Bildungsweise

Susanne Posselt

Ohne Tagesordnung

LehrerInnentreffen in Kassel im Mai 2026

Alle zwei Jahre fahren Menschen aus ganz Deutschland am Wochenende nach Himmelfahrt in einer Art Sternfahrt nach Kassel und treffen sich dort miteinander. Einfach so. Ohne Plan. Ohne Tagesordnung. Ohne Stadtführung. Irgendwie auch ohne Ziel. Ich gehöre dazu. Wir sind Menschen, die sich von der Zuschreibung Lehrer:in angesprochen fühlen. Die meisten von uns sind oder waren tatsächlich Lehrer:in. Lehrkraft. Lernbegleiter:in. Manche sind inzwischen weitergegangen.

2022 haben wir damit begonnen, uns zu treffen. Bob hatte die Idee. Oder war es Jan-Martin? So genau lässt es sich nicht mehr sagen. Damals hielten wir noch Abstand. Manche von uns trugen in Innenräumen noch Masken; der Schrecken von Corona war allgegenwärtig. Wir kannten uns lose und fast ausschließlich virtuell, die wenigsten von uns persönlich.

Wir hatten jedoch bis dahin schon unendlich viel Zeit miteinander verbracht: In digitalen Räumen kommunizierten wir stundenlang in Form von Mikroblogbeiträgen, lasen unsere Gedanken in ausführlicheren Texten – manche von uns nannten sich Blogger und pflegten schon seit Jahren eigene Internetpräsenzen. Wir kannten unsere Gesichter teilweise aus Instastories, manche auch aus Videospaces, YouTube oder Instalives. Wir wussten voneinander, was wir in diesen Räumen öffentlich preisgaben. Und wir wussten vor allem eines: Schule bewegt uns. Das Lehrer:innensein endet für uns nicht an der Schulhaustür. Wir nehmen es mit uns mit, wie eine Art mit Leidenschaft ausgeübtes Hobby.

An diesem dritten Wochenende im Mai war es also wieder so weit: Wir hatten Hotelzimmer gebucht, uns über unsere Signal-Gruppe organisiert und waren angereist. Alleine, zu zweit, zu dritt. Die einen am Freitag, andere am Samstag. Manche blieben zwei Nächte, andere eine, einige kamen nur für wenige Stunden. Ich reiste in diesem Jahr am Samstag an. Meine erwachsenen Töchter waren dabei und wir übernachteten bis Sonntag.

„Ich freue mich SO, dass du dabei bist!“ – die ehrliche Freude von Jan-Martin hat mich zutiefst gerührt. Vor zwei Jahren hatte meine Tochter Maja mich samstags für einige Stunden nach Kassel kutschiert. Ich steckte damals mitten in der Chemotherapie, trug einen riesigen roten Sonnenhut, mir war ständig latent übel und ich war unendlich traurig, dass der Krebs mich daran hinderte, wirklich präsent zu sein. So war ich 2024 nur ein ganz kleines bisschen dabei. Aber immerhin: ein bisschen.

2026 lebe ich. Zwei Treffen mit Blase. Eins ohne. Niemand, der es nicht weiß, hätte es bemerkt. Mein blasenloses Leben lässt sich wunderbar mit meiner Leidenschaft für Bildung kombinieren.

Auch dieses Jahr gab es keinen festen Plan. Nachdem meine Töchter und ich am Samstag angekommen waren und unser Hotelzimmer bezogen hatten, erkundigte ich mich in der Signal-Gruppe nach dem Verbleib der anderen. Wir fanden uns schließlich im „Alex“ zwischen Friedrichsplatz und Oberer Königsstraße.

Was ist das eigentlich, wenn Lehrkräfte und Schulleitungsmitglieder sich in ihrer Freizeit treffen, um über Schule, über Bildung, über das Lernen zu sprechen? Ist das Freizeit? Oder Arbeit? Oder beides zugleich?

Wahrscheinlich ist genau diese Unbestimmtheit eine der bemerkenswertesten Besonderheiten unseres Berufsstandes, der eben kein klassischer Nine-to-Five-Job ist. Die meisten – zumindest die Insider – wissen: Es ist mit dem reinen Unterricht nicht getan. Junge Menschen auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben zu begleiten, ist hochkomplex. Neben dem Schulalltag mit Konferenzen, Elterngesprächen und all den täglichen Verpflichtungen gehört das ständige Nachdenken über die Frage „Wie kann ich es noch besser machen?“ irgendwie untrennbar zu unserem Leben dazu.

