Anfang März 2026. Am morgigen Sonntag sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg.
Endlich wagt sich die Sonne wieder hervor, und die ersten Schneeglöckchen und Krokusse strecken ihre Köpfe dem Licht entgegen. Der Winter ist vorbei und die Zeichen stehen auf Hoffnung. Verfolgt man die baden-württembergischen Diskussionen über Bildungspolitik, könnte man manchmal jedoch die Hoffnung verlieren. Es folgt ein persönlicher Blick auf Schule in Baden-Württemberg 2026.
Wisst ihr, was mich besonders müde macht? Dass hier in Baden-Württemberg im Wahlkampf jetzt wieder Stimmung gegen die Gemeinschaftsschulen gemacht wird. Es geht doch nicht um eine Einheitsschule! Vielmehr geht es um eine Vielfaltsschule! Unsere Schulart ist diejenige, die keine Schülerinnen oder Schüler wegsortiert, sondern schaut, welcher Weg passt. Unsere Schulart ist diejenige, die differenziert, die flexible Kleingruppen bildet und die Jugendliche zu einem Abschluss führt, der ihn vorher nicht prognostiziert wurde. Ihr sagt: Das geht nicht? Ich sage: Ihr könnt es euch einfach nicht vorstellen, weil ihr nur das deutsche Schulsystem kennt. International ist die Gemeinschaftsschule längst Standard. Auch Pisa-Siegerländer haben Gemeinschaftsschulsysteme. Was diese Schulsysteme anders machen, ist Folgendes: Sie arbeiten nach dem Prinzip RTI: Response to Intervention. Sie stellen hohe Anforderungen an alle Schülerinnen und Schüler, und wenn sie merken, dass ein Kind zusätzlich Unterstützung braucht, bilden Sie flexible Kleingruppen. Flexible Grouping heißt dieses System. Wenn wir in unserem Schulsystem wieder an die Spitze kommen wollen, dann müssen wir nach denen schauen, die keine so guten Startbedingungen haben. Wir müssen uns Zeit nehmen, um genau hinzuschauen. Denn wir können uns nicht leisten, dass irgendein Kind auf diesem Weg verloren geht. Ich bin stolz, dass ich seit vielen Jahren an Gemeinschaftsschulen arbeite und stehe vollkommen hinter diesem Konzept.
Ich komme gerade von einer Fahrt mit Schülerinnen unseres Kunst-Profilkurses an der Akademie Schloss Rotenfels. Der Kunst-Profilkurs ist ein Wahlangebot für künstlerisch interessierte Schülerinnen und Schüler, das es in dieser Form nur an Gemeinschaftsschulen und Gymnasien gibt. An den Gemeinschaftsschulen hat dieses Fach noch eine weitere Besonderheit: Es wird niveaudifferenziert angeboten. Nur hier können auch Jugendliche einen künstlerischen Schwerpunkt belegen, die (zunächst) einen Haupt- oder Realschulabschluss anstreben. Ein wichtiges und einzigartiges Angebot, von dem besonders jene profitieren, die mangels Eignung für ein Gymnasium niemals eine künstlerische Profilbildung genießen könnten.
Seit dem Schuljahr 2012/13 gibt es die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. Sie wurde in der vorletzten Legislaturperiode des Landtages durch die damals grün-rote Landesregierung eingeführt. Nach über 50 Jahren der strikten Trennung wurde vor 14 Jahren also auch im Ländle eine Schulart etabliert, die mehrere Bildungsgänge vereint und ohne Notenhürde bis mindestens zum Jahrgang 8 durchlässig bleibt. Dass man diese Schulart damals Gemeinschaftsschule genannt hat: Eine längere Geschichte. Man hätte sie auch Sekundarschule, integrierte Gesamtschule, Stadtteilschule oder wie auch immer nennen können. Das Problem in Baden-Württemberg ist: Die Schulen des gegliederten Schulsystems blieben neben dieser Gemeinschaftsschule bestehen. So gibt es mancherorts auf einem Campus Gymnasium, Hauptschule, Realschule und Gemeinschaftsschule. Ein organisatorischer Irrsinn. Und für Eltern überhaupt nicht mehr zu durchblicken.
International ist das gemeinsame Lernen bis mindestens Jahrgang sieben oder acht der Normalfall. Hier beginnt die exklusive gymnasiale Bildung erst im Jahrgang neun oder zehn, und umfasst dann zwei oder drei Jahre bis zur Hochschulreife. Daneben gibt es Oberstufen mit beruflichem Profil, die auf einen Beruf vorbereiten, ein späteres Studium aber ebenfalls nicht ausschließen.
