#Fernlernen

Eine Chronik

Ein knappes Jahr nach der letzten #Schulschließung sind wir am vergangenen Montag in die zweite Runde #Fernlernen gegangen. Ich nenne es nicht #Homeschooling, weil mit diesem Begriff andere Konzepte verbunden sind. Da ich immer mal wieder gefragt werde, „wie wir das denn so machen“, will ich hier einen kurzen Abriss unseres Konzeptes geben, das sich für uns bislang bewährt hat. Die Überlegungen, die zu diesem Konzept geführt haben, möchte ich in folgenden Abschnitten chronologisch vorstellen:

  1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020
  2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021
  3. Best Practise im Januar 2021

1. Erfahrungen aus der Schulschließung im März 2020

Die Schulschließung im März 2020 hatte uns alle kalt erwischt. An unserer Gemeinschaftsschule gab es zwar schon digitale Plattformen, Moodle wurde als „Materialllager“ vorwiegend für die Sekundarstufe genutzt, die Nutzung für die Primarstufe war angedacht, jedoch noch nicht wirklich umgesetzt.

Auch, wenn meine Kollegin Katrin Wahlich und ich uns gleich zu Beginn der Schulschließung ins digitale Abenteuer gestürzt hatten, Videokonferenzsysteme ausprobiert, Unterrichtsinhalte auf Webseiten geladen, gefilmt, verlinkt, Apps erprobt und wieder verworfen hatten – eins blieb bis zur Rückkehr in die Schule frustrierend: Der fehlende Zugang vieler Schüler*innen zu angemessenen digitalen Arbeitsgeräten und ausreichend dimensionierten Internetzugängen. Bis zum Schluss war es schwierig, den Kontakt zu halten und so blieb oft nichts als das gute alte Telefon oder der persönliche Besuch mit physischer Materialausgabe. Uns war völlig klar, dass das keine geeigneten Voraussetzungen für einen gelingenden Fernunterricht sein konnten.

2. Schulentwicklungsprozesse zwischen März 2020 und Januar 2021

Noch im Schuljahr 2019/20 entschieden wir uns im Rahmen der Gesamtlehrerkonferenz, für alle Lerngruppen an der Anne-Frank-Schule Karlsruhe Moodle-Kurse anzulegen, auch, wenn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar war, wie lange uns diese Pandemie im Griff behalten würde. Unser Motiv und unsere Vision war: Auch außerhalb von Pandemiezeiten ist es mehr als sinnvoll, das Lernen in den digitalen Raum zu erweitern und diesen zu nutzen, um Schüler*innen dabei zu begleiten, damit sie lernen sich sicher im zwischen all den Hyperlinks zu bewegen.

Über die Entscheidung für Moodle als Lernmanagementsystem (LMS) und den Weg zu unserer heutigen Struktur habe ich Ende des vergangenen Jahres einen Bericht für die GEW-Mitgliederzeitschrift b&w geschrieben. Hier ist er zu lesen. Das gesamte Heft gibt es hier.

Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation war die Entscheidung für eine konsequente Etablierung von Moodle als Lernmanagementsystem und die Fortbildung und Begleitung aller Kolleg*innen entscheidend für einen vergleichsweise reibungslosen Übergang ins Fernlernen. Dass diese Entscheidung so fiel, war überhaupt nicht selbstverständlich. Alle Vorzeichen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 standen auf Präsenz um jeden Preis und angesichts von Kohortenbildung, Masken und Abstand eine Rückkehr zum lehrerzentrierten Unterricht. Dennoch gab es an der Anne-Frank-Schule einen pädagogischen Nachmittag zum Thema „Moodle“ für alle Lehrer*innen, es gab dazu eine Challenge in der Grundschule und im Rahmen der Einschulung Workshops für Eltern. Wir wollten alles tun, um Hürden abzubauen und allen Kindern die Teilhabe an digitalen Lernwelten zu eröffnen. Hinzu kam die Bestellung von digitalen Endgeräten, um diese als Leihgeräte zur Verfügung stellen zu können.

