Bildungsweise

Susanne Posselt

Konrektorin – Ein Blick hinter die Kulissen der „zweiten Reihe“

Hätte man mich vor einigen Jahren gefragt, ob ich einmal eine Leitungsfunktion in der Schule anstrebe, wäre meine Antwort zwar nicht kategorisch, aber doch eher ablehnend gewesen. Die Entscheidung für das Studium und den Beruf der Lehrerin war seinerzeit sehr bewusst – als studierende Mutter habe ich unheimlich viel Energie investiert, um endlich selbst vor einer Klasse zu stehen und die pädagogische Verantwortung für eine Lerngruppe zu tragen. Der Gedanke an reine Verwaltung und Administration wirkte auf mich damals eher abschreckend.

Erst durch mein Engagement in der Steuergruppe und später in der erweiterten Schulleitung begann sich meine Perspektive zu verändern. Im Laufe meines berufsbegleitenden Masterstudiums reifte schließlich die Erkenntnis: Die Leitungsebene passt vielleicht doch zu mir. Ich informierte mich intensiver, wog Für und Wider ab – und wagte am Ende bekanntlich den Schritt.

Heute spüre ich, dass dieser Weg genau der richtige war. Genau deshalb erreichen mich in letzter Zeit immer häufiger Anfragen von Kolleginnen und Kollegen, die selbst mit dem Gedanken spielen, sich auf eine Stelle in der stellvertretenden Schulleitung zu bewerben. Sie suchen nach Orientierung, Tipps für den Bewerbungsprozess und einem ehrlichen Blick hinter die Kulissen der „zweiten Reihe“.

Eine Antwort darauf kann natürlich immer nur aus meiner ganz persönlichen, subjektiven Sicht erfolgen. Allgemeingültige Rezepte oder Patentlösungen kann und will ich nicht liefern. Meine eigene Situation ist ohnehin speziell, da ich von Anfang an auf mehreren „Hochzeiten“ gleichzeitig tanze: Neben meinem Amt als Konrektorin bin ich für das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) tätig und engagiere mich sowohl im Hauptpersonalrat als auch in der GEW. Solange ich diese verschiedenen Aufgaben gut unter einen Hut bekomme, sie mir Freude bereiten und ich das Gefühl habe, wirksam zu sein, werde ich daran auch nichts ändern.

Die ZSL-Tätigkeit erweitert mein Blickfeld – Lehrerbildung ist eines meiner Herzensthemen und mir gefällt dieser regelmäßige Perspektivwechsel. Mein Personalratsmandat und meine gewerkschaftlichen Ämter wiederum sind Wahlämter, die ich mit großem Verantwortungsgefühl und Demut ausübe. Falls ich eines Tages nicht mehr gewählt werden sollte, ist es vielleicht auch an der Zeit zu gehen. Ich blicke diesbezüglich sehr entspannt in die Zukunft, weil mein Herz nach wie vor vor allem an der pädagogischen Praxis hängt.

Wenn mich nun also jemand fragt, wie es wirklich ist, als Konrektorin zu arbeiten, und worauf man vor einer Bewerbung achten sollte, versuche ich immer, ein realistisches Bild zu zeichnen. Doch was macht diese Rolle eigentlich aus – und vor allem: Was macht sie so erfüllend?

Was ich an meinem Amt liebe und warum ich es übernommen habe: Gestalten aus der zweiten Reihe

Warum habe ich mich nach reiflicher Überlegung für die Bewerbung auf diese Position entschieden, obwohl für mich klar war, dass ich auch weiterhin auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen würde? Ganz einfach: Weil die Gestaltungsmöglichkeiten trotz aller Rahmenbedingungen wunderschön sind und mir tägliche Erfüllung schenken.

  • Die Arbeit mit den Menschen: Ich liebe es, genau hinzuschauen und nach Potenzialen zu suchen. Ich empfinde es als tief erfüllend, Kolleginnen und Kollegen in ihrer Entwicklung zu begleiten, Stärken zu entdecken und diese gewinnbringend für unsere Schule einzusetzen.
  • Die Erdung in der Praxis: Bei aller Bürokratie, Schulentwicklung und Hierarchie – ich bin und bleibe Lehrerin. Ich bin unheimlich gerne vor Ort in der Praxis, direkt bei den Kindern. Dieser Bezug zur Basis ist mein Kompass. Er erinnert mich jeden Tag daran, für wen wir diese ganze Leitungs- und Verwaltungsarbeit eigentlich machen.
  • Der Blick auf das große Ganze: In der zweiten Reihe hat man die perfekte Perspektive. Ich genieße es, strategisch zu planen, Strukturen zu hinterfragen und Dinge immer wieder neu zu betrachten. Nichts muss so bleiben, wie es ist, nur weil es „schon immer so war“. Wir können Schule aktiv besser machen.

