Teil 1 einer Beitragsreihe zur Selbstbestimmungstheorie nach Deci & Ryan.
Heute hatten wir in der Schule das erste größere Zusammentreffen von Kolleginnen und Kollegen nach den Sommerferien. Es wurde viel gelacht und erzählt und es lag eine fröhlich surrende Stimmung in der Luft. Manche waren noch ein bisschen zurückhaltend, weil sie neu an der Schule sind und erst einmal ein Gefühl für diese unbekannte Gruppe an Menschen gewinnen müssen. Meistens geht es ziemlich schnell, bis auch sie in das aufgeregte Erzählen mit einstimmen.
Ein neues Schuljahr bietet die Chance, innezuhalten und dem eigenen Handeln eine klare Haltung zugrunde zu legen. Für das Schuljahr 2026/27 habe ich mich entschieden, meine Arbeit bewusst unter den Fokus der Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT) nach Edward L. Deci und Richard M. Ryan zu stellen. Die Motivationstheorie dieser beiden Forscher hat auch schon in meiner Masterarbeit eine wichtige Rolle gespielt. Wer Näheres dazu wissen möchte, dem lege ich den Podcast von Benedikt Wisniewski ans Herz. Der Schulpsychologe erklärt die Bedeutung dieser Theorie für den Schulalltag sehr anschaulich.
Die Grundannahme der SDT ist so einfach wie kraftvoll: Alle Menschen sind von Natur aus lernwillig, motiviert und entwicklungsbereit. Damit diese intrinsische Motivation jedoch aufblühen kann, brauchen wir die Erfüllung von drei psychologischen Grundbedürfnissen:
- Autonomie (Erleben von Selbstbestimmung und Gestaltungsspielraum)
- Kompetenz (Erleben von eigener Wirksamkeit und Fortschritt)
- Soziale Eingebundenheit (Erleben von Zugehörigkeit, Wertschätzung und Verlässlichkeit)
In dieser mehrteiligen Blog-Reihe möchte ich diese drei Säulen intensiver beleuchten und reflektieren. Ich finde nämlich, diese so einfachen wie eindrücklichen Grundbedingungen für Motivation helfen uns auf vielen Ebenen, Bildung und Erziehung besser gelingen zu lassen. Den Auftakt möchte ich – passend zum heutigen Tag – mit dem Grundbedürfnis machen, das oft als erstes schützt und trägt, wenn die Belastungen im Schulalltag steigen: die soziale Eingebundenheit.
Fokus: Soziale Eingebundenheit – Verbundenheit als Kraftquelle
Soziale Eingebundenheit beschreibt das tiefe Bedürfnis, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen, Wertschätzung zu erfahren und verlässliche Beziehungen aufzubauen. Das Gegenteil von sozialer Eingebundenheit ist Einsamkeit und das Gefühl, abgelehnt zu werden. Deshalb tun sich viele Menschen mit neuen sozialen Situationen schwer. Werde ich so gemocht, wie ich bin? Gehöre ich hier dazu? Das geht den Erwachsenen nicht anders wie den Kindern und Jugendlichen.
In meiner Rolle in der Schulleitung (Konrektorin) bedeutet Führung bedeutet für mich deshalb vor allem Beziehungsarbeit. Eine Schule funktioniert nicht durch Verordnungen, sondern durch Vertrauen. Als Konrektorin möchte ich an Rahmenbedingungen mitwirken, die Vereinsamung in der Schule verhindern. Das gelingt durch verlässliche Teamstrukturen, ein offenes Ohr für persönliche Belastungen und das bewusste Feiern gemeinsamer Erfolge. Psychologische Sicherheit im Kollegium ist am Ende auch der Nährboden für Innovation. Denn wenn Menschen sich wohl und eingebunden fühlen, sind sie auch bereit, mehr als das absolut Erforderliche zu leisten.
Schule ist ein Mannschaftssport. Im hektischen Schulalltag sind es die kleinen Gesten zwischen Kolleginnen und Kollegen – das gemeinsame Tasse-Kaffee-Trinken im Lehrerzimmer, gegenseitiges Entlasten bei Vertretungen oder das ehrliche Nachfragen „Wie geht es dir heute?“ –, die Bindung und Stabilität im Kollegium stiften. Nur, wenn ich mich als Kollegin in ein unterstützendes Netzwerk eingebunden fühle, kann ich auch die emotionale Kraft aufbringen, um Schülerinnen und Schüler bei der Gestaltung sozialer Bindungen zu unterstützen.
