Selbstbildung

Gedanken zu Bildung und Erziehung

Eigentlich müsste hier ein Beitrag über meine Rückkehr in die Schule@Schule zu Beginn dieser Woche und die Begegnung mit meinen Schüler*innen nach endlos erscheinender mehrwöchiger Schule@Home stehen. Gewachsen sind sie. Verändert haben sie sich. Am Montag waren sie teils still, teils laut, teils nachdenklich, teils verunsichert. Wir mussten uns erst wieder an das Zusammensein unter veränderten Bedingungen gewöhnen, neue Formen des Lernens finden und diese erneute Herausforderung für uns annehmen. Annehmen, dass man sich nicht umarmen darf, nicht freudig begrüßen, nicht in der gesamten Gruppe sein darf. Es ist alles anders und es ist auch schwer. Zum Glück muss man an solchen schweren Zeiten nicht zwangsläufig verzweifeln. Man kann auch daran wachsen. Nicht nur äußerlich, auch innerlich. Irgendjemand hat in meiner Studienzeit einmal gesagt: Bildung kann auch weh tun. Und trotzdem wächst man. Wird größer, weiser, wirksamer und mutiger. Vielleicht auch gerade deshalb. Gegen Ende der Woche hatten wir uns daran gewöhnt. Ans Abstand halten, an die Gruppe, ans Rücksicht nehmen aufeinander. Wir hatten wieder in die gemeinsame Arbeit hineingefunden.

Durch meinen intensiven Austausch über virtuelle Netzwerke (z.B. das #Twitterlehrerzimmer ) und meine Teilnahme am Hackathon #WirFuerSchule und am Barcamp #Digitalitaet20 habe ich in den letzten Wochen oft darüber nachgedacht, wie ich eigentlich zu der Haltung gekommen bin, die ich heute vertrete. Deshalb habe ich beschlossen, zwei Begriffe näher zu beleuchten, die mich seit meiner Studienzeit immer wieder beschäftigen:

Ich bin in meiner Zeit an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe eine eher ungewöhnliche Studentin gewesen, da ich diesen Weg erst gegangen bin, als ich schon vier Kinder hatte und mit den Institutionen, die sich mit Bildung und Erziehung von Kindern beschäftigen, bereits auf unterschiedliche Weise in Berührung gekommen war. Meine Kinder waren seinerzeit zwar noch recht klein, aber ihr Aufwachsen und ihre Entwicklung zu beobachten, hat in mir den Wunsch und die Überzeugung wachsen lassen, mehr über diese vielfach inflationär gebrauchten Begriffe Bildung und Erziehung wissen zu wollen, nicht nur theoretisch, auch, weil ich meine und andere Kinder gut in ihrem Großwerden begleiten wollte. Immer noch bin ich der Überzeugung, dass Theorie und Praxis sich hier viel mehr gegenseitig befruchten müssten, dass das, was man über das gute Aufwachsen von Kindern herausgefunden hat, in die Praxis der Schulen und der Familien Eingang finden müsste. Man muss doch nicht alle Fehler, von denen man durch intensive Forschung weiß, dass sie Fehler sind, immer wieder machen.

Einige Sätze, die mir aus meinem Studium in Erinnerung geblieben sind, und die mich seither in vielen Situationen meines Lehrerinnendaseins und auch des Mutterdaseins begleiten, möchte ich hier festhalten:

  1. Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen und bedarf der Bildung.
  2. Bildung ereignet sich nicht von selbst, sondern bedarf der erzieherischen Unterstützung.
  3. Ziel von Erziehung ist Mündigkeit – die mündige Teilnahme in sozialer Verantwortung an der gesellschaftlichen Gesamtpraxis.
  4. Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Der Mensch ist Subjekt, nicht Objekt, und gestaltet etwas aus sich selbst heraus in steter Wechselwirkung mit der Welt.

