Ein verlängertes Wochenende, ein Generalabonnement oder Bahntickets im Gepäck und die Aussicht auf spektakuläre Alpenkulissen – mehr brauchte es nicht für unser Pfingstwochenende (23. bis 25. Mai). Unser Ziel? Die legendäre Berninalinie und ein ganz besonderer Rückweg voller bahnhistorischer Highlights.
Anreise auf den Spuren des UNESCO-Welterbes: Von Chur hinauf nach Alp Grüm
Unsere Reise führte uns zunächst tief hinein nach Graubünden, hinauf auf 2.091 Meter über Meer. Schon die Anreise war ein bahnhistorisches Fest für sich, denn die Fahrt von Chur hinauf zu unserem alpinen Stützpunkt verbindet zwei der spektakulärsten Bahnstrecken der Welt: die Albulalinie und die Berninalinie. Nicht ohne Grund gehört dieses Kernnetz der Rhätischen Bahn seit 2008 zum UNESCO-Welterbe.
Kehrtunnellabyrinthe als Meisterwerke der Ingenieurskunst
Ab Chur geht es zunächst auf der Albulastrecke hinein in ein wahres Labyrinth aus Ingenieurskunst. Der Zug schraubt sich durch Kehrtunnel, Galerien und über schwindelerregende Viadukte nach oben. Das absolute Highlight hierbei ist die Überquerung des weltberühmten Landwasserviadukts – die gemauerten Pfeiler ragen 65 Meter in die Höhe, und der Zug fährt in einer eleganten Kurve direkt vom Viadukt in den senkrechten Fels des Tunnels ein.
Nach dem Albulatunnel öffnet sich das weite Hochtal des Engadins, bevor in Samedan und Pontresina der fließende Übergang auf die Berninalinie erfolgt. Hier ändert sich der Charakter der Fahrt komplett: Die Berninabahn ist die höchste transversale Alpenbahn ohne Zahnradantrieb. Sie bezwingt extreme Steigungen von bis zu 70 Promille allein durch Reibung.
Hinter dem Scheitelpunkt am Ospizio Bernina folgt schließlich der dramatische Kulissenwechsel: Der Zug verlässt das raue Hochgebirge und steuert auf die Alpensüdseite zu – und genau an dieser spektakulären Schnittstelle, wo die Gleise sich plötzlich in engen Kehren talwärts winden, liegt unser Ziel Alp Grüm.















Logieren am geschichtsträchtigen Gleis
Wir hatten uns für zwei Nächte im kleinen Hotel direkt am Bahnhof Alp Grüm eingemietet. Wer die Berninabahn kennt, weiß: Dieser Ort ist magisch. Das markante Bahnhofsgebäude aus rauem Naturstein wurde 1923 erbaut und versprüht bis heute den unverkennbaren Charme der alpinen Pionierzeit.



Abendliche Bergstille und ein Abstecher nach Italien
Wenn abends die Tagestouristen mit den letzten Zügen abfahren, bleibt nur noch die absolute Stille der Berge, das sanfte Rauschen des Windes und der majestätische Blick auf den Palügletscher.
Bevor wir uns jedoch ganz der Ruhe hingaben, nutzten wir den Samstag für einen spontanen Abstecher: Wir blieben einfach im Zug sitzen, rollten die spektakulären Kehren hinunter ins italienische Tirano und erledigten dort einen kleinen, feinen Einkauf im italienischen Supermarkt. Ein Hauch von Italianità als Auftakt!















Pfingstsonntag: Zwischen Gletschertöpfen und tiefem Schnee
Nach einem herrlichen, ausgiebigen Frühstück im Hotel, bei dem der Blick über das Puschlav (Val Poschiavo) schon Lust auf den Tag machte, schnürten wir die Wanderschuhe.
Von Alp Grüm nach Cavaglia: Die Kraft des Eises und des Wassers
Der Weg führte uns zunächst hinab, vorbei am tiefblauen Lago Palü. Über dem See thront der imposante Palügletscher. Seine Besonderheit liegt in seiner dramatischen Topographie: Er ist ein sogenannter Hanggletscher, der sich über steile Felsstufen hinabsenkt. Das Schmelzwasser, das hier im Frühling lautstark ins Tal schießt, ist die Lebensader einer technologischen Meisterleistung. Schon beim Bau der Berninabahn ab 1906 erkannten die Pioniere das Potenzial: Das Wasser des Lago Palü und des Lago Bianco wird im Kraftwerk Palü und dem tiefer gelegenen Kraftwerk Cavaglia zur Stromerzeugung aus Wasserkraft genutzt.
Tatsächlich war die Berninabahn von Anfang an als reine Elektrobahn konzipiert – ein absolutes Novum für eine so steile Gebirgsbahn zu Beginn des 20. Jahrhunderts! Die Wasserkraft aus den Gletschen machte die Bahn unabhängig von teurer Kohle und sorgt bis heute dafür, dass wir komplett CO₂-neutral durch diese Welterbe-Landschaft reisen können.



