Im Klassenzimmer oder Lerngruppenraum bin ich nämlich als Lehrkraft die Beziehungsgestalterin und Vorbild für die Schülerinnen und Schüler. Vor dem Hintergrund der gestern veröffentlichten desaströsen PISA-Ergebnisse bekommt das wichtige Grundbedürfnis der sozialen Eingebundenheit noch einmal eine ganz neue Dimension. Kinder und Jugendliche, die sich abgelehnt fühlen – sei es von Gleichaltrigen oder von Erwachsenen – können nicht gut und nachhaltig lernen. Nur 38.2 % der im Rahmen der PISA-Studie befragten Schüler:innen berichten, dass es an ihrer Schule keine Mobbingfälle gebe. Das ist deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 52,5%. Kinder und Jugendliche lernen nicht für ein Fach, sondern über Beziehungen. Eine von Empathie und Respekt geprägte Bindung gibt Lernenden den Halt, den sie brauchen, um sich auf Neues einzulassen und auch mit Fehlern konstruktiv umzugehen. Und auch Wertschätzung und Perspektivübernahme können und Kinder und Jugendliche nur durch das vorbildhafte Verhalten von Erwachsenen lernen.
Auch in meinen anderen Rollen lässt sich das Prinzip veranschaulichen:
In der Lehrkräftefortbildung geht es um mehr als bloße Wissensvermittlung. Wenn wir im ZSL Fortbildungen konzipieren, steht die Vernetzung der Teilnehmenden im Mittelpunkt. Lehrkräfte brauchen den Austausch auf Augenhöhe mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen, um zu spüren: Ich bin mit meinen Herausforderungen nicht allein.
In der Personalratsarbeit ist Beziehungspflege gelebter Gesundheitsschutz. Eine starke soziale Eingebundenheit ist empirisch nachgewiesen einer der wirksamsten Schutzfaktoren gegen Burnout und Überlastung. Als HPR-Mitglied setze ich mich für Arbeitsbedingungen ein, die Raum für Miteinander und multiprofessionelle Kooperation lassen, statt durch reine Einzellast zu erdrücken. Aber auch ich brauche die Eingebundenheit in mein Gremium und meine Fraktion. Nur, wenn ich das gemeinsame Arbeiten als sinnstiftend erlebe und mich in der Gemeinschaft der anderen Personalratsmitglieder aufgehoben fühle, kann ich die Energie aufbringen, die weite Fahrt zum Sitzungsort und die oft eher mühsamen Sitzungen mit Gelassenheit ertragen.
Und am Ende gilt das Prinzip natürlich auch für das Ehrenamt. Viele Ehrenämter leben ausschließlich von einem positiven Gefühl der Gemeinschaft. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, in der ich mich engagiere, ist ein solidarisches Netzwerk. Mitglieder engagieren sich dann nachhaltig, wenn sie sich in ihrer Haltung verstanden, wertgeschätzt und als Teil einer wirksamen Bewegung erlebt fühlen.
Mein Fazit zum Grundbedürfnis der sozialen Eingebundenheit:
Soziale Eingebundenheit ist kein „Nice-to-have“, sondern das Fundament, auf dem Autonomie und Kompetenzerleben überhaupt erst aufgebaut werden können. Wenn wir gelingende Lernumgebungen für uns selbst und andere gestalten wollen, müssen wir dem Aspekt der Gruppenzugehörigkeit genügend Aufmerksamkeit schenken.
Mich interessiert deine Perspektive:
- Wo erfährst du in deinem Schul- oder Berufsalltag die meiste soziale Eingebundenheit?
- Was hilft euch im Kollegium, das WIR-Gefühl auch in anstrengenden Phasen zu stärken?
Schreib deine Gedanken gerne in die Kommentare oder diskutiere mit auf Bluesky, Instagram oder LinkedIn! In Teil 2 der Reihe widme ich mich dem Thema Kompetenzerleben und Wirksamkeit.