Ein persönlicher Schuljahresrückblick auf das Schuljahr 2025/26
Sommerferien – Zeit zum Durchatmen. Zeit zum Innehalten.
Manchmal werde ich gefragt: „Wie schaffst du das denn alles?“ Ich habe mir deshalb vorgenommen, mehr von meinem beruflichen Alltag zu berichten, um zu zeigen, was mich trägt und was mir Kraft gibt. Bei aller Belastung, die es in meinem Beruf streckenweise durchaus gibt, bin ich nämlich sehr gerne in der schulischen Praxis tätig. Ich liebe meine(n) Beruf(ung) und empfinde vieles von dem, was ich tue, als tief sinnstiftend und erfüllend.
Bevor ich nun das neue Schuljahr in den Blick nehme, möchte ich zurückschauen und dabei das Gelungene in den Vordergrund stellen. Ich bin davon überzeugt, dass uns allen mehr „Growth Mindset“ – der bewusst optimistische Fokus auf Entwicklungsmöglichkeiten – guttäte. Das bedeutet nicht, Schwierigkeiten und Misslungenes zu leugnen oder auszublenden. Wachstum bedeutet, auch das Schwierige als Lernmöglichkeit zu begreifen. Nur so können sich Resilienz und Durchhaltevermögen entwickeln.
Das Schuljahr 2025/26 war für mich gewissermaßen eine Ersterfahrung: Es war mein erstes vollständiges Schuljahr in der Rolle der 1. Gemeinschaftsschulkonrektorin, das ich von den Vorbereitungstagen zu Schuljahresbeginn bis zum kollegialen Abschiedsbuffet am letzten Schultag ohne nennenswerte krankheitsbedingte Ausfälle durcharbeiten und aktiv mitgestalten konnte. Dafür bin ich – bei aller Schuljahresenderschöpfung – zutiefst dankbar.
Nachdem mich 2024 meine Krebserkrankung völlig unerwartet in meinem schulischen Tatendrang ausgebremst hatte, konnte ich im Oktober 2025 die therapeutische Phase mit der letzten Immuntherapie abschließen. Ich gelte als krebsfrei, bin in der regelmäßigen Nachsorge – und kann trotz meiner verbliebenen Schwerbehinderung beruflich wie persönlich wieder voll am Leben teilhaben.
Mein persönliches Fazit vorweg: Ich bin in meiner Aufgabe angekommen. Die Konrektorinnenrolle fordert mich heraus und bringt intensive, vollgepackte Tage mit sich, aber sie macht mir auch von Herzen Freude. Ich habe viel gelernt, viel erlebt und zusammen mit dem tollen Kollegium und dem Schulleitungsteam unserer Schule konnte ich in den vergangenen Monaten enorm viel bewegen. Das erfüllt mich mit Glück, Zufriedenheit und auch ein bisschen mit Stolz. Es ist schön zu sehen, dass Dinge gelungen sind und Menschen, die ich begleiten durfte, an ihren Aufgaben gewachsen sind.
Was habe ich Neues gelernt?
Das vergangene Schuljahr war für mich eine intensive Lernreise – sowohl was pädagogisch-systemische Perspektiven betrifft als auch in meiner ganz persönlichen Führungspraxis als 1. Konrektorin. Konrektorin zu sein ist viel mehr als das Organisieren schulischer Ereignisse oder das Sicherstellen des Vertretungsplans. An anderer Stelle werde ich das Aufgabenspektrum dieser zu Unrecht wenig beachteten Führungsposition sicher noch genauer beleuchten. Doch zunächst der Rückblick auf mein persönliches Schul- und Lernjahr.
Neue Perspektiven auf Führung und Haltung
Ein herausragendes Ereignis gleich zu Schuljahresbeginn war die Visible Learning Masterclass mit dem Schwerpunkt Mindframes of Leaders mit John Hattie, an der wir als erweitertes Schulleitungsteam teilnehmen durften. Hatties Befunde unterstreichen für mich eindrücklich, worauf es in Schule wirklich ankommt: Nicht Strukturen allein verändern Lernerfolge, sondern die Menschen vor Ort. Lehrkräfte und Schulleitungen machen den Unterschied. Wir müssen das Lernen durch die Augen der Schülerinnen und Schüler sehen und unser eigenes Handeln fortlaufend evaluieren. Wir sind nicht bloß Verwalter von Lehrplänen, sondern Gestalter von Lernumgebungen, Haltungen und Beziehungen.
