Mit Abstand

Zuversicht ist Einsicht auf Aussicht

Ernst Ferstl *1955

Rückblick – Ausblick – Weitblick

2020

Was für ein Jahr.

2020 bin ich viel zu Fuß unterwegs gewesen. Mit Hund. Ohne Hund. Auf gut ausgebauten und geteerten Wegen, viel häufiger aber auf neuen Wegen, Seitenwegen, Trampelpfaden, oft jenseits der Wege, manchmal auch auf Abwegen. Ich habe die Gegend rund um meinen Wohnort ganz neu kennengelernt, habe Orte entdeckt, die mir in den 20 Jahren, in denen ich mittlerweile hier wohne, noch nie aufgefallen waren. Sie und das Foto mit dem abendlichen Blick auf die Dächer von Karlsruhe sind Sinnbild für neue Perspektiven auf das vergangene, aber auch im Hinblick auf das kommende Jahr.

Leben mit Corona

Das alles beherrschende Thema in diesem Jahr war sicher die Pandemie: Corona – COVID-19. Im Moment habe ich das Gefühl, es ist alles gesagt. Das schreckliche Virus mit dem schönen Namen hat viel verändert. Zum Glück sind wir als Familie bisher nur indirekt betroffen, es gab keine bekannte Infektion. Die Auswirkungen waren dennoch in vielerlei Hinsicht bestimmend für unseren Alltag, auch wenn uns sehr bewusst ist, dass unsere Einschränkungen allenfalls Luxusprobleme sind: Viele Pläne lösten sich im Laufe des Jahres in Luft auf: Geplante Reisen konnten nicht angetreten werden, Konzerte mussten abgesagt werden oder durften nur in Kleinstgruppen und unter strengen Hygienebedingungen stattfinden. Wir konnten zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten nicht mit unseren Eltern feiern. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Glücklicherweise war auch Erfreuliches zu verzeichnen: Es gab einen bestandenen Einstellungstest, einen Auszug, bestandene Prüfungen, zwei Abschlüsse, den Eintritt in eine Berufsausbildung, einen Schulwechsel auf eine weiterführende Schule und einen 18. Geburtstag. Ereignisse, die unter anderen Bedingungen Anlass zum Feiern gewesen wären. So waren sie eher beiläufig. Dennoch waren sie bedeutend. Wir haben sie für uns gefeiert. Im Kleinen und in Dankbarkeit dafür, dass wir in diesem Jahr gut davongekommen sind. Unsere Reise in die Bretagne konnten wir im August antreten. Die Weite des Meeres und die Wildheit der Landschaft ließ die Pandemie eine Weile in Vergessenheit geraten. Dank unseres wunderbaren und stets zuversichtlichen Kantors Peter Gortner liefen die Proben mit dem Oratorienchor Karlsruhe praktisch ohne Unterbrechung weiter, je nach Infektionslage per Zoom, in Kleingruppen oder in der Christuskirche mit wechselnden, stets aber ausreichenden Abständen. Höhepunkt in diesem Jahr waren die Vorbereitungen und das Probenwochenende für das Requiem 2.0 für Mozart. Auch an Heiligabend durften wir unter strengen Hygienebedingungen singen.

So ambivalent dieses Fest in diesem Jahr für mich war: Da hat es sich angefühlt wie Weihnachten. Und selbst unter einer FFP2-Maske kann man Hoffnung spüren.

Arbeit, Schule und Studium unter Pandemiebedingungen

Auch unser Arbeitsleben war mal mehr, mal weniger geprägt von den wechselnden Rahmenbedingungen. Während mein Mann nach einer Präsenzphase im Sommer seit einigen Wochen bis auf Weiteres im Homeoffice arbeitet, war das Schul- und Studienjahr für mich als Lehrerin, aber auch für unsere Kinder, mit ständig neuen Herausforderungen verbunden.

