Futur statt Präsenz

oder „Wer ist eigentlich dieser Herr Meidinger?“

Herr Meidinger nennt sich Lehrerpräsident, ist jedoch keineswegs mein Lehrerpräsident, auch, da er mich qua Amt gar nicht vertreten kann. Laut Homepage zählen zu den Mitgliedsverbänden des „Deutschen Lehrerverbandes (DL)“ lediglich Interessensvertretungen für Lehrer*innen an Gymnasien, Realschulen und beruflichen Schulen, außerdem eine katholische Erziehergemeinschaft, von der man nicht so genau weiß, wen sie vertritt. Herr Meidinger hat als ehemaliger Präsident des Philologenverbandes jedoch offenbar sehr viel Zeit und erhält durch seine ständige Medienpräsenz eine Bühne, die seiner Bedeutung für die Vertretung der bundesdeutschen Lehrer*innen ganz sicher nicht angemessen ist. Herr Meidinger ist nämlich keinesfalls ein unabhängiger Autor, sondern ein ausgewiesener Lobbyist für einen kleinen Ausschnitt der Lehrer*innen, der von seinem griffigen Titel „Lehrerpräsident“ profitiert.

Dass ein Herr Meidinger von „realitätsfernen Idealen und Ideologien“ schreibt, entlarvt ihn dahingehend, dass er offenbar noch nie eine dieser „anderen“ Schulen von innen gesehen hat. Er behauptet, Schulreformen dürfen nur durchgeführt werden, wenn es wissenschaftlich belastbare Anhaltspunkte dafür gebe, dass sie gegenüber dem Status quo eine Verbesserung darstellen. Offensichtlich ist ihm nicht bekannt, dass die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg die einzige Schulform ist, die in den letzten Jahren überhaupt wissenschaftlich evaluiert wurde.

Wir Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen haben bewiesen, dass wir differenzierende Bildungsangebote entwerfen können. Wir sind breit aufgestellt, kennen uns mit Förderangeboten, sonderpädagogischen Bedarfen wie auch mit Hochbegabtenförderung aus. Wir können Kindern mit heterogenem Profil Bildungsangebote machen, kooperieren mit dem Jugendamt und Kinderärzten, ermöglichen Nachteilsausgleiche und sortieren Schüler*innen nicht allein deshalb aus, weil sie in Deutsch schlechter sind als in Mathe. Wir geben ihnen die Chance, sich zu entwickeln, dranzubleiben, selbstständig zu werden. Dabei begleiten wir intensiv und stehen in regelmäßigem Kontakt zu den Elternhäusern. Wir sorgen dafür, dass sie selbstwirksam werden können.

Ich fordere eine Umkehr der Beweislast – der Beweis, dass die Gemeinschaftsschulen sich drängenden Schulentwicklungsfragen stellen und Kinder mit unklarer Bildungsempfehlung zum Realschulabschluss oder gar zum Abitur befähigen können, ist geführt. Nun sollen die „Bewahrer“ des angeblich so gerechten und effektiven Bildungssystems zeigen, wo ihr Innovationspotenzial zu finden ist. Die letzten Monate haben eindrucksvoll gezeigt, dass wir mit den Rezepten von gestern keine Schulen von morgen gestalten können.


Mit freundlichen Grüßen
Susanne Posselt


Lehrerin an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe
Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg
Stellvertretende Bezirksvorsitzende der GEW Nordbaden und dort für das gewerkschaftliche Bildungsprogramm verantwortlich.

Dieser Beitrag ist eine Replik auf eine (un)kritische Rezension, die am 28.1.2021 in den Badischen Neuesten Nachrichten erschienen ist.

#Fernlernen

Eine Chronik

Ein knappes Jahr nach der letzten #Schulschließung sind wir am vergangenen Montag in die zweite Runde #Fernlernen gegangen. Ich nenne es nicht #Homeschooling, weil mit diesem Begriff andere Konzepte verbunden sind. Da ich immer mal wieder gefragt werde, „wie wir das denn so machen“, will ich hier einen kurzen Abriss unseres Konzeptes geben, das sich für uns bislang bewährt hat. Die Überlegungen, die zu diesem Konzept geführt haben, möchte ich in folgenden Abschnitten chronologisch vorstellen:

  1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020
  2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021
  3. Best Practise im Januar 2021

1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020

Die Schulschließung im März 2020 hatte uns alle kalt erwischt. An unserer Gemeinschaftsschule gab es zwar schon digitale Plattformen, Moodle wurde als „Materialllager“ vorwiegend für die Sekundarstufe genutzt, die Nutzung für die Primarstufe war angedacht, jedoch noch nicht wirklich umgesetzt.