Um die Hürden für digital noch nicht so affine Kolleg*innen abzuräumen, entwickelten wir Musterkurse für verschiedene Szenarien: #Fernlernen, #Hybridunterricht und #Quarantäne. Für den Fall einer möglichen Schulschließung erarbeitete eine Gruppe von Kolleg*innen Grundprinzipien für den Distanzunterricht und außerdem Musterstundenpläne, die an den vom Kultusministerium herausgegebenen Qualitätskriterien Fernlernen orientiert sind:

Quelle: https://km-bw.de

3. Best Practise im Januar 2021

Aufgrund dieser Vorüberlegungen starteten wir am vergangenen Montag mit folgender Struktur in die 2. Phase des Fernlernens:

Stundenplan der Lerngruppe 5 basierend auf dem zuvor erarbeiteten Musterstundenplan Fernlernen

Zur Erläuterung möchte ich folgende Punkte bemerken:

  • Stundenplan bedeutet nicht, dass die Kinder tatsächlich die ganze Zeit Videokonferenzen haben. Da die Schüler*innen in Lerngruppe 5 noch sehr jung sind und eine verlässliche, von außen gegebene Struktur oft brauchen, sind zu diesen Zeiten Lernbegleiter*innen aus den jeweiligen Fächern ansprechbar: Per Videokonferenz oder per Chat in Moodle
  • Wichtig waren uns die Leitplanken im Tagesablauf. Auch im Präsenzunterricht der Gemeinschaftsschule wird spätestens in Lerngruppe 5 die Tages- und Lernplanung mithilfe des Lerntagebuches sukzessive angebahnt. Ziel ist es, dass die Kinder über das eigene Lernen nachdenken und sich Ziele setzen können, die sie planvoll anstreben.
  • Dabei gibt es so viel Freiheit wie möglich und so viel Struktur wie nötig.
  • Jeden Morgen treffen wir uns zum gemeinsamen virtuellen Tagesstart. Wir versorgen die beiden Lerngruppen in Jahrgang 5 gemeinsam als Team und haben so die Möglichkeit, dass wir uns mit den virtuellen Anwesenheiten der Lernbegleiter*innen gut abwechseln können.
  • Es gibt einen Wochenplan, in den alle Lernbegleiter*innen eintragen, was in der jeweiligen Woche zu erledigen ist.
  • Am Ende des Vormittags gibt es ein weiteres virtuelles Treffen, bei dem wir die Kinder fragen, was sie geschafft haben, ob es Probleme mit der Menge der Arbeitsaufträge gab und wie es ihnen gelungen ist, ihr Lernen zu dokumentieren. Rückmeldungen können natürlich immer auch über das virtuelle Lerntagebuch (Hier die Lehrer*innenansicht in Moodle) gegeben werden.
  • Freitags findet der virtuelle Klassenrat statt – Auch in Pandemizeiten nach bewährtem Ablauf mit Moderation durch die Schüler*innen: Positive Runde – Besprechung von Anliegen und Finden von Lösungen. Wir üben wertschätzende Sprache und würdigen Geleistetes.
  • Für den Tag und die gemeinsame Arbeit der Schüler*innen haben wir ständig verfügbare virtuelle Gruppenräume eingerichtet, in denen selbstständig und kooperativ gearbeitet werden kann.

Am Ende der Woche können wir bislang sagen: Die Struktur hat sich so bewährt. Natürlich lernen wir ständig hinzu und entwickeln uns weiter. Schule ist lernende Organisation und ich kann bis zum heutigen Tag sagen: Insbesondere in digitalen Belangen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten einen Entwicklungsschub gegeben, den niemand für möglich gehalten hätte. Lasst uns diesen Schub nutzen und pädagogische mit digitalen Belangen verknüpfen. Tragend sind hierfür die Grundgedanken der Gemeinschaftsschule: Vielfalt, Kooperation, Teamarbeit, wertschätzende Kommunikation, Blick auf den Einzelnen als Teil der Gemeinschaft.

