Coronawochenende #2

Samstags schlafe ich normalerweise aus. Nach fünf anstrengenden Schultagen, die regelmäßig sehr früh beginnen, sehne ich mich nach Schlaf. Das Eulendasein verträgt sich schlecht mit dem Schulrhythmus – für schlafbedürftige Jugendliche im Hormonchaos habe ich daher größtes Verständnis. Nach nun beinahe zwei Wochen Schulschließung bemerke ich jedoch, wie selbst mein Rhythmus aus dem Ruder zu laufen droht. Immer zu Hause zu sein macht den Samstag kaum noch unterscheidbar von den anderen Tagen. Mir fehlt das „Aus dem Haus gehen“, der Wechsel zwischen Alltag und Freizeit. Mir fehlt es, durch die vielfältigen An- und Herausforderungen in der Schule zur ständigen Reaktionsbereitschaft gezwungen zu sein, auch, wenn ich gerade über diese Art von Anstrengung immer mal wieder leise vor mich hinstöhne. Und mir fehlt der Ausgleich. Wenn es keine Verschiedenheit mehr gibt, weil alles gleich ist, kann man auch nichts mehr ausgleichen. Freizeit erscheint plötzlich sinnlos, weil man ja ohnehin immer Gleichartiges tut. Wenn ich mich nicht mit den Schüler*innen zum virtuellen Lerngruppenmeeting treffe, veranstalte ich einen virtuellen Kaffeeklatsch mit Freundinnen. Da sitzen wir dann, jede mit einer Kaffeetasse und etwas Gebäck und plaudern über den Äther. Schade eigentlich, dass das Holodeck von Star Trek noch nicht erfunden wurde.

Heute morgen fragte eine Kollegin in unserer Threema-Lehrerzimmergruppe, ob man sich gleich im virtuellen Lehrerzimmer treffe. Samstags. Die Sehnsucht ist groß.

Freiluft

Abendspaziergang am Ortsrand

Ich kann mich nicht erinnern, mir jemals so viele Gedanken um das Freisein gemacht zu haben wie in den letzten Tagen. Freitags, wenn die Woche zu Ende ist, sticht mir das „frei“ vor dem Tag besonders ins Auge. Es sticht mich buchstäblich, denn „frei“ sind wir ja alle im Moment nur in engen Grenzen. Grenzen, die uns daran hindern, uns frei zu bewegen. Augenscheinlich bin ich mit meinem Bedürfnis nach Befreiung in diesen Zeiten nicht allein. Denn wenn ich dann am Ende des Tages ins Freie strebe, die Freiluft suche und meistens den Weg nach oben antrete, um mich dem Himmel ein wenig näher zu fühlen, begegnen mit derzeit viele Menschen, die es mir gleichtun. Wir begrüßen uns freundlich, um dann in gebührendem Abstand aneinander vorbeizugehen, damit wir unsere Teilfreiheit nicht aufs Spiel zu setzen.

Einige meiner Schüler*innen fragen mich in diesen Tagen oft, manche sogar tagtäglich, wie lange das wohl noch dauern möge. Das Eingesperrtsein. So empfinden es manche. Denn sie dürfen nicht raus. Nicht so „raus“, wie sie es in diesem Alter gewohnt waren. Rausgehen heißt: Auf die Straße gehen, abhängen, Freunde treffen. „Kommst du nachher raus?“ Es klingt mir in den Ohren, wie sie sich das freitags an warmen Tagen oft fragten. Freitags, am Tag mit dem „frei“ im Namen, wenn der Nachmittag unterrichtsfrei ist und man die Freiheit und Zeitlosigkeit des Wochenendes noch vor sich sieht. Das ist das Freisein der Jugendlichen, die sich die Selbstständigkeit erobert und erkämpft haben, alleine rausgehen zu dürfen, ohne elterliche Kontrolle. Wann darf man das wieder?
Ich weiß es nicht. Das ist es, was ich ihnen sagen muss. Ich bin ehrlich, gerade in meiner Unsicherheit. Es ist ja nicht so, dass wir Lehrer*innen immer alles wüssten, auch wenn man uns das manchmal unterstellt. Ich hoffe aber, wir gewinnen in absehbarer Zeit das Freisein, welches uns immer so selbstverständlich erschien, dass es uns nie auffiel, stückweise zurück. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, dass wir alle in diesen Zeiten die Erfahrung machen müssen, am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn man unfrei und begrenzt ist. Nur, wenn man das Freisein kennt, weiß man auch, was zu verlieren und zu verteidigen ist.

Derzeit müssen wir uns leider mit dem Spazierengehen begnügen, um uns ein wenig frei zu fühlen. Wir gönnen uns diesen Freigang. Allein. Oder zu zweit.

Meine lieben Schüler*innen, falls ihr das hier lest: Geht doch wieder einmal spazieren. Allein oder zu zweit. Mit so viel Abstand, dass ihr die Freiluft zwischen euch spüren und die Enge eurer Wohnungen für eine Weile vergessen könnt. Ich weiß, es erscheint euch wahrscheinlich abwegig. Selbst wenn, probiert es einfach aus und achtet mal darauf, wie eure Gedanken in der frischen und freien Luft spazieren gehen und alle Grenzen sprengen. Erinnert ihr euch noch, wie wir als frische Sechstklässler die neuen Fünfer mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ begrüßt haben? In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, wirklich (schul-)freies Wochenende, mit einem zarten Geschmack von Freiheit.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

Volksweise (um 1815)