Bildungsweise

Susanne Posselt

Schuljahresmotto 2026/27 (Teil 2): Warum Kompetenzerleben der Motor für Entwicklung und Wirksamkeit ist

Teil 2 einer Beitragsreihe zur Selbstbestimmungstheorie nach Deci & Ryan.

Am Wochenende war ich wieder einmal in den Bergen. Ich liebe die Berge. Von oben in die Ferne zu schauen, erfüllt mich jedes Mal mit einer tiefen Zufriedenheit und Dankbarkeit. Nun haben Berge jedoch die Eigenschaft, dass es eine gewisse Anstrengung erfordert, hinaufzugelangen – zumindest dann, wenn keine Gondel fährt. Der Weg auf diesen Gipfel war durchaus beschwerlich. Es waren einige hundert Höhenmeter, und ich war ganz schön erschöpft, als ich endlich oben ankam. Aber ich habe es geschafft. Ich war stolz und glücklich. Ich kann etwas: Ich kann aus eigener Kraft auf einen Berg klettern und mich an der Aussicht erfreuen.

Genau diesem Gefühl – dem Kompetenzerleben – widme ich den zweiten Teil meiner Beitragsreihe zu meinem Schuljahresmotto, der Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT) nach Edward L. Deci und Richard M. Ryan.

Wer schon einmal beobachtet hat, mit welcher Begeisterung ein Kind strahlt, wenn es nach langem Probieren zum ersten Mal ganz allein eine schwierige Aufgabe bewältigt hat, erahnt die transformative Kraft dieses Bedürfnisses. Alleine essen, Fahrrad fahren, ein Puzzle zusammensetzen – „alleine“ war nicht ohne Grund eines der ersten Wörter, die meine Kinder sprechen konnten. Kinder wollen lernen und etwas können. Aber auch in meiner täglichen Arbeit sehe ich immer wieder: Wir Menschen streben von Natur aus danach, uns wirksam zu fühlen, Herausforderungen zu meistern und Fortschritte an uns selbst wahrzunehmen.

Wer die Jugendlichen aus dem neu gegründeten Catering-Team an unserer Schule erlebt hat, als sie zum ersten Mal das Buffet für die Dienstbesprechung des Staatlichen Schulamtes präsentierten, konnte diese Energie förmlich spüren: Da waren Schülerinnen und Schüler dabei, die sich vielleicht zum allerersten Mal im schulischen Kontext als wirksam und wichtig erleben durften. Das Gleiche galt für die Jugendlichen, die im vom Rotary-Club geförderten Projekt B2Win aus Einzelteilen selbst ein funktionsfähiges Kart mit elektrischem Antrieb entworfen und zusammengebaut hatten.

Das Wesen des Kompetenzerlebens

Kompetenzerleben beschreibt das tiefe Bedürfnis, eigene Fähigkeiten erfolgreich einzusetzen, Aufgaben zu bewältigen und einen gezielten Zuwachs an Wissen und Können zu spüren. Es geht dabei keineswegs um fehlerfreie Perfektion, sondern um die grundlegende Erfahrung, etwas bewirken zu können und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Das Erleben der eigenen Wirksamkeit ist gewissermaßen der Motor für intrinsische Motivation und persönliches Wachstum. Fehlt dieses Gefühl hingegen – sei es durch dauerhafte Überforderung, fehlendes Feedback oder eine reine Orientierung an Defiziten –, schlägt die Motivation schnell in Hilflosigkeit, Frustration oder Schutz- und Vermeidungsverhalten um. Für das Thema Kompetenzerleben gilt daher genauso wie für die soziale Eingebundenheit: Es entfaltet seine Wirkung auf allen Ebenen unseres Schul- und Bildungsalltags. Der Schulpsychologe Benedikt Wisniewski bringt in seinem Podcast sehr anschaulich auf den Punkt, wie eng Wirksamkeitserfahrungen mit Lernmotivation und Unterrichtsqualität zusammenhängen.

Entscheidend ist dabei: Das Grundbedürfnis nach Kompetenzerleben haben nicht nur die Kinder, sondern wir alle. Deshalb versuche ich, dieses Prinzip den Menschen in meinem Umfeld nicht nur bewusst zu machen, sondern es in meinen verschiedenen beruflichen und ehrenamtlichen Handlungsfeldern auch ganz konkret vorzuleben und mit Leben zu füllen.

Wirksamkeit in der Schulleitung vorleben

In der Schulleitung bedeutet die Förderung von Kompetenzerleben vor allem, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Lehrkräfte in ihrem täglichen Handeln gestärkt und handlungsfähig fühlen. Eine wirksame Führung zielt darauf ab, die individuellen Potenziale im Kollegium zu erkennen und gezielt einzusetzen. Entwicklungs- und Jahresgespräche nutzen wir daher primär, um den Blick darauf zu lenken, welche Stärken weiter ausgebaut werden können. Wirksamkeit wächst außerdem dort, wo Fehler nicht als Versagen, sondern als natürliche und wertvolle Lernchancen begriffen werden. Eine transparente, fehlerfreundliche Kultur senkt den Erwartungsdruck und stärkt das gegenseitige Vertrauen, auch einmal neue pädagogische Wege mutig auszuprobieren.