Zu 1. Dass der Mensch ein auf Gemeinschaft hin angelegtes Wesen ist, konnte man wohl noch nie deutlicher wahrnehmen als in dieser Zeit der erzwungenen sozialen Distanz. Man darf keine Gemeinschaft, zumindest nicht in körperlicher Nähe, pflegen und das fällt uns unendlich schwer. Uns, den reflektierten, vernünftigen und uns stets prüfenden Erwachsenen gelingt es schon kaum und erst recht den Jugendlichen, deren ganze Entwicklung auf Gemeinschaft hin zielt. Manchen ist es ist es in der Zeit der Kontaktverbote nicht gelungen, auf ihre Treffen in der Peergroup zu verzichten. Bei manchen sind deshalb Bußgeldbescheide an die Eltern im Briefkasten gelandet. Denn auf Gemeinschaft hin angelegt zu sein, bedeutet auch, Rücksicht zu nehmen, im Blick zu behalten, was für andere gut und wichtig ist, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen. Und so kommt es, dass das im Menschen angelegte Bedürfnis nach Gemeinschaft so reguliert werden muss, dass anderen in der Gemeinschaft lebenden Menschen nicht geschadet wird. Das geht nur durch eine vernünftige und bewusste Entscheidung, die am Ende wohl das Ergebnis eines längeren Bildungsprozesses ist.

So ergibt sich aus dem 1. der 2. Satz; Bildung bedarf der erzieherischen Unterstützung. Über das „Wie“ dieser Unterstützung wird wohl seit Jahrhunderten, in den letzten Jahrzehnten aber zunehmend, gestritten. Festzustellen ist, dass in einer Zeit, in der individuelle Selbstverwirklichung oberste Priorität hat und Kinder nicht selten hinter persönlichen Prioritäten das Nachsehen haben, kein gesellschaftlicher Konsens mehr über die Ziele von Erziehung herrscht. Natürlich möchte niemand zurück zu einer autoritären Erziehung, die im 19. Jahrhundert noch das Ziel hatte, Kinder zu folgsamen Soldaten heranzuziehen. Doch was dann? Die antiautoritäre Bewegung der 68er-Generation hat Erziehung zum Unwort werden lassen. Aus dieser Zeit stammen Begriffe wie Antipädagogik und es gibt nach wie vor eine große Community, die sich gegen jegliche Form von Erziehung ausspricht und sich selbst unerzogen nennt. Über Erziehung könnte man also ganze Bücher schreiben. In der Schule fällt immer wieder auf, dass manche Kinder sich mit der Rücksichtnahme auf andere sehr schwer tun, weil sie selbst in ihren Familien im Zentrum aller Bemühungen stehen und offene Kindergartenkonzepte die Selbstbestimmung über eine eben manchmal auch notwendige Anpassung an Gruppenregeln stellen. Lehrer*innen wissen: Ein Kind kann eine ganze Gruppe sprengen. In einer Schule, nicht nur aufgrund von Ressourcen lediglich ein gruppenbezogenes Bildungsangebot machen kann, sind wir darauf angewiesen, dass Kinder ein gewisses Maß an Gemeinschaftsfähigkeit mitbringen.

Denn, und hier kommt der 3. Satz ins Spiel: Erziehung ist kein Selbstzweck: Sie zielt auf den etwas altertümlichen Begriff der Mündigkeit ab. Immanuel Kant schrieb 1784 in seinem berühmten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude!‘ Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)

Junge Menschen sollen durch Erziehung in die Lage versetzt werden, ihr Leben in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung zu gestalten, indem sie für sich selbst sorgen und ihre eigene Meinung vertreten können. Dies soll stets unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Interessen als Korrektiv geschehen, denn Ziel Erziehung und von Schule ist am Ende auch Demokratiefähigkeit, um die Grundfesten unseres Zusammenlebens nicht in Frage stellen zu müssen.

