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Susanne Posselt

Inselglück und Kulturperlen: Ein Wochenend-Roadtrip durch Baden-Württemberg

Es muss nicht immer die große Fernreise sein – unser schönes Bundesland hat viel zu bieten! Mitte April haben Dietmar und ich einen zweitägigen Roadtrip Richtung Bodensee unternommen.Unser Ziel war die geschichtsträchtige Insel Reichenau, wobei der Weg das halbe Abenteuer sein sollte. Unsere Route führte uns durch die faszinierende, von Gegensätzen geprägte Topographie Baden-Württembergs: vorbei an tiefen Tälern, schroffen Felsen, alten Festungen und badischen-württembergischer Genusskultur.
Ich nehme auch mit auf unsere Reise quer durch den geschichtsträchtigen Südwesten!

Samstag: Vom Schwarzwald durch das Donautal zur Welterbe-Insel

Genuss-Start in der Geroldsauer Mühle

Unsere Reise begann am Samstagmorgen mit der Fahrt in den Schwarzwald – dem größten Mittelgebirge Deutschlands, dessen Geologie im Norden vor allem durch markanten Buntsandstein geprägt ist. Unser erster, spontaner Stopp führte uns in die Geroldsauer Mühle bei Baden-Baden. Das imposante Gebäude gilt als das größte Weißtannen-Blockhaus Europas und ist ein echtes Schaufenster der Region. Hier haben wir uns mit regionalen Leckereien eingedeckt – der perfekte Proviant für den Tag.

Ein seltenes Schauspiel: Die leere Schwarzenbachtalsperre

Weiter ging es hinauf über die Kurven des Nordschwarzwalds zur Schwarzenbachtalsperre. Das 1926 fertiggestellte Mammutbauwerk ist das Herzstück des Rudolf-Fettweis-Werks und ein Pionierbau der regionalen Wasserkraftnutzung. Wir hatten dieses Ziel ausgewählt, weil sich dort zum Zeipunkt unseres Wochenendtrips ein außergewöhnliches und fast surreales Schauspiel bot: Die Talsperre war wegen Sanierungsarbeiten komplett leer! Wo sonst Millionen Kubikmeter Wasser schimmern, lag das tief eingeschnittene Becken trocken. Ein faszinierender Blick auf die freigelegte Staumauer und die Natur, die sich den Raum temporär zurückholt.

Kultur-Abstecher: Das malerische Haigerloch

Über kurvige Straßen verließen wir den Schwarzwald, passierten den tektonischen Einbruch des Rheingrabens und steuerten das malerische Haigerloch an. Die „Felsenstädtchen“-Idylle im Eyachtal ist nicht nur optisch ein Genuss, sondern auch historisch hochspannend: Hier befand sich im Zweiten Weltkrieg im Atomkeller-Museum unter der Schlosskirche das geheime Labor deutscher Wissenschaftler, die im Rahmen des „Uranprojekts“ versuchten, einen Kernreaktor zu bauen. Wir genossen an unserem Picknickplatz auf dem Aussichtsfelsen über dem Städtchen einfach die historische Kulisse, bevor es uns weiterzog.

Atemberaubende Blicke im Oberen Donautal

Das nächste landschaftliche Highlight ließ nicht lange auf sich warten: das Obere Donautal. Topographisch befinden wir uns hier im spektakulärsten Teil der Schwäbischen Alb. Die Donau hat sich hier tief in die hellen Jurakalke gegraben und senkrechte Felswände hinterlassen. Wir hielten für einen Spaziergang und wanderten hinauf zu einem der majestätischen Aussichtsfelsen. Der Blick von oben war spektakulär: Tief unten schlängelte sich der noch junge Fluss, und majestätisch thronte eine barocke Klosteranlage im Tal – ein Ort, an dem die Erdgeschichte lebendig wird.

