Leben mit einem Nabelstoma. Ein Beitrag zum Welt-Stoma-Tag
Heute ist Welt-Stoma-Tag. Ein Tag, der in vielen Kalendern unbemerkt verstreicht, für mich und Millionen anderer Menschen weltweit aber eine ganz besondere Bedeutung hat. Es ist ein Tag des Bewusstmachens, der Aufklärung, vor allem aber: der Dankbarkeit.
Wenn Menschen das Wort „Stoma“ hören, denken die meisten sofort an einen sichtbaren Beutel an der Bauchdecke. Doch die moderne Medizin bietet auch faszinierende und unsichtbare Lösungen. Ich selbst lebe mit einem sogenannten Mainz-Pouch I. Das ist eine Form des kontinenten künstlichen Blasenausgangs, die mir ein völlig normales, aktives und selbstbestimmtes Leben ermöglicht.
Die Diagnose und der Weg zur Entscheidung
Dass ich heute über dieses Thema schreibe, lag vor gut zwei Jahren außerhalb meiner Vorstellungskraft. Im März 2024 erhielt ich die Diagnose „Muskelinvasiver Blasenkrebs“. Ein Schock, der mir – wie wohl jedem Menschen in einer solchen Situation – erst einmal den Boden unter den Füßen wegzog.
Nach der ersten Verunsicherung und ausführlichen medizinischen Aufklärungsgesprächen und Beratungen stand fest, dass die Blase entfernt werden musste. Ich habe mich daraufhin nach Abwägung verschiedener Alternativen bewusst für den Mainz-Pouch I entschieden. Seit Juli 2024 lebe ich nun mit dieser Lösung. Dieser Schritt hat mir mein Leben in einer Weise zurückgegeben, für die ich unendlich dankbar bin.
Der Mainz-Pouch I als künstlicher Blasenersatz
Beim Mainz-Pouch I wird aus körpereigenem Gewebe (einem Teil des Darms) eine neue Ersatzblase geformt. Der Ausgang nach außen – das Stoma – wird unauffällig im Bauchnabel platziert. Mithilfe eines Ventilsystems bleibt der Pouch vollkommen dicht. Mehrmals am Tag entleere ich diese Ersatzblase ganz einfach und schmerzfrei über einen kleinen Katheter. Kein Beutel auf dem Bauch, keine Einschränkungen bei der Kleidung, volle Kontrolle über den eigenen Alltag.
Ein Stück Lebensqualität zurückgewonnen
Der Weg von der Krebsdiagnose über die Operation bis hin zur Eingewöhnung erforderte Mut, Geduld und Vertrauen. Doch wenn ich heute auf meinen Alltag blicke, empfinde ich vor allem eines: tiefste Dankbarkeit.
Ich kann reisen, wandern, mitten im Leben stehen, mich meinen Herzensprojekten widmen und meinen Alltag genießen – ohne ständig von Angst oder Einschränkungen begleitet zu werden. Mein Nabelstoma ist kein Makel und kein Hindernis. Es ist das Ergebnis einer medizinischen Errungenschaft, die mir das Leben gerettet und mir meine Freiheit zurückgegeben hat.
Tabus brechen, Mut machen
Eine Krebsdiagnose und die damit verbundenen körperlichen Veränderungen sind in unserer Gesellschaft immer noch oft mit Scham oder Verunsicherung besetzt. Genau deshalb schreibe ich diesen Beitrag. Wir müssen aufhören, Stomata als bloße Einschränkung zu sehen – sie sind Lebensretter und Lebensqualität-Möglichmacher.
An alle, die vielleicht gerade erst eine schwere Diagnose erhalten haben, vor einer Entscheidung stehen oder sich im Anpassungsprozess befinden: Habt Vertrauen. Die moderne Chirurgie eröffnet Wege, die man sich im ersten Schockmoment oft kaum vorstellen kann.
Mein Pouch gehört zu mir. Er erinnert mich jeden Tag daran, wie wertvoll das Leben ist und wie dankbar wir für die medizinischen Möglichkeiten unserer Zeit sein können.