4. ist für mich schlussendlich aber die wichtigste Erkenntnis des Studiums und hat sich durch Beobachtungen in der Praxis vielfach bestätigt: Bildung ist ein aktiver, lebenslanger Prozess. Man kann nicht „gebildet werden“. Es ist notwendig, selbst aktiv in diesen Prozess einzutreten. Jede(r) Lehrer*in kennt das: Wer nicht will, den kann man nur schwer zum Wollen bringen. Natürlich ist es unser tägliches Geschäft, zu motivieren und Überzeugungsarbeit zu leisten, dass dieses „Wollen“ für einen erfolgversprechenden Weg in die Zukunft unerlässlich ist. Man muss jedoch aufpassen, dass man die in der Schule zu vermittelnde Bildung nicht nur im Hinblick auf Abschlüsse denkt. Denn dann wäre es eher eine „Aus“ (im Sinne von „fertig“) Bildung, die auf ihr eigenes Ende hin ausgerichtet ist und junge Menschen eben nicht zu dem befähigt, was mit wahrer Bildung gemeint ist: Ihr Leben in die Hand zu nehmen, herauszufinden, welche Begabungen sie haben und mit diesem Schatz aus dem, was die eigenen Lebensumstände bieten, immer wieder das Beste zu machen. Nie aufzugeben, sich nicht entmutigen zu lassen und stets nach vorne zu schauen und neue Ziele in den Blick zu nehmen. Lebenslang.

So kommt es, dass im Grunde genommen wir als Lehrer*innen diese Haltung vorleben müssen. Wir müssen durch unser eigenes Handeln zeigen, dass auch wir stets bereit sind, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und an ihnen zu wachsen.

Welche Bedeutung diese Selbstbildung hat, ist wahrscheinlich kaum je so sichtbar geworden, wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Positiv wurde von jenen Lehrer*innen Notiz genommen, die nach den plötzlichen Schulschließungen das Heft selbst in die Hand genommen hatten und ihren, in diesem Fall meist digitalen, Bildungsprozess mutig verfolgten: Sie erstellten Homepages, eröffneten Twitter-Kanäle, drehten Lernvideos, arbeiteten sich in Videokonferenzsysteme ein, beschafften Hardware für ihre Schüler*innen, leisteten Stunde um Stunde Support via Telefon und Video, knüpften digitale Netzwerke zwischen Schüler*innen, damit die sich gegenseitig unterstützen konnten, sprachen Eltern Mut zu und halfen sich gegenseitig in ihren Teams, um dieser Krise die Stirn bieten zu können. Sie lebten vor, was Ziel von Erziehung sein muss: Mündigkeit. Angesichts der Tatsache, dass es von den Kultusbehörden keine Konzepte gab, nahmen sie ihren Auftrag weiterhin ernst und ihr Schicksal in die Hand, indem sie Lehrerselbstbildung anstelle von Lehrerbildung betrieben. Gut durch die Krise kamen auch jene Kinder und Jugendlichen, die über die Fähigkeit verfügten, dranzubleiben, (im Zweifel virtuellen) Kontakt zu suchen und für sich selbst ein Ziel formulieren konnten: Sie erfuhren oft auch Selbstwirksamkeit, indem sie anderen erklären konnten, was eine URL ist, wie man den Browser aktualisiert und wo man in Moodle wichtige Informationen findet.

Ich wünsche mir, dass wir diese Erkenntnisse ins Zentrum von Schule stellen, dass wir nie aus den Augen verlieren, worum es eigentlich geht: Junge Menschen ins Erwachsensein zu führen, indem wir sie handlungsfähig machen und ihnen zumuten und zutrauen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Begleitet.

Mit Dank an Prof. Dr. Rainer Bolle, der mich stets bestärkt hat, diese Haltung zu leben und Prof. Dr. Liselotte Denner, die mir gezeigt hat, dass es möglich ist, eine solche Haltung im Schulalltag umzusetzen.

