte als Co‑Akteure („co‑agency“), umgeben von Schulkultur, physischer und sozialer Lernumgebung, Eltern, Community und Politik. Entscheidend ist „Teacher agency“ – die professionelle Handlungsfreiheit von Lehrkräften, Unterricht und Schule aktiv zu gestalten, statt nur Vorgaben umzusetzen.
Wer Teacher agency ernst nimmt, muss demokratische Schulentwicklung, Mitbestimmung und den Abbau hierarchischer Steuerung stärken. Lehrkräfte brauchen Einfluss auf Curricula, Beurteilungspraxis und Schulorganisation – das ist Kern gewerkschaftlicher Forderungen.
Lernzeit versus Lernergebnisse
Schleicher zeigte zudem, dass mehr Unterrichtszeit nicht automatisch zu besseren Leistungen führt. Einige Länder erzielen mit moderater Lernzeit bessere Ergebnisse als Systeme mit deutlich längeren Schultagen. Die Botschaft: Es geht um die Qualität der Lernzeit – also darum, wie viel aktive Lernzeit, Feedback, Zusammenarbeit und Reflexion tatsächlich stattfinden. Forderungen nach „mehr Unterricht“ oder „mehr Ganztag“ ohne strukturelle Qualitätsentwicklung überlasten Lehrkräfte und helfen den Schüler*innen wenig. Im Fokus gewerkschaftlicher Arbeit sollte vor allem kleinere Lerngruppen, multiprofessionelle Teams und Entlastung bei Zusatzaufgaben stehen.
Lehrkräfte, Emotion und Schülerangst
In einem weiteren Datenblock zeigte Schleicher: Lehrkräfte sind relativ erfolgreich in kognitiven Aspekten (Stoff erklären, Tests vorbereiten), aber deutlich weniger erfolgreich darin, Schüler*innen sozial und emotional zu unterstützen. Mit Kurven zur „mathematics anxiety“ machte er dabei deutlich , dass Lehrkräfte und ihre Unterrichtskultur einen entscheidenden Einfluss auf Prüfungsangst haben – und damit auf Leistungsfähigkeit.
Schüler*innen, die ihre Lehrkräfte wertschätzen und sich von ihnen unterstützt fühlen, erzielen bessere Lernergebnisse, trauen sich mehr zu und berichten von höherer Lernfreude.
Lehrerbildung und Fortbildung müssen systematisch auf Beziehungsarbeit, inklusive Didaktik und Emotionspädagogik ausgerichtet werden. Dafür braucht es mehr Zeit in der Arbeitszeit, nicht nur Appelle an „Engagement“.
Arbeitszufriedenheit, Löhne und Systemattraktivität
Schleicher schlug nun den Bogen zur Arbeitswelt der Lehrkräfte. Ein Streudiagramm zeigte: Dort, wo Lehrkräfte relativ gut bezahlt werden, ist ihre Zufriedenheit deutlich höher; niedrige Gehälter gehen mit Unzufriedenheit und Rekrutierungsproblemen einher. OECD‑Analysen belegen, dass konkurrenzfähige Gehälter ein wichtiger Faktor sind, um qualifizierte Menschen für den Beruf zu gewinnen und zu halten – neben Arbeitsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Gute Bildung ohne gute Arbeit gibt es nicht. Aus gewerkschaftlicher Sicht sind höhere Grundgehälter, transparente Stufenlaufbahnen und Aufwertung der Profession keine „Wünsch‑dir‑was“, sondern strukturelle Voraussetzung für Schulqualität.
Rolle der Schulleitung und Stressfaktoren
Eine wichtige Rolle für die Schulqualität spielt die Schulleitung: Lehrkräfte, die ihre Schulleitung als unterstützend erleben, berichten von höherer Arbeitszufriedenheit und geringerer Stressbelastung. Gleichzeitig machen Daten deutlich, was Lehrkräfte stresst: nicht das Unterrichten selbst, sondern Bürokratie, ständige Reformen „von oben“, fehlende Autonomie und der Umgang mit immer komplexeren Aufgaben ohne ausreichende Unterstützung.
