Frausein. Muttersein. Muttertag.
An Tagen wie diesen frage ich mich oft, ob ich etwas Relevantes beizutragen habe – und ob dieses vielschichtige Thema „Muttertag“ in meiner aktuellen Rolle Gewicht hat. Nicht nur für mich persönlich, sondern für uns alle. Kaum ein anderer Tag im Jahr vereint so viele Rollenbilder und Erwartungen in sich; kaum einer zeigt deutlicher, wo wir als Gesellschaft stehen, wie wir miteinander umgehen und was wir wirklich wertschätzen.
Ich bin Mutter. Ich habe vier Kinder geboren, die inzwischen erwachsen sind. Dabei war und bin ich gerne Mutter. Ich liebe meine Kinder und empfinde es als Privileg, sie beim Aufwachsen begleitet zu haben. Doch ich war auch immer auch eine Mutter, die nie nur Mutter sein wollte. Knapp sieben Jahre habe ich ausschließlich dieser Rolle gewidmet. Das war mir schon früh nicht genug; ich wollte mich nicht über sie reduzieren lassen oder meinen Selbstwert ausschließlich aus der häuslichen Sorgearbeit ziehen. Auch als Vorbild wollte ich meinen Töchtern zeigen, dass man als Frau berufliche Ziele erfolgreich verfolgen kann. Ich wurde dann eine studierende Mutter und schließlich eine arbeitende Mutter mit vier Kindern. Das war Anfang der 2000er Jahre in der badischen Provinz deutlich schwieriger als heute. Der Kindergarten öffnete damals von 8 bis 12 Uhr und lediglich zweimal pro Woche für zwei Stunden am Nachmittag. Wer halbtags arbeitete, war meist auf Großeltern vor Ort angewiesen. In der Schule waren Hortplätze rar. Ganztagsschulen gab es im Grundschulbereich noch nicht. Dennoch habe ich es geschafft: Mit den vier Kindern und einem Konstrukt aus Kindergarten, Hort, Absprachen mit meinem Mann und Teilzeit-Tagesmüttern habe ich mein Studium zwar in doppelter Zeit, aber erfolgreich abgeschlossen. Meinen Kindern habe ich früh Selbstständigkeit zugemutet, ihnen einen Schlüssel um den Hals gehängt und gezeigt, wie man Spaghetti kocht. Heute bin ich stellvertretende Schulleiterin, Personalrätin, Fortbildnerin und Gewerkschafterin. Meine Kinder sind erwachsen und gehen ihren Weg. Soweit ich es beurteilen kann, hat die studierende und arbeitende Mutter ihrer Entwicklung nicht geschadet. Trotz aller Hürden.
Obwohl es mich privat nun nicht mehr unmittelbar betrifft, bleibt das Thema für meine Arbeit in der Schulleitung und als Personalrätin hochrelevant. Die ZEIT titelte kürzlich: „Nicht Frauen haben es schwer in der Arbeitswelt – es sind die Mütter.“ In einem anderen Artikel findet sich das Zitat: „Nur wer sich kaputt macht, gilt als eine gute Mutter“
Genau das ist die Realität von Lehrerinnen mit jüngeren Kindern.
Da ist die Freundin und ehemalige Kollegin, die gerne mehr Stunden unterrichten würde, es aber nicht kann. Die Kita hat die Öffnungszeiten wegen Personalmangels gekürzt. Der Vater des Kindes ist nicht greifbar, er hat sie schon vor der Geburt aus der Verantwortung gezogen. Nun steht sie allein da, weil Teilzeitmodelle im Ganztagsbetrieb der Schulen oft nicht vorgesehen sind, es im Beamtenrecht kein echtes „Recht auf Teilzeit“ gibt und das Versprechen auf ganztägige Betreuung trotz Rechtsanspruchs nicht eingelöst wird.