Auch, wenn meine Kollegin Katrin Wahlich und ich uns gleich zu Beginn der Schulschließung ins digitale Abenteuer gestürzt hatten, Videokonferenzsysteme ausprobiert, Unterrichtsinhalte auf Webseiten geladen, gefilmt, verlinkt, Apps erprobt und wieder verworfen hatten – eins blieb bis zur Rückkehr in die Schule frustrierend: Der fehlende Zugang vieler Schüler*innen zu angemessenen digitalen Arbeitsgeräten und ausreichend dimensionierten Internetzugängen. Bis zum Schluss war es schwierig, den Kontakt zu halten und so blieb oft nichts als das gute alte Telefon oder der persönliche Besuch mit physischer Materialausgabe. Uns war völlig klar, dass das keine geeigneten Voraussetzungen für einen gelingenden Fernunterricht sein konnten.

2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021

Noch im Schuljahr 2019/20 entschieden wir uns im Rahmen der Gesamtlehrerkonferenz, für alle Lerngruppen an der Anne-Frank-Schule Karlsruhe Moodle-Kurse anzulegen, auch, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar war, wie lange uns diese Pandemie im Griff behalten würde. Unser Motiv und unsere Vision war: Auch außerhalb von Pandemiezeiten ist es mehr als sinnvoll, das Lernen in den digitalen Raum zu erweitern und diesen zu nutzen, um Schüler*innen dabei zu begleiten, damit sie lernen sich sicher im zwischen all den Hyperlinks zu bewegen.

Über die Entscheidung für Moodle als Lernmanagementsystem (LMS) und den Weg zu unserer heutigen Struktur habe ich Ende des vergangenen Jahres einen Bericht für die GEW-Mitgliederzeitschrift b&w geschrieben. Hier ist er zu lesen. Das gesamte Heft gibt es hier.

Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation war die Entscheidung für eine konsequente Etablierung von Moodle als Lernmanagementsystem und die Fortbildung und Begleitung aller Kolleg*innen entscheidend für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang ins Fernlernen. Dass diese Entscheidung so fiel, war überhaupt nicht selbstverständlich. Alle Vorzeichen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 standen auf Präsenz um jeden Preis und angesichts von Kohortenbildung, Masken und Abstand eine Rückkehr zum lehrerzentrierten Unterricht. Dennoch gab es an der Anne-Frank-Schule einen pädagogischen Nachmittag zum Thema „Moodle“ für alle Lehrer*innen, es gab dazu eine Challenge in der Grundschule und im Rahmen der Einschulung Workshops für Eltern. Wir wollten alles tun, um Hürden abzubauen und allen Kindern die Teilhabe an digitalen Lernwelten zu eröffnen. Hinzu kam die Bestellung von digitalen Endgeräten, um diese als Leihgeräte zur Verfügung stellen zu können.

Um die Hürden für digital noch nicht so affine Kolleg*innen abzuräumen, entwickelten wir Musterkurse für verschiedene Szenarien: #Fernlernen, #Hybridunterricht und #Quarantäne. Für den Fall einer möglichen Schulschließung erarbeitete eine Gruppe von Kolleg*innen Grundprinzipien für den Distanzunterricht und außerdem Musterstundenpläne, die an den vom Kultusministerium herausgegebenen Qualitätskriterien Fernlernen orientiert sind:

Quelle: https://km-bw.de

3. Best Practise im Januar 2021

Aufgrund dieser Vorüberlegungen starteten wir am vergangenen Montag mit folgender Struktur in die 2. Phase des Fernlernens:

Stundenplan der Lerngruppe 5 basierend auf dem zuvor erarbeiteten Musterstundenplan Fernlernen

Zur Erläuterung möchte ich folgende Punkte bemerken:

  • Stundenplan bedeutet nicht, dass die Kinder tatsächlich die ganze Zeit Videokonferenzen haben. Da die Schüler*innen in Lerngruppe 5 noch sehr jung sind und eine verlässliche, von außen gegebene Struktur oft brauchen, sind zu diesen Zeiten Lernbegleiter*innen aus den jeweiligen Fächern ansprechbar: Per Videokonferenz oder per Chat in Moodle
  • Wichtig waren uns die Leitplanken im Tagesablauf. Auch im Präsenzunterricht der Gemeinschaftsschule wird spätestens in Lerngruppe 5 die Tages- und Lernplanung mithilfe des Lerntagebuches sukzessive angebahnt. Ziel ist es, dass die Kinder über das eigene Lernen nachdenken und sich Ziele setzen können, die sie planvoll anstreben.
  • Dabei gibt es so viel Freiheit wie möglich und so viel Struktur wie nötig.
  • Jeden Morgen treffen wir uns zum gemeinsamen virtuellen Tagesstart. Wir versorgen die beiden Lerngruppen in Jahrgang 5 gemeinsam als Team und haben so die Möglichkeit, dass wir uns mit den virtuellen Anwesenheiten der Lernbegleiter*innen gut abwechseln können.
  • Es gibt einen Wochenplan, in den alle Lernbegleiter*innen eintragen, was in der jeweiligen Woche zu erledigen ist.
  • Am Ende des Vormittags gibt es ein weiteres virtuelles Treffen, bei dem wir die Kinder fragen, was sie geschafft haben, ob es Probleme mit der Menge der Arbeitsaufträge gab und wie es ihnen gelungen ist, ihr Lernen zu dokumentieren. Rückmeldungen können natürlich immer auch über das virtuelle Lerntagebuch (Hier die Lehrer*innenansicht in Moodle) gegeben werden.
  • Freitags findet der virtuelle Klassenrat statt – Auch in Pandemizeiten nach bewährtem Ablauf mit Moderation durch die Schüler*innen: Positive Runde – Besprechung von Anliegen und Finden von Lösungen. Wir üben wertschätzende Sprache und würdigen Geleistetes.
  • Für den Tag und die gemeinsame Arbeit der Schüler*innen haben wir ständig verfügbare virtuelle Gruppenräume eingerichtet, in denen selbstständig und kooperativ gearbeitet werden kann.

