Dienstags biete ich am Nachmittag immer eine Schülerzeitungs-AG an. Sie wird von Kindern der Jahrgänge fünf und sechs besucht. Schultage sind oft lang und anstrengend, deshalb versuche ich, uns den Dienstagnachmittag so angenehm wie möglich zu gestalten.
Heute haben wir gemeinsam beschlossen, unsere Schreibzeit nach draußen zu verlagern. Anfang März. Die Sonne schien. Wir wollten uns von Licht und Luft, von der anderen Umgebung inspirieren lassen. Die Kinder saßen mit ihren Heften auf den Bänken im Hof, schrieben, beobachteten, lachten.
Da betrat plötzlich eine ältere Dame den Hof – schick gekleidet, mit Rock und Handtasche. Sie blieb stehen, sah sich aufmerksam um, blickte nach oben und sprach uns schließlich an. Früher, erzählte sie, sei sie selbst Schülerin an dieser Schule gewesen. Die Schulzeit vergesse man nie, sagte sie.
Sie zeigte auf den Südflügel: Dort habe sie kochen gelernt – 1958, nach acht Schuljahren habe sie ihren Abschluss gemacht. Damals, erzählte sie weiter, durften die Kinder in der Pause nicht einfach über den Hof toben. Sie mussten sich in einer Reihe aufstellen und durften nur im Kreis laufen. Ordnung sei das halbe Leben gewesen. Streitereien wurden sofort unterbunden. Mädchen und Jungen hatten getrennte Eingänge, getrennte Klassen – ja, selbst miteinander zu sprechen war verboten. Im Südflügel waren die Mädchen. Dort, wo heute die Mensa steht, befand sich früher die Turnhalle. An der Sprossenwand mussten sie sich immer der Größe nach aufstellen. Es herrschte ein strenges Regiment.
Die Kinder meiner Schülerzeitungs-AG saßen staunend und mit offenen Mündern da. Schließlich fragte eines der Mädchen: „Wie alt sind Sie denn?“ – „83“, antwortete die Dame und lächelte.
Meine eigene Mutter ist genauso alt. Ich kenne diese Geschichten. Und doch wirkten sie in diesem Moment, zwischen Frühlingssonne und Kinderstimmen, wie aus einer fernen Welt. Mir wurde bewusst, wie weit diese Zeit von den heutigen Kindern entfernt ist – mehr als sechzig Jahre, zwei Generationen. Und doch hatte sich plötzlich etwas verbunden: Vergangenheit und Gegenwart, Strenge und Freiheit, Erinnerung und Zukunft.
Als die Dame sich verabschiedete und durch das Tor verschwand, herrschte noch eine Weile erstaunte Stille. Niemand sagte etwas, aber ich wusste, dass diese Begegnung den Kindern in Erinnerung bleiben wird.