Über das Spiel

Oder: Was „Kuchen backen“ und „Stadt-Land-Fluss“ mit Bildung zu tun haben

Diese Ferien sind anders. Für alle.
Für die, die es nicht wissen: Es ist normalerweise so, dass Lehrer*innen in den Ferien nicht einfach „frei“ haben, sondern sie arbeiten und wirken dann im häuslichen Umfeld weiter: Es sind Lernnachweise zu kontrollieren und korrigieren, neue Unterrichtseinheiten zu planen, Absprachen mit Kolleginnen zu treffen, Schulentwicklungsthemen zu durchdenken, Fachliteratur zu sichten und schließlich die Arbeitsorganisation im Griff zu behalten, zu ordnen, abzuheften, ein- und auszusortieren, um das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Vielfalt und Grenzenlosigkeit der Aufgaben, die unser Beruf neben der Tätigkeit in der Schule beinhaltet, ist Fluch und Segen zugleich. Wenn man den Beruf als Berufung begreift, läuft man Gefahr, sich selbst der Sache, so ehrenwert sie auch sei, zu opfern. Und gleichzeitig ist genau das auch das Faszinierende: Ich selbst bin mein eigenes Forschungssubjekt. Für mich ist Schule und Lernen viel mehr als das Planen von irgendwelchen bildungsplangerechten Unterrichtseinheiten. Ich frage mich immer, wie es innerhalb des gesetzten Rahmens gelingen kann, Neugier zu wecken, einen forschenden Geist zu entwickeln und damit echte Bildung zu ermöglichen, die ja immer vom Subjekt selbst ausgeht und eben nicht „gemacht“ werden kann.

Nun waren die letzten drei Wochen für viele Kolleg*innen eine große Herausforderung: Sollte das gewohnte System etwa einfach in den virtuellen, kontaktlosen Raum überführt werden? Oder müsste man Schule und Lernen vor dem Hintergrund einer noch nie dagewesenen Situation nicht ganz neu denken? Die Diskussionslage in den Medien hinsichtlich dieser Fragen ist durchaus kontrovers. Da geht es um Ab- und Anschlüsse, das Mitkommen und das Zurückgelassenwerden. Ich werde mich sicher in den nächsten Tagen auch noch intensiver mit der Frage auseinandersetzen, welche Schlüsse aus diesen drei Wochen zu ziehen sind, zunächst möchte ich aber erst einmal innehalten. Und spielen!

Nachdem absehbar war, dass die derzeit geltenden Kontaktverbote auch in den Osterferien nicht aufgehoben werden können, haben wir als Schule entschieden, unseren Schüler*innen, anders als sonst, auch in den Ferien ein niederschwelliges Kontaktangebot zu machen. Natürlich nur für die, die wollen. Und so konferieren wir nun jeden Vormittag um elf Uhr weiter. Es gibt allerdings keinen Unterricht. Wir haben uns dafür entschieden, zu spielen. Damit ist jedoch nicht nur das Spiel im herkömmlichen Sinn gemeint: Spielen bedeutet: Wir lassen die Dinge auf uns zukommen, wir experimentieren, tun, was wir tun wollen oder müssen, zum Beispiel Fenster putzen, Kuchen backen, das Bücherregal sortieren und dabei herumphilosophieren, von früher erzählen oder tatsächlich auch einmal ein Spiel spielen. Wir vertreiben uns die Zeit. Nur, dass wir das eben nicht allein tun, sondern gemeinsam mit Schüler*innen, die einfach dabeisein oder auch mitmachen können.

Ich bin ja davon überzeugt, dass die schöpferische Kraft, die in dieser Art des Spiels liegt, viel zu oft unterschätzt wird. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass wir in der Schule, sofern sie denn irgendwann wieder „normal“ stattfinden wird, dem Spiel mehr Raum geben sollten.

Also: Lasst uns spielen! Wer mag mitmachen?