Die ständige Reflexion theoretischer Erkenntnisse in der Praxis ist für mich ein wichtiger Kompass im Schulentwicklungsalltag. Wir ermöglichen und unterstützen daher auch aktiv und ausdrücklich Fortbildungen von Kolleginnen und Kollegen im Zusammenhang mit unseren Schulentwicklungsprozessen. Mit zwei Kolleginnen besuchte ich Anfang Oktober den Fachtag Pädagogik in Weingarten, der vom Landesteam Pädagogik abwechselnd einmal pro Jahr organisiert wird. Hier traf ich im Rahmen eines Workshops zum ersten Mal auf das Team rund um den Zukunftsday BW – ein schulisches Fortbildungs- und Begleitformat, das vom Kultusministerium Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit Schule im Aufbruch zur Stärkung einer Bildung für nachhaltige Entwicklung implementiert wurde. Ich nahm aus diesem Workshop sowie aus den Hauptvorträgen von Stefan Ruppaner und Kai Maaz wichtige Impulse für unseren Schulentwicklungsprozess mit.
Ergänzt wurde diese Perspektive durch einen Bildungskongress mit OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher zum Thema Zukunftsschule 2041, an dem ich im Januar 2026 auf GEW-Landesebene teilnehmen konnte. Auch diese Diskussionen über internationale Bildungsstandards, Chancengerechtigkeit und die Zukunft von Schulsystemen gaben mir wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung unserer Schule und meine berufliche Praxis. Schleichers Mahnung, dass Schulsysteme Flexibilität, adaptive Lernumgebungen und eine stärkere Individualisierung brauchen, um allen Kindern gerecht zu werden, bestätigte mich in unserer täglichen Schulentwicklungsarbeit.
Im April 2026 folgte im Rahmen unseres schulischen Erasmus+ Programms ein Fortbildungskurs speziell für Schulleitungsteams bei der Organisation Smart Teachers Play More in Island. Unter dem Schwerpunkt Emerging Leaders tauchten mein Schulleitungskollege Oliver und ich tief in die Themen Führungskultur, Beziehungsgestaltung und emotionale Resilienz ein. Die Begegnung mit der atemberaubenden isländischen Naturkulisse verband sich mit der Erkenntnis, wie essenziell ein echtes Growth Mindset auch für Führungskräfte ist: Mehr Kokonstruktion im Kollegium zu ermöglichen, Fehler als Lernchancen zu begreifen, Räume für eigenverantwortliches Handeln zu öffnen und eine Kultur der Ermutigung vorzuleben – das nahmen wir uns als Entwicklungsziele in unseren Schulleitungsalltag mit.
Fast vergessen hätte ich in dieser Aufzählung die einzige vom System vorgesehene offizielle Fortbildung für Konrektorinnen, zu der ich nach zwei Jahren im Amt im Dezember 2025 endlich zugelassen wurde. In meinem damaligen Blogbeitrag beschrieb ich diese Fortbildung als gewinnbringend. In der Rück- und Zusammenschau auf dieses Schuljahr möchte ich jedoch ergänzen: Es war insgesamt nicht schlecht, aber aus meiner speziellen Perspektive, die sich von der anderer neu bestellter Konrektorinnen unterscheidet, habe ich im Hinblick auf meine Führungsposition an anderer Stelle deutlich mehr gelernt.
Praxis-Impulse und Vernetzung in der Bildungscommunity
Ein großer Gewinn für mein eigenes Lernen war auch die Teilnahme an verschiedenen Vernetzungstreffen der Bildungscommunity. Fast schon eine Art Klassentreffen war das Barcamp Stadttcampen in Stuttgart, das in diesem Jahr anstelle des gewohnten mehrtägigen Wildcampen an einem Samstag im Juli stattfand. Dieser eintägige, intensive Austausch im Barcamp-Format bot wertvolle Impulse (Danke Wibke!) und den gewohnt bereichernden Blick über den eigenen Tellerrand.