Schon vor der Tür des Cafés gab es ein großes Hallo. Wir kamen sofort und ohne Umschweife ins Gespräch. Erik hatte ich erst im vergangenen Herbst an seiner Schule besucht, Ulla war auch schon bei mir in Karlsruhe zu Gast. Herrn Rau – eigentlich Thomas, aber Herr Rau ist eben herr_rau, DER Herr Rau mit dem LehrerInnenzimmer, der Urvater des Edublogs sozusagen, den er seit 20 Jahren mit sehr lesenswerten Gedanken füllt – kannte ich schon vom ersten Treffen 2022. Wir aßen und erzählten, als ob wir erst vergangene Woche genau so an einem Tisch gesessen hätten. Und es waren auch diesmal wieder Kolleginnen und Kollegen zum allerersten Mal dabei: Anja und Charlotte, Raimo und einige andere.

Ein Teil der Gruppe tauchte am Samstag Nachmittag in den Ausstellungen der Grimmwelt ein und verlor sich in die Welten der Sprache und der Märchen – sehr passend für uns als LehrerInnengruppe. Besonders faszinierend sind in diesem Museum die 14 filigranen Dioramen des Künstlers Alexej Tchernyi. Ganz aus kunstvoll bearbeitetem und effektvoll hinterleuchtetem Papier gestaltet, erzählen sie in beeindruckenden Licht-Bildern die Lebensgeschichte der Brüder Grimm – von ihrer akribischen Zettelwirtschaft beim Erschaffen des Deutschen Wörterbuchs bis hin zur weltweiten Wirkung ihrer Kinder- und Hausmärchen. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie aus bedrucktem Papier lebensverändernde Kulturgeschichte wurde. Dass dieses moderne Ausstellungshaus ausgerechnet auf diesem Kasseler Weinberg steht, ist übrigens kein Zufall: Kassel war über dreißig Jahre lang der Lebensmittelpunkt von Jacob und Wilhelm Grimm; hier entstand der Großteil ihres weltberühmten Schaffens, weshalb die Stadt ihr Erbe bis heute als stolze Documenta- und Grimm-Stadt im Herzen trägt.

Abends strömten wir schließlich alle gemeinsam aus, um das unbeschwerte Leben zu feiern. Wir fanden eine Pizzeria, die spontan Platz für die ganze Gruppe bot und danach zog es uns auf die Kasseler Frühlingskirmes. Wir fuhren Riesenrad und freuten uns an den bunten Lichtern, dem Duft von gebrannten Mandeln und beobachteten die Menschen. Wir erzählten, lachten, schlenderten und genossen das einfache Beisammensein auch abseits jeglichen Schulkontexts.

Der besondere Zauber des diesjährigen Treffens entfaltete sich zu späterer Stunde. Zurück im Hotel endete der Abend auf eine Weise, die man nicht hätte planen können. Zwei begabte Musiker aus unseren eigenen Reihen verwandelten den eigens für uns geöffneten Frühstücksraum in eine improvisierte Bühne. Es dauerte nicht lange, bis ein Großteil der Gruppe einstimmte. Gemeinsam sangen wir uns in die Nacht. In diesem Momenten spürte man sie deutlich: eine erstaunlich tiefe, hybride Verbundenheit, die uns über Hunderte von Kilometern und über die Grenzen des Digitalen hinweg zusammenhält. Dieses Wochenende hat wieder einmal gezeigt, dass es am Ende vor allem um den gemeinsamen Kern geht: die Begeisterung für das, was wir tun.

Unser Treffen war Mitte Mai. Inzwischen sind in Baden-Württemberg und Bayern die Pfingstferien fast vorbei. Die Frühsommerzeit fliegt dahin. Intensive, erfüllte Arbeitswochen wechseln sich mit sommerlich-sonnigen Feiertagsausflügen ab – und im Herzen bleibt die Vorfreude auf das nächste Treffen in zwei Jahren. Ganz sicher wieder ohne Tagesordnung.

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1 Kommentar

  1. Ulla Samstag, 6. Juni 2026

    Soe eine tolle Zusammenfassung eines so tollen Wochenendes… Vielen Dank für alles

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