Freiluft

Abendspaziergang am Ortsrand

Ich kann mich nicht erinnern, mir jemals so viele Gedanken um das Freisein gemacht zu haben wie in den letzten Tagen. Freitags, wenn die Woche zu Ende ist, sticht mir das „frei“ vor dem Tag besonders ins Auge. Es sticht mich buchstäblich, denn „frei“ sind wir ja alle im Moment nur in engen Grenzen. Grenzen, die uns daran hindern, uns frei zu bewegen. Augenscheinlich bin ich mit meinem Bedürfnis nach Befreiung in diesen Zeiten nicht allein. Denn wenn ich dann am Ende des Tages ins Freie strebe, die Freiluft suche und meistens den Weg nach oben antrete, um mich dem Himmel ein wenig näher zu fühlen, begegnen mit derzeit viele Menschen, die es mir gleichtun. Wir begrüßen uns freundlich, um dann in gebührendem Abstand aneinander vorbeizugehen, damit wir unsere Teilfreiheit nicht aufs Spiel zu setzen.

Einige meiner Schüler*innen fragen mich in diesen Tagen oft, manche sogar tagtäglich, wie lange das wohl noch dauern möge. Das Eingesperrtsein. So empfinden es manche. Denn sie dürfen nicht raus. Nicht so „raus“, wie sie es in diesem Alter gewohnt waren. Rausgehen heißt: Auf die Straße gehen, abhängen, Freunde treffen. „Kommst du nachher raus?“ Es klingt mir in den Ohren, wie sie sich das freitags an warmen Tagen oft fragten. Freitags, am Tag mit dem „frei“ im Namen, wenn der Nachmittag unterrichtsfrei ist und man die Freiheit und Zeitlosigkeit des Wochenendes noch vor sich sieht. Das ist das Freisein der Jugendlichen, die sich die Selbstständigkeit erobert und erkämpft haben, alleine rausgehen zu dürfen, ohne elterliche Kontrolle. Wann darf man das wieder?
Ich weiß es nicht. Das ist es, was ich ihnen sagen muss. Ich bin ehrlich, gerade in meiner Unsicherheit. Es ist ja nicht so, dass wir Lehrer*innen immer alles wüssten, auch wenn man uns das manchmal unterstellt. Ich hoffe aber, wir gewinnen in absehbarer Zeit das Freisein, welches uns immer so selbstverständlich erschien, dass es uns nie auffiel, stückweise zurück. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, dass wir alle in diesen Zeiten die Erfahrung machen müssen, am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn man unfrei und begrenzt ist. Nur, wenn man das Freisein kennt, weiß man auch, was zu verlieren und zu verteidigen ist.

Derzeit müssen wir uns leider mit dem Spazierengehen begnügen, um uns ein wenig frei zu fühlen. Wir gönnen uns diesen Freigang. Allein. Oder zu zweit.

Meine lieben Schüler*innen, falls ihr das hier lest: Geht doch wieder einmal spazieren. Allein oder zu zweit. Mit so viel Abstand, dass ihr die Freiluft zwischen euch spüren und die Enge eurer Wohnungen für eine Weile vergessen könnt. Ich weiß, es erscheint euch wahrscheinlich abwegig. Selbst wenn, probiert es einfach aus und achtet mal darauf, wie eure Gedanken in der frischen und freien Luft spazieren gehen und alle Grenzen sprengen. Erinnert ihr euch noch, wie wir als frische Sechstklässler die neuen Fünfer mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ begrüßt haben? In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, wirklich (schul-)freies Wochenende, mit einem zarten Geschmack von Freiheit.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

Volksweise (um 1815)

Dasein

„Wer aber auf das Glücklichsein verzichtet,
erfüllt sein Dasein nicht!“

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks

Das Schwierigste ist, dass sie nicht da sind. Wir erreichen sie nicht. Sie sind fort. Nicht greifbar. Wir können sie nicht, wie sonst, mit den Blicken fixieren, nicht allein durch unsere gemeinsame Anwesenheit im Raum ansprechen, sie berühren, ohne sie anzufassen.
Uns fehlt der Kontakt. Die physische Gegenwart. Das da sein.