Einblicke in die Urkraft: Der Gletschergarten Cavaglia
Unser Etappenziel war der Gletschergarten Cavaglia. Dieses Naturschauspiel ist tief beeindruckend. Die sogenannten „Töpfe der Riesen“, die der Palügletscher über Jahrtausende hinweg durch rotierende Steine und eiszeitliches Schmelzwasser glatt in den Fels geschliffen hat, zeigen die gewaltige Urkraft des Eises aus nächster Nähe. Einige dieser Töpfe sind mehrere Meter tief und wurden in jahrelanger Arbeit mühsam freigelegt.












Tour-Profil (Sonntag):
Alp Grüm ➔ Lago Palü ➔ Cavaglia (Wanderung)
Cavaglia ➔ Ospizio Bernina (Rhätische Bahn)
Ospizio Bernina ➔ Lago Bianco-Runde ➔ Alp Grüm (Wanderung)
Abenteuer am Lago Bianco: Stapfen durch den Bergfrühling
Zurück nach oben nahmen wir die Rhätische Bahn bis zum Bahnhof Ospizio Bernina, dem Dach der Linie auf 2.253 Metern. Auch hier begegnet man der Ingenieurskunst: Der Lago Bianco ist eigentlich ein künstlicher Stausee, dessen monumentale Staumauern (Scala und Arlas) das Wasser für die eben erwähnten Kraftwerke anstauen.
Unser Plan: Eine Teilumrundung des Sees am westlichen Ufer. Hier überraschte uns der späte Alpenfrühling: Die Wegstrecke entpuppte sich als durchaus beschwerlich, da wir kilometerweit durch tief verschneite Schneefelder stapfen mussten. Jeder Schritt kostete Kraft, aber die Kulisse entschädigte für alles.



























Entlang historischer Pfade zurück zur Alp Grüm
Nach der Seeumrundung wanderten wir schließlich zurück Richtung Alp Grüm. Der Weg führte vorbei an kunstvollen, historischen Trockenmauern, die seit Generationen die steilen Hänge sichern, und immer wieder öffnete sich das Panorama weit über das sonnenverwöhnte Puschlav. Ein anstrengender, aber unvergleichlich schöner Tag!






















Pfingstmontag: Heimreise mit Cabrio-Flair
Der Rückweg am Montag war alles andere als eine klassische Heimfahrt – wir machten daraus ein echtes Kontrastprogramm in Sachen Bahnerlebnisse.
Im offenen Wagen durch Graubünden
Schon auf dem ersten Teil der Strecke wartete eine Überraschung: Auf dem Abschnitt von Filisur nach Davos setzt die Rhätische Bahn Ende Mai bereits die legendären offenen Aussichtswägen ein. Die gelben Wagen, die ursprünglich teils aus alten Güterwagenfahrgestellen umgebaut wurden, versprühen pure Nostalgie. Den Fahrtwind im Gesicht und die Bergwelt ohne Fensterscheibe dazwischen zu erleben, ist Bahnromantik pur. Von Davos aus ging es dann via Landquart weiter an den Bodensee nach Rorschach.























Mit der Zahnradbahn über den Bodensee
In Rorschach stand das nächste Highlight auf dem Plan: Die dortige Zahnradbahn hinauf ins Biedermeierdorf Heiden setzt im Sommer ebenfalls offene Aussichtswägen ein. Bei der gemächlichen Fahrt bergauf genossen wir traumhafte Ausblicke über den spiegelnden Bodensee. Wieder unten angekommen, fuhren wir weiter nach Romanshorn, um mit der Bodensee-Fähre gemütlich nach Friedrichshafen überzusetzen.














Zum Schluss: Bus statt Schiene
Auf den letzten Kilometern wurde es dann noch einmal unerwartet sportlich: Weil die Bahnstrecke von Friedrichshafen nach Aulendorf derzeit saniert wird, mussten wir auf den (ziemlich überfüllten) Schienenersatzverkehr (SEV) ausweichen. Die Busfahrt quer durch die Landschaft zwischen Friedrichshafen, Ravensburg und Aulendorf war durchaus abenteuerlich. Ab Aulendorf lief dann aber alles wie am Schnürchen: Über Ulm und Stuttgart ging es reibungslos im Zug zurück nach Karlsruhe.
Fazit: Ein wunderschönes, erlebnisreiches Pfingstwochenende, das uns von tiefem Schnee, historischen Meilensteinen der Eisenbahngeschichte und rauer Bergwelt bis zum mediterran anmutenden Bodensee alles geboten hat. Die Schweiz zeigt eben immer wieder, dass der Weg oft das schönste Ziel ist!