Neben solchen (selbst)organisierten Bildungs- und Vernetzungsevents ist die informelle Vernetzung eine zuverlässige und zentrale Quelle neuer Erkenntnisse für mich. Ich bin Gründungsmitglied im Einladungs-Netzwerk Bildungsfrauen BW. Wir treffen uns regelmäßig virtuell sowie in Präsenz und tauschen uns zu aktuellen bildungspolitischen Ereignissen aus. Ich habe außerdem auch in diesem Schuljahr wieder an einer Schule hospitiert. Danke an Erik Grundmann, dass du mir die Weibelfeldschule in Dreieich gezeigt hast. Bei uns in Baden-Württemberg gibt es bis auf einen Schulversuch keine kooperativen Gesamtschulen, ich finde es daher sehr bereichernd, hier den Blick über den Tellerrand unseres Bundeslandes zu richten.
Auch ein Netzwerk von Bildungsakteuren aus dem ehemalige Twitterlehrerzimmer lebt in Form eines bundesweiten LehrerInnentreffens weiter: Im Schuljahr 2025/26 trafen wir uns zum dritten Mal in Kassel, um uns auszutauschen und eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Gute Bildung lebt von den Menschen, die sie in der Praxis gestalten, darüber nachdenken und voneinander lernen.
Führungsalltag an der Nordstadtschule: Die Praxis der Leitungsrolle
Neben den theoretischen und praktischen Impulsen von außen war es vor allem die alltägliche Praxis im Leitungsamt, die mir wertvolle Lernerfahrungen schenkte. Die Vorbereitung und Moderation von Konferenzen, Dienstbesprechungen und pädagogischen Tagen forderte eine klare, verbindliche Struktur und gleichzeitig ein feines Gespür für die Dynamiken im Kollegium.
Einen ganz zentralen Raum nahmen die zahllosen Gespräche ein, die eine Leitungsfunktion täglich mit sich bringt. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, in guten wie in schwierigen Situationen gleichermaßen präsent, empathisch und zugewandt zu bleiben. Ob in vertrauensvollen Entwicklungsgesprächen, in anspruchsvollen Klärungsterminen mit Eltern oder in konfliktbehafteten Situationen innerhalb der Schulgemeinschaft: Das aktive Zuhören, das Abwägen verschiedener Interessen und das gemeinsame Erarbeiten tragfähiger Kompromisse waren meine intensivsten Lernfelder. Ich möchte nicht behaupten, dass ich hier am Ende meiner Lernreise angekommen bin. Vielmehr weiß ich nun umso mehr, was ich noch nicht weiß und wo ich noch dazulernen möchte. Aber der Weg ist bekanntlich das Ziel – und ich bin ja gerne auf Reisen.
Besonders am Herzen lag mir in diesem Schuljahr auch wieder die Begleitung unserer Lehramtsanwärterinnen und -anwärter. Sie auf ihrem Weg in den Beruf zu unterstützen, Ausbildungsunterricht zu reflektieren, konstruktives Feedback zu geben und ihnen Mut für die Bewältigung des komplexen Schulalltags zu machen, hat mir nicht nur große Freude bereitet, sondern auch meinen eigenen Blick auf die Unterrichtsqualität und den Veränderungsbedarf der gegenwärtigen Lehrerbildung Praxis geschärft.
Wie konnte ich daran mitwirken, dass unsere Schule sich weiterentwickelt hat?
An der Nordstadtschule haben wir im Schulleitungsteam gemeinsam mit unserem engagierten Kollegium spürbare Akzente gesetzt. Als Konrektorin liegt mein Schwerpunkt auf der strategischen Schulentwicklung, der Termin- und Projektkoordination sowie der Öffentlichkeitsarbeit.