Schulleitung muss als pädagogische Führung mit klaren Ressourcen und Qualifizierungswegen verstanden werden, nicht als verlängerter Arm der Verwaltung. Und: Arbeitszeit- und Aufgabenprofile von Lehrkräften müssen realistisch gestaltet werden – sonst bleibt jede Reform kosmetisch.
Gute Bildung als gemeinsame Reise – und warum Selektion das falsche Schiff ist
Auf der letzten Folie zeigte Schleicher erneut das Ökosystem-Modell, eingebettet in eine Art Landschafts-Illustration: Links eine Gruppe, die noch am „alten Ufer“ steht, rechts ein Schiff, das auf einen gemeinsamen Horizont zusteuert.
Die Botschaft: Gute Bildung ist eine kollektive Reise, bei der Schüler*innen, Lehrkräfte, Schulleitung, Eltern und Politik gemeinsam Verantwortung tragen. Aber: Dieses Schiff kann nur dann Kurs auf Zukunft nehmen, wenn es nicht selektiv gebaut ist. Frühzeitige Aufteilung in Schularten und Leistungsgruppen untergräbt genau die Beziehungen und Lernumgebungen, von denen der Vortrag handelte.
Herausforderndes Schülerverhalten erscheint in dieser Logik nicht als individuelles Problem, sondern als Symptom: Wo Schule für viele Kinder kaum Relevanz besitzt und sie früh als „nicht passend“ markiert, werden Widerstand und Verweigerung geradezu produziert.
Die konsequente Antwort kann aus gewerkschaftlicher Perspektive nur ein nicht selektives, inklusives Schulsystem sein – mit längerer gemeinsamer Schulzeit, klarer Ressourcenausstattung und verbindlicher Förderung statt Aussonderung.
Fazit: Was dieser Vortrag für gewerkschaftliche Schulpolitik bedeutet
Aus der Gesamtschau der Folien ergeben sich mehrere starke Argumente für eine Schulreform, wie die GEW sie seit langem fordert:
- Von Selektion zu Inklusion: Ein gegliedertes Schulsystem steht empirisch gegen das, was Kinder heute brauchen: emotionale Sicherheit, erlebte Relevanz und vielfältige Lernwege. Längeres gemeinsames Lernen und Abbau struktureller Selektion sind keine Ideologie, sondern datenbasierte Notwendigkeit.
- Von Steuerung zu Teacher Agency: Lehrkräfte brauchen Autonomie, Mitbestimmung und gute Bedingungen, um Kreativität, Beziehung und Inklusion zu gestalten. Gewerkschaften sind die zentrale Stimme, um diese Professionalität politisch abzusichern.
- Von Symbolpolitik zu guter Arbeit: Digitalisierung, Ganztag und Inklusion können nur funktionieren, wenn Arbeitszeitmodelle, Bezahlung, Klassengrößen und multiprofessionelle Teams realistisch ausgestattet werden. Sonst bleiben Reformen auf dem Rücken der Kollegien liegen.
- Von Stoffhuberei zu Zukunftskompetenzen: Curricula müssen verschlankt und auf kreative, kritische, soziale und emotionale Kompetenzen ausgerichtet werden – und Lehrkräfte brauchen Fortbildung und Freiräume, das umzusetzen.
- Von Schuldzuweisung zu Systemverantwortung: Herausforderndes Verhalten, Prüfungsangst und Burnout sind Ausdruck eines Systems, das auf Selektion und Kontrolle statt auf Beziehung und Entwicklung gebaut ist. Eine gewerkschaftliche Perspektive verschiebt die Frage von „Wer ist schuld?“ zu „Welche Strukturen müssen wir ändern?“.
So gelesen, war Schleichers Vortrag keine technokratische OECD‑Analyse, sondern eine Einladung zu politischer Organisierung: Wenn wir ein Bildungssystem wollen, das Kinder stark macht für eine unsichere Zukunft, brauchen wir starke Lehrkräfte, starke Schulen – und starke Gewerkschaften, die beides gegen kurzsichtige Sparlogik und selektive Tradition verteidigen.