Es ist schon merkwürdig, dass einem manche Dinge erst auffallen, wenn sie fehlen.
Schon seit einigen Tagen ist eines der beherrschenden Themen in unserer morgendlichen virtuellen Runde das Ringen um die Erreichbarkeit unserer „Zöglinge“.
Wir machen uns Sorgen, manche von uns so sehr, dass sie schier verzweifeln.
Es ist unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, dass sie etwas werden, dass etwas aus ihnen wird. Wir halten unseren Anteil daran für bedeutsam.

So sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das „da sein“ im Grunde genommen unverzichtbar ist für das, was wir zu bewirken versuchen. Es geht ja nicht nur ums Lernen von irgendwelchen Inhalten, die ohnehin morgen schon wieder überholt sein mögen. Es geht ums Begleitet werden auf dem Weg ins Leben, ums Lernen am Vorbild und um die Ermöglichung von Bildung, die letztlich von den Bildsamen selbst vollzogen werden muss. Vielleicht wird genau das gerade besonders schmerzhaft sichtbar, dass wir sie eben nur begleiten können, dass wir gar nicht wissen, was bei ihnen ankommt, was sie mitnehmen werden auf diesem Weg ins Leben.

Das Aushalten dieser Unverfügbarkeit ist wahrscheinlich die größte, aber auch wichtigste Aufgabe in unserem Beruf, der in Wahrheit oft Berufung ist. Denn wenn er es nicht wäre, dann schmerzte uns das nicht Beeinflussbare auch nicht so sehr. Wenn das Selbstverständliche, das „da sein“ der uns Anvertrauten fehlt und sich die Verletzlichkeit unseres Lebens so in unser Bewusstsein drängt, so ist es in diesen seltsamen Zeiten wohl auch naheliegend, dass uns die letzten Fragen unseres Daseins auf den Pelz rücken.

Dabei kann und sollte man gerade dieser Situation etwas abgewinnen. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir mutig und zuversichtlich voranschreiten und den Weg zum Positiven im Wald der Ungewissheit markieren, indem wir Leitplanke und Leuchtturm zugleich sind. Und siehe da: Manche lernen gerade aus dieser Not heraus besonders viel und wachsen über sich selbst hinaus. Wer so groß wird, ist gewappnet für alle Stürme des Lebens und wird den Zweck seines Daseins immer klar vor Augen haben.


Was können wir mehr wollen?

Eigentlich

Heute ist Dienstag. Dienstag, der 24. März 2020. Mir ist das Zeitgefühl abhanden gekommen. Heute musste ich mehrmals bei mir selbst nachfragen, welchen Tag wir eigentlich haben. Glücklicherweise ist es mir gelungen, diesen planlosen Tagen in meinem schülerlosen Lehrerdasein eine Struktur zu verleihen. Wir haben täglich feste Zeiten für unsere virtuellen Meetings, es gibt ein virtuelles Lehrerzimmer, eine virtuelle Sprechstunde, virtuelle Deutschstunden und am Ende des Tages immer noch virtuelles Lerngruppen-Meeting.

Eigentlich hätte ich heute morgen in den ersten beiden Stunden Religion mit den „Großen“ gehabt, Schülern der 9. und 10. Klasse, die kurz vor der Prüfung stehen. Wir hätten über Sorgen und Befürchtungen hinsichtlich der Prüfung gesprochen und hätten uns ansonsten im Unterricht mit der Entstehung, gegenwärtigen Aufgaben und der Entwicklung von Kirche beschäftigt. Stattdessen ist der Religionsunterricht ausgefallen, konzentrieren wir uns momentan auf das, was scheinbar wichtiger ist: Aufgaben gibt es in den Hauptfächern und im Grunde genommen geht es vor allem darum „dranzubleiben“, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Vielen meiner Schüler*innen ist Kirche ohnehin eher fremd. Und jetzt ist sie sogar mir selbst fremd. „Wo zwei oder drei versammelt sind“ gilt nicht mehr, versammeln darf man sich nur noch mit großem Abstand und höchstens zu zweit. Gottesdienste finden vor leeren Kirchen statt, eine Solosängerin singt einen einsamen Gemeindegesang und eine Kamera überträgt Psalmen, Gebete und mutmachende Worte zu den Menschen nach Hause. Immerhin.