So bereichernd die Rolle ist, bringt sie natürlich auch ganz handfeste Unterschiede zum klassischen Unterrichtsalltag mit sich, auf die man vorbereitet sein sollte.

Was ist der größte Unterschied zum „normalen“ Lehrerinnendasein?

Arbeitszeit und Präsenz: Ich arbeite in Unterrichtswochen oft sehr viel, deutlich mehr als ohne Leitungsfunktion, habe viele Abend- und auch Wochenendtermine und komme damit regelmäßig – auch nach Abzug von Ferien und Urlaub – auf mehr als die vorgeschriebenen 41 Wochenstunden in einem vollen Deputat. Oft sind es um die 48 Stunden, manchmal auch mehr. Die Ferien sollen diese Mehrarbeit ausgleichen, was ehrlich gesagt kaum gelingt. Auch in den Ferien muss man in der Leitung präsent und ansprechbar sein – deutlich mehr als in der Rolle der „normalen“ Lehrkraft. Das muss einem vor Übernahme einer solchen Rolle bewusst sein.

Repräsentation und Netzwerke: Das Aufgabenspektrum und vor allem meine eigene Rolle haben sich radikal verändert. Plötzlich gehören repräsentative Aufgaben ganz selbstverständlich zum Alltag. Manchmal bedeutet das einfach: Präsenz zeigen, lächeln und nicken, Smalltalk und Netzwerke pflegen – auch wenn einem nach einem langen Tag vielleicht nicht danach zumute ist. Man gewöhnt sich daran, und glücklicherweise kann ich mich schnell auf unbekannte Situationen einlassen und habe ein großes Interesse an anderen Menschen und ihren Geschichten.

Die Last der Geheimnisträgerin und die Isolation in Leitung: Viel schwerer wiegt jedoch ein anderer Aspekt, den ich anfangs etwas unterschätzt habe: Als Konrektorin wird man unweigerlich zur Geheimnisträgerin. Man erhält Einblicke in Prozesse, Personalien und Hintergründe, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Das führt dazu, dass nicht alle Entscheidungen sofort oder in vollem Umfang nach außen kommuniziert werden dürfen. In diesen Momenten kann das Amt auch einsam machen, weil die Amtsverschwiegenheit verbietet, belastende Dinge durch die Kraft einer Gruppe besser tragen zu können. Man trägt das Wissen mit sich herum und muss im Kollegium dennoch die professionelle Distanz wahren.

Generell muss man ehrlich sagen: In Leitungspositionen ist man häufiger einsam. Man gehört nicht mehr im klassischen Sinne zum Kollegium dazu, die gewohnte Gemeinschaft verändert sich spürbar. Gleichzeitig besteht das Schulleitungsteam vor Ort im Zweifel nur aus zwei Personen. Andere Schulleitungen trifft man im Schulalltag nur selten, wodurch direkte Austauschmöglichkeiten auf derselben Ebene oft fehlen.

Das Dilemma der Sandwichposition

In der Position der Konrektorin ist man darüber hinaus mittendrin im klassischen Dilemma der Sandwichposition. Man befindet sich permanent im Spannungsfeld zwischen der Ebene „oben“ und der Basis „unten“. Auf der einen Seite muss ich als Schulleitungsmitglied auch Entscheidungen vertreten, die vom Ministerium oder dem Regierungspräsidium diktiert werden – ob sie mir im Detail gefallen oder not. Auf der anderen Seite gilt es tagtäglich, zwischen den unterschiedlichsten Bedürfnissen von Lehrkräften, Eltern und der Schülerschaft abzuwägen und hier immer wieder auch Entscheidungen im Sinne des Gesamtsystems gegen die Interessen einzelner durchzusetzen und zu vertreten.

Man lernt schnell die harte Lektion: Man kann es nie allen recht machen. Widerstand, Gegenwind und enttäuschte Erwartungen gehören schlichtweg zum Geschäft dazu. Wenn man eine Entscheidung treffen oder vertreten muss, die unpopulär ist, bekommt man das ungefiltert zurück. Und hier zeigt sich eine interessante Facette unseres Berufsfelds: Auch erwachsene Profis, die tagtäglich Kinder und Jugendliche in ihrer emotionalen Entwicklung begleiten, können sich selbst im schulischen Alltag nicht immer regulieren. Es menschelt eben überall. Emotionen kochen hoch, sachliche Themen werden persönlich genommen, und Frust wird manchmal an der Schulleitung abgeladen. Das muss man aushalten können, ohne es persönlich zu nehmen. Wichtig ist, bei alldem immer gesprächsbereit zu bleiben und Entscheidungen mit so viel Transparenz wie möglich zu treffen.