Ursprünglich hätte übrigens auch Deutschland nach dem Willen der Alliierten 1945 ein Gesamtschulsystem aufbauen sollen. Ein Zitat aus der von Harry S. Trumann eingesetzten pädagogischen Expertenkommission formuliert es so: Durch das tradierte deutsche Schulsystem habe sich „bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf denen das autoritäre Führerprinzip gedieh“. Doch soweit kam es bekanntlich nicht. Eine breite Koalition aus konservativen Parteien, Kirchen, Universitäten, Philologen und bildungsbürgerlichen Kreisen formierte sich und argumentierte öffentlichkeitswirksam gegen die geplante Reform. Sie vertraten die Ansicht, dass die Schule sich primär auf ihre pädagogischen Aufgaben konzentrieren und nicht mit sozialpolitischen Aufgaben überlastet werden sollte.1
Erst in den 2000er Jahren rückte die Schulstruktur aufgrund demografischer Veränderungen, veränderter Schulwahlpräferenzen und des unerwartet schlechten Abschneidens Deutschlands in der PISA-Studie wieder in den Fokus der Politik. Diesmal mit weitreichenden Folgen: Fast alle Länder haben Strukturreformen eingeleitet, die weit über das bisher politisch Konsensfähige in Deutschland hinausgehen. Die Hauptschule ist nur noch in wenigen Ländern eine eigenständige Schulform. Integrierte Schulen wie Gemeinschaftsschulen, Sekundarschulen oder Stadtteilschulen sind vielerorts fester Bestandteil der Schullandschaft. Einige Bundesländer haben ihr Schulsystem auf ein „Zwei-Säulen-Modell“ umgestellt, bei dem neben dem Gymnasium nur noch eine einzige Schulform existiert, an der alle Abschlüsse, einschließlich des Abiturs, erworben werden können. Nach Jahrzehnten hitziger Debatten und gescheiterter Reformen ist die Dreigliedrigkeit in vielen Ländern stillschweigend zu Ende gegangen, ohne größere schulpolitische Konflikte auszulösen. Nur in Baden-Württemberg glauben manche unserer Volksvertreter offenbar immer noch, die Rückkehr zur „guten alten Zeit“ der strikten Trennung in praktisch begabte, real begabte und studierfähige Kinder sei die Lösung für all unsere gegenwärtigen schulischen Herausforderungen. Die meisten Bundesländer, wo die Hauptschule längst nicht mehr existiert, betrachten unsere Diskussion in Baden-Württemberg daher mit Erstaunen.
Immerhin: Die Kultusministerkonferenz (KMK) bemüht sich darum, Ordnung in das Chaos zu bringen. Schließlich kommt es hin und wieder vor, dass Eltern von schulpflichtigen Kindern innerhalb der Bundesrepublik umziehen und das Kind dann in einem anderen Bundesland die Schulzeit fortsetzen muss. Seit 2020 gibt es auf der Ebene der KMK einen Beschluss zur Vereinheitlichung des Schulsystems und zur besseren Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse, insbesondere in der Sekundarstufe I. Es lohnt sich, dieses Dokument mal genauer zu studieren, um zu verstehen, dass auch mit der Kulturhoheit der Länder nicht jedes Bundesland völlige Alleingänge in der Bildungspolitik gehen kann.(Dass in der gerade zu Ende gehenden Legislaturperiode in Baden-Württemberg der Werkrealschulabschluss abgeschafft wurde, ist übrigens auf diese Vereinbarung zurückzuführen. Er entsprach nämlich schon seit längerem nicht den Standards, die die Kultusministerkonferenz zur bundesweiten Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse vereinbart hatte.)
Die Zeiten haben sich geändert. Die Welt ist globalisierter geworden. Man bleibt nicht mehr an dem Ort, wo die eigenen Eltern wohnen. Seit dem zweiten Weltkrieg gab es zahlreiche Wanderungsbewegungen, nicht nur wegen Krieg und Krisen überall auf der Welt, sondern auch weil unsere Gesellschaft weiterhin Arbeitskräfte über Zuwanderung braucht. Unsere Gesellschaft ist dadurch vielfältiger geworden, Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier sprechen in ihrem Buch „Kinder, Minderheiten ohne Schutz“ von Superdiversität. Es gibt in Deutschland und damit auch im deutschen Schulsystem eine immer größere Bandbreite an Sprachen, Biografien und Schicksalen. Diese Tatsache wird sich in absehbarer Zukunft nicht ändern. Um bei der gegenwärtigen Geburtenrate die Rente stabil halten und auch genug junge Menschen auszubilden zu können, die die Kinder der berufstätigen Eltern betreuen und die Generation der pflegebedürftigen Rentnerinnen und Rentner versorgen, benötigen wir weiterhin Zuwanderung. In dieser Welt und in dieser Gesellschaft hat ein starres dreigliedriges System ausgedient.