Freiluft

Abendspaziergang am Ortsrand

Ich kann mich nicht erinnern, mir jemals so viele Gedanken um das Freisein gemacht zu haben wie in den letzten Tagen. Freitags, wenn die Woche zu Ende ist, sticht mir das „frei“ vor dem Tag besonders ins Auge. Es sticht mich buchstäblich, denn „frei“ sind wir ja alle im Moment nur in engen Grenzen. Grenzen, die uns daran hindern, uns frei zu bewegen. Augenscheinlich bin ich mit meinem Bedürfnis nach Befreiung in diesen Zeiten nicht allein. Denn wenn ich dann am Ende des Tages ins Freie strebe, die Freiluft suche und meistens den Weg nach oben antrete, um mich dem Himmel ein wenig näher zu fühlen, begegnen mit derzeit viele Menschen, die es mir gleichtun. Wir begrüßen uns freundlich, um dann in gebührendem Abstand aneinander vorbeizugehen, damit wir unsere Teilfreiheit nicht aufs Spiel zu setzen.

Einige meiner Schüler*innen fragen mich in diesen Tagen oft, manche sogar tagtäglich, wie lange das wohl noch dauern möge. Das Eingesperrtsein. So empfinden es manche. Denn sie dürfen nicht raus. Nicht so „raus“, wie sie es in diesem Alter gewohnt waren. Rausgehen heißt: Auf die Straße gehen, abhängen, Freunde treffen. „Kommst du nachher raus?“ Es klingt mir in den Ohren, wie sie sich das freitags an warmen Tagen oft fragten. Freitags, am Tag mit dem „frei“ im Namen, wenn der Nachmittag unterrichtsfrei ist und man die Freiheit und Zeitlosigkeit des Wochenendes noch vor sich sieht. Das ist das Freisein der Jugendlichen, die sich die Selbstständigkeit erobert und erkämpft haben, alleine rausgehen zu dürfen, ohne elterliche Kontrolle. Wann darf man das wieder?
Ich weiß es nicht. Das ist es, was ich ihnen sagen muss. Ich bin ehrlich, gerade in meiner Unsicherheit. Es ist ja nicht so, dass wir Lehrer*innen immer alles wüssten, auch wenn man uns das manchmal unterstellt. Ich hoffe aber, wir gewinnen in absehbarer Zeit das Freisein, welches uns immer so selbstverständlich erschien, dass es uns nie auffiel, stückweise zurück. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, dass wir alle in diesen Zeiten die Erfahrung machen müssen, am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn man unfrei und begrenzt ist. Nur, wenn man das Freisein kennt, weiß man auch, was zu verlieren und zu verteidigen ist.

Derzeit müssen wir uns leider mit dem Spazierengehen begnügen, um uns ein wenig frei zu fühlen. Wir gönnen uns diesen Freigang. Allein. Oder zu zweit.

Meine lieben Schüler*innen, falls ihr das hier lest: Geht doch wieder einmal spazieren. Allein oder zu zweit. Mit so viel Abstand, dass ihr die Freiluft zwischen euch spüren und die Enge eurer Wohnungen für eine Weile vergessen könnt. Ich weiß, es erscheint euch wahrscheinlich abwegig. Selbst wenn, probiert es einfach aus und achtet mal darauf, wie eure Gedanken in der frischen und freien Luft spazieren gehen und alle Grenzen sprengen. Erinnert ihr euch noch, wie wir als frische Sechstklässler die neuen Fünfer mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ begrüßt haben? In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, wirklich (schul-)freies Wochenende, mit einem zarten Geschmack von Freiheit.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

Volksweise (um 1815)

Die Erfahrung, etwas gut zu können

„Jeder Mensch braucht die Erfahrung, dass er etwas gut kann. Wer ohne diese Erfahrung leben muss, wird seelisch krank. Erwachsene, die dauerhaft vor Aufgaben gestellt werden, denen sie nicht gewachsen sind, drehen durch. Kinder, die so gut wie nie den Erwartungen ihrer Eltern und Lehrer genügen können, verkümmern. Erwachsene können und müssen davon ausgehen: Alle Kinder wünschen sich, Hervorragendes zu leisten, und – von einer Seite her in passender Weise herausgefordert – versuchen alle, ihr Bestes zu geben.“

Heide Bambach: Schwierigkeiten beim Lernen: Helfen Noten Kindern zur Leistung? In: Hans Brügelmann: Kinder lernen anders. Lengwil 1998. S. 213