Schulentwicklung, Partizipation und Konfliktkultur
Ein Meilenstein war das von uns gehostete ZukunftsDay-Vernetzungstreffen im März 2026, bei dem rund 80 Lehrkräfte aus ganz Baden-Württemberg an unserer Schule zusammenkamen, um sich über zukunftsfähiges, zeitgemäßes Lernen im Setting von projektorientierten FreiDay-Formaten auszutauschen.
Im Primarbereich haben wir mit dem Projekt „Operation Öffnung“ einen Schulentwicklungsprozess hin zu einer besseren Passung unserer Lernumgebungen an die Kinder durch Diagnostik und Öffnung angestoßen, während wir auch in der Sekundarstufe adaptive Lernformate vertieft haben. Die Pilotgruppe in Jahrgang 5 hat die Weichen für die Weiterentwicklung der Gemeinschaftsschule gestellt und wichtige Impulse gesetzt. In fast allen Jahrgängen wurden Graduierungssysteme erprobt und implementiert.
Die Umsetzung des Startchancen-Programms hat uns einiges an Zeit und Energie gekostet, aber es ist uns gelungen, auch hier wichtige Entwicklungen anzustoßen. Um das Miteinander im Schulhaus nachhaltig zu stärken und uns im Umgang mit Konflikten zu professionalisieren, haben wir im Rahmen einer umfangreichen Fortbildungsreihe zum systemischen Konfliktmanagement (Symplex nach Jürgen Schmidt) einigen Kolleginnen und Kollegen eine Weiterqualifizierung ermöglicht. Es ist geplant, dieses System im kommenden Schuljahr nachhaltig und mit Ressourcen hinterlegt an unserer Schule zu implementieren.
Auch die Demokratie- und Beteiligungskultur lag uns am Herzen: Neben regelmäßig stattfindenden Schülervollversammlungen organisierte das SMV-Team unsere erste eigene Jugendkonferenz. Durch die Teilnahme von Oberbürgermeister Peter Boch und dem Jugendgemeinderatsvorsitzenden Leon Meyer konnten unsere Schülerinnen und Schüler ihre Anliegen direkt an die Stadtpolitik adressieren.
Darüber hinaus liefen auch all die anderen Projekte, die Schule ausmachen. Wir sind eine große Schule mit Primar- und Sekundarstufe. Es werden jedes Jahr Kinder in Jahrgang 1 und Jahrgang 5 und oft auch zwischendrin eingeschult. Jugendliche verlassen unsere Schule mit dem Haupt- oder dem Realschulabschluss oder sie können auch direkt eine gymnasiale Oberstufe besuchen. Es gibt Wahlpflicht- und Profilfächer und wir pflegen zahlreiche Kooperationen mit schulischen und außerschulischen Partner. Natürlich gibt es auch Informationstage, Klassenpflegschaften und zahlreiche Ereignisse in der Kommune, wo wir als Schulleitung präsent sind. Exemplarisch möchte ich hier nur den Neujahrsempfang der Stadt Pforzheim, das Pfälzerplatzfest und die Sozialraumkonferenz nennen. Es gab außerdem einen großen Tag der Berufsorientierung und zahlreiche Aktions- und Sporttage, Lerngänge, Ausflüge und Lerngruppenfahrten. Im Rahmen des Erasmus+ Projektes waren 12 Kolleginnen und Kollegen im Ausland unterwegs und wir haben eine Schülergruppe aus Ungarn an unserer Schule empfangen. Ohne ein engagiertes Kollegium wäre all das nicht möglich. Es ist für mich ein großes Glück, an einer Schule arbeiten zu dürfen, wo das der Fall ist.
Stärkung des künstlerisch-kulturellen Profils
Als studierte Kunstlehrerin ist es mir ein persönliches Anliegen, das künstlerisch-kulturelle Profil der Nordstadtschule zu schärfen und lebendig zu halten. Wir haben das Profilfach Bildende Kunst weiter ausgebaut und den Schülerinnen und Schülern Zugänge zu intensiven ästhetischen Erfahrungen ermöglicht.