Klarheit in der Hierarchie und lange Atemzüge

Was die Sache nicht immer leichter macht: Die konkrete Aufgabenverteilung im Konrektorat ist gesetzlich nirgendwo starr festgelegt. Es gibt kein allgemeingültiges Handbuch, das einem die Zuständigkeiten diktiert. Wie die Lasten verteilt werden, wird ganz individuell im jeweiligen Schulleitungsteam verhandelt und festgelegt. Das erfordert ein hohes Maß an Absprache, Vertrauen und Flexibilität im Team.

Dabei darf man sich jedoch keinen Illusionen hingeben: Unser Schulsystem ist und bleibt zutiefst hierarchisch. Egal wie partnerschaftlich, demokratisch oder auf Augenhöhe ein Schulleitungsteam agiert – am Ende des Tages trägt der oder die Schulleiter:in die Hauptverantwortung und hat das letzte Wort. Als Konrektorin bereitet man vor, berät, managt und steuert, aber die Letztentscheidung liegt eine Etage höher. Das muss man wissen, akzeptieren und damit gut leben können.

Hinzu kommt der enorme bürokratische Apparat. Eine große Grund- und Gemeinschaftsschule ist ein komplexes Konstrukt, das organisiert werden will. Zwar bin ich in der (aus meiner Sicht) glücklichen Lage, dass die Vertretungs- und Aufsichtspläne nicht in meinen direkten Aufgabenbereich fallen, aber die verbleibende Planerei ist dennoch gewaltig. Konzeptarbeit, endlose Sitzungen, Abstimmungen und bilaterale Gespräche füllen den Kalender. Um all diese dicken Bretter zu bohren, braucht man vor allem eines: Geduld und einen sehr langen Atem. Schulentwicklung ist eben kein Sprint, sondern ein Marathon.

Was du vor dem Schritt in die Bewerbung tun solltest

Wenn mich heute Kolleginnen und Kollegen fragen, worauf es ankommt, wenn man diesen Weg einschlagen möchte, gebe ich ihnen immer ein paar konkrete Schritte an die Hand. Bevor du eine Stelle in Erwägung ziehst, solltest du daher ein paar wesentliche Hausaufgaben machen:

  • Das Schulleitungsteam abklopfen: Eine zweite Reihe kann nur so gut funktionieren, wie die erste Reihe es zulässt. Such das Gespräch mit der Schulleitung der Zielschule. Stimmt die Chemie? Gibt es ein gemeinsames Verständnis von Führung und Kommunikation? Wenn du hier kein Vertrauen spürst, wird die Sandwichposition zur Zerreißprobe.
  • Die Aufgabenverteilung klären: Da die Zuständigkeiten im Team verhandelt werden, solltest du im Vorfeld ausloten, welche Aufgaben aktuell offen sind oder neu verteilt werden sollen. Passt das Profil zu deinen Stärken? Kannst du dort deine Potenziale einbringen?
  • Das Gespräch mit der Einstellungsebene suchen: Geh ins Gespräch mit dem Schulamt oder dem Regierungspräsidium. Oft gibt es dort bereits sehr konkrete Vorstellungen darüber, welche Persönlichkeit für die jeweilige Schule gesucht wird und wer gut in das bestehende Team passen könnte. Diese Einblicke sind Gold wert.
  • Die Personalratsebene kontaktieren: Wende dich an den Personalrat. Dort kennt man die Schulen vor Ort meist sehr genau und kann dir wertvolle, unabhängige Hinweise auf die spezifischen Gegebenheiten, Besonderheiten oder aktuellen Herausforderungen der Schule geben.
  • Die eigene Belastbarkeit prüfen: Schau ehrlich auf deine Ressourcen. Bist du bereit, ein deutlich höheres Arbeitspensum zu stemmen? Hast du die emotionale Abgrenzung, um mit unpopulären Entscheidungen, Widerständen und dem ganz normalen „Menscheln“ im System umzugehen?

Mein Fazit: Herzliche Einladung zur zweiten Reihe!

Das Konrektorat ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die Kraft, Zeit, Geduld und Reflexion erfordert. Man lernt, in der Sandwichposition Balance zu halten und emotionale Wellen im System mit professioneller Gelassenheit zu nehmen.

Doch die Kehrseite – und die wiegt für mich um ein Vielfaches schwerer – ist die wunderbare Chance, eine Schule ganz praktisch von innen heraus positiv zu prägen, Kolleginnen und Kollegen zu stärken und den Lebensraum Schule für unsere Kinder jeden Tag ein Stückchen besser zu machen.

Wenn du all die Gespräche geführt hast, die Rahmenbedingungen kennst, die hierarchischen Structures für dich akzeptieren kannst und dein Bauchgefühl dann immer noch stimmt: GO! Wage diesen Schritt. Es ist eine wunderschöne, bereichernde Aufgabe. Denn Wirksamkeit ist das schönste Privileg, das wir in der Schule haben können!

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