Mich erreichen verzweifelte Anrufe von jungen Müttern, die sich darüber bewusst werden, was es bedeutet, dass sie als Lehrerinnen ihren Arbeitsort nicht frei wählen können. Sie müssen auf Versetzungen warten oder auf Abordnungen hoffen. Besonders dort, wo viele Mütter mit schulpflichtigen Kindern leben, wird das zum Systemproblem. Das schulische Beamtentum priorisiert die Unterrichtsversorgung – auch und gerade im Ganztag mit Nachmittagsunterricht. Und es vergisst dabei die Mütter.
Es ist ein Teufelskreis: Wir haben uns das Recht auf Ganztagsbetreuung erkämpft, um als Mütter arbeiten zu können. Dabei haben wir jedoch versäumt, rechtzeitig genug Personal zu qualifizieren, einzustellen und angemessen zu bezahlen. Und wir haben vergessen, dass auch diejenigen, die diese Betreuung leisten sollen, oft selbst Mütter sind. Solange der Großteil des Haushaltseinkommens von Vätern in besser bezahlten Vollzeitjobs erwirtschaftet wird, stellt sich die Frage, wer zugunsten der Kinder beruflich zurücksteckt, meist gar nicht erst.
Die Folgen zeigen sich bis in die Führungsebenen. Als ich das erste Mal an einer Schulleiter-Dienstbesprechung teilnahm, wurde mir schlagartig klar: Hier stimmt die Statik nicht. Das in Kollegien übliche Geschlechterverhältnis war plötzlich umgekehrt. Die Statistiken untermauern diesen Eindruck: An weiterführenden Schulen sind rund zwei Drittel der Lehrkräfte weiblich, doch mehr als zwei Drittel der Leitungen männlich. Selbst an Grundschulen, wo Frauen 90% des Kollegiums stellen, hinkt ihr Anteil an der Leitung mit 70% deutlich hinterher.
Jede Mutter weiß, welche Kraftanstrengung es erfordert, den Job ernsthaft auszuüben – selbst wenn Teile der Sorgearbeit auf verschiedene Schultern verteilt oder delegiert werden. Jede Mutter kennt den Kampf, beruflich Fuß zu fassen, dranzubleiben und in hierarchischen Strukturen aufzusteigen. Denn selbst in einer gleichberechtigten Partnerschaft bleibt die biologische Realität: Du bringst das Kind zur Welt. Du stehst dem Arbeitsmarkt vorerst nicht zur Verfügung. Du musst dich regenerieren. Doch diese Sorge- und Betreuungsleistung hat in unserer Gesellschaft keinen monetären Wert; sie erzeugt stattdessen Lücken in der Biografie. Oder Überlastung bei jeden, die versuchen, allem gerecht zu werden.
Man stößt gegen die gläserne Decke und prallt gleichzeitig auf die Erwartungen an die Mutterrolle: Kindergeburtstage, Hausaufgaben, Fußballverein, Kuchenbacken, Impftermine. Und wenn das Kind Entwicklungsauffälligkeiten zeigt? Wer sitzt dann beim Elterngespräch? Der Vater in seiner verantwortungsvollen Vollzeitposition oder die „Teilzeitmutti“, deren Einkommen ohnehin eher verzichtbar scheint? Nora Oehmichen schreibt auf LinkedIn, sie hätte den Begriff „Mental Load“ gerne früher gekannt. „Scheiß auf Pralinen, gib mir Gleichberechtigung.“ Ich weiß genau, was sie meint.
Als Mutter genieße ich die Wertschätzung meiner Kinder. Ich freue mich über Blumen, Schokolade und ein liebevolles Frühstück. Ich genieße ihre Nähe. Doch blicke ich auf die gesellschaftlichen und politischen Maßnahmen, um diese tief sitzenden Missverhältnisse auszugleichen, dann reicht mir das bei weitem nicht aus. Als Gewerkschafterin und Personalrätin ist es mir wichtig, bestehende Ungleichheiten im Blick zu behalten. Ich möchte mich dafür einsetzen, das unsere Gesellschaft sich in ihrer Gesamtheit für die nachfolgende Generation verantwortlich fühlt und danach handelt. Alle. Mit allem, was dazugehört. Politische Entscheidungsträger, Arbeitgeber, Dienstvorgesetzte, Väter, Mütter und vor allem Menschen in angemessen bezahlten Care-Berufen.