Eigentlich hätten wir in Klasse 7 weiter an unserem sehr bunten und vielfältigen Kunstprojekt gearbeitet. Wir hätten uns mit Selbstdarstellungen von Menschen in unterschiedlichen Zeiten beschäftigt, hätten uns gefragt, warum man über Selfies heutzutage Filter legen muss, damit man glatter und fehlerfreier aussieht, als man eigentlich ist. Stattdessen habe ich zum Zeichenstift gegriffen und die Erzählung illustriert und vertont, die heute Gegenstand unserer virtuellen Deutschstunde war. 17 Teilnehmer*innen verzeichnete unser virtuelles Klassenzimmer heute Vormittag. Manche nehmen regelmäßig an den Zusammenkünften teil. Manche sieht man nie. Manche beteiligen sich rege. Manche schweigen immer. Es ist einfacher, sich hinter stummgeschaltetem Mikro und deaktivierter Kamera zu verstecken. Es ist auch für mich ungewohnt, gegen ein digitales Display zu sprechen, keine direkte, körpersprachliche Reaktion zu erhalten. Dafür, dass es ungewohnt ist, gelingt es noch erstaunlich gut. Und ich bin dankbar, mit meiner Kollegin einen wunderbar inspirierenden Gegenpart in diesen seltsamen Zeiten zu haben. Danke, Katrin!

Eigentlich wären wir nach einer trubeligen Mensamittagspause dem Klima auf den Grund gegangen, hätten die Wolken betrachtet und uns gefragt, warum es gerade zwar herrlich sonnig, aber auch bitter kalt ist, woher der Wind kommt und wann es endlich richtig warm wird. Stattdessen habe ich allein am Esstisch mein belegtes Brötchen verspeist und noch eine Ladung Wäsche in die zwar kalte aber sonnige Frühlingsluft gehängt, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch gesetzt und die nächsten Tage geplant, Unterrichtsmaterialien gesichtet und noch verschiedene Telefonate geführt habe.

Eigentlich säße ich jetzt, zu dieser Zeit, mit meiner Tochter im Staatstheater, um mir zum wiederholten Mal die witzige und kurzweilige Faust-Inszenierung anzuschauen, inmitten von Abiturienten, zu deren Pflichtkanon der „Faust“ in diesem Jahr letztmalig gehört. Stattdessen habe ich das Haus am frühen Abend gemeinsam mit meinem ältesten Sohn bloß für eine kurze Frischluftrunde bis zu den Feldern am Ortsrand verlassen und sitze nun hier und bin ein bisschen wehmütig.
Gerne hätte ich mit meiner Tochter einen schönen Theaterabend verbracht.
Gerne hätte ich mit meinen Schülern die Wolken betrachtet.
Gerne wäre ich Begleiterin künstlerischer Prozesse von jungen Menschen gewesen.
Gerne hätte ich mit Jugendlichen über die Kirche der Zukunft nachgedacht.

Was gibt uns Hoffnung?
Wer macht uns Mut?

Eins steht fest: Uns wird in diesen Tagen schmerzlich bewusst, wie sehr wir einander brauchen und wie wichtig unsere sozialen Kontakte sind. Wir müssen uns gegenseitig ermutigen, immer im Bewusstsein, dass diese Durststrecke zu bewältigen ist, indem wir uns nicht vergessen. Füreinander da sind.