Am Ende der Woche können wir bislang sagen: Die Struktur hat sich so bewährt. Natürlich lernen wir ständig hinzu und entwickeln uns weiter. Schule ist lernende Organisation und ich kann bis zum heutigen Tag sagen: Insbesondere in digitalen Belangen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten einen Entwicklungsschub gegeben, den niemand für möglich gehalten hätte. Lasst uns diesen Schub nutzen und pädagogische mit digitalen Belangen verknüpfen. Tragend sind hierfür die Grundgedanken der Gemeinschaftsschule: Vielfalt, Kooperation, Teamarbeit, wertschätzende Kommunikation, Blick auf den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft.

Barcamp GMS

am 6. Februar 2021 ab 14 Uhr

Anmeldung hier

Liebe Kolleg*innen, liebe Freund*innen der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg,

bald ist es soweit: am 6. Februar 2021 um 14 Uhr organisiert die Fachgruppe Gemeinschaftsschule der GEW Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V. ein digitales Barcamp mit dem Titel „Lebendige Gemeinschaftsschule“

Seit 2012 entstanden in Baden-Württemberg über 300 Gemeinschaftsschulen. Ganztägig, inklusiv, ohne Noten und im individuellen Tempo lernen – das pädagogische Konzept der Gemeinschaftsschulen ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was in den Schulen des gegliederten Systems praktiziert wurde und wird. Wo stehen die Gemeinschaftsschulen heute? Wie müsste unsere Schulart sein, damit sie ihrem Konzept und ihrem Namen gerecht wird? Wir möchten wissen, wie es euch geht und was euch bewegt. Wie können wir die Gemeinschaftsschule gemeinsam voranbringen? Wir, die Interessensvertreter*innen der Gemeinschaftsschule, sind gespannt auf eure Ideen. 

Im Rahmen des Formats Barcamp habt ihr die Gelegenheit, eure eigenen Themen einzubringen. Nach einem gemeinsamen Input von Volker Arntz, Schulleiter der Schulpreisträgerschule in Durmersheim, bekommt ihr in einem ersten Sessionblock die Gelegenheit, in Austausch und Kontakt zu kommen. Danach wird Doro Moritz über die Entwicklung der Gemeinschaftsschulen berichten und im Dialog mit Matthias-Wagner Uhl über die politische Wetterlage für unsere Schulart in Baden-Württemberg sprechen. In einem zweiten Sessionblock gibt es erneut die Gelegenheit zum Nach- und Mitdenken, bevor es ab 17 Uhr in die Diskussion mit politischen Vertreter*innen geht. 

Jede*r kann und darf Sessiongeber*in sein. Wir freuen uns sehr auf eure Vorschläge. Zur Vereinfachung der Planung wäre es hilfreich, wenn ihr euch bis zum 1. Februar 2021 hier eintragen könntet: http://bit.ly/390fuh2 Dort wird auch erklärt, was ein Barcamp ist und wie es funktioniert.

Herzliche Grüße aus dem Orga-Team

Susanne Posselt, Mira Hartwig und Ulrike Felger

Das #Twitterlehrerzimmer

Das #Twitterlehrerzimmer hat mich im letzten Jahr in vielerlei Hinsicht angesichts der vielfältigen Herausforderungen einer Schule unter Pandemiebedingungen gerettet. Hier konnte ich schnell und unbürokratisch Antworten auf meine vielen Fragen finden, konnte Netzwerke mit physischem Abstand knüpfen und manchmal auch einfach nur meinen Frust loswerden. Nachdem ich mich im Dezember an einer Videoaktion des Netzlehrers Bob Blume unter dem Hashtag #hörtunszu beteiligt hatte, um auf die Situation in der Schule aufmerksam zu machen, wurde der Beitrag im ARD-Magazin Panorama gezeigt. Daraufhin meldete sich der Bildungsjournalist und „Pisaversteher“ Christian Füller mit einem spannenden Projekt bei mir: Er wollte einen Artikel über dieses virtuelle Lehrerzimmer schreiben, bei dem das #Twitterlehrerzimmer selbst mitschreiben sollte. Gab es so etwas je? Kaum vorstellbar. Danke für den spannenden und impulsgebenden Austausch @ciffi. Der Artikel ist fertig:

Christian Füller in der Berliner Zeitung: Die junge Digitalavantgarde: Willkommen im Twitterlehrerzimmer