Bitte wählt keine Partei, die euch Glauben machen will, dass eine Rückkehr zu einer verbindlichen Grundschulempfehlung und der klaren Dreigliedrigkeit des Schulsystems in Baden-Württemberg alle unsere Probleme löst. Das wird sie nicht.
Hintergrund: Mein Name ist Susanne Posselt, ich bin 51 Jahre alt, Mutter von vier erwachsenen Kindern und Konrektorin an einer großen Gemeinschaftsschule mit Primar- und Sekundarstufe. Ich lebe erst seit 1994 in Baden-Württemberg und habe meine eigene Schulzeit nicht in diesem Bundesland erlebt. Daher kenne ich dieses Bildungssystem und seine Tradition nur aus der Perspektive der Mutter, der Lehrerin und aus Schulleitungssicht. Ich habe hier außerdem mein Studium absolviert und bin seit dem Studium gesellschafts- und bildungspolitisch engagiert, seit 2010 als Mitglied in der GEW Baden-Württemberg. Soviel in aller Kürze. Details können in meiner Vita nachgelesen werden.
Ich bin ein Kind aus einem nicht-akademischen Elternhaus. Arbeiterkind trifft es nicht ganz, weil meine Eltern sich als kaufmännische Angestellte im Großhandel mit viel Fleiß aus ihren ursprünglichen Verhältnissen hochgearbeitet hatten. Sie selbst kannten aus ihrer eigenen Schulzeit lediglich die achtjährige Volksschulbildung, ein Gymnasium stand in ihren Familien nie zu Debatte, weil es wichtig war, dass sie Ende der 50er Jahre frühzeitig zum knappen Familieneinkommen beitrugen. Beide traten nach der Konfirmation im Alter 14 Jahren in die Ausbildung ein und gaben den verdienten Ausbildungslohn zu Hause ab. Niemand fragte nach Begabung oder Potenzial. In den achtziger Jahren sah meine Welt schon anders aus. Ich war eine begabte Grundschülerin und am Ende von Klasse vier stellte sich mit einem Zeugnis voller Einsen plötzlich die Frage: Auf welche weiterführende Schule geht das Kind? Während heutzutage niemand darüber diskutieren würde, war diese Frage für meine Eltern nicht wirklich leicht zu beantworten. Sie waren sich nicht sicher. Gymnasiale Bildung kannten sie nicht. In meiner Schulzeit in der Kleinstadt Siegen im südlichen Nordrhein-Westfalen der 80er Jahre war die Dreigliedrigkeit Normalität, aber nur wenige gingen nach Klasse 4 aufs Gymnasium, der größere Rest verteilte sich zur gleichen Teilen auf Hauptschule und Realschule. Der entscheidende Unterschied zur heutigen Dreigliedrigkeit war: Aufstieg war möglich! Das Gymnasium dauerte neun Jahre und nach Klasse 10 kam jedes Jahr eine komplett neue Klasse aus den umliegenden Realschulen mit Jugendlichen hinzu, die nach dem Realschulabschluss nun auch noch die Oberstufe besuchen wollten. Dort konnten sie auch die erforderliche zweite Fremdsprache in drei Jahren nachlernen. Lange Rede kurzer Sinn: Trotz der Zweifel meiner Eltern ging ich auf ein Gymnasium. Es war nicht so leicht, ich habe nämlich durchaus unter dem Standesdünkel der Kinder aus Akademiker- und Fabrikantenfamilien gelitten. Heute würde ich in meinem Heimatort möglicherweise auf eine Gesamtschule gehen. Sicher ist: 2026 ist die Welt eine andere als 1986. NRW hat als vom Strukturwandel geprägtes Bundesland mit einer hohen Einwandererquote deutlich früher als Baden-Württemberg erkannt: Es braucht flexible Schulmodelle.
- Quelle: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/229702/schulgeschichte-nach-1945-von-der-nachkriegszeit-bis-zur-gegenwart/?p=all ↩︎