Angekommen auf der Reichenau: Inselidylle und Wiege des Abendlandes

Am Nachmittag erreichten wir schließlich unser Hauptziel: die Insel Reichenau, seit dem Jahr 2000 UNESCO-Welterbe. Topographisch ist die Reichenau die größte Insel im Bodensee, entstanden durch eiszeitliche Rheingletscher-Ablagerungen. Durch die enorme Wassermasse des Sees herrscht hier ein fast mediterranes Mikroklima, das die Insel zum berühmten „Gemüsegarten“ der Region macht.
Auch in historisch Hinsicht ist die Reichenau bemerkenswert: Ihr berühmtes Benediktinerkloster wurde bereits 724 vom heiligen Pirmin gegründet. Im Frühmittelalter (9. bis 11. Jahrhundert) stieg die Abtei zu einem der einflussreichsten religiösen, politischen und wissenschaftlichen Zentren des Abendlandes auf. Kaiser und Könige gingen hier ein und aus, und die Reichenauer Malschule brachte weltberühmte, reich verzierte Prachthandschriften hervor.

Wir bezogen unser Zimmer im traditionsreichen Strandhotel Löchnerhaus, zu dem ich als GEW-Mitglied eine ganz besondere Verbindung habe. Das Haus blickt auf eine faszinierende, über 100-jährige Geschichte gelebter gewerkschaftlicher Solidarität zurück:

  • Ein Haus von Lehrkräften für Lehrkräfte: Ursprünglich 1908 als „Kurhaus Reichenau“ erbaut, stand das Hotel in den wirtschaftlich kargen 1920er-Jahren zum Verkauf. Im März 1925 erwarb es der Württembergische Lehrerverein (WLV) – einer der historischen Vorläufer unserer heutigen GEW Baden-Württemberg. Um den Kauf und den Ausbau des Ost- und Westflügels überhaupt stemmen zu können, brachten die damaligen Lehrkräfte ein beachtliches solidarisches Opfer: Rund 70 Prozent der Vereinsmitglieder beteiligten sich an einer Umlage und spendeten stolze 10 Prozent eines Monatsgehalts! So wurde aus dem Kurhaus ein erschwingliches Erholungsheim für Lehrerinnen, Lehrer und deren Familien.
  • Namenspatron Johannes Löchner: Seinen heutigen Namen erhielt das Haus in Gedenken an Johannes Löchner (1861–1923). Er war leidenschaftlicher Volks- und Mittelschullehrer, langjähriger Vorsitzender des WLV sowie Abgeordneter im württembergischen Landtag, der sich zeit seines Lebens unermüdlich für die Belange der Lehrerschaft eingesetzt hatte.
  • Ein juristischer Glücksfall nach dem Krieg: Während der NS-Zeit wurde der Lehrerverein zwangsliquidiert und das Haus dem NS-Lehrerbund übertragen. Nach 1945 beschlagnahmte die französische Besatzungsmacht das Hotel als vermeintliches NS-Vermögen. Doch es geschah ein kleines Wunder: Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen hatten die NS-Liquidatoren die Löschung des alten Lehrervereins damals nicht im Registergericht eintragen lassen. Dank dieses formalen Details konnte der WLV nach dem Krieg nachweisen, dass das Haus rechtmäßig der Lehrerschaft gehörte. Nach zähen Verhandlungen und auf Basis des Heimfallgesetzes erhielten die Pädagogen ihr geliebtes Löchnerhaus in den 1950er-Anfängen endlich wieder zurück.

Bis heute hat sich das Haus diesen ganz besonderen, nahbaren Charakter bewahrt. Mitglieder der GEW erhalten regelmäßig besondere Angebote in der Nebensaison und hier finden auch regelmäßig Klausurtagungen verschiedenster Unterorganisationen sowie attraktive gewerkschaftliche Bildungsangebote der GEW BW statt.

Um die Insel richtig zu erfassen, zog es uns nach dem Einchecken zuerst auf den Hochwart. Mit 438 Metern über dem Meeresspiegel ist dies die höchste Erhebung der Reichenau. Von hier oben hat man einen grandiosen Rundblick über die Gemüsefelder, die drei berühmten romanischen Kirchen und den glitzernden Untersee. Den Abend ließen wir nach einem köstlichen Abendessen im Hotel direkt am Bodenseestrand ausklingen. Und das Universum meinte es gut mit uns: Der Sonnenuntergang war schlichtweg magisch.