Kompetenzerleben im Unterricht ermöglichen

Im Klassenzimmer oder Lerngruppenraum bildet das Gefühl eigener Wirksamkeit die Grundvoraussetzung für nachhaltigen Lernerfolg. Schülerinnen und Schüler benötigen Aufgabenstellungen in der Zone der nächsten Entwicklung, die sie im genau richtigen Maß herausfordern, ohne sie zu unter- oder zu überfordern. Durch formatives, prozessbezogenes und kriterienorientiertes Feedback – oder auch durch die direkte Erfahrung am konkreten Lerngegenstand im projektorientierten Arbeiten – erfahren die Lernenden sehr konkret, welche Fortschritte sie gemacht haben. Sie lernen dadurch nicht bloß für eine Prüfung oder eine Note, sondern erleben aus sich heraus die echte Freude an der eigenen Leistungsfähigkeit.

Kollektive Selbstwirksamkeit im Kollegium und auf Schulleitungsebene

Schule ist ein Ort der Gemeinschaft, und das gilt in hohem Maße auch für das eigene Wirksamkeitsgefühl. Im Miteinander unter Kolleginnen und Kollegen bedeutet Kompetenzerleben vor allem gegenseitige Bestärkung. Es hängt eng mit dem im ersten Teil beschriebenen Gefühl der sozialen Eingebundenheit zusammen. Wenn wir Positives im Schulalltag bewusst sichtbar machen, gelungene Unterrichtsideen miteinander teilen und einander ehrlich für geleistete Arbeit anerkennen, stärken wir die kollektive Selbstwirksamkeit und das verbindende Gefühl, gemeinsam viel an unserer Schule bewegen zu können.

Ein Dilemma liegt jedoch darin, dass Schulleitungen durch die hierarchische Organisation von Schule und ihre Rolle als Dienstaufsicht in der ebenbürtigen Gemeinschaft des Kollegiums oft außen vor bleiben – und im turbulenten Schulalltag oft zu wenig Gelegenheit zur gegenseitigen Stärkung auf Schulleitungsebene bleibt. Ich möchte daher kritisch anmerken, dass der Dienstherr sich Strategien zur sozialen Einbindung und zur Ermöglichung von Kompetenzerleben auch gezielt auf Schulleitungsebene überlegen sollte.

Wirksame Impulse in der Lehrkräftefortbildung

Bei der Lehrkräftefortbildung beim ZSL verknüpft sich das Kompetenzerleben direkt mit der Weiterentwicklung von Unterrichtsqualität und der Bewältigung pädagogischer Herausforderungen. Fortbildungsangebote müssen stets so konzipiert sein, dass Lehrkräfte nicht nur theoretisches Wissen präsentiert bekommen, sondern direkt anwendbares Handwerkszeug mitnehmen, das ihre Selbstwirksamkeit im Klassenzimmer unmittelbar steigert. Insbesondere beim Umgang mit herausforderndem Schülerverhalten hilft das Verstehen motivationaler Prozesse dabei, aus einer Haltung der Ohnmacht wieder in ein aktives, wirksames Handeln zu gelangen.

Handlungsfähigkeit durch Personalratsarbeit sichern

In der Personalratsarbeit ist die Ermöglichung von Wirksamkeit eng mit dem Gesundheitsschutz verbunden. Wenn Lehrkräfte das Gefühl verlieren, in ihren Kernaufgaben – dem Unterrichten und Erziehen – wirksam zu sein, weil sie zunehmend in bürokratischen Hürden feststecken, steigt das Burnout-Risiko spürbar an. Als Personalvertretung im Hauptpersonalrat setzen wir uns deshalb konsequent für Rahmenbedingungen ein, die echte professionelle Handlungsspielräume sichern und die Qualifizierung aller Beschäftigten nachhaltig fördern.

Motivation im ehrenamtlichen Engagement stiften

Besonders das Ehrenamt lebt von dem Gefühl, etwas bewegen oder besonders gut zu können. In der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) engagieren sich Mitglieder dann nachhaltig, wenn sie spüren, dass ihre Stimme zählt und ihre Beiträge konkrete Veränderungen bewirken. Zielgerichtete Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote geben Ehrenamtlichen das nötige Rüstzeug an die Hand, um die gewerkschaftliche Vertretung vor Ort kompetent und selbstbewusst zu gestalten.

Fazit und Ausblick

Das Kompetenzerleben ist kein Zufallsprodukt, sondern das Resultat von gezielter Wertschätzung, passgenauen Herausforderungen und einer positiven Feedbackkultur. Während die soziale Eingebundenheit das emotionale Fundament bildet, liefert das Erleben eigener Wirksamkeit die notwendige Energie für kontinuierliche Weiterentwicklung und Innovation im Bildungssystem.

Im nächsten und letzten Teil meiner Beitragsreihe werde ich mich der dritten Säule der Selbstbestimmungstheorie widmen: der Autonomie und dem Erleben von echten Gestaltungsspielräumen.

Mich interessiert deine Perspektive:

  • Wann und wo hast du in deinem Schul- oder Arbeitsalltag zuletzt ein besonders starkes Gefühl von eigener Wirksamkeit erlebt?
  • Wie gelingt es euch im Kollegium oder Team, Erfolge und individuelle Lernfortschritte sichtbar zu machen?

Schreib deine Gedanken gerne in die Kommentare oder diskutiere mit auf Instagram und LinkedIn!

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