Ein besonderes Highlight war unser zweieinhalbtägiger Aufenthalt an der Akademie Rotenfels gemeinsam mit Schülerinnen des Kunstprofils und der bildenden Künstlerin Elke Hennen, bei dem wir uns intensiv dem plastischen Arbeiten widmeten. Diese Form des vertieften, außerschulischen Lernens stärkt nicht nur das künstlerische Ausdrucksvermögen, sondern schafft auch Selbstbewusstsein und Zusammenhalt.
Den krönenden Abschluss des Schuljahres bildete die Präsentation der Werke beim Schulfest im Rahmen unserer Leitbild-Projektwoche zum Thema „In Frieden leben“. Dieses bunte und stimmungsvolle Schulfest zeigte eindrucksvoll, wie stark auch die kulturelle Bildung inzwischen unser Schulleben prägt.
Wofür setze ich mich ein?
Personalvertretung mit Schwerpunkt Arbeits- und Gesundheitsschutz und Schulleitung
Bedingungen im System Schule zu beeinflussen gelingt nur, wenn man sich einmischt. Im Hauptpersonalrat (HPR) vertrete ich die Stimmen der Kolleginnen und Kollegen auf Landesebene. Mein Fokus liegt dabei auf dem Arbeits- und Gesundheitsschutz, den spezifischen Bedarfen von Schulen in herausfordernder Lage (wie Startchancenschulen) sowie der verlässlichen, realistischen Rahmung von Leitungsaufgaben. Es ist eine interessante, manchmal auch mühsame Aufgabe. Die wenigsten wissen, wie sehr das Schulsystem und unser Berufsbild durch minutiös geregelte Verwaltungsstrukturen geregelt ist. Manchmal wirken Entscheidungen, die durch das Kultusministerium per Erlass an die Schulen herausgegeben werden, daher etwas „aus der Zeit gefallen“ und wenig innovativ. Wer in diesem System tätig sein will, muss in mancher Hinsicht seinen Frieden mit diesen schul- und beamtenrechtlichen Regularien schließen. Ich versuche, gemeinsam mit meinem Gremium im Kleinen an den beweglichen Stellschrauben des Systems zu drehen.
GEW Baden-Württemberg: Vorstandsbereich Allgemeine Bildung
In der Personalvertretung allein sind unsere Einflussmöglichkeiten begrenzt. Mein bildungspolitisches Engagement führe ich daher aktiv in der GEW Baden-Württemberg auf Landesebene fort, unter anderem im Vorstandsbereich Allgemeine Bildung im Team mit Carmen und Till. Im Schuljahr 2025/26 war ich auf zahlreichen Fachtagungen und Podien unterwegs – etwa bei einer Podiumsdiskussion der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur aktuellen Schulsituation oder als Vertretung bei der Verleihung des Landespreises Werkrealschule im Neuen Schloss Stuttgart. Ich nehme außerdem regelmäßig an den Sitzungen des geschäftsführenden Landesvorstandes teil. Auch den politischen Dialog scheue ich nicht: Auf den CDU-Landesparteitagen in Stuttgart und Heidelberg vertrat ich unsere Landesvorsitzende Monika Stein und konnte im direkten Gespräch mit den Delegierten bildungspolitische Themenfelder adressieren. Hin und wieder schreibe ich auch Beiträge für das Mitgliedermagazin der GEW Baden-Württemberg, etwa hier zur Datengestützten Schulentwicklung, hier zum Arbeits- und Gesundheitsschutz und der COPSOQ-Studie und hier zum Thema Bildungsbarometer.
Medial durfte ich einigen Anliegen ebenfalls Raum geben: Ein Kamerateam von ZDF frontal begleitete mich zum Thema „Haben Schulkinder an Kompetenzen beim Schuleintritt verloren?“ – ein schwieriges Thema, wie die nachfolgende Diskussion über manche Social-Media-Kanäle zeigte. Im Podcast Die Schule brennt mit Bob Blume zum Thema Gemeinschaftsschule setzte ich mich für mutige Reformen, systematische Entlastung und echte Chancengerechtigkeit im Bildungssystem ein. Im Podcast der GEW Baden-Württemberg Mund zu! Ohren auf! berichtete ich über Eindrücke von meinem ersten Erasmus-Aufenthalt in Finnland und Estland im Dezember 2024.