Hoffentlich bleibt uns diese Erkenntnis in Erinnerung.

Im virtuellen Klassenzimmer


Teilhabe

Teilhabe. An etwas Anteil haben. Teil von etwas sein. Etwas abhaben. Etwas von dem haben, was andere auch haben. Dazugehören. Nicht ausgeschlossen sein.

In diesen Tagen wird in vielerlei Hinsicht sichtbar, wie es um die Teilhabe an Bildung hierzulande bestellt ist. Die Schulen sind seit nunmehr einer Woche geschlossen. Schulisches Lernen, strukturiert und portioniert, begleitet und aufbereitet, elementarisiert und didaktisiert, findet nicht mehr dort statt, wo es eigentlich seinen Ort hat: Im Klassenzimmer.

Nun mögen Kritiker sagen, dass Schule ohnehin mit Bildung nicht so viel zu tun habe. Bildung sei schließlich ein eigenaktiver Prozess, der lebenslang erfolge und sich ausschließlich im Individuum selbst ereigne. Möglicherweise verhindere die Schule in mancher Hinsicht sogar echte Bildungsprozesse, weil das überholte Wissen von gestern für eine Welt von morgen häppchenweise verabreicht werde.

Angesichts verzweifelter Eltern, die in diesen Tagen ihre Kinder bei der Bearbeitung der eilig zusammengeschnürten Aufgabenpakete unterstützen und mangels ausgereifter Lernplattformen dutzende E-Mails sichten und sortieren müssen, um ihren Kindern schulische Arbeitsaufträge überhaupt zugänglich machen zu können, mag man tatsächlich manchmal daran zweifeln, ob auf diese Weise irgendeine Art von Bildung erreicht werden kann. In einer Situation, die für viele Familien ohnehin schon höchst belastend ist, sollen Eltern im Homeoffice zeitgleich Hilfslehrer spielen, ein gesundes Mittagessen auf den Tisch bringen und jederzeit per Telefonkonferenz für ihren Chef ansprechbar sein. Viele Familien haben Existenzsorgen, weil sie nicht wissen, ob ihnen ihr Arbeitsplatz und ihr Einkommen erhalten bleibt und ob sie morgen überhaupt noch über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um ihren Kindern ein gesundes Mittagessen auf den Tisch stellen zu können.

Es ist eine Ausnahmesituation für alle Seiten. Kolleg*innen haben Anforderungen für zu erreichende Abschlüsse im Blick und versuchen, auf oft kreative Weise, das aufzufangen, was durch die geschlossene Schule fehlt: Der direkte Kontakt zu den Schüler*innen. Denn nicht erst seit gestern weiß man, dass einer der wichtigsten Faktoren für eine nachhaltige Bildung eine wertschätzende Schüler-Lehrer-Beziehung ist. So tun die Lehrer*innen alles, um jene aufrechtzuerhalten: Sie telefonieren regelmäßig allen Eltern und Schülern hinterher, erproben sich in digitalen Lern- und Kommunikationsplattformen, eröffnen Twitterkanäle, produzieren Erklärvideos und sind stets auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Schüler*innen zu erreichen.

Leider gewinnt man den Eindruck, dass bei all dieser aus der Not geborenen positiven Aufbruchstimmung in Vergessenheit gerät, dass viele Familien überhaupt nicht über die erforderliche digitale Infrastruktur verfügen, um ihren Kindern die gutgemeinten Angebote ihrer Lehrer*innen zugänglich machen zu können. Es gibt keinen PC und keinen Drucker , vielleicht gerade einmal ein Smartphone, wobei nicht jedes Elternteil weiß, wie man eine E-Mail schreibt. Es fehlt die Möglichkeit, all die Erklärvideos und interaktiven Aufgaben zu sichten und zu bearbeiten, sowie Arbeitsaufträge und -ergebnisse auszudrucken. Und man kann keinesfalls erwarten, dass Eltern in dieser Situation über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, diese Geräte anzuschaffen und den, falls vorhandenen, Drucker ständig mit neuem Toner zu füttern, wenn die Sorge um die eigene Existenz all das in den Hintergrund rücken lässt.