Nachdem die ersten Wochen vor sich hingeplätschert waren und sich in meiner siebten Klasse eine gewisse Arbeitsroutine eingestellt hatte, gab es bereits in den Faschingsferien Hinweise darauf, dass das neue Virus aus dem fernen China auch für uns bedeutsam werden könnte. Dann ging es Schlag auf Schlag, die Schulen schlossen und jegliche Berufs- und Studientätigkeit wurde in die häusliche Umgebung verschoben. Plötzlich benötigten in unserem Haushalt mindestens sechs Endgeräte gleichzeitig und regelmäßig eine größtmögliche Internetbandbreite, um an Videokonferenzen teilnehmen zu können und den Kontakt zur Außenwelt nicht abbrechen zu lassen. Wir hatten Glück, in den meisten Fällen war dieser Draht zur Welt zuverlässig.

Für meine Schüler*innen war der Anfang holprig. Nach wochenlangem technischen Support, unzähligen Telefonaten und auch Hausbesuchen sowie intensiver persönlicher Fortbildung in digitalen Belangen (Hier sei vor allem das #Twitterlehrerzimmer genannt, ohne dessen Hilfe ich niemals so schnell und kompetent Antworten auf meine vielen Fragen erhalten hätte) waren wir gegen Ende des Schuljahres gut aufgestellt. Über diese Zeit habe ich hier auf dem Blog intensiv berichtet. Einer meiner Artikel aus der Zeit der beginnenden Schulöffnung wurde auch in der GEW-Mitgliederzeitschrift b&w veröffentlicht. Man findet ihn in der ursprünglichen Version hier und in der digitalen Version des gedruckten Heftes hier auf Seite 30.

Über unseren Schulentwicklungsprozess mit Moodle habe ich ebenfalls geschrieben. Den Artikel kann man hier lesen.

Das erste Schulhalbjahr in diesem Schuljahr war gleichermaßen mühsam wie erfreulich. Ich habe die große Freude, in einem außerordentlich engagierten Jahrgangsteam in wertschätzender Umgebung mit freundlichen und interessierten Schüler*innen an der Anne-Frank-Schule in Karlsruhe arbeiten zu dürfen. Bei allen Einschränkungen und der Sorge um die Gesundheit unserer Angehörigen waren die Zeiten des persönlichen Kontakts mit Kolleg*innen und Schüler*innen in der Schule wertvoll. Wir haben eine gute Basis legen können, um nun auch mit reduziertem Kontakt gut weiterarbeiten zu können, sollte das notwendig werden. Ich hoffe auf verantwortungsvolle und weitsichtige politische Vertreter*innen, die unsere Potenziale auch in Pandemiezeiten sehen und nutzen.

GEW – Für eine Schule mit guten Lern- und Arbeitsbedingungen

Für mich persönlich war das Jahr 2020 auch mit Entscheidungen verbunden, die sich bereits 2019 angekündigt hatten, nun aber unter völlig veränderten Bedingungen Gestalt annahmen. Bereits im Herbst 2019 war ich gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, politische Verantwortung in der GEW Nordbaden zu übernehmen und dort für den stellvertretenden Vorsitz zu kandidieren, für den mir die Delegierten im November 2020 dann auch das Vertrauen aussprachen.

Schon seit dem Schuljahr 2019/20 bin ich für die GEW Mitglied im ÖPR Karlsruhe, weil ich der Überzeugung bin, dass gute Schule nur gelingen kann, wenn die Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten angemessen sind. Durch die Personalratsarbeit kann ich wenigstens etwas Einfluss auf Rahmenbedingungen in den schulischen Verwaltungsstrukturen nehmen, bei denen die Fürsorgepflicht unseres „Dienstherren“ (in diesem Fall ist die „Herrin“ bislang eine Frau, was sich mit den anstehenden Landtagswahlen im kommenden Jahr ändern könnte) für die Beschäftigten oft hinter deren Dienst- und Treuepflicht zurücksteht. Gerade nach diesem Jahr kann man nicht oft genug betonen, dass dieses besondere Dienstverhältnis im Beamtentum auf Gegenseitigkeit beruht.