Qualitätsentwicklung und Begleitung: Das ZSL-Regionalteam Pädagogik
Neben der Personalrats- und Gewerkschaftsarbeit schlägt mein Herz für die konkrete Unterstützung von Lehrkräften in der schulischen Praxis. Als Vertreterin der ZSL-Regionalstelle Karlsruhe bringe ich mich im Landesteam Pädagogik ein und koordiniere vor Ort das Regionalteam Pädagogik.
Bei dieser Aufgabe geht es im Kern darum, Kolleginnen und Kollegen im Schulalltag gezielt dabei zu unterstützen, durch hohe Unterrichtsqualität pädagogisch wirksam zu werden sowie eigene Kompetenzen beim Umgang mit herausforderndem Schülerverhalten zu entwickeln und auszubauen. Wir bieten hierfür auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und orientiert am verbindlich eingeführten Referenzrahmen Schulqualität fundierte Beratung und praxisnahe Fortbildungen an – insbesondere bei der Gestaltung und Durchführung schulinterner pädagogischer Tage.
Für diese koordinative Schnittstellenaufgabe zwischen Land, Regionalstelle und den Schulen vor Ort steht mir nominell eine Deputatsstunde pro Schuljahr zur Verfügung. Dass der tatsächliche zeitliche Aufwand für Konzeption, Beratung, Organisation und Netzwerkarbeit über diese formale Anrechnung hinausgeht, ist kein Geheimnis. Dennoch ist mir diese Rolle wichtig: Sie ermöglicht es mir, gelingende pädagogische Impulse direkt in die Fläche zu tragen, Schulen vor Ort gestaltungswirksam zu begleiten und den Blick für das Wesentliche in den schulischen Lernumgebungen zu schärfen.
Inklusion aus eigener Betroffenheit: Offenheit, Mut machen und Sichtbarkeit
Ein ganz anderes Thema, das mir persönlich ganz besonders am Herzen liegt, ist der offene Umgang mit meiner eigenen Behinderung. Seit meiner Krebserkrankung im Jahr 2024 lebe ich ohne körpereigene Harnblase. Ich habe jedoch das große Glück, durch eine kontinente Harnableitung – den sogenannten Mainz-Pouch I – eine vergleichsweise hohe Lebensqualität genießen zu dürfen.
Bei dieser Operationsmethode wird aus körpereigenen Dünn- und Dickdarmsegmenten ein neues Urinreservoir (eine „Ersatzblase“) geformt, das in der Regel ein Fassungsvermögen von rund 300 bis 600 ml hat. Ein körpereigener Ventilmechanismus – oft, wie auch in meinem Fall, unter Nutzung des Wurmfortsatzes (Appendix) – sorgt dafür, dass die Ersatzblase vollkommen dicht ist und der Urin nicht unkontrolliert austritt. Die Entleerung erfolgt mehrmals täglich über ein winziges, nach außen hin praktisch unsichtbares Stoma im Bauchnabel, durch das ein Einmalkatheter eingeführt wird.
Dass ich heute wieder wandernd auf 2000 Metern Höhe stehen, Konzerte besuchen, intensiv arbeiten und das Leben in vollen Zügen genießen kann, verdanke ich dieser medizinischen Meisterleistung und den passenden Hilfsmitteln. Mir ist es wichtig, kein Geheimnis aus dieser Einschränkung zu machen. Sichtbarkeit schafft Enttabuisierung: Ich möchte anderen Betroffenen und Mutsuchenden zeigen, dass eine Schwerbehinderung oder ein Leben mit einem Stoma kein Hindernis für ein aktives, selbstbestimmtes, ausfüllendes und von Lebensfreude geprägtes Leben sein muss.
Was gibt mir Kraft?