Sonntag: Festungsruinen und Erfindergeist

Zeitreise auf dem Hohentwiel

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Löchnerhaus hieß es am Sonntag wieder Abschied nehmen. Auf dem Rückweg steuerten wir zunächst den Hegau an, eine topographisch einzigartige Landschaft. Vor rund zehn Millionen Jahren war die Region von heftigem Vulkanismus geprägt. Die weicheren Gesteinsschichten wurden durch die Eiszeitgletscher abgetragen, zurück blieben die harten, markanten Basaltkegel – die Vulkane des Hegaus.
Auf dem imposantesten dieser Kegel thront die Festungsruine Hohentwiel. Mit einer Fläche von neun Hektar ist sie eine der größten Burgenanlagen Deutschlands. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 914, als sie als Residenz der Herzöge von Schwaben diente. Später wurde sie zur uneinnehmbaren württembergischen Landesfestung ausgebaut.
Ein echter historischer Fakt zum Staunen: Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Festung unter dem legendären Kommandanten Konrad Widerholt sage und schreibe fünfmal belagert – und kein einziges Mal eingenommen! Erst die Truppen Napoleons schleiften die stolze Anlage im Jahr 1801. Der Aufstieg über den Vulkanschlot belohnte uns mit einem weiten Blick, der an klaren Tagen von den sanften Hügeln bis zur Alpenkette reicht.

Schlechtwetter-Plan par excellence: Uhrenhistorie und Zeitreise in Schramberg

Auf der Weiterfahrt zurück über den Schwarzwald schlug das Wetter dann endgültig um. Doch davon ließen wir uns die Laune nicht verderben und bogen spontan nach Schramberg ab. Die Stadt liegt tief eingeschnitten in einem Talkessel des mittleren Schwarzwalds – eine topographische Besonderheit, die die Industrialisierung vor enorme Herausforderungen stellte, aber genau dadurch den weltberühmten Erfindergeist der Region beflügelte.
Schramberg ist untrennbar mit dem Namen Junghans verbunden. 1861 von Erhard Junghans gegründet, entwickelte sich das Unternehmen in den folgenden Jahrzehnten in rasantem Tempo. Um das Jahr 1903 herum war Junghans mit über 3.000 Beschäftigten und einer Produktion von mehr als drei Millionen Uhren pro Jahr sogar die größte Uhrenfabrik der Welt! Da die Fabrikhallen im engen Tal kaum Tageslicht boten, errichtete der Architekt Philipp Jakob Manz zwischen 1917 und 1918 den weltberühmten, denkmalgeschützten Junghans-Terrassenbau an den steilen Hängen – ein architektonisches Meisterwerk des Industriebaus, bei dem jeder Arbeitsplatz direkt an einem Fenster lag, um maximale Helligkeit für die filigrane Arbeit der Uhrmacher zu garantieren.
Was uns in den ErfinderZeiten (untergebracht in den Gebäuden der historischen Hamburg-Amerikanischen Uhrenfabrik) erwartete, war weit mehr als eine bloße Ausstellung – es war eine absolut mitreißende und eindrucksvolle Zeitreise durch die letzten 150 Jahre, die dort auf spektakuläre Weise lebendig gemacht wird. Das Museum ist so unglaublich sehenswert, weil es Technikgeschichte mit dem echten Alltag der Menschen verknüpft. Man wandert durch liebevoll rekonstruierte Werkstätten, historische Wohnzimmer, Dorfläden und originale Kulissen der Wirtschaftswunderzeit. Von den Anfängen der Schwarzwälder Uhrenproduktion über filigrane mechanische Meisterwerke bis hin zur Alltagsmobilität mit historischen Mopeds und Kleinwagen der Nachkriegszeit – man fühlt sich direkt in die jeweilige Epoche zurückversetzt.
Direkt nebenan im Eisenbahnmuseum schwelgten wir beim Anblick der detailverliebten Spur-1-Anlage weiter in Nostalgie. Ein perfekter, inspirierender Abschluss für ein rundum gelungenes Wochenende.


Mein Fazit: Baden-Württemberg verbindet eine dramatische geologische Vielfalt mit einer Jahrtausende alten Geschichte und unvergleichlichem Tüftlergeist. Man muss wahrlich nicht weit reisen, um Außergewöhnliches zu erleben.
Wann habt ihr das letzte Mal eure eigene Heimat erkundet? Welche geschichtsträchtigen Orte faszinieren euch besonders? Schreibt es mir unbedingt in die Kommentare!

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