In der GEW Nordbaden bin ich nun seit diesem Schuljahr als stellvertretende Vorsitzende für den Bereich Gewerkschaftliche Bildung zuständig. Während diese Tätigkeit in „normalen Jahren“ mit vielen Begegnungen und intensiver bildungs- und gewerkschaftspolitischer Arbeit in nordbadischen Tagungsstätten verbunden gewesen wäre, haben alle bisherigen Veranstaltungen ausschließlich digital stattgefunden. Immerhin: Es ist uns gelungen, digitale Vernetzungsmöglichkeiten zu finden und den Kontakt zu unseren Kolleg*innen, die wir vertreten, nicht zu verlieren.

Gemeinschaftsschule

Ein weiteres Amt, für das ich in diesem Jahr die Verantwortung übernommen habe, steht für ein Herzensthema: Die Gemeinschaftsschule.

Seit September 2020 bin ich Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemeinschaftsschulen in der GEW Baden-Württemberg.

Ich bin schon lange Mitglied in der GEW und auch lange Mitglied im Verein für Gemeinschaftsschulen. Beide Mitgliedschaften sind mir unter unterschiedlichen Perspektiven wichtig. Die GEW als bildungspolitische Gewerkschaft, in der es um das für mit Bildung und Erziehung befassten Berufe vereinende Ziel einer gerechten und guten Bildung für alle Kinder und Jugendlichen geht. Den Zusammenschluss mit Kolleg*innen unterschiedlichster mit Bildung befasster Berufe habe ich immer als sehr gewinnbringend erlebt. Eigentlich wäre 2020 das Jahr gewesen, um mein persönliches Loblied auf die GEW zu singen und den vielen starken Frauen und Männern zu danken, die mich im Rahmen dieser Gewerkschaft unterstützt und gefördert haben. Das habe ich (noch) nicht geschafft. Durch die lediglich digital durchgeführte Landesdelgiertenversammlung konnte ich mich noch nicht einmal persönlich bei einer großen Frau bedanken, die sich in diesem Jahr verabschiedet hat: Doro Moritz. Nicht zuletzt ihr habe ich es mit zu verdanken, dass ich diesen Weg gegangen bin: Sie hat schon ihr Vertrauen in mich gesetzt, als ich noch als studierende Mutter mit vier halbwüchsigen Kindern an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe unterwegs war. Dass ich inzwischen die Gemeinschaftsschulen für und in der GEW vertreten darf, ist zu einem großen Teil ihr Verdienst. Danke Doro!

Eine sehr positive Entwicklung in diesem Jahr war die intensivierte Zusammenarbeit mit dem Verein für Gemeinschaftsschulen. Wir haben einige Kooperationsprojekte (die virtuelle Vernetzung von Lehrer*innen an Gemeinschaftsschulen über den #GMSFeierabend, die „Woche der Gemeinschaftsschulen“ und daraus entstanden den wöchentlich stattfindenden #GMSChat bei Twitter) angestoßen, den Kontakt zu politischen Vertretern aufbauen und pflegen und so zeigen können, dass es in unserem Bundesland Baden-Württemberg ein großes Interesse daran gibt, den Gemeinschaftsschulen die Bedeutung zukommen zu lassen, die sie verdienen: Leistungsfähige und zukunftsfähige Schulen, in denen Bildungsgerechtigkeit gelebt wird.

Es gäbe noch viel zu sagen, vielen Menschen zu danken und manches zu überdenken. Meine Bilanz für dieses Jahr ist positiv. Ich habe einiges verloren, aber vieles gewonnen. Froh und dankbar bin ich, dass der Kontakt zueinander nicht abgerissen ist und dass ich sogar in der Virtualität neue und wertvolle Kontakte hinzugewinnen konnte.

In diesem Sinne: Lasst uns zuversichtlich in das Jahr 2021 gehen!

Eure Susanne

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