Wenn wir also wollen, dass unsere Schüler*innen diese zweifellos hilfreichen Möglichkeiten jetzt und in Zukunft nutzen können, müssen wir ihnen auch die dafür notwendigen Geräte und Zugänge zur Verfügung stellen. In Baden-Württemberg gibt es eine gesetzlich verankerte Lernmittelfreiheit. Es wäre daher nur konsequent, die Schüler*innen flächendeckend mit digitalen Endgeräten auszustatten, die auch mit nach Hause genommen werden können. Nehmen wir dieses Problem nicht ernst, ist tatsächlich zu befürchten, dass das eintritt, was die TAZ dieser Tage prophezeit: Dass Bildung ungleicher wird.

#schulfrei

An einem ganz normalen Schultag morgens aufzustehen und nicht in die Schule zu gehen, ist auch für Lehrer*innen seltsam. Nun ist er also vorbei, der erste Tag nach der Schulschließung. Langweilig war er nicht, obwohl ich fast ausschließlich zu Hause war und mich lediglich nachmittags selbst dazu überreden musste, eine Runde mit dem großen Sohn und der eher gemütlichen Leonbergerhündin Amy über die frühlingshaften Wiesen zu drehen.

Meinen schulfreien Schultag habe ich damit zugebracht, mich digital zu organisieren, verschiedene Tools auszuprobieren, mich mit den Kolleg*innen zu vernetzen, Eltern hinterherzutelefonieren, den E-Mail-Verteiler der Klasse zu vervollständigen und zu klären, wie die Schüler, die montags nicht in der Schule sein konnten, nun an ihre Arbeitsmaterialien kommen. Unsere unzureichenden Kommunikationsmöglichkeiten mit den Schüler*innen bereiten mir Kopfzerbrechen. Der landeseigene Mailserver BelWü ging zeitweise unter der Last des virtuellen und DSGVO-konformen Austauschbedarfes in die Knie und über die Messengerkanäle perlten die Fragen nach Alternativen zur Aufrechterhaltung des virtuellen Autausches. Gleichzeitig war ein spontanes und gelungenes Videomeeting mit Kolleg*innen und Schüler*innen wie ein Sonnenstrahl im Nebel der Unwägbarkeiten dieser Zeit.

Während ich heute früh noch ein virtuelles Lehrerzimmer in Form einer Videokonferenz aufgesetzt habe und mit Kolleg*innen den Kaffee immerhin via Bildschirm teilen konnte, erschien das Leben vor der Tür wie immer: Ein Bagger grub wie seit Tagen die Straße vor unserer Tür auf, hier wie auch im Neubaugebiet am Ortsrand waren geschäftige Bauarbeiter zu beobachten. Die Nachbarskinder spielten Fußball auf der Straße, die Rennradfahrer sausten trotz der Sperrung für den Autoverkehr mit voller Montur über den Fernradwanderweg an unserem Haus vorbei.

Die merkwürdige Gegensätzlichkeit von Außergewöhnlichem und Alltäglichem beschreibt die Stimmung dieses Tages im Rückblick gut: Ich spüre einen Widerspruch, der schwer fassbar erscheint und Fragen aufwirft. Wie werden die nächsten Tage und Wochen verlaufen? Wird es mir gelingen, das Leben und Lernen meiner Schüler*innen auf die Distanz weiter zu begleiten? Wie gehen sie mit dieser Situation um? Vermissen sie die Schule? Können sie erfassen, welche Auswirkungen die zunehmende Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit mit sich bringen wird? Verstehen sie, warum all diese Maßnahmen notwendig sind? Was bedeutet es für sie, wenn Schule ihren Alltag plötzlich nicht mehr strukturiert und die Tage so planlos verstreichen? Wie wird es weitergehen?

Man wird sehen. Ich werde sehen. Wir werden sehen.