Die Bewältigung all dieser Aufgaben und der Umgang mit meiner Behinderung gelingt nur durch nachhaltige Kraftquellen und klare Auszeiten. Seit meiner Krebserkrankung im Jahr 2024 ist mir umso bewusster: Das Leben ist endlich, und die Zeit für mich selbst, Familie, Kunst, Musik und Natur ist unverhandelbar.
Meine Familie ist mein festes Fundament. Die Freiheit, dass unsere vier Kinder erwachsen sind und auf eigenen Beinen stehen, eröffnet meinem Mann Dietmar und mir neue Räume. Besondere Glücksmomente waren unsere gemeinsamen Reisen und Ausflüge – ob die Fahrt im offenen Panoramawagen der Berninabahn von St. Moritz nach Tirano mit der ganzen Familie samt Oma oder bei anderen Bahnfahrten in der wunderschönen Postkartenschweiz. Hier haben wir zahllose beglückende Momente erlebt.
Die Natur gibt mir beim Wandern in den Alpen ihre Ruhe zurück: Bergtouren im Wallis, Entspannung in der Casa Fontana im Val d’Ossola, unser Hochzeitstag auf der Brunnihütte oberhalb von Engelberg oder der atemberaubende Blick auf den Aletschgletscher vom Eggishorn luden die Akkus wieder auf. Auch Kultur und Kunst bieten mir essenziellen Ausgleich: Museenreisen nach Wien zur Marina-Abramović-Retrospektive, nach Paris in den Louvre, nach London zu Chiharu Shiota, in die Tate Modern oder die National Gallery sowie nach Köln zu Yayoi Kusama erfüllen mich mit Glück und Inspiration. Ich bin unendlich dankbar, dass ich all diese Dinge erleben durfte.
Nicht zuletzt tragen mich die Musik und meine Netzwerke. Die intensiven Proben und die großen Chorkonzerte mit dem Oratorienchor Karlsruhe – insbesondere Elgars The Dream of Gerontius in der Christuskirche im Spätjahr 2025 – bedeuteten absolute Fokussierung und Seelenruhe. Singen macht mich glücklich und erdet mich vollkommen. Auch der Austausch mit Freundinnen und Freunden, das Netzwerken auf Barcamps wie dem Stadttcampen in Stuttgart oder Impulse beim Alumni-Treffen des Masterstudiengangs MUSE an der PH Freiburg zeigen mir täglich: Ich bin eingebunden in wunderbare Weggemeinschaften.
Mit dieser Fülle an Erfahrungen, Begegnungen und gewonnener Stärke verabschiede ich dieses Schuljahr – dankbar für das Gestaltungsglück des vergangenen Jahres und bereit für das, was kommt.
Nachbemerkung: Ein Blick auf die Zahlen – Engagement hat seinen Preis
Bei aller Freude am Gestalten und aller Dankbarkeit für das Erreichte möchte ich eine Realität nicht verschweigen: Dieses Engagement fordert seinen Tribut. Da ich meine Arbeitszeit erfasse, kann ich den Grund meiner sommerlichen Erschöpfung genau beziffern: Mit rund 300 Überstunden bin ich in diese Ferien gegangen.
Durch meine Schwerbehinderung steht mir eine Deputatsermäßigung zu – wie sich diese Entlastung jedoch in der Praxis mit einer Leitungsfunktion vereinbaren lassen soll, bleibt mir ein Rätsel. Selbst ohne diese Ermäßigung hätte ich in den vergangenen zwölf Monaten rund 90 Stunden zu viel gearbeitet.
Aus meiner Perspektive als Gewerkschafterin und Personalrätin ist es mir wichtig, diese Zahlen offenzulegen. Es darf keine Voraussetzung für eine Leitungsposition sein, regelmäßig die ohnehin hohe Wochenarbeitszeit von 41 Stunden deutlich zu überschreiten, um seinen Aufgaben gerecht zu werden. Mir geht es gut, aber ich habe mir fest vorgenommen, dieses Dilemma für mich im kommenden Schuljahr genauer zu hinterfragen und die Grenze zwischen beruflicher Hingabe und persönlicher Achtsamkeit noch bewusster zu ziehen.