Manchmal sind es die verpassten Gelegenheiten, die den Weg für die besten Erlebnisse ebnen. Eigentlich hatten meine Studienfreundin Miriam und ich im vergangenen Jahr einen ganz anderen Plan: Im schweizerischen Basel zog im Herbst 2025 eine ganz besondere Künstlerin die Besucher in ihren Bann: Yayoi Kusama. Dorthin wollten wir als studierte Kunstlehrerinnen im Geiste der „künstlerischen Bildung“ gemeinsam fahren. Als wir uns Ende 2025 jedoch um Tickets kümmern wollten, war es bereits zu spät – ausverkauft. Doch anstatt die gemeinsame Zeit abzusagen, disponierten wir kurzerhand um. Unser neues Ziel: Köln. Denn dorthin zog die Ausstellung im Mai 2026 weiter. So setzten wir uns am 27. Mai 2026 morgens in den ICE nach Köln und hofften auf eine geballte Ladung Kunst, ein bisschen rheinische Lebensart und endlich mal wieder etwas Zeit für uns.
Tag 1: Die Unendlichkeit der Punkte und Kölsche Lebensart
Die Hinfahrt mit der Bahn klappte wie am Schnürchen – in Zeiten von regelmäßigen Zugverspätungen fast schon ein Kunststück für sich. Kaum in Köln angekommen, deponierten wir unser Gepäck im Hotel und steuerten direkt unser Hauptziel an: das Museum Ludwig.
Yayoi Kusama im Museum Ludwig
Das direkt hinter dem Dom gelegene Museum Ludwig beherbergt eine der wichtigsten Sammlungen moderner Kunst in Europa (darunter die größte Pop-Art-Sammlung außerhalb der USA). Die heute über 90-jährige Japanerin Yayoi Kusama ist eine Ikone der zeitgenössischen Kunst. Ihre Markenzeichen, die Polka Dots (Punkte) und die immersiven Infinity Mirror Rooms, sind weltbekannt. Für Kusama sind die Punkte jedoch weit mehr als Dekoration: Sie entspringen Halluzinationen, die sie seit ihrer Kindheit begleiten. Indem sie ganze Räume, Objekte und Leinwände lückenlos mit Punkten überzieht, drückt sie das Konzept der „Selbstauslöschung“ (self-obliteration) aus – das Aufgehen des Individuums in der Unendlichkeit des Kosmos. In den verspiegelten Räumen des Museums Ludwig verliert man tatsächlich jeden Bezug zu Raum und Zeit. Ein faszinierendes Erlebnis, in das wir an diesem Mittag mit erfreulich wenig Andrang eintauchen durften.



































Abendstimmung am Rhein
Nach so viel visueller Intensität brauchten wir erst einmal etwas Erdung. Wir nutzten die verbliebenen Nachmittags- und Abendstunden für ein klassisches Köln-Programm:
- Der Kölner Dom: Eine kurze, ehrfürchtiger Gang durch das gewaltige, gotische Kirchenschiff im Abendlicht.
- Rheinpromenade: Ein ausgiebiger Spaziergang entlang des Flusses, um die Gedanken sortieren und alte Erinnerungen aus Studienzeiten aufleben zu lassen.
- Rievekooche mit Apfelmus an der vom Falstaff ausgezeichneten Rievekoochebud in der Salzgasse
- Ausklang im „Früh“: Was wäre ein Köln-Besuch ohne die traditionsreiche Brauhauskultur? Bei einem frisch gezapften Kölsch im Früh am Dom ließen wir den ersten Tag herrlich unkompliziert ausklingen.


















Tag 2: Angewandte Kunst, verborgene Schätze und Bahn-Chaos
Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der Entdeckungen abseits der ganz großen Touristenströme. Wir starteten im MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln.
Architektur-Ikonen und Designgeschichte
Der momentan wegen Renovierungsarbeiten leider eingerüstete markante Backsteinbau des MAKK wurde in den 1950er-Jahren von Rudolf Schwarz entworfen, einem der bedeutendsten Kirchenbaumeister der Moderne. Das Museum zeigt eine hochkarätige Sammlung von europäischem Kunsthandwerk vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert sowie exzellentes, zeitgenössisches Möbel- und Produktdesign. Hier stieß eine Freundin aus Miriams Aachener Zeiten zu uns.
Überraschenderweise stießen wir im Kölner Museum auf Karlsruher Bezüge: Die aktuelle Sonderausstellung widmete sich dem Werk von Oswald Mathias Ungers – dem Architekten, der unter anderem die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe entworfen hat. Hier hatten Miriam und ich beide zu Studienzeiten viele Stunden über dem Studium von Fachliteratur verbracht. Ungers streng geometrische, rationale Formensprache (oft basierend auf dem Quadrat) im Kontext der Ausstellungsarchitektur zu sehen, war sehr interessant und wir spürten auch hier die durch die rhythmische Gleichmäßigkeit vermittelte Ruhe, die uns die Badische Landesbibliothek zu Studienzeiten so schätzen ließ.


















Symbiose aus Alt und Neu im Kolumba
Unseren Museumsmarathon rundeten wir im Kolumba ab, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Das Gebäude selbst ist ein Meisterwerk des Schweizer Architekten Peter Zumthor. Er hat den Neubau direkt auf und in die Ruinen der im Zweiten Weltkrieg zerstörten spätgotischen Kirche St. Kolumba hineingebaut. Das Museum verbindet alte Denkmalsubstanz mit modernem, filigran gemauertem Backstein, durch dessen Fugen das Tageslicht wie Sterne in den Raum fällt. Drinnen erwartet einen eine einzigartige Symbiose aus alter sakraler Kunst und zeitgenössischen Werken, die völlig ohne erklärende Texttafeln auskommt – man muss die Kunst ganz intuitiv auf sich wirken lassen.



































Alternatives Ende (oder: Wenn die Bahn Pläne durchkreuzt)
So reibungslos die Hinfahrt verlief, so chaotisch gestaltete sich leider die Rückreise. Der Zugverkehr hatte mit massiven Problemen zu kämpfen. Unser ursprünglicher Plan, auf dem Heimweg noch einen Zwischenstopp in der Kunsthalle Mannheim einzulegen, um dort das nächste Kunst-Highlight mitzunehmen, löste sich angesichts von Verspätungen und Anschlussverlusten buchstäblich in Luft auf.
Am Ende kamen wir müde, aber voller Inspiration nach Hause. Basel hat nicht geklappt, Mannheim mussten wir streichen – aber die zwei Tage in Köln mit Miriam, Kusamas Punkten und der wunderbaren Museumsarchitektur waren jeden Kilometer